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Zum Kleist-Jahr 2011
»Der Zeitgenosse«

Das Kleist-Jahr 2011 ist zu Ende gegangen: Zeit für ein kritisches Fazit. Modernität, Dichterkult und Einfühlung sind die Schlüsselbegriffe, die sich quer durch das Programm des Jubiläumsjahres zogen und uns Kleist als Zeitgenossen darstellen wollten. Ein tragfähiges Konzept?

Von Kevin Kempke

In der Videobotschaft von Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck zum Kleist-Jahr 2011 ist Erstaunliches zu hören: »Ich bin mir sicher«, verkündet Platzeck optimistisch, »wenn das Kleistjahr ausklingt, werden wir alle um vieles klüger sein.« Aber das ist noch nicht alles: »Wir werden den Genius Kleists besser verstanden haben«. Ganz im Sinne einer literarischen Hermeneutik also soll sich der Leser dem genial inspirierten Kleist gegenüber öffnen, um zu einem besseren Verständnis des Dichters zu gelangen. Der Bezug auf den Genius – dieses geheimnisumwitterte Schlagwort des schöpferischen Subjekts, das unwillkürlich Bilder von nächtlicher Inspiration, trunkenem Schaffensrausch und erhabenen Dichterkränzen evoziert – sorgt für die entsprechende normative Grundierung. Ungeachtet dieser Überhöhung des Autors, soll sich der Leser jedoch durchaus annähern dürfen. Um Kleists Texte geht es dabei aber bezeichnenderweise nicht. Die Fokussierung auf die Person Kleist ist Programm.

»Ein echter Vorfechter für die Nachwelt« (Adam Müller)

Durch welche Leistungen aber zeichnet sich Kleist aus? Was verleiht ihm den Rang eines der bedeutendsten deutschen Dichter des 19. Jahrhunderts? Warum soll man ihn überhaupt ehren? Fragen, die man sich stellen muss, angesichts eines beachtlichen Programms zum Kleist-Jahr, das von experimentellen Theaterprojekten über wissenschaftliche Tagungen und Zusammenkünfte bis hin zu öffentlichkeitswirksamen Projekten wie dem Neubau des Kleist-Museums in Frankfurt (Oder) und der Umgestaltung des Kleist-Grabes reicht. Eingebürgert hat sich in der öffentlichen Diskussion zur Bedeutung Kleists ein historisches Argument: Allenthalben wird auf die Vorreiterschaft Kleists und seine Rolle als »Wegbereiter für die Moderne« (so eine oft anzutreffende Formulierung) hingewiesen. Besonders bei Festrednern aus der Politik scheint diese Formel beliebt zu sein: So lassen sich z.B. sowohl Matthias Platzeck als auch Kulturstaatsminister Bernd Neumann entsprechend zitieren.

Zum Projekt

Anlässlich seines zweihundertsten Todestages hat die mediale Berichterstattung über Kleist Konjunktur. Wie ist das Bild beschaffen, das in den Medien von Kleist erzeugt wird? Mit welchen Mitteln wird daran gearbeitet den Autor in ein bestimmtes Licht zu rücken? Und welche Rolle spielt Visualisierung dabei? Mit diesen Fragen beschäftigte sich Kevin Kempke in einer drei Artikel umfassenden Reihe zum Kleist-Jahr 2011.

 
 
Diese Äußerung im ewigen Rauschen des Politik-Sprechs untergehen zu lassen, wäre allerdings vorschnell, erlaubt sie doch Einblick in die Konstruktion eines zeitgenössischen Kleist-Bildes. Der Grund für die Beliebtheit der Würdigung Kleists als »Vorläufer der Moderne« liegt auf der Hand: Sie ist literaturwissenschaftlich valide, trotzdem in ihrer Allgemeinheit leicht verständlich und liefert durch ihren Bezug auf die fortschrittliche Stellung Kleists in der Literaturgeschichte einen handfesten Grund, den Dichter zu ehren – schließlich ist Fortschrittlichkeit weithin positiv konnotiert. Untergründig spricht aus diesen Worten natürlich auch die Autorität der Nachwelt in Fragen der kulturellen Deutungsmacht, die mit dem souveränen Blick des Spätgeborenen die Kanonisierung Kleists weiter vorantreiben kann.

Und mehr noch: Wenn man Kleist als modern bezeichnet, dann sorgt das wiederum auch dafür, dass ein Bezug zu unserer heutigen Zeit entsteht. Dass bei dieser Einordnung die Moderne als Epochenbegriff mit der Bezeichnung für das schlechthin Jetzt-Vorhandene verwechselt wird, scheint dabei nicht so wichtig. Hauptsache, die Kommensurabilität von Kleists und unserer Gedankenwelt ist sichergestellt. Die Idee des »Zeitgenossen Kleist« zieht sich folgerichtig nahezu durch das gesamte Veranstaltungsprogramm des Kleist-Jahres. Der Besucher soll emotional eingebunden werden, um auf diesem Wege einen Zugang zu Kleist zu gewinnen. So z.B. in einer Doppelausstellung, die in Berlin und Frankfurt (Oder) zu sehen ist und sich von einer Ausstellung klassischen Zuschnitts durch die assoziativen Zwischenräume unterscheidet. Statt positivistischer Materialschau wird hier manches im Ungefähren belassen und zur Interpretation freigegeben, was freilich auch daran liegen mag, dass es wenig originale Kleist-Exponate zu zeigen gibt. Das Konzept der Doppel-Ausstellung ist stark durch Günter Blamberger geprägt, der die wissenschaftliche und kuratorische Leitung innehat. So überrascht es nicht, dass sich in der thematischen Ausrichtung deutliche Parallelen zu dem Kleist-Bild ergeben, das Blamberger in seiner neuen Biographie (siehe dazu die Litlog-Rezension »Der Projektemacher«) zeichnet. Kleist wird als sprunghafter und unruhiger Geist gezeichnet, der zwischen allen Stühlen steht und gerade deshalb so »modern« ist. Die Ausstellung erscheint dabei als Abbild des auf keiner Ebene so richtig zu fassenden Dichters.

Ein weiterer Versuch, Kleist auf emotionaler Basis zu fangen, stellt ein sogennater »Hörspiel-Parcours« dar, der am kleinen Wannsee, dem Schauplatz von Kleists Selbstmord, errichtet wurde. Mit Kopfhörern ausgestattet können Besucher hier beim Abgehen von Wannsee und Umgebung Kleists letzte Tagebucheinträge und Vernehmungsprotokolle von Zeugen des Selbstmordes anhören. Und für das junge Publikum gibt es die »Kleist-WG«, ein von Schülern und Studenten gestaltetes und unter der Schirmherrschaft von Klaas Heufer-Umlauf stehendes Museumsprojekt in Frankfurt (Oder), wo durch Installationen und Graffiti eine unbefangene und künstlerische Auseinandersetzung mit Kleist stattfindet.

(De-)konstruktion eines Kleist-Bildes

Sieht so zeitgemäße Literaturvermittlung aus? Vom Publikum werden die Veranstaltungen zum Kleist-Jahr jedenfalls gut angenommen, bis Jahresende sind alleine in den Ausstellungen 20.000 Besucher zu erwarten. Die Stilisierung Kleists zum Zeitgenossen und die Anbindung an derzeitige Erfahrungswelten erscheint freilich manchmal etwas gezwungen. Die Nähe Kleists zum Lebensgefühl unserer Zeit ist nicht von der Hand zu weisen, genausowenig allerdings auch die Distanz: Für Kleists Leben und Schreiben so wichtige Faktoren wie die Zwänge der adligen Herkunft, die traumatischen Erlebnisse als Kindersoldat sowie die Geschlechtsproblematik vor dem Hintergrund einer – im Vergleich zu heute – stark repressiven Sexualmoral gehören wohl kaum zum Erfahrungsschatz der meisten Rezipienten. Hier stößt eine einfühlende Annäherung zweifelsfrei an ihre Grenzen.

Die Art Kleist in diesem Jubiläumsjahr 2011 zu präsentieren, ist dessen ungeachtet in sich geschlossen. Die Tendenz, Kleists Leben an aktuelle Horizonte rückzubinden, führt dazu, Inkonsistenzen zu betonen – typisch (post)-modern. In reflektierter Betrachtung erfährt man dabei, anders als von Matthias Platzeck ausgerufen, allerdings mehr über seine eigene Rezeptionshaltung und den »Zeitgeist« als über Kleist selbst. Diesen Sprung werden die meisten wohl nicht mitmachen. Dabei ist es doch in Wirklichkeit nur ein kleiner Schritt von der Verehrung des Genius zu seiner Austreibung.

Auch lesenswert: Kevin Kempkes Eindrücke über die filmische Kleist-Darstellung.



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 Veröffentlicht am 28. November 2011
 Kategorie: Misc.
 Abschiedsbrief Kleists von 1811. Via Wikimedia Commons.
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