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Campus, in Sirup konserviert

Javier Marías wirft in seinem Roman Alle Seelen einen humorvollen Blick auf den Uni-Alltag der Stadt Oxford. Dabei beschreibt er mit ungewöhnlichen Bildern kleinste Details im Verhalten der Figuren und lässt sie den Lesenden so deutlich vor Augen treten, in all ihren Eigenheiten und Merkwürdigkeiten.

Von Lisa Kunze

Autor Javier Marías lebte selbst zwei Jahre lang in Oxford und lehrte dort an der Universität als Gastdozent für spanische Literatur – ebenso wie der namenlose Ich-Erzähler seines Romans Alle Seelen (durchgehend nur »unser lieber Spanier« genannt). Für den Protagonisten ist die Universitätsstadt Oxford ein Ort jenseits von realer Welt und Zeit. Er hat anscheinend nicht viel zu tun und verwendet die meiste Zeit auf das Beobachten der Menschen, das Stöbern nach seltenen Büchern in Antiquariaten und auf eine Affäre mit einer verheirateten Kollegin. Die Universität scheint durch seine Augen wie ein kurioser Ort des Nichtstuns – das begehrteste Wissen, das es hier zu erwerben gibt, ist das um Gerüchte und Tratsch, mit denen wie mit kostbaren Waren gehandelt wird. Auch mit der Bildung, die in Seminaren und Vorlesungen vermittelt wird, ist es nicht weit her – weder Dozierende noch Studierende nehmen Notiz davon, dass der Protagonist ihnen selbsterfundene, fantastische Etymologien spanischer Vokabeln auftischt. Dozent wird nur, wer mit dem Leben nicht zurechtkommt, stellt einer seiner Kollegen fest, und unterbeschäftigt ist man hier ebenfalls: In den Pausen sitzt der Erzähler mit den anderen HochschullehrerInnen im Professorenzimmer und bemerkt, dass alle, ihn selbst eingeschlossen, »herumfaulenz[en] und [tun], als würden wir mit Hilfe einiger Tassen kachektischen Kaffees oder des einen oder anderen nachlässigen oder hasserfüllten Blicks in den gelehrten Inhalt unserer Aktentaschen an der Vorbereitung unserer jeweiligen Unterrichtsstunden feilen.« Dem Leben an der Universität verleiht der Protagonist einen sarkastischen Anstrich, auf die KollegInnen und auf sich selbst blickt er mit Ironie:

Wie schon gesagt, waren meine Verpflichtungen in der Stadt Oxford minimal, was mir oft das Gefühl gab, eine dekorative Figur zu sein. Da ich mir jedoch bewusst war, dass meine bloße Anwesenheit schwerlich etwas dekorieren konnte, hielt ich es für angebracht, mir bisweilen den schwarzen Talar anzuziehen […], hauptsächlich, um die zahlreichen Touristen zufriedenzustellen, […] und in zweiter Linie, um mich verkleidet zu fühlen und etwas mehr gerechtfertigt in meiner Eigenschaft als Verzierung.

Buch


Javier Marías
Alle Seelen
FISCHER Taschenbuch 2012
288 Seiten, 9,99€

 
 

Komik im Kleinen

Immer wieder hält der »liebe Spanier« im Bericht der Ereignisse inne, um einer einzelnen Figur Raum zu geben, die er aus dem Durcheinander der Stadt herausfiltert und in den Fokus stellt. Da ist beispielsweise Will, der Pförtner des Instituts, der nie das tatsächliche Datum kennt, sondern jeden Tag in einem anderen Jahr seines langen Lebens verbringt, in der festen Überzeugung, es sei beispielsweise 1928 oder 1964; so muss er den Todestag seiner Frau mehrmals durchleben. Da ist das Ehepaar Alabaster, das ein Antiquariat führt, und deren hauptsächliche Beschäftigung darin besteht, auf den Monitor zu blicken, der das kaum besuchte Untergeschoss des Ladens überwacht. Dass auf dem Bildschirm nie etwas Relevantes zu sehen ist, bringt den Erzähler dazu, sich im Untergeschoss immer besonders auffällig zu verhalten:

Ich versuchte, meine Bewegungen anmutig zu gestalten, mich rasch und unlogisch durch das Untergeschoss zu bewegen, […] mit den Absätzen zu stampfen, um Ungeduld oder Zweifel vorzuspiegeln, zu husten, zu seufzen, zu murmeln, Ausrufe auf Spanisch auszustoßen und ihnen die größtmögliche Vielfalt bei dem kurzen Schauspiel zu bieten.

Auffällig sind auch die Beschreibungen eines hinkenden Mannes mit einer »hinkenden Sprechweise«, der immer mit einem dreibeinigen Terrier unterwegs ist, und den Protagonisten von einem Antiquariat ins nächste verfolgt.
Der Erzähler sammelt Menschen und auch er selbst (der von sich behauptet, dass man ihn nicht ernstnehmen könne) gehört zu diesem Sammelsurium von Merkwürdigkeiten. So kann er sich beispielsweise für eine ganze Weile in Betrachtungen zu Abfalleimern vertiefen:

Wenn man allein ist, wenn man allein lebt und noch dazu im Ausland, dann achtet man übermäßig auf den Abfalleimer, denn er kann das Einzige sein, mit dem man eine konstante Beziehung oder, mehr noch, eine kontinuierliche Beziehung unterhält.

An anderer Stelle beschreibt er die Assoziationen, die Schuhe in ihm auslösen:

Der Anblick leerer Schuhe bringt mich dazu, mir die Person darin vorzustellen, die sie getragen hat oder sie tragen könnte, und diese Person tatsächlich an meiner Seite zu sehen – außerhalb der Schuhe – oder sie überhaupt nicht zu sehen, erfüllt mich mit schrecklichem Unbehagen (deshalb ruft die Betrachtung der Auslage eines herkömmlichen Schuhgeschäfts in mir automatisch das Bild einer unbeweglichen, steifen und zusammengedrängten Menschenmenge hervor).

Auf diese Weise kippt die Komik immer wieder ins Melancholische, wenn der Protagonist mit dem Alleinsein und der Ereignislosigkeit des Alltags nicht mehr zurechtkommt, vor allem an den »aus der Unendlichkeit verbannten Sonntagen«. Möglich, dass er sich mit dem Beobachten der anderen Menschen und dem Sammeln ironischer Nuancen nur von der Monotonie seines Lebens in Oxford ablenken will.

Die Merkwürdigkeit des Details

Die Erzählweise des Buches zeichnet sich durch Detailreichtum, poetische Darstellungen des Alltäglichen und sich wiederholende Analogien aus, die zur Einprägsamkeit führen. So bezeichnet der Protagonist Oxford mehrmals als eine »in Sirup konservierte« Stadt oder seine eigene Wohnung als »pyramidenförmig«. Ein Mann stützt sich auf seine Manteltaschen, um aufzustehen, und ein anderer stützt »sein mit knapper Not bewahrtes vornehmes Flair auf einen Stock«. Einige Figuren bekommen Beinamen, wie »the Ripper«, »die treibende Kraft Estévez« oder »das Kind Eric«.
Darüber hinaus aber passiert inhaltlich sehr wenig, ebenso wie in der Stadt Oxford nichts geschieht, aber trotzdem ist es für keinen Moment langweilig – denn die Freude an den beschriebenen Skurrilitäten überträgt sich unweigerlich auf die Lesenden. Und wenn der Erzähler eine Betrachtung über »kontinentale und insuläre Blicke« beginnt, die, sich über zehn Seiten streckend, bei einem Abendessen mit den KollegInnen in einem wahren Blickgewitter mündet (beschrieben wird ein Gewirr von sich überkreuzenden Blicken: amüsierte, begierige, entlarvende, tödliche), dann spätestens ist der Punkt erreicht, an dem LeserInnen sich dabei ertappen, sich ganz im Sog der Worte zu verlieren. Marías gelingt es auf diese Weise zu fesseln und den größten Beitrag dazu leistet der zwischen Ironie und Melancholie schwankende Protagonist, unser lieber Spanier.



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 Autor:
 Veröffentlicht am 7. August 2017
 Kategorie: Belletristik
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