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Das schwere Gewicht der Utopie

In ihrem Roman »Bodentiefe Fenster« will Anke Stelling eine Gesellschaftsdiagnose stellen und liefert leider doch nur Klischees und Karikaturen.

Von Telse Wenzel

Eine derart schlecht gelaunte Erzählerin wie die aus Anke Stellings aktuellem Roman trifft man in der deutschen Gegenwartsliteratur wohl selten an. Und das ist ja erst mal etwas Gutes, dieses Buch will es den Leser_innen nicht leicht machen.
Wie aus einer Flasche, die man geschüttelt hat, sprudelt es jetzt, wo der Deckel gehoben wird, heraus: die Frustration, Enttäuschung und vor allem die Wut von einer, die zu lange alles weggeschoben hat. Worum geht es? Es geht um Sandra, Jahrgang ’71, die mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in einem linksalternativen Wohnprojekt in Berlin-Prenzlauer Berg lebt. Generationsübergreifend wohnt man hier auf sechs Etagen zusammen, hält Plena ab, ist solidarisch, baut Baumhäuser, erzieht die Kinder antiautoritär.

Aber von Tag zu Tag, von Seite zu Seite wird Sandras Burn-out offensichtlicher. Denn ja, nicht nur das Muttersein kann ihn hervorrufen; das haben wir schon oft gelesen. Anstrengend ist auch ein Leben, das unter dem permanenten Druck stattfindet, alles irgendwie besser machen zu müssen als die bürgerliche Mitte. Dem großen gesellschaftlichen Gegenentwurf ein Stück näher zu kommen und ihn, wenn das schon nicht im Großen möglich ist, so doch wenigstens in der eigenen Bezugsgruppe zu realisieren – diesen Auftrag, man könnte auch sagen: dieses schwere Erbe, haben Sandra und ihre Mitbewohner_innen von der Elterngeneration mit auf den Weg bekommen. Das schwere Gewicht der Utopie eben.

Nur hat ihnen niemand gesagt, wie die funktionieren kann. Und die Eltern haben sich mittlerweile davongemacht, sind entweder nicht mehr am Leben oder als Senior_innen nicht mehr wirklich ansprechbar für die großen Themen. Sandras Frage »Wie kannst du mir das alles in den Kopf setzen und dich dann schön in die Pensionierung und auf dein Lebenswerk zurückziehen?«, gerichtet an den Theatermacher Volker Ludwig, den »Held[en] ihrer Kindheit«, verpufft ungehört in der Luft.
Dass es autobiografische Bezüge zwischen der Hauptfigur und ihrer Autorin gibt, darf man wohl vermuten; auch Stelling ist ’71 geboren, lebt mit drei Kindern und ihrem Mann in einem Berliner Hausprojekt. Schreiben als Selbsttherapie also? Vielleicht.

Buch


Anke Stelling
Bodentiefe Fenster
Verbrecher Verlag Berlin 2015
256 Seiten, 19,00€

 
 

Aber im Roman wird der Burn-out auch zum Symptom eines kaputten linken Gesellschaftssystems erklärt. Und da wird es dann problematisch. Denn der Text will die Gesellschaftsdiagnose für eine bestimmte alternative Szene Berlins stellen, gibt sich das Motto: »man soll kranke Systeme nicht stützen«, liefert aber, wo er bissig und hart und reformerisch sein will, doch nur Klischees und Karikaturen. Die von Sandras Schwester beispielsweise, die mit ihrer zweieinhalbjährigen Tochter auf Augenhöhe sprechen will: »Also, ich an deiner Stelle würde hier die Schuhe jetzt doch lieber mal anziehen, was meinst du, Süße?« Ja, solche Mütter mag es geben. Aber das Porträt, das Stelling liefert, ist leider flach, und der Blick oft einfach nur fies.

In einem Interview hat die Autorin einmal beklagt, dass sie für ihr Buch, das es 2015 auf die Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte, auch »Beifall von der falschen Seite«1 bekommen habe – »nach dem Motto: ‚Endlich haut mal einer auf die blöden linksliberalen Richtig-Mach-Mütter ein!’«2 Überraschend daran ist aber nur – Stellings Überraschung.
Denn ihre Hauptfigur, die ihre Mitstreiter_innen nicht verraten will und darum fast völlig stumm bleibt, hat innerlich die Seiten eben doch schon gewechselt. Und für die Leser_innen, die alleingelassen werden mit Sandras Perspektive, bedeutet das: alleingelassen zu werden mit einer ungefilterten, permanenten inneren Stichelei gegen die Peergroup, einem von Aggression getriebenen Beobachtungsfanatismus. Ich sagte es schon: Gute Literatur kann, soll vielleicht sogar, herausfordern. Nur fragt man sich bei Stellings neuem Roman am Ende schon, warum man diese Mühe eigentlich auf sich genommen hat. Denn eine neue Sicht auf mögliche Probleme linker Szenen der Gegenwart hat das Buch eben doch nicht parat. Schade!

  1. http://www.litaffin.de/im-gespraech-mit-anke-stelling
  2. Ebd.


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 Autor:
 Veröffentlicht am 28. November 2016
 Kategorie: Belletristik
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