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Du hast die Wahl

Hautnah lautet der Titel des aktuellen ThOP-Stücks. Und hautnah ist auch die Inszenierung, die uns unter der Regie von Thomas Löding präsentiert wird. Ein Theaterabend mit großen Gefühlen und noch größeren Fragen – nach der Liebe und dem Leben…

Von Melina Jander

Was bedeutet es eigentlich, sich zu verlieben? Oder verliebt zu sein? Sind es diese tiefen Gefühle, die einen dazu bewegen, von »Liebe« zu sprechen? Oder ist es vielleicht doch eher Berechnung, der Gedanke, der andere passe in puncto Vermögen, Aussehen und Alter besonders gut zu einem? Für Alice, so viel steht fest, sind all diese Kriterien zweitrangig. Denn ihrer Meinung nach ist es auch in der Liebe nicht anders als im Leben überhaupt, und das bedeutet konkret: Man hat die Wahl. Man kann sich entscheiden, und das ganz bewusst. Ob das zwingend etwas mit großen Gefühlen zu tun hat, kann Alice gar nicht so genau sagen. Eigentlich ist das auch gleichgültig, schließlich hat sie mit Dan den Mann gewählt, der sie von dem L-Wort sprechen lässt – bezeichnend ist nur, dass mit dem einen L, der Liebe, auch das andere L, des Leidens, eng verwoben ist.

»Ein Unfall, ein paar Fotos und ein Chatroom: Verlieben leicht gemacht«

An einem Januarmorgen im London der frühen 1990er Jahre begegnen sich Alice und Dan. Alice, eine Gelegenheitsstripperin, wird von Dan ins Krankenhaus begleitet, nachdem sie einen leichten Unfall hatte. Dan kommt aber nicht mit, weil er der behandelnde Arzt ist (das ist nämlich Larry, wie sich später herausstellen wird), sondern weil er Zeuge des Unfalls war, in den Alice wohl aus Unachtsamkeit verwickelt worden ist. Und so sitzen Alice und Dan in der Notaufnahme und warten auf den zuständigen Arzt. Nach etlichen Minuten erscheint dieser tatsächlich, nur um nach einem kurzen Blick auf Alices Bein festzustellen, dass es nichts Gravierendes ist. Alice überredet Dan, seinen Nachmittag mit ihr zu verbringen, sich bei der Arbeit – er ist Nachrufschreiber (mit schriftstellerischen Ambitionen) – also krank zu melden, was kurzerhand in die Tat umgesetzt wird.

Dies ist die erste Szene in Patrick Marbers Stück Hautnah, das für das ThOP unter der Regie von Thomas Löding derzeit im [d.o.t.s.] zu sehen ist. Eine erste Szene, die schon fast ein wenig verwirrend wirkt, obwohl auf den ersten Blick alles glasklar anmutet: Ein hübsches junges Mädchen verliebt sich nach einem Unfall Hals über Kopf in ihren heldenhaften Retter, der die Gefühle zu erwidern scheint. Man könnte meinen, man werde Zeuge einer wahren Liebe. Dass sich das Ganze im Verlauf des Stückes noch deutlich wandeln wird, schimmert bereits auf und lässt sich spätestens beim Auftreten der vierten Person, Anna, mit Bestimmtheit sagen.

Das Stück

Regie: Thomas Löding
Regieassistenz: Merle Quast, Beeke Doßenbach
Premiere: 16. September 2015
Weitere Termine: 29.09. | 30.09. | 03.10.
Es spielen: Lena Aust, Jörg Bauer, Anja Marszalek, Luke SlagerSpielort: [d.o.t.s] im Börnerviertel

 

Theater im OP

Das Theater im OP (ThOP) ist das Universitätstheater der Georg-August-Universität Göttingen, gegründet 1984 von der dramaturgischen Abteilung des Seminars für Deutsche Philologie. Seine Aufgabe ist die Vermittlung theaterpraktischer Kompetenzen. Gespielt wird normalerweise in einem ehemaligen Schauoperationssaal einer alten chirurgischen Klinik. Die Zuschauer sitzen zu drei Seiten auf Tribünen, das Schauspiel findet in der Saalmitte statt. Nach einem Dachschaden durch ein Sommergewitter im Jahr 2014 wurden Schäden an der Bausubstanz festgestellt, die Sanierungsarbeiten nötig machen. Deswegen finden die nächsten Produktionen an unterschiedlichen Spielstätten statt, u.a. in der Aula am Waldweg im [d.o.t.s.] und im Deutschen Theater. Mehr hier.
 
 
Anna und Dan lernen sich in deren Fotostudio kennen, als Dan professionelle Bilder von sich machen lassen will. Er hat ein Buch geschrieben, für das er sich von Alices interessanter Biografie hat inspirieren lassen, oder, um es mit Annas Worten zu sagen, für das er Alices »Leben geklaut hat«. Für die Werbekampagne seines – wie wir später erfahren werden, erfolglosen – Buches braucht Dan schöne Porträtaufnahmen. Er ist vom ersten Augenblick an in Anna vernarrt und versucht, sie zu verführen. Alice taucht auf und will, dass Anna auch Aufnahmen von ihr macht. Anna gibt sich professionell, fotografiert Alice und stellt ihr Bild später sogar in ihrer Ausstellung aus. »Junge Frau, London« nennt Anna das Bild von Alice. Doch bevor Anna ihre Ausstellung überhaupt eröffnet, erscheint eine weitere Figur auf der Bildfläche: der Unfallarzt Larry.

Luke Slager als Nachrufschreiber Dan und Lena Aust als Stripperin Alice

Dieser ist etwas verzweifelt, zumindest in sexueller Hinsicht, weshalb er in einem anonymen Chatroom nach Befriedigung sucht. Und dort chattet Larry mit Anna. Nein, nicht mit DER Anna, sondern mit Dan, der sich als Anna ausgibt. Nach einem heftigen virtuellen Petting verabreden die beiden sich im Aquarium des Londoner Zoos. Meint: Dan verabredet Larry mit Anna dort, welche zum Fotografieren häufiger mal an diesen Ort kommt. Ob das Ganze eine ausgeklügelte Liebesfalle ist oder pure Missgunst Dans, sei an dieser Stelle einmal dahin gestellt. Jedenfalls treffen Larry und Anna aufeinander. Natürlich wird dieses Zusammentreffen (anfänglich) denkbar unangenehm, geht Larry nach dem virtuellen Vorspiel doch von falschen Tatsachen aus – und schafft es am Ende mit seiner ungewollt charmanten Art dennoch, Anna für sich zu gewinnen.

»Eigentlich könnte es so einfach sein«

Ein paar Jahre später haben wir zwei glückliche Paare, die – inzwischen Mitte der 1990er in London – leben, lieben und leiden. Denn auf der Vernissage von Annas Ausstellung treffen Larry und Alice ein zweites Mal aufeinander. Alice, die »Junge Frau, London«, fasziniert Larry zwar, doch diese steht zu ihrem Dan. Dieser hat allerdings noch immer großes Interesse an Anna, weshalb er ein Verhältnis mit ihr beginnt. Es kommt, wie es kommen muss: Dan gesteht Alice seine Affäre zu Anna und Alice verlässt Dan. Anna beichtet Larry, dass sie mit Dan schläft, woraufhin Larry – »Höhlenmensch«, der er eigener Aussage nach nun einmal ist – ausrastet und Anna aus der gemeinsamen Wohnung wirft. Doch Larry kommt mit der Trennung nicht zurecht. Er leidet, fühlt sich allein und flüchtet sich in Nachtclubs, um Anna zu vergessen. Dort begegnet er Alice, die wieder als Stripperin arbeitet.

Es kristallisiert sich heraus, dass die beiden immerhin ausreichend körperliches Verlangen füreinander empfinden, um ein paar Monate gemeinsam zu verbringen. Doch Alice möchte nach wie vor Dan zurückgewinnen. Sie streitet sich mit Anna, wirft ihr vor, selbstsüchtig gehandelt zu haben und Dan nicht so zu lieben, wie sie selbst es tut. »Ich habe ihn gewählt«, sagt Alice zu Anna. »Ich guckte in seine Aktentasche, und ich fand dieses… Sandwich… und ich dachte, diesem blöden, langweiligen, bezaubernden Mann, der sich die Brotkrusten abschneidet, will ich all meine Liebe schenken. Ich habe mich nicht verliebt, ich habe mich entschieden.«

Ob berechenbar oder sinnlich: Das Ensemble überzeugt durch schauspielerische Höchstleistung

Und genau diese Aussage ist programmatisch für Alices Lebensstil. Beständig geht es bei ihr um Entscheidungen, nicht nur in Liebessachen. Denn wie sich zum Schluss des Stückes herausstellt, hat Alice in noch viel schwerwiegenderen Lebenslagen wichtige Entscheidungen treffen müssen – und es dabei stets verstanden, ihre Entscheidungen undurchsichtig zu gestalten. Wie das Stück endet, soll hier natürlich noch nicht verraten werden. Aber so viel kann man sagen: Einen gelungeneren Schluss hätte Patrick Marber seinem Hautnah nicht geben können, denn das den gesamten Handlungsverlauf durchziehende Changieren zwischen britisch-derbem Humor und gefühlvoller Dramatik wird in der Schlussszene des Theaterstückes noch einmal intelligent auf die Spitze getrieben.

»Studententheater auf höchstem Niveau«

Patrick Marbers Hautnah ist eine Herausforderung, nicht nur schauspielerisch, sondern auch inszenatorisch. Dieser Herausforderung haben sich der Regisseur Thomas Löding und sein Team angenommen und man kann sagen: Sie haben alle Schwierigkeiten dieses Stückes mit Bravour gemeistert. Es sind vor allem die brillanten Schauspieler, ohne die ein Stück wie Hautnah nicht möglich wäre. Lena Aust verkörpert eine Alice, die sowohl mädchenhaft-süß als auch verrucht und vor allem erwachsener daher kommen kann, als es ihr von den drei anderen Figuren zugetraut wird. Im Zusammenspiel mit Luke Slager, der uns einen Dan präsentiert, der sich gekonnt hinter einer Maske der Schusseligkeit versteckt, während er eigentlich ein selbstsüchtiger Verlierer-Typ ist, beweist Aust, dass der beständige Wechsel zwischen zärtlichen Küssen und brutalen Ohrfeigen auch in einem Studententheater überzeugend dargeboten werden kann.

Auf demselben hohen schauspielerischen Niveau bewegen sich Anja Marszalek und Jörg Bauer. Marszalek stellt uns eine Anna vor, die nicht so recht weiß, was sie will, die mit der vermeintlichen Einfachheit Larrys nicht zurechtkommt und sich dennoch nicht völlig von ihm losreißen kann. Der ständige Kampf zwischen Vernunft und Verlangen, der in dieser Figur im Vergleich zu den anderen offensichtlich ausgetragen wird, wird von Marszalek so überzeugend interpretiert, dass man als Zuschauer fast vergisst, dass diese Figur auch ihre unsympathischen Wesenszüge hat.

Der »primitive Höhlenmensch« Larry (Jörg Bauer) und Fotografin Anna (Anja Marszalek)

Vollständig wird das Liebesquartett natürlich erst mit Larry, der als Dermatologe in den Vierzigern gesellschaftlich und finanziell den wohl höchsten Stand in der Vierergruppe hat, sich selbst allerdings als »primitiven Höhlenmenschen« bezeichnet. Ja, Larrys Fixierung auf Sex kauft man Jörg Bauer ab. Doch die raue Sprache, die Marber seinen Figuren allzu gern in den Mund legt, ist nicht das einzige, was Bauer überzeugend spielt. Es sind vor allem die ruhigen Szenen, in denen Larry Dan zu verstehen gibt, dass er sich für Alice, die er zu lieben glaubt, nicht wirklich interessiere, es sind die Zwischentöne in Larrys Redeanteilen, die Bauer so gekonnt zu phrasieren weiß, dass dem geneigten Zuschauer deutlich wird: Larry ist gar nicht so grobschlächtig, wie er selbst denkt. Das Zusammenspiel dieser vier jungen Schauspieler ist es, das Hautnah zu einem wahren Erlebnis macht.

»Zwischen Nähe und Intimität: Ein Theaterabend, der unter die Haut geht«

Hautnah – das kann man bei dem Spielort, den dieses Ensemble für das Kammerspiel wählte, durchaus wörtlich verstehen. Im Keller des [d.o.t.s.] im Börnerviertel ist nicht gerade viel Platz. Gespielt wird auf einer Fläche von rund sechs Quadratmetern, was eine emotional aufgeladene Atmosphäre kreiert, die das Stück den Zuschauern wirklich unter die Haut gehen lässt. Und wer sich jetzt fragt, was man in puncto Bühnenbild und Szenenwechsel in so einer kleinen Spielstätte macht: Nun, bei dieser Inszenierung reichen eine schwarze Wand, ein Stück Kreide und vier Schauspieler, um den Zuschauer ins London der 1990er Jahre zu entführen – ganz persönlich, ganz intim. Fast so hautnah, wie sich die Figuren in dem Stück sind.



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 Veröffentlicht am 29. September 2015
 Bilder von Dirk Opitz
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 2 Kommentare
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2 Kommentare
Kommentare
 Luke
 29. September 2015, 16:13 Uhr

In dem ersten bild ist Luke Slager als Dan (der Autor) statt Larry (Dermatologe) zusammen mit Lena Aust zu sehen. 🙂 Danke!

 admin
 29. September 2015, 17:22 Uhr

Ist geändert, besten Dank für den Hinweis!
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