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Eine Weihnachtsgeschichte

Weihnachten – für den gehörlosen Geizhals und Griesgram Ebenezer Scrooge ist das »Humbug«. Doch die drei Geister der Weihnacht lehren ihn Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Das ThOP Göttingen inszeniert mit großem Aufgebot Charles Dickens’ A Christmas Carol in deutscher Laut- und Gebärdensprache.

Von Svenja Brand

Eine Weihnachtsgeschichte für Augen und Ohren präsentiert das Göttinger ThOP im Dezember 2018 unter der Regie von Miriam Feix und Franziska Karger. Und auch eine für die Nase: In der Muppet-Verfilmung der Weihnachtsgeschichte (Brian Henson 1992) heißt es gesungen:

es ist mit Punsch und heißem Obstsaft
die Zeit der frohen Botschaft

und da passt es gut, dass es beim Betreten des Theatersaals nach Punsch duftet und abgespielte Choräle für weihnachtliche Stimmung sorgen – die mit Blick auf das zweigeteilte Bühnenbild (Ulf Janitschke, Lisa Rubart, Polina Berenson und Jiahao Sun) schnell vergeht.
Schwarz und leer ist der untere Bühnenraum bis auf eine weiße Tür und abweisend wirkt er. Die Treppe hinauf auf der Empore strahlen ein minimalistisch eingerichtetes Büro und spartanisch ausgestattetes Schlafzimmer alles andere als Behaglichkeit aus. Der Bühnenkonzeption gelingt es schnell, die Gefühlskälte von Ebenezer Scrooge in Raum und Bild zu spiegeln.

Mit sanften Gebärden und tragend-raunender Stimme entführen die Erzählerinnen Mireille Mentgen und Jella Böhm die Zuschauenden in das industrialisierte 19. Jahrhundert und die Welt von Ebenezer Scrooge. Aus dem Erzähler-Ich in Dickens‘ A Christmas Carol in Prose, Being a Ghost-Story of Christmas (1843) wird ein Erzählerinnen-Wir, das achtsam simultan gebärdet und spricht. Während die Erzählerinnen miteinander kommunizieren, verschmelzen Nils Finck und Tom Röber zu einem mürrischen, ruppig-scharf gebärdenden und mit schrill-knurriger Stimme sprechenden Ebenezer Scrooge. Aristokratische Körperhaltung und Bewegungen sind bis in das spiegelbildliche Aufsetzen des Zylinders aufeinander abgestimmt.
Scrooge verschreckt nacheinander seinen Neffen Fred (Friedmuth Kraus), zwei spendensammelnde Herren (Omar Ghazo u. Oliver Goepfert) und seinen Schreiber Bob Cratchit (Dominic Wolf). Seinem gespuckten »Pah!« folgt die stets mit Verve vorgebrachte Aussage, Weihnachten sei »Humbug«. Das Fest sei unnötige Zeit- und Geldverschwendung und überhaupt ginge ihn niemand außer er selbst etwas an. So verbittet er sich jeden fröhlichen Weihnachtswunsch.

Nils Finck u. Tom Röber als Scrooge, mit Friedmuth Kraus als Scrooges Neffe Fred und Dominic Wolf als Bob Cratchit (Foto: Ulf Janitschke)
Geister in starker Begleitung

Bekannterweise belehren drei Geister Scrooge eines Besseren, angekündigt durch den Geist seines verstorbenen ehemaligen Geschäftspartners Jacob Marley (Henning Bakker). Dieser führt ihm die Konsequenzen von egoistischem und hartherzigem Handeln vor. Begleitet von einem klagenden Chor ist Marleys Auftritt enorm eindrücklich, Henning Bakkers Mimik und Gebärde ziehen schon hier durch kalt-distanzierte Präzision ebenso in ihren Bann, wie später, wenn er den Geist der zukünftigen Weihnacht spielt.

Die drei Geister der Weihnacht kennt wohl fast jede*r. Anders als bei Dickens erscheinen sie im ThOP jedoch nicht um Mitternacht, ein Uhr und zwei Uhr, sondern in umgekehrter Reihenfolge, ohne dass die Änderung begründet wäre. Ein Irritationsmoment in der Fassung des ThOP.
Der erste Geist, derjenige der vergangenen Weihnacht (Sonja Nierste), entführt Scrooge fröhlich-verspielt in die Weihnachten seiner Kindheit und Jugend. Zusammen steigen sie hinab zur unteren Bühnenhälfte, die plötzlich Leben und Farbe gewinnt. Mit jeder wechselnden Weihnacht wird durch Drehen einer Wand ein neues gemaltes Banner im Hintergrund installiert und die Bühne neu möbliert. Erinnerungen an seine Jugend sowie die Güte und Herzlichkeit seiner Mitmenschen und Lieben bewegen Scrooge, rufen aber auch die schmerzlichem Gedanken an seine verstorbene Schwester (Lucie Udelhoven) und seine ehemalige Verlobte Bella (Rebecca Dülfer) wach. Die kurzen Szenen der jeweiligen Weihnacht wechseln rasch. Fast zu schnell finden die Zuschauenden sich und Scrooge abermals in dessen kargem Schlafzimmer wieder.

Sofort wird er vom sprudelnden, christbaumgeschmückten Geist der gegenwärtigen Weihnacht (Victoria Loesche) aufgesucht. Er bekommt die Weihnachtsfeste der Familien seines Schreibers und seines Neffen zu sehen und ist berührt davon, wie sehr all diese Menschen um seinen Geiz und seine Hartherzigkeit wissen und dennoch auf sein Wohl trinken – weil Weihnachten ist. Beeindruckend ist die Selbstverständlichkeit im Zusammenspiel zwischen Gebärde- und Lautsprache. Nicht jede Figur wird doppelt besetzt gespielt, aber etwa in der Familie Cratchit übersetzen die Kinder füreinander; die beiden Sprachen stehen nebeneinander.

Besonders deutlich wird das durch die Geistbegleiterinnen Dagmar Brunahl und Mira Gardyan, die jeden der drei Geister in unterschiedlicher Stimmung flankieren. Zwar sind sie als Pantomime geschminkt und keine zweiten und dritten Geisterfiguren, doch wegen ihrer Präsenz und der synchronen Gebärden sind sie von keinem der drei Trios wegzudenken. Ihre Auftritte zeugen von einer klugen (und gekonnt umgesetzten) Idee, mit Sprachen zu spielen.

Anheimelnde Harmonie?

Nachdem auch der Geist der zukünftigen Weihnacht Scrooge die möglicherweise noch kommenden, düsteren und todbehafteten Weihnachtsfeste vor Augen geführt hat, findet Scrooge sich lebendig und verwandelt. Freudig erregt ist er, dankbar und voll guter Vorsätze. Sogleich ruft er einem Mädchen auf der Straße die Frage zu, welcher Tag heute sei, und erhält zur Antwort: »Weihnachten!«. Scrooge hält sich an seine Vorsätze: Noch am selben Tag sorgt er für die Familie seines Schreibers, spendet für die Armen und Waisen und feiert künftig Weihnachten, wie es sonst niemand kann. Ein bisschen anheimelnd wirkt die ungebrochene Harmonie am Ende (im Stück wie in der Textvorlage) und im Erzählerinnennachwort – und kontrastiert deutlich die Szenen der Bettelnden, Armen und Sterbenden, die das Stück genauso auf die Bühne bringt. In dieser Heimeligkeit als gelebter Utopie steckt aber ein Appell, der nicht so ungebrochen leicht ist, wie es scheint: Der aufmerksame und wache Blick für die Nächsten und diejenigen, die in welcher Form auch immer bedürftig sind, tut heute genauso Not wie zu Zeiten Ebenezer Scrooges – und nicht nur an Weihnachten.

Familie Cratchit (Foto: Ulf Janitschke)

Die Inszenierung des Klassikers ist sehr nah am Dickens’schen Text und gewinnt dadurch, dass sie sich von bekannten und wirkmächtigen filmischen Vorlagen frei macht, um die Geschichte selbst auszugestalten. Besonders eindrucksvoll ist die häufige Doppelbesetzung durch laut- und gebärdensprachliche Schauspieler*innen und die schiere Anzahl der auf der Bühne Mitwirkenden.
Dickens’ Stärke für genau portraitierte Figuren findet sich auch in der ThOP-Inszenierung wieder, wobei die Zweisprachigkeit ein doppeltes, facettenreiches und mehrdimensionales Bedeutungsspiel erzeugt. Für die Zuschauenden besteht dadurch der Reiz, genau hinzuschauen und die gebärdeten wie die lautlich artikulierten Interpretationen der Figuren in ihrem Zusammenspiel und ihrer Differenz wirken zu lassen. Eine Weihnachtsgeschichte ist ein Stück, das Spaß macht und einfach schön ist, auch wenn man nur eine der beiden Aufführungssprachen beherrscht. Und es ist ein ungezwungen leichtes Vorleben von Gesellschaft, in der Kommunikation über Sprachgrenzen hinweg völlig selbstverständlich möglich ist, besonders im Zusammenspiel der beiden Erzählerinnen oder innerhalb der Familie Cratchit. Das Stück reiht sich nach dem im August 2016 ebenfalls in Laut- und Gebärdensprache am ThOP aufgeführten Mal wieder Grimm in eine Reihe ein, in der hoffentlich weitere Inszenierungen folgen werden.



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 Autor:
 Veröffentlicht am 13. Dezember 2018
 Ulf Janitschke, mit freundlicher Genehmigung des ThOPs (Victoria Loesche als Geist der gegenwärtigen Weihnacht mit Dagmar Brunahl und Mira Gardyan)
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