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Einsames Zusammenleben

Mit der deutschsprachigen Erstaufführung von Arne Lygres Schatten eines Jungen (norw. Orig. Skygge av en gutt) am DT beweist Regisseur Ingo Berk Mut zum Unkonventionellen. Die Darbietung des komplexen Themas ist zwar nicht massentauglich, regt dafür aber umso mehr zum Nachdenken an.

Von Luisa Baum und Leonie Roth

Seit Tom 14 ist, wächst er bei seiner Pflegemutter Anna, der besten Freundin seiner Mutter, auf. Das Stück zeigt alle Facetten dieser ambivalenten und scheiternden zwischenmenschlichen Beziehung. Indem sich Anna zwischen gesellschaftlichen Konventionen, eigenen Träumen und Lebensentwürfen verliert, wird Tom zum Opfer eines seelischen Missbrauchs.

Die Enge und Trostlosigkeit dieser ausweglosen Beziehung greift schon zu Beginn die klaustrophobische Kulisse auf. Futuristisch und in sterilem Weiß gehalten bildet ein karges, nüchternes Zimmer die Bühne. Es hat die Form einer Digitaluhr, vor der unterschiedlich große Steine liegen, die an Mondgestein erinnern. Die Zeit spielt dabei nicht nur im Hinblick auf die triste Lebenszeit der Figuren eine Rolle. Der Theatertext selbst greift auf Zeitsprünge zurück und schildert so zeitlich ungeordnet Toms Prozess des Erwachsenwerdens. Die Zeitspannen liefern in einem Hin- und Herspringen Aufschluss über die Verhaltensmuster von Tom und Anna, den beiden Hauptpersonen. Durch die Projektion der Jahreszahlen in den Bühnenraum verortet die Göttinger Inszenierung die Handlung visuell. Der Ausgangspunkt ist das Jahr 2018.
In diesem Jahr verliert Tom seine Eltern durch einen Unfall. Während Anna, deren Mann und ungeborenes Kind verstorben sind, versucht, durch Tom gleich beides zu kompensieren, hat Tom Schwierigkeiten, Anna als Ersatzmutter anzuerkennen. Seine Eltern, besonders seine Mutter, will er nicht ersetzen lassen. Anna versucht derweil das Bild einer Vorzeigefamilie aufrecht zu erhalten und spielt sich damit selbst etwas vor.

Der anspruchsvolle Charakter der Anna wird von Andrea Strube als sowohl hingebungsvolle Ersatzmutter wie auch Verführerin überzeugend verkörpert. Ihre Ambitionen, Toms Liebe als fürsorgliche Mutter zu gewinnen, gehen, je älter er wird, in Bestrebungen nach sexueller Liebe über.

Auch der Charakter des Tom wird engagiert von Marius Ahrendt dargestellt. Die emotional belastende Situation, in der sich Tom befindet, wird mit einer gewissen Zurückhaltung im Schauspiel umgesetzt und unterstreicht so die Hilflosigkeit des Jungen in Annas Obhut.

Neben Anna und Tom spielen auch Toms Eltern in zahlreichen Rückblenden immer wieder eine Rolle. Die Mutter, die von Gitte Reppin gespielt wird, wird als eine sehr gefühlskalte Frau dargestellt. Diese Interpretation weicht von Arne Lygres Werkvorlage ab, in der sich ihr Charakter zwar überlastet, jedoch nicht emotionslos zeigt. Die Überforderung mit dem eigenen Sohn veranlasst die Mutter in der Inszenierung zu etwas übertriebenem Geschrei, was mit fortlaufender Zeit hingegen das Publikum herausfordert – ist es ja gerade die unerträgliche Stille in Lygres Stück, die die Ausweglosigkeit für die Figuren untermalt.

Leere Wünsche: Andrea Strube, Marius Ahrendt, Gitte Reppin

Der Vater, dargestellt von Benjamin Kempf, scheint derweil hingegen mehr Interesse an seiner Frau als an seinem Sohn zu haben. Er versucht verzweifelt, die sich verflüchtigende Liebe zu retten, weshalb seine Beziehung zu Tom eher zweitrangig zu sein scheint und sogar in Rivalität um die Mutter gipfelt. Kempf kann den Part des Vaters in dieser schwierigen Familienkonstellation authentisch verkörpern und trägt damit zum besseren Verständnis von Toms Charakter und Eigenheiten bei.

Nach dem frühen Tod der Eltern tritt schließlich eine weitere Figur in die abgeschottete Welt der beiden Hinterbliebenen Tom und Anna. Die Nachbarin zieht in die andere Hälfte des als »Zwillingshaus« bezeichneten Wohnkomplexes, in der zuvor Tom mit seinen Eltern lebte. Dieser neue Charakter weckt die Hoffnung, dass die bedrückende Zweisamkeit der beiden Hauptcharaktere nun durchbrochen werden kann. Angelika Fornell schafft mit ihrem erfrischenden Auftreten einen guten Kontrast zu den isolierten und aufeinander fixierten Hauptfiguren.

Doch die Hoffnung wird zerschlagen, als Tom, Anna und die Nachbarin eine gemeinsame Urlaubsreise unternehmen, während der Tom und Anna einander körperlich näher kommen. Als Anna von Tom schwanger wird, schließt sich der fatale Kreislauf erneut, aus dem schon Tom nicht auszubrechen vermochte.

Mit Schatten eines Jungen bringt das Deutsche Theater trotz einiger zu intensiv dargestellter emotionaler Färbungen eine gelungene deutschsprachige Erstaufführung auf die Bühne. Besonders die schauspielerische Leistung der beiden Hauptpersonen in Kombination mit passend gesetzten Lichteffekten überzeugt. Atmosphärisch verdichtet entsteht so das Abbild einer ausweglosen Beziehung. Sie verdeutlicht das einsame Zusammenleben der Figuren.



Metaebene
 Autor:
 Veröffentlicht am 10. Juli 2018
 Fotos: © Thomas Müller
Auf dem Titelbild: Marius Ahrendt
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