Impressum Disclaimer Über Litlog Links
Freiheit als Kontrollverlust

Christine, eine sorglose Mutter und unliebsame Ehefrau, ist die Protagonistin in Charlotte Roches neuem Roman. Ihr Nachwuchs bietet den eleganten Ausweg aus dem Berufsalltag. Die gewonnene Freizeit zerrinnt in wahllosen, hedonistischen Ablenkungen. Dann hält das schillernde Mädchen für Alles Einzug.

Von Eva Tanita Kraaz

Freiheit als Kontrollverlust

Den Status als Skandalautorin kann Charlotte Roche auch mit ihrem neuen Roman verteidigen. In Mädchen für Alles setzt sie die Leiden einer gut situierten jungen Mutter in Szene. Christine Schneider konnte sich durch die Geburt ihrer Tochter den Ausweg aus ihrem stressigen Berufsleben ermöglichen. Das ist für sie der Auftakt, schlechte Angewohnheiten und Eigenheiten zu sammeln, als würde sie kulturkritische Feuilletonbeiträge ex negativo als Lifestyle-Tipps verstehen. Kapitelüberschriften, auf die Roche verzichtet, könnten »binge watching«, »shopaholism« oder »#regrettingmotherhood« lauten. Ungeniert konsumiert ihre Protagonistin Bier am Nachmittag und Kokain auf der Zugtoilette. Das sind die Ausbrüche aus einem Teufelskreis tumb machender Versuchungen. Der Sucht nach Fernsehserien folgt die fade Reue über verschwendete Stunden. Die wird gelindert durch die vermeintlich sinngebende Tätigkeit, Rezepte aus Foodblogs nachzubacken. Der bunt zusammengestellte Hedonismus sorgt dabei für Unterhaltsamkeit und Antipathie.

Im Präsens erzählt Christine ihren Alltag. Typischerweise beginnt der mit dem Erwachen aus dem Rausch der letzten Nacht. Manchmal im Ehebett, meistens auf der Couch. So beginnt sie, über die hausgemachten Dramen ihres Beziehungslebens zu sinnieren: Ihre Freundin Steffi musste sie abschießen, weil sie neidisch auf ihr Kind war. Ihr Ehemann ist wahrscheinlich schwul und zu ihrem Kind kann sie keine Verbindung aufbauen. Dass ihre Gedanken dabei in Lästertiraden, explizite Verführungsphantasien und lächerlich-paranoide Vendettavorstellungen abdriften, ist keine Seltenheit. Diese Tagträume befeuert sie mit den Geschichten, die sie täglich konsumiert: »Was man alles aus Serien lernen kann. Den perfekten Mord. Wie man jemanden verfolgt, fesselt, psychisch fertigmacht, eigentlich alles, was bei YouTube-Tutorials verboten wäre«. Natürlich bricht sich das angerissene Pathos der intrigenreichen Bildschirmwelt an ihrer öden Realität. Das hindert sie nicht daran, abenteuerliche Kausalitäten zu etablieren: Abgeklärt schreibt sie die Schuld an jeglichem Scheitern der Scheidung ihrer Eltern zu und überstürzt findet sie ihre vermeintliche Rettung im titelgebenden Mädchen für Alles, Marie. Selbstverständlich wirkt die Protagonistin albern, oder sogar naiv. Das ist nicht neu.

»Ich gebe mir einen Ruck, aber der Ruck ist nicht hart genug«

Die Konzeption des Romans um eine vermeintlich fragile und hochgradig unkonventionelle weibliche Ich-Erzählerin hat sich für Roche bewährt. Die 18-Jährige Helen Memel verteilt nicht nur Menstruationsblut im Krankenhausaufzug, vor allem verarbeitet die Protagonistin in Feuchtgebiete das Trauma eines Mord-Selbstmord-Versuchs ihrer Mutter. Elizabeth Kiel, die neurotische Protagonistin in Schoßgebete, lässt sich zwar zu gemeinsamen Bordellbesuchen mit ihrem Partner überreden, ihre geballten Komplexe trägt sie aber zu ihrer Therapeutin. Zusammen befassen sie sich mit der Verarbeitung eines Traumas, das sie nach einem tödlichen Autounfall in ihrer Familie erleidet. Die Vorgängerprotagonistinnen empfinden, so wie auch Chrissi, die Scheidung ihrer Eltern als einschneidende Erfahrung.

Buch


Charlotte Roche
Mädchen für Alles
Piper 14,99€

 
 

Auffällig ist dabei, wie diese Traumata diagnostiziert werden. Der Leserin wird einzig die Innensicht der Protagonistin gewährt, ohne auktoriale Referenz. So wird auch die Analyse der Psyche vorrangig durch die psychologisch ungeschulte Ich-Erzählerin selbst durchgeführt. Ein relativierender Rahmen, in dem über mögliche psychische Erkrankungen geurteilt wird, ist nicht vorhanden. Das Ergebnis ist eine unterkomplexe Pathologisierung. Ohne festen Anhaltspunkt behauptet Christine, manisch-depressiv zu sein, »Oder vielleicht bipolar? Oder nur bi? Haha Chrissi, du alter Psychoexperte, null Ahnung und nur rumlabern, ne?« Die abschließende Einsicht ist nicht vernunftgeleitet, sie zeugt lediglich von dem Mangel an Deutungshoheit über die eigene Person. Das unveränderte Schema könnte Gefahr laufen, zu langweilen. Verhindert wird das durch Roches autofiktionale Bezüge und ihre betont vulgäre Wortwahl.

Bitte fragt mich, ob ich mein Kind auch vernachlässige!

Zentrale Angelpunkte des Plots setzen einen Bezug zur Lebenswelt der Autorin. Die Scheidung der Eltern und der tödliche Autounfall in der Familie sind Erlebnisse, die Roche mit ihren Protagonistinnen teilt. 80 Prozent von Feuchtgebiete, behauptete sie vor acht Jahren, seien autobiografisch. Auf Mädchen für Alles bezogen wirkt diese Tradition beinahe wie eine Herausforderung, nämlich zu fragen: Ist Charlotte Roche auch eine nachlässige Mutter? – Die grobe Provokation läuft ins Leere. Die Frage, ob es sich bei ihren Schundromanen um Literatur handelt, wird abermals aufgegriffen.

Joko und Klaas stellen sie in ihrer Unterhaltungsshow Circus HalliGalli. Im Ratequiz »Ist das noch Literatur« mit Joko und Putzfrau Sabine lesen Klaas und Roche abwechselnd Textabschnitte vor. Eine Hälfte ist Mädchen für Alles entnommen, die andere hat Klaas geschrieben. Joko und Sabine werden aufgefordert, den jeweiligen Texten ihrem/r Autor/in zuzuordnen. Die inszenierte Abfolge führt zum vorhersehbaren Urteil: »Keine Literatur« beziehungsweise »kann weg«. Der Auftritt der sonst toughen Roche ist leidenschaftslos. Verständlich, wenn zugunsten der abgedroschenen Debatte über Roches provokative Sprache das inhaltliche Diskussionspotenzial nicht genutzt wird.
Lustlos endet auch Mädchen für Alles: In einem platten Kunstgriff. Das mag enttäuschend sein, harmoniert aber mit der zermürbenden Lektüre. Dass einem der Spiegel vorgehalten wird, ist selten vergnüglich. Den geballten Narzissmus der affektierten, unangenehmen und selbstgerechten Protagonistin auch nur in Zügen als Realität zu erkennen, ist deshalb schwer zu ertragen. Roche versteht das Schreiben als therapeutische Reinigung von ihren negativen Empfindungen. Sie schafft dabei eine erbarmungslose, aber unterhaltsame Auflistung der Laster einer Generation.



Metaebene
 Veröffentlicht am 1. Juli 2016
 Kategorie: Belletristik
 Teilen via Facebook und Twitter
 Artikel als druckbares PDF laden
 RSS oder Atom abonnieren
 Ein Kommentar
Ähnliche Artikel
Ein Kommentar
Kommentare
 Silvana Zehnpfennig
 3. Juli 2016, 15:31 Uhr

Doch worin liegt dieses Laster, das eine Generation im Nihilismus stürzen lässt? Es ist die Tatsache, dass nach den 68ern die traditionelle Familienührung weggebrochen ist. Die Erziehung stand nicht mehr im Mittelpunkt, sondern die Verwirklichung der eigenen Person in den Kindern. Man könnte von einer Erziehungsverweigerung sprechen, die dazu führte, dass Kindern das Anrecht auf Obut genommen wurde. Denn genau das ist Erziehen: Dass ich mich dem Kind widme und es in seiner Entwicklung begleite und seine Fürsoge pflege. Wenn einem Kind diese Begleitung und Fürsorge entsagt wurde, entwickelt er sich zu einem skeptischen Zeitgenossen, weil er nie weiß ob die Dinge, die er denkt, empfindet und ausführt, einer Richtigkeit entsprechen, denn es fehlt ihm der Feedback dazu. Darum wird dann alles und doch nichts ausprobiert und erfahren, ohne das etwas von alle dem zur Festigung der Persönlichkeit gereicht. Denn der sich entwickelnde Mensch hat nie erfahren was Grenzen bedeuten, die wurden ihm nie aufgezeigt und darum hat er kein natürliches Empfinden für seine eigenen Begrenztheit. Wenn das Individuum jedoch seine eigenen Grenzen nicht kennt, dann erkennt es auch nicht die Grenzen anderer Menschen und tendierrt dazu sie stets zu überschreiten. Alles bekommt eine Relevanz und steht doch nicht in einem Nenner, da wieder und wieder das Wesentliche determiniert wird: Die eigene Persönlichkeit. Denn wenn das Individuum sich selbst nicht kennt, dann versteht es auch nicht in einer Beziehung zu sich zu stehen. Folglich wird auch nicht in Beziehung zu anderen stehen können. Die Folge ist Isolation, in der das Indioviduum ständig um sich selbst kreist, weil es keinen Ausweg findet aus dem Nichts, das ihn zu absorbieren droht. Da ist es nur natürlich, dass es beginnt in der Vergangenheit zu forschen, um wieder einen Anhaltspunkt zu bekommen, eine Verknüpfung zu sich selber: Seiner Identität: Wer bin ich eigentlich? Wo komme ich her? Was will ich erreichen? Und wohin gehe ich? Dies sind dann die zentralen philosophischen Fragen die ein Individuum sich stellen kann, um einen Weg zurück ins Leben zu finden. Warum man überhaupt sein Lebensweg verlieren kann? Man betrachte das 21. Jahrhundert, seine Grenzenlosigkeit, seine Unausgegelichenheit und seinem Hang zum Trash. Das Leben ist überall und nirgendwo, wir fühlen uns so wie es kommt und alles fällt in einem banalen Topf. Doch wo das Ich im Du steht, was es empfindet und was ihm wertvoll ist und ihn darum bereichert, das steht irgendwo im Hintergrund. Im Vordergrund steht der sich ewig um sich selbst kreisende Limbus der lauf und ausufernd in alle Ewigkeit die Persönlichkeit im Selbst zerreißt. Charlotte Roche gibt einen wunderbaren Auszug unserer gegenwärtigen Lebensführung wieder. Und wenn es uns ärgert, dann sollten wie darüber nachdenken, was wir tun können, damit der Ärger aufhört. Amen.

Kommentar schreiben

Worum geht es?
Über Litlog
Mitmachen?