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Lichtenberg-Poetikvorlesung
In Biller über Biller II

Nachdem der diesjährige Würdenträger den ersten Teil der Lichtenberg-Poetikdozentur für eine Lesung aus seinem noch unveröffentlichten neuen Buch nutzte, wartet er im zweiten Teil mit einem Gespräch auf. Eine Berichterstattung zu Helge Malchow und Maxim Biller über Maxim Biller.

Von Eva Tanita Kraaz

Part Two

Maxim Biller hat am Anfang nur einen Satz – ja, manchmal nur einen Halbsatz –, von dem ausgehend er seine Texte schreibt. Jedem davon ist eine einzigartige Melodie eigen, die ihn im Schreibprozess begleitet. Das sind die eher vagen Erkenntnisse, an die der zweite Teil der »Ja, Poetikvorlesung stimmt ja nicht so ganz«1 anschließen kann.

Ein harmonisches Podium

In die Aula am Wilhelmsplatz geladen hat Maxim Biller sich für den 02. Februar Helge Malchow, seinen Verleger bei Kiepenheuer und Witsch. »Total bejeistert!« ist der stolze Kölner von Billers neuem Buch Sechs Koffer, aus dem dieser am Vorabend las. So begeistert, dass er direkt auch den Veröffentlichungstermin bekanntgibt. Es folgt eine zehnminütige Vorstellung des Autors, die in ein Gespräch mündet, das vorerst nur die freundschaftliche Dynamik der beiden unter Beweis stellt.

Biller erklärt den Entstehungsprozess von Sechs Koffer. Für ein Magazin, das in zwei Ausführungen zielgruppenspezifisch männlich und weiblich parallel erscheint, sollte er je einen Beitrag pro Ausführung erstellen. Über seine eigene Mutter und seinen eigenen Vater zu schreiben, hat er abgelehnt. Stattdessen verfasste er eine Geschichte aus der Sicht eines Mannes und dann aus der Sicht von dessen Frau. Malchow fand das »janz toll!«, Biller ließ sich überreden, noch mehr Perspektiven zu verfassen: Und schon stand es, das Konzept für das neue Buch!

Literarische Wunden

»Ich würde mich eher als klassischen Autoren sehen«, erklärt Biller sich. Schließlich spricht er also doch, nun ja, nicht über seine Texte, immerhin aber über seinen Schreibprozess. Assoziationen und Zufälle eröffneten ihm neue Erzählräume, die es dann gelte, mit erzählerischer Stringenz zu bändigen. Zu dem Zweck liest und exzerpiert er seine unfertigen Projekte immer wieder neu, bevor er mit einem neuen Kapitel an sie ansetzt. »Anstrengend!«, kommentiert er den Prozess.

En passant Martin Walser verreißend gibt er sich verletzlich. Das einzig Kluge nämlich, das der je gesagt habe, sei, dass jede neue Geschichte ihm eine neue Krankheit brächte. Es sei im Besonderen das literarische Schreiben, nicht das journalistische, das nah an Billers Seele liege. »Die eigene seelische Verwundung wird durch das literarische Schreiben größer«, offenbart er, und: »Ich schaff’s nicht mehr, dass die Wunden sich schließen!« Biller nimmt diese tief empfundenen Entbehrungen für seine Kunst in Kauf. Das ist eine feinfühlige Herzensergießung, die im harschen Kontrast zu der Angriffslust in vielen seiner journalistischen Texte zu stehen scheint.

Journalistische Tricks

Seit den 1980er-Jahren schreibt der Autor produktive Polemiken für verschiedene Organe. Gezielt wird darin auf so ziemlich alle und alles, stets klug und pointiert und maßlos überspitzt. Die Lektüre dieser Texte endet nicht selten in säuerlicher Zustimmung zu seiner Selbstüberschätzung: »Ich habe immer Recht!« Wie er das macht? »Ein Trick, den kann ich jedem raten. Beleg alles mit Zitaten!« Ob sich der Kontext dabei verschiebt, sei egal. Und: »Man muss jeden potenziellen Einwand schon im Schreiben zerstören.«

Seit einiger Zeit, genauer seit Deutschlands rechtspopulistischem Umschwung, den Biller an der AfD aufhängt, sei es nun auch das journalistische Schreiben, das ihm Wunden zufüge. Bereits vor knapp vierzig Jahren habe er hellsichtig diesen Rechtsruck vorhergesehen. Eine Hellsicht, die unerhört blieb. Stattdessen fühlten sich seine LeserInnen immer persönlich von seinen Texten angegriffen, jedes Mal wenn sie das Wort »Holocaust« bei ihm läsen. Dabei seien, wenn er von den Deutschen und ihrem Verhältnis zu Juden schreibe, ja nicht die Einzelnen gemeint. Als »meine Leser« spricht er generalisierend von diesen MissversteherInnen – wahrscheinlich eine Provokation, die auch mit dem anwesenden Publikum funktioniert.

Romantik, Böll, der Fall Esra

Es bleibt ein halbes Stündchen, in dem Malchow und Biller die Restthemen abfrühstücken. Romantik? – »Eine fatale Traditionslinie«, Böll? – Eine Dreistigkeit, dass die Deutschen ihn als »nur politisch« abwerteten. Billers Roman Esra? – »Wann wird ein Buch darüber geschrieben, wie dieser unschuldige, traurige Roman verboten wurde?« Nach den letzten Hieben gegen das deutsche Verlagswesen und gegen die deutsche Theaterszene (»halbgute Angsthasenopportunisten«) bleibt respektvoller Abgesang.

Biller wirkt ehrlich berührt über die Einladung zur Poetikvorlesung, als er sich bedankt – fast so, als wollte er sich entschuldigen für seine Performance. Versöhnlich stimmt dieser zweite Teil also durch etwas mehr rhetorischen Scharfsinn und gewohnt fiese Beleidigungen. Sicher sind Einblicke in die Schreibwerkstatt nicht primär das, was eine Poetikvorlesung verspricht, aber vielleicht war das auch unvermeidbar. Die übliche Poetikvorlesungs-Koketterie à la »Ich? Warum sollte gerade ich über meine Literatur sprechen?« wäre ja läppisch für ihn. Es wäre nicht der echte Maxim Biller, hätte er nicht den Witz, direkt das ganze Genre zu verschmähen, dem er sich verweigert.

  1. so Anja Johannsen, Programmleitung des Literarischen Zentrums, in ihrer Anmoderation.


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 Veröffentlicht am 9. Februar 2018
 Bild mit freundlicher Genehmigung vom Literarischen Zentrum Göttingen
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