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Intendantenwechsel
Junges Theater im Aufbruch

Das Junge Theater begeht heute Abend mit der Premiere von Im Westen nichts Neues feierlich die Spielzeit 2014/2015. Unter dem Slogan »Aufbrüche/Umbrüche« wird das neue Führungsteam um Intendant Nico Dietrich und Tobias Sosinka (Künstlerischer Leiter) frischen Wind in das Schauspielhaus bringen. Litlogs Kommentar.

Von Johanna Karch

Die semantische Leistung deutscher Vorsilben ist beachtlich, das haben die Werbetreibenden des neuen Jungen Theaters gut erkannt. Allein in dem Partikel auf- steckt nicht nur »eine Bewegung in Richtung nach oben«, sondern in seiner sinnbildlichen Bedeutung eben auch »eine Verbesserung eines Umstandes«, ein »Sich-Fort-/Weiterbewegen«, die »Freilegung einer versteckten Qualität«. Ähnlich verhält es sich mit dem Wortteil um-, der eine Zweckverbesserung einläutet oder eine Zäsur, eine radikale Veränderung! Klingt drastisch? Soll es auch, denn wenn im JT nicht mehr Schach gespielt, sondern gepokert wird, dann erfordert das nun mal eine neue Strategie.

Zu den aktuellen Spielregeln: Knapp 1 Million Euro stehen für den Theaterbetrieb 2014/2015 zur Verfügung, davon sollen 25% aus Eintrittsgeldern generiert werden (normal sind 15-20%), was im Schnitt 30.000 BesucherInnen erfordere. Zudem müssen die prekären Arbeitsverhältnisse ad acta gelegt werden, was nicht zuletzt durch die baldige Einführung des Mindestlohns erzwungen wird. Dabei ist vom, gelinde gesagt, maroden Zustand des Gebäudes noch nicht gesprochen worden. »Wir gehen eine Baustelle an, so würden wir das bezeichnen«, gibt Nico Dietrich unverblümt zu. Ohne eine Art Super-Kompensationsplan ist das nicht zu stemmen und diesen hat er in den letzten Monaten mit seinem neuen Team erarbeitet. Ein Ensemble- und Repertoiretheater soll das Haus werden, gleichsam aber ein einmaliger Freiraum für Kunstschaffende jeglicher Provenienz. Einen Mix aus Stadttheater und freier Szene wolle man im neuen Jungen Theater wachsen sehen, was für Dietrich, der sich als Hybridprodukt des Theaterbetriebs bezeichnet, genau die richtige Herausforderung sei.

Wollen es in der Spielzeit 2014/2015 krachen lassen: Intendant Nico (l.) Dietrich und Tobias Sosinka (Künstlerische Leitung, r.)

Unbeschwert und nicht ganz ironiefrei trägt Dietrich einen Optimismus vor sich her, den man so nur haben kann, wenn man einiges hat funktionieren oder den Bach hat runtergehen sehen. Eine beträchtliche Anzahl an Engagements als Dramaturg und Regisseur an Stadttheatern und vor allem in der freien Szene scheinen diese Lebenskünstler-Einstellung geformt zu haben. Neben seinen gelungenen Regiearbeiten zu Glaube Liebe Hoffnung oder Wegschließen, und zwar für immer am Göttinger DT, konnte er durch eine zweijährige Festanstellung am Nationaltheater Weimar (wo er die Künstlerinitiative Kosmonautenschule Weimar gründete) und als freischaffender Regisseur u.a. in Eisenach, Düsseldorf, Zürich, Hamburg, Berlin und Potsdam auf sich aufmerksam machen, so dass man ihm trotz seiner 33 Jahre Unerfahrenheit nicht nachsagen kann. All dies und »dass man sich intellektuell mit ihm unterhalten kann« hat ihn letztlich qualifiziert, so Dr. Harald Noack, Vorsitzender des Aufsichtsrates des JTs.

Der Erfahrung und dem Können gesellen sich dann noch die kreative Herangehensweise und der Ideenreichtum hinzu, die allesamt in die kommende Spielzeit einfließen. An diesem Freitag wird die erste Premiere gespielt: Mit Tobias Sosinka tüftelte Dietrich eine Bühnenfassung des Romans Im Westen nichts Neues aus, die das Führungsteam mit den schauspielerischen Neuzugängen Ali Berber, Linda Elsner, Eva Anastasia Marie-Theres Schröer und Karsten Zinser sowie Jan Reinartz und Agnes Giese aus dem alten Schauspielensemble auf die Bühne bringt.

Brachiale Symbolik

Der Samstag (20. September) steht ganz im Zeichen des neuen Slogans: Mit so brachialer wie öffentlichkeitswirksamer Symbolik wird das Zeitalter Dietrich/Sosinka eingeläutet, aber dazu werden weder rote Bändchen durchgeschnitten noch feierlich Fähnchen überreicht; nein, die kommenden harten Zeiten läutet der Künstler Satu ein, indem er um Punkt 20:00 Uhr ein halbes Dutzend Steinplatten mit der Stirn durchschlägt und so plastisch unter Beweis stellt, was man mit dem Kopf, mit körperlichem Training und ohne viel Geld so alles bewältigen kann. Anschließend gewährt das JT Einblick in das Innenleben des Hauses: das gesamte Team stellt sich beim »behind the scenes« dem Göttinger Publikum vor und wird mit den BesucherInnen über das neue Spielkonzept, ästhetische Experimente und die neuen Produktionsbedingungen sprechen.

Um die Größe des neuen Schauspielensembles zu kompensieren (neben den vier Neuzugängen bleiben nur Jan Reinartz und Agnes Giese aus dem alten Ensemble), setzt das JT auf Gastengagements, »Flügelfrauen und Flügelmänner«, die zum Beispiel durch ein Mitspracherecht an den Produktionen einen
fairen Anstellungsdeal machen können. So wird etwa die Produktion für Kinder, Der kleine König, für eine festgelegte Anzahl an Aufführungen im JT gespielt, danach dürfen die Regisseure frei über das Stück verfügen. Dieses kooperative Vorgehen hat den Vorteil, in der experimentellen Theatermacherszene up to date zu bleiben und neue Finanzierungsmodelle auszuloten. Besonders wichtig ist Nico Dietrich in diesem Zusammenhang die Ausrichtung des ersten »Festivals der freien Theater«, das u.a. eine Art Ressourcensharing vorantreiben und das JT als aktives Koproduktionshaus in der Theaterlandschaft etablieren will. Gleichzeitig verspricht der rege Austausch mit sowohl namhaften als auch kleineren Institutionen (u.a. das Deutsche Theater Göttingen und die Hochschule für Musik und Theater Hannover, die Universität Hildesheim und das Theater Rampe Stuttgart) ein facettenreiches Repertoire. Dies spiegeln die 13 kommenden Produktionen wider: vom Puppenspiel über die Gesellschaftskomödie, vom Musikspektakel bis zum Jugendstück, vom Schauspiel bis zur Performance werden die unterschiedlichsten Genres und Formate geboten.

Aufbrüche/Umbrüche, am 20.9. um 20 Uhr plastisch dargestellt von Körperkünstler Satu

Am 3. Oktober wird anlässlich des 25. Jahrestages des Mauerfalls eine semi-dokumentarische Adaption von Thomas Brussigs Helden wie wir gespielt. Ein Stück, das Nico Dietrich sehr am Herzen liegt, da er den Mauerfall ebenso wie der Protagonist des Stücks als Elfjähriger miterlebte. Am 18. Oktober gibt es Edward Albees schwarze Vorweihnachtskomödie Die Ziege oder Wer ist Sylvia?, inszeniert von Tobias Sosinka. Ein »Märchen zum Erwachsenwerden« ist das Puppenspiel Von einem, der auszog das Fürchten zu lernen, das den Dialog zwischen der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin und dem Jungen Theater verstetigen soll. Das Stück Crash-Kids, eine Art Coming-of-age-Roadtrip in der Inszenierung von Sebastian Stolz, wird als Tschick-Nachfolger gehandelt und feiert am 5. Dezember Premiere.

Junges Theater

logo Das Junge Theater Göttingen entstand 1957 als innovatives und alternatives Zimmertheater. Der Schauspieler Bruno Ganz läutete hier seine Karriere ein, auch Benjamin von Stuckrad-Barre und Christian Kracht verwirklichten sich im Jungen Theater. Heute bietet das Haus rund 200 Zuschauern Platz. Seit September 2014 zeichnen Intendant Nico Dietrich und Tobias Sosinka als Künstlerischer Leiter für die Qualität des Angebots verantwortlich.
 
 
Grenzerfahrungspoetik vom Feinsten erwartet das über 18-Jährige-Publikum am 6. Juni: Die Schauer-Performance Der Sandmann von Peer Ripberger verarbeitet Fremdtexte zu einem »postpostdramatischen« Schauspiel und lässt den historischen Stoff von E.T.A. Hoffmann durch die Einbindung von Robotern und Drohnen ungeahnte, überzeitliche Dimensionen annehmen.

Auf narrative Abwege begibt sich Tobias Sosinka im April mit der Inszenierung von Die Nacht dazwischen: eine rückwärts gesponnene Doppelbiografie zweier ehemals verbandelter Personen, verpackt in eine Autorerzählung. Ein Stück, das auf Drängen des Künstlerischen Leiters Eingang in den Spielplan gefunden hat. Der ist ein bekennender Fan des narrativen Theaters, während der Intendant dieses Format höchstens »naja, ganz schön« findet und sich mehr fürs genuin gespielte Stück erwärmt. So wird die Aufnahme von Drei Mal Leben, das Yasmina Reza zum Durchbruch verhalf und das mit dramaturgischem Dreischritt drei Variationen einer Ehe verhandelt, auf das Konto des Intendanten gehen.

»Wir werden ´ne richtige Band sein!«

Am Herzen scheint Dietrich außerdem das Format Mitmachtheater zu liegen, das die politische und kulturelle Anbindung an die Region stärken soll. Kai Tuchmanns Schön, dass Ihr da seid!, ist in Kooperation mit dem Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie Göttingen entstanden und will sich theatralisch mit der Geschichte, dem Ort und dem symbolischen Wert des Flüchtlingslagers Friedland auseinandersetzen. Inszenierungen sind sowohl in der Hospitalstraße als auch im Grenzdurchgangslager in Friedland geplant.

Ein Highlight wird das Musikspektakel Forever 27 Club im Januar sein. Jörg Martin Wagner will mit Musikern der Region die Klassiker der jung verstorbenen Rocklegenden des legendären Forever-27-Club vertonen und es so richtig krachen lassen: »Wir werden ´ne richtige Band sein!«, versprechen Dietrich und Sosinka, auch wenn die Darsteller gar kein Musiker sind. Gesucht werden zu diesem Zweck noch lokale Bands, die Hommage und Exzess zusammen denken.

Die Baustelle wird zur Forschungsstätte für neue Theaterperspektiven

Jung, kooperativ und bewundernswert furchtlos startet das neue Team des Jungen Theaters in die kommende Saison. Wir sind angetan und kommen gern – nicht zuletzt durch den freien Eintritt mit dem Kulturticket für Studierende der Uni Göttingen.



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 Veröffentlicht am 19. September 2014
 Fotos von Litlog/J.Karch
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