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GRK 1787
Laienliteraturwissenschaft

Am GRK 1787 forschen Promovierende zu den verschiedenen Auswirkungen der ‘digitalen Revolution’ auf den gegenwärtigen Literaturbetrieb. Auf Litlog stellen die Kollegiaten sich und ihre Projekte vor. Heute: Julian Ingelmann über Schreibforen als literarisches Mikrofeld im Grenzbereich der Gutenberg-Galaxis.

Bitte umreiße kurz dein Promotionsvorhaben für uns.
In meinem Promotionsprojekt untersuche ich Schreibforen. Das sind Internetplattformen, auf denen sich Hobbyschriftsteller_innen zusammenfinden, um selbstverfasste Kurzgeschichten und Gedichte zu veröffentlichen und sie anschließend mit Gleichgesinnten zu diskutieren. Auch wenn Kulturjournalismus und Geisteswissenschaft dieser digitalen Literaturszene bislang kaum Aufmerksamkeit schenken, ist sie kein Nischenphänomen: Allein auf Gedichte.com, der größten deutschsprachigen Website dieser Art, sind über 23.000 Nutzer_innen angemeldet; fast 130.000 Texte sind dort abrufbar. In meiner Dissertation untersuche ich diese Foren, die ich als eine Art Miniaturmodell des Literaturbetriebs verstehe. Ich möchte dabei vor allem herausfinden, wie sich Hobbyautor_innen gegenüber ihren Texten verhalten und wie dort über Literatur gesprochen wird.

Was fasziniert dich an deinem Untersuchungsgegenstand?
Wie wohl die meisten angehenden Literaturwissenschaftler und Deutschlehrer habe auch ich die erste Hausarbeit meines Germanistikstudiums über Kabale und Liebe geschrieben. Irgendwann habe ich dann aber gemerkt, dass sich meine Bearbeitung solcher kanonischer Texte weitgehend auf die Wiedergabe von Forschungsliteratur beschränkt. Die ist nämlich so vielfältig und umfangreich, dass man ihr als Student_in kaum noch etwas Neues hinzufügen kann. Um dieses Problem zu umgehen, habe ich angefangen, mir Texte anzuschauen, die von der Wissenschaft bislang weitgehend ignoriert wurden. Und siehe da: Auch solche Bücher können hochinteressant sein. In Zeiten von digitalisierten Bibliotheken ist es kein Problem mehr, solche in Vergessenheit geratene Schriftstücke zu finden; sie zu bearbeiten ist zwar durch fehlende Vorleistungen herausfordernder, dafür aus meiner Sicht aber auch dankbarer.

Kolleg


Das DFG-Graduiertenkolleg Literatur und Literaturvermittlung im Zeitalter der Digitalisierung ist einem hochaktuellen Themenfeld gewidmet und fördert Dissertationen, die die thematischen, ästhetischen und ökonomischen Auswirkungen der ‚digitalen Revolution‘ auf literarische Texte, Akteure und Institutionen des Literaturbetriebs von den 1980er Jahren bis heute untersuchen. Zugleich setzt das Kolleg ein neuartiges Modell geisteswissenschaftlicher Graduiertenförderung um und ermöglicht seinen Doktorandinnen und Doktoranden außer einer hohen wissenschaftlichen Qualifikation auch Praxiskompetenzen im Bereich der Literaturvermittlung. Weitere Informationen zum Projekt gibt es hier.

 

J. I.


Julian Ingelmann, geboren 1990, studierte Germanistik und Geschichte sowie Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Leibniz Universität Hannover. Er war studentische Hilfskraft am Deutschen Seminar, bei der Leibniz Stiftungsprofessur und im Zentrum für Lehrerbildung. Seit Oktober 2014 promoviert er am Graduiertenkolleg »Literatur und Literaturvermittlung im Zeitalter der Digitalisierung«.

 

Buchmesse

Im Rahmen des vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels ausgelobten Ideenwettbewerbs 2014 präsentierten sich das Graduiertenkolleg und Litlog am 11. Oktober 2014 in der Arena Digital im Forum Zukunft auf der Frankfurter Buchmesse (Halle 3.1, K 15). Dabei sollte gezeigt werden, wie Literaturwissenschaft heute aussieht und wie Digitalisierungsprozesse die Literatur aus unserer Sicht verändern.

 
 
Als besonders spannend empfinde ich etwa die Unterhaltungsliteratur um 1800. Mein Forschungsdrang gilt nicht Johann Wolfgang Goethe, sondern beispielsweise seinem Schwager Christian August Vulpius. Der war lange Zeit in der germanistischen Versenkung verschwunden – und das, obwohl sein Räuberroman Rinaldo Rinaldini, wie Goethe zähneknirschend eingestand, »eine Zeitlang wohl mehr Bewunderer in Deutschland [hatte], als Wilhelm Meister«. Glücklicherweise hatte ich an der Uni Hannover Dozent_innen, die solche Arbeiten angeregt haben und nicht nur widerwillig durchgehen ließen.

In meinem Promotionsprojekt beschäftige ich mich nun zwar nicht mehr mit Unterhaltungsschriftstellern des 19. Jahrhunderts. Mit den Mitgliedern von Schreibforen habe ich nun jedoch Akteur_innen in den Blick genommen, die nicht jeder sofort als Autor_innen bezeichnen würde. Mein aktuelles Forschungsprojekt verbindet also meine Begeisterung für übersehene Texte mit meiner Faszination für digitale Medien im Allgemeinen.

Welchen Stellenwert hat die Digitalisierung für dein Promotionsprojekt?
Auf den ersten Blick scheint es auf der Hand zu liegen, dass die Digitalisierung einen hohen Stellenwert für mein Promotionsprojekt hat. Schließlich beschäftige ich mich im Rahmen meiner Dissertation mit Texten, die ausschließlich online publiziert werden. Tatsächlich ist diese Frage aber recht schwierig zu beantworten. Denn natürlich hat das Phänomen »Laienliteratur« analoge Wurzeln. Schon lange gab es Menschen, die zum Zeitvertreib geschrieben haben – vor der Erfindung des Web 2.0 jedoch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Ich muss in meiner Untersuchung also klären, ob die von mir analysierten Texte nur entstehen, weil das Internet eine Möglichkeit bietet, sie zu veröffentlichen.

Bezeichnend für den unklaren Stellenwert der Digitalisierung für mein Promotionsprojekt ist außerdem die Tatsache, dass die Forenautor_innen keine »digitalen Stilmittel« verwenden. Die Nutzer_innen erzählen nicht multimedial oder mithilfe von Hyperlinks. Vielmehr schreiben sie Texte, die sich problemlos ausdrucken lassen. Deswegen siedelt mein Untertitel die Schreibforen »im Grenzbereich der Gutenberg-Galaxis« an. Forentexte sind eben weder eindeutig analog noch digital – und es ist mir wichtig, diese Hybridität herauszustellen.

Gibt es ein Netzfundstück, das zu deiner Arbeit passt?
Ich kann jeden Litlog-Leser nur ermuntern, sich Seiten wie Wortkrieger.de und Gedichte.com einmal anzuschauen. Selbst für Leute, die keine literarischen Ambitionen haben, lohnt sich ein Besuch. Schreibforen bieten massenhaft spannenden Lesestoff und sind super dafür geeignet, den eigenen literarischen Horizont zu erweitern. Natürlich ist nicht jeder Text ein Meisterwerk, aber ich bin doch immer wieder verblüfft, welche Leistung die sogenannten »Laienautoren« erbringen.



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 Veröffentlicht am 11. Juni 2015
 Kategorie: Wissenschaft
 Bild von Matthias Beilein
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