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Life on Mars?

Wärme, Sympathie und Nettigkeit: Der Schriftsteller Georg Klein will mit seinem neuen Roman Die Zukunft des Mars einen Kontrapunkt zu seinem bisherigen literarischen Schaffen setzen. Beim Göttinger Literaturherbst 2013 deutet er im Gespräch mit Kai Sina sein Vorhaben aus.

Von Anna-Lina Sperling

Leises Gemurmel hallt von den bunten Wänden des alten Rathauses wider, während die Gäste sich aus ihren Jacken schälen und ihre Plätze suchen. Es ist viertel vor sieben, eine Viertelstunde bevor die dritte Lesung des Göttinger Literaturherbstes 2013 anfangen soll. Noch ist der große Raum eher spärlich gefüllt, ein paar Leute haben sich auf den bereitgestellten Stühlen verteilt, doch es klaffen große Lücken zwischen ihnen. Zehn Minuten später kommt dann mit einem Schwung kalter Luft noch einmal ein Haufen Zuschauer, doch voll ist der Saal noch lange nicht. Ungefähr dreißig Zuhörer haben sich eingefunden, um der Lesung des deutschen Autors Georg Klein zu lauschen.

Georg Klein wurde 1953 in Augsburg geboren und 1998 mit dem Roman Libidissi bekannt. Seitdem hat er einige Bücher – Romane oder auch Erzählbände – veröffentlicht, die allesamt als eher düster gelten. Heute liest er aus seinem neusten Werk: Die Zukunft des Mars. Der Roman spielt auf zwei Planeten, der zukünftigen Erde und dem Mars, wo Siedler seit langem unabhängig und von ihrem Ursprungsplaneten abgeschnitten leben. Diese Siedler haben sich so weit angepasst, dass sie auf dem Mars atmen können, eine eigene, völlig andere Kultur und Gesellschaft entwickelt haben und das Leben auf der Erde nur aus alten Legenden kennen. Solche Legenden finden sich in den heiligen Büchern des Sonnenhauses, die allerdings kaum jemand lesen kann. Nur ein junger Arzt wagt sich daran und studiert sie. Doch das ist nicht genug, er füllt den Platz in den Büchern mit eigenen Worten, und verfasst so eine Art Brief an die Bewohner der Erde, um ihnen das Leben auf dem Mars zu beschreiben. Und während er schreibt, kommt etwas an die Oberfläche des Planeten, das nichts Gutes verheißt.

Beam me up

Auf einmal geht das Licht aus und das Gemurmel verstummt. Nur das Plakat des Literaturherbstes, das hinter dem Tisch auf der Bühne aufgehängt ist, wird beleuchtet. Einige Minuten lang ist es völlig still im Rathaus, nur von draußen sind die Glocken einer der nahen Kirchen zu hören. Doch sonst passiert nichts. Langsam aber sicher hebt das Gemurmel wieder an, irgendwer lässt ein kaum hörbares »Vielleicht sitzt er ja unter dem Tisch?« verlauten. Leises Gelächter. Irgendwann steht jemand – ein Mitarbeiter? – auf, geht die kleine Treppe rechts neben der Bühne hinauf und verschwindet durch die schwere Holztür, aus deren Öffnung helles Licht strömt und die Silhouetten zweier Männer zu sehen sind. Sie unterhalten sich scheinbar blendend. Ein bisschen hastig kommen sie auf die Bühne, einer recht jung, einer schon älter, mit Glatze und Lachfalten um den Augen. Ohne weitere Umschweife fängt der Moderator Kai Sina von der Göttinger Universität an: Er erzählt von einer Rezension im Internet und Kleins Reaktion darauf. Davon, dass Kleins Romane dem Leser die Grenzen seiner Vorstellungskraft aufzeigen würden und dass Klein sich einen »starken Leser mit Fantasiekapital« wünsche. Damit stellt er den Autor vor und Applaus brandet kurz auf.

»Keine Angst, so wild ist das nicht«, meint Georg Klein dazu nur lächelnd. Er spricht mit klarer, ruhiger Stimme und erklärt, worum es in dem Roman geht und was er lesen wird. Zwei Abschnitte sollen es sein, einer vom Mars und einer von der Erde, jeweils recht am Anfang des jeweiligen Handlungsstrangs. Dann fängt er an zu lesen und die Zuhörer werden mitgenommen auf den Mars und in die Zukunft. Ohne zu stocken und mit gerolltem R hört es sich fast schon an, als würde man einem Schauspieler beim Aufnehmen eines Hörbuches gegenübersitzen.

Beam me down

Nach ungefähr einer halben Stunde – wer kann das schon so genau sagen, wenn man in der Zukunft und auf einem anderen Planeten ist – klappt Klein das grüne Buch mit den orangenen Seiten zu. Kai Sina bedankt sich und auch das Publikum spendet Applaus, bevor der Moderator mit seinen Fragen einsteigt. Ob Klein das »verstehen wollen« als ein Grundmotiv des Buches sieht, will er wissen, denn die Charaktere aus

Buch-Info


Georg Klein
Die Zukunft des Mars
Roman
Rowohlt Verlag: Reinbek, 2013
384 Seiten, 22,95€
E-Book, 19,99€

 
 
beiden Abschnitten wollen etwas verstehen, doch gleichzeitig wird es auch dem Leser nicht leicht gemacht, selbst zu verstehen, was er da liest. »Das liegt an dem Erzähler«, sagt Klein. Der Ich-Erzähler auf dem Mars ist nicht geübt und gibt Informationen zu früh oder zu spät oder in Stücken oder auch gar nicht. Also ist der Leser auf sich gestellt und muss sich seiner Fantasie bedienen, um herauszufinden, was denn nun ein »Mockmock« ist, denn das sagt der junge Arzt auf dem Mars nicht explizit.

Nach einigen weiteren Fragen kommt als Letztes die Gestaltung des Buches und der Charaktere zur Sprache. Die Wesen auf dem Mars seien alle irgendwie niedlich, sagt Kai Sina und Georg Klein stimmt zu. Er wolle einen Gegensatz zu dem allgemeinen Gerücht, dass seine Bücher eher düster und gruselig seien, schaffen. Und das spiegelt sich auch in der Form des Buches wider. Die Seiten am Rand orange, das Format klein, ein Bild auf dem grünen Einband; das alles scheint auf Wärme und Nettigkeit und Sympathie ausgelegt zu sein. Tatsächlich sei das, sagt Klein, eines der schönsten Bücher, die er kenne und immer, wenn er eines signieren müsse, wische er sich unwillkürlich die Hände an der Hose ab, bevor er es aufschlage.

Nach dieser persönlichen Anekdote kommt er von der Bühne herunter, um Zuhörerfragen zu beantworten. Entspannt steht er zwischen der ersten Stuhlreihe und dem Podest. Die Fragen kommen eher zögerlich und mit langen Pausen, doch Klein nimmt sich die Zeit, auf alle einzugehen und ein richtiges Gespräch mit den Fragenden anzufangen. Die Runde wird aber schon bald vom Moderator abgebrochen, der dem Autoren ziemlich abrupt dankt und ihn verabschiedet. Es dauert einige Sekunden, bis das Publikum applaudiert – wie wenn es erst vom Mars zurückkommen müsste.



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 Veröffentlicht am 31. Oktober 2013
 Mars Dust Storm in Utah-tiltshift von Bruce Irving via flickr
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