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Literarische Entwicklungslehre

Die Evolutionstheorien eines Charles Darwin oder Jean-Baptiste de Lamarck sind ihre Religion, die Eckpfeiler ihrer Weltdeutung Konkurrenz und Räuber-Beute-Beziehung: Judith Schalanskys Roman Der Hals der Giraffe konfrontiert den Leser mit der kruden Weltsicht einer Lehrerin aus dem niedergehenden vorpommerschen Hinterland.

Von Gesa Husemann

Hält man Judith Schalanskys Roman Der Hals der Giraffe in der Hand, eröffnen sich einem pop-up-artig die Unzulänglichkeiten eines Ebooks. Diesen Einband will man keinesfalls missen. Zwar hat das fein abgestimmte Farbzusammenspiel zwischen schwarz, weiß und grau eher Understatement-Qualitäten als Hinguckerpotenzial, dennoch bleibt der Blick hängen, verfängt sich fast in dieser reliefbestückten Umschlaglandschaft, deren Unebenheiten man sofort ertasten will. Auf Grobes, Robustes, Raues treffen die über den von Schalansky eigens gestalteten Einband streichenden Fingerspitzen. Die haptische Einbandgestaltung und der Buchinhalt komplettieren einander; man erfühlt bereits den raubauzigen Charakter der Protagonistin Inge Lohmark. Dass auf den sonst üblichen Schutzumschlag verzichtet wird, scheint da nur ein Indiz mehr für die gezielte lektürelenkende Funktion des Leinenbandes. Deutlich ist zu vernehmen: Hinter dieser Werkkomposition steht ein ästhetischer Gesamtanspruch.

Die sorgfältige Gesamtkomposition dieses Romans ist imposant, doch sie überrascht nicht, kennt man die Autorin. Schon Judith Schalanskys Atlas der abgelegenen Inseln war ein Gesamtkunstwerk – es ist von ihr nicht nur geschrieben und mit Zeichnungen versehen, sie setzte es auch selbst und begleitete den Druck. Die Liebe zum Detail erkennt man ihren Werken sofort an, sie komponiert bedacht und konsequent. So auch bei diesem Roman, dessen Dreh- und Angelpunkt das biologistische Weltbild der Protagonistin Inge Lohmark ist. Diesem Rahmenthema entsprechend finden sich nicht nur themenbezogene Illustrationen, sondern auch Überschriften auf jeder zweiten Seite, die den jeweiligen Seitenhandlungen ein biologisches Prinzip zuordnen.

Durch die darwinistische Brille

Schon mit dem Titel des Romans, Der Hals der Giraffe, spielt Schalansky an auf das populärste Beispiel evolutionärer Weiterentwicklung und führt so umweglos ein in die Welt einer ostdeutschen Lehrerin, die das Leben nur zu bestreiten weiß, indem sie sich an die handfesten Theorien der Biologie hält: Die Evolutionstheorien eines Charles Darwin oder Jean-Baptiste de Lamarck sind ihre Religion, die Eckpfeiler ihrer Weltdeutung Konkurrenz und Räuber-Beute-Beziehung. Inge Lohmark sieht ihr komplettes Umfeld durch die darwinistische Brille. Ihre Ansichten kulminieren in Aussagen wie »Zum Opfer macht man sich nur selbst« – und dass sie ihre Tochter vor etlichen Jahren das letzte Mal gesehen hat, findet sie nicht weiter widernatürlich, denn »die Strauße sahen ihre Küken ja auch nie wieder«.

Buch


Judith Schalansky
Der Hals der Giraffe
Suhrkamp: Berlin 2011
224 Seiten, 21,90€

 
 
Zwischenmenschliche Beziehungen werden bei ihr anhand von Verhaltensmodellen aus der Zoologie erklärt, und ästhetisch beeindruckende Naturphänomene von ihr seziert, bis von der Schönheit nichts mehr übrig bleibt: Statt schillernd farbenfrohen Herbstblättern sieht sie nur noch Carotinoide, Xantophylle und Miniermotten. Dass Lohmark sich mehr für Haeckels Quallenzeichnungen interessiert als für Monets »sumpfiges Geschmiere im Querformat«, zeigt nur die Konsequenz in ihrer Charakterzeichnung.
Doch die Fassade der resoluten, markigen Frau hat Risse. Gerade dann, wenn Schalansky an diesen Brüchen ansetzt und die schwachen Momente Lohmarks beschreibt, ist der Roman am stärksten. Dies sind eben jene Momente, in denen Gefühle doch aus dem starren biologistischen Korsett auszubrechen drohen – und durch Lohmarks Selbstschutzmechanismen gleich wieder abgeschnürt werden durch einen Schwenk in die Natur. »Sie hatte beide Kinder verloren, das geborene und das ungeborene. Blödsinn. Das durfte man nicht mal denken. Die Bäume waren längst überpflügt.«

Ein konkreter Auslöser für diese Ausbrüche ist Erika, eine von Lohmarks Schülerinnen. In ihr sieht die Lehrerin mehr als nur »ein flüchtiges Vorkommnis auf Proteinbasis«. Die Emotionen, die dieses Mädchen in ihr auslöst, lassen sich nicht wie gewohnt einfach kontrollieren. Erika, das widerstandsfähige Heidekraut, setzt sich unauslöschbar in ihrem Kopf fest, immer öfter bleibt Lohmarks Blick an dem Mädchenkörper hängen, bemerkt »eine kleine Mulde in Erikas Nacken«, die »Knochen unter der hellen Haut«. Dabei entgleiten ihr nicht nur die Gedanken, sondern auch ihr sonst dem eigenen Regelwerk streng entsprechendes Verhalten zeigt sich nun in manchen Momenten intuitions- und emotionsgelenkt. Wenn eine Umarmung der verhassten Kollegin Schwanecke, von Schalansky als gefühlsüberbetonte Antifigur eingesetzt, bei Inge Lohmark schließlich Gedanken an »ihre Brüste, weich und warm« auslöst, dann nimmt die mitschwingende Vermutung, dass es hierbei nicht zuletzt um unterdrückte Homosexualität geht, konkretere Formen an. Lohmark hingegen empfindet, ganz gemäß dem Ethos evolutionärer Reinheit, den Gedanken an Homosexualität als tabu und verabscheuungswürdig: Homosexualität stellt in der Natur keine Variante des Sexuallebens dar – egal, was der Lehrplan neuerdings behauptet.

Zeit für Exotismen

Schalansky führt den Leser tief ein in die schwarz-weiß-konträre Gedankenwelt dieser Meisterin der Verdrängung, kunstvoll illustriert auch anhand der Beziehung zu Tochter Claudia. In einem Moment begegnet man Lohmark, wie sie ein heiles Familienbild entwirft, in dem die Tochter im Nebenhaus wohnt und die Mutter zum Tee auf der Terrasse besucht. Im anderen Moment bricht kontrastierend eine reale Erinnerung durch: Die kleine Claudia befindet sich in einem desolaten Zustand und sucht Trost bei ihrer Mutter, Lohmark jedoch entscheidet sich klar für die Rolle der unnahbaren Lehrerin, stößt sie vor versammelter Klasse von sich weg und zu Boden. Es gibt eben nur schwarz und weiß: »Sie waren in der Schule. Es war Unterricht. Sie war Frau Lohmark.«

Schritt für Schritt drängt dieser Bildungsroman – so die Untertitelung, die einer gewissen Ironie natürlich nicht entbehrt, mit der die Autorin gleichzeitig aber auch die unscharfen Grenzen dieser Kategorie für sich ausnutzt – auf den Fall der Inge Lohmark. Judith Schalansky zeichnet hier überzeugend sprachlich präzise und schnörkellos eine emotional retardierte Frau, die sich in den Freiheiten eines postkommunistischen Ostdeutschlands, das sich nicht mehr über starre, feste Grenzen definiert, nicht zurechtfindet. Die DDR ist passé, es tun sich neue Lebensausgestaltungsräume auf. Der eine schafft es, diese für sich nutzbar zu machen, wie Lohmarks Mann, der »Held der Regionalbeilage«, der sich nun Exotismen widmet und erfolgreich Strauße züchtet statt wie früher Kühe zu besamen, um die Fleischversorgung der DDR-Bürger sicherzustellen. Und der andere, der bleibt, ganz nach dem Prinzip der natürlichen Auslese, auf der Strecke. So schließt Schalansky den Roman in aller Ironie, denn etwas für das Fortbestehen Essentielles enthält sie ihrer Vollblut-Biologistin vor: Die Fähigkeit zur Anpassung.



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 Veröffentlicht am 20. März 2012
 Kategorie: Belletristik
 Das Bild basiert auf einem Foto von cderrick via morguefile.
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