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Mantra der Verstörung

Am 16. Februar 2013 feierte die Produktion Black Beauty des Göttinger boat people projekts Premiere. Die Dreiecksgeschichte um Juli, Bheka und Alice spielt zwischen den Kontinenten Europa und Afrika und bewegt sich zugleich zwischen Gefühlsstadien und Gesetzesfragen, die kosmopolitisch sind.

Von Leonie Krutzinna

Erst nach und nach werden sie auf die Bühne getragen. Die Habseligkeiten eines frisch verliebten Paares, verpackt in Kartons, ein Sitzsack und eine große Holzgiraffe. Möbel haben sie nicht, Juli und Bheka, sie brauchen auch keine. Sie wollen heiraten – wenn Bheka endlich die Einladungen unterschreiben würde, denn »wenn man nicht einlädt, kommt auch niemand«, heißt es. Das bedeutet im Umkehrschluss: ›Wenn wir euch nicht einladen, dann kommt bitte auch nicht.‹

Der Konflikt steht im Raum noch bevor die Handlung so richtig in Gang gekommen ist: Über Verliebtsein entscheidet die Politik. Zuwanderungsfragen werden mit Abschottung beantwortet, »damit weniger kommen, die uns ausnützen, und mehr, die uns nützen« (Günther Beckstein). Was für die eine Seite abstrakte Gesetze sind, trifft Betroffene mit voller Wucht: die Unterbringung in Massenunterkünftigen, eine ›Residenzpflicht‹, die verbietet, Stadt bzw. Landkreis zu verlassen; ein Leben in Duldung mit beständiger Angst vor Abschiebung.

Zwischen den Lebenswelten

In einer behüteten Kleinstadt wie Göttingen bekommt man vom Alltag Asylsuchender kaum etwas mit, zu wenig überschneiden sich die Lebenswelten. Das Göttinger boat people projekt setzt mit seiner Theaterarbeit an dieser Schnittstelle von Politik und Kultur an. In seiner ersten Produktion »Lampedusa« im Jahr 2009 stellte es scharf, was von Göttingen aus in weiter Ferne liegt: die Flüchtlingsströme und ein Europa, das seine Außengrenzen dicht macht. Das boat people projekt rückt die Themen Flucht und Migration ins Bewusstsein der gut situierten niedersächsischen Kleinstädter, die mit Migrant_innen im Alltag wenig in Berührung kommen. Im jüngsten Stück Rosenwinkel wählte man bewusst die Nahaufnahme, um das Theater und mit ihm das Publikum dorthin zu bringen, wo in Göttingen Sinti und Roma leben.

Das Stück

Black Beauty
Premiere 16.02.2013 in der Passage im Cheltenham House
Text: Luise Rist
Inszenierung: Nina de la Chevallerie und Luise Rist
Musik: komponiert und gespielt von Hans Kaul, gemeinsam mit Mark Kutah
mit Nathalie Hounvo Yepke, Sonja Elena Schroeder, Xolani Mdluli

 
 
Mit Black Beauty geht die freie Theatergruppe nun wieder mehr in die Totale und nimmt den Kontinent Afrika in den Blick. Im Unterschied zu vorherigen Produktionen beleuchtet sie nicht die Situation Ayslsuchender, sondern die von Menschen, die ›freiwillig‹ kommen. Anders ist nun auch, dass die Regisseurinnen Nina de la Chevallerie und Luise Rist dieses Mal nicht mit Laien, sondern ausschließlich mit Profis zusammen arbeiten. Neben der Göttinger Schauspielerin Sonja Elena Schroeder konnte durch Mittel des Auswärtigen Amtes Nathalie Hounvo-Yepke aus Benin für die Produktion gewonnen werden sowie der Tänzer Xolani Mdluli, der gebürtig aus Südafrika kommt und in Belgien lebt.

Die Künstler_innen repräsentieren durch ihre Biographien zugleich den globalen Gedanken des Stückes. Auch die Wahl der Spielstätte spiegelt die Idee des Transits: eine ehemalige Plus-Filiale im Göttinger Cheltenham-House, das, ursprünglich gedacht als Shopping-Mall mit attraktiven Gewerbeflächen, heute überwiegend leer steht. Wie eine Zeitreise zurück in die frühen 1990er Jahre ist der Gang durch die Passage zwischen Friedrich- und Theaterstraße. Hier ist ein städtebauliches Konzept nicht aufgegangen. Der Leerstand schafft Unbehagen und Befremdung – eine Empfindung, die sich das boat people projekt rezeptionsperspektivisch zunutze macht. In der dargestellten Dreiecksgeschichte zwingt es das Publikum immer wieder dazu, selbst die Sicht des Fremden einzunehmen.

»Wenn der Tisch kommt, kommt auch der Schrank«

Die möbellose, erste gemeinsame Wohnung. Schwere hält in Juli und Bhekas gemeinsames Leben keinen Einzug. Ihre Körper beweisen das Glück, die Leichtigkeit und Harmonie ihrer Choreographie braucht kaum ein Bühnenbild, kaum Requisiten. Fast schon unheilvoll heißt es dann: »Wenn der Tisch kommt, kommt auch der Schrank«.

Und so steht plötzlich Alice vor der Tür, direkt aus Afrika meldet sie sich aus Bhekas früherem Leben zurück. Im Lebensentwurf des verlieben Pärchens ist für sie kein Raum. Aber Alice ist keine Opferfigur, stattdessen behauptet sie ihren Platz in der Wohnung und zieht selbstbewusst in die Schlacht um das umkämpfte Terrain von Identität und Zugehörigkeit. Die Produktion des boat people projekts versteht es, diesen Konflikt so zu inszenieren, dass die Identifikation mit den einzelnen Figuren immer in der Balance bleibt. Schnell wird klar: Hier sind alle fremd und trotzdem wollen doch alle das gleiche: ein glückliches Leben. Privates und Politisches vermischen sich permanent und es ist nicht möglich die figural-individuelle von der übergeordneten politischen Ebene zu trennen. »Das ist nicht Europa, das bin ich«, ruft Juli voll Verzweiflung aus. Das Gefühl von Eifersucht und Verlustängsten ist kosmopolitisch.

Dennoch rutscht die Produktion nicht ins Gefühlsduselige ab. Offener Rassismus und Exotismus, Stereotype und Klischees werden reproduziert, was manchmal komisch und meistens in qualvoller Präzision erfolgt. »Es sind schon genug Schwarze drin«, wird Bheka vom Türsteher einer Disco abgewiesen. Über Minuten wird der Satz wie ein Mantra zum Beat von Hans Kaul und Mark Kutah wiederholt, bis sich die Wut der Figuren darüber im Verprügeln eines Sitzsacks entlädt.

Blinde Wut, die nichts an den Ursachen ändert. So bildstark die Inszenierung ist, so assoziativ und leicht die Improvisationen und die Choreographien auch anmuten – es bleibt das Gefühl der Hilflosigkeit. Gerade das konträre Verhältnis vom dargestellten Konflikt zur Art der Darstellung schafft Verstörung in der Rezeption.

Man möchte Bhekas Alienitätsgefühl für sich beanspruchen: »Die Bilder stimmen nicht. Ich muss übersetzen, die ganze Zeit«. Black Beauty zeigt, wie Empfindung die Sprache, die Politik, die Gesetze an ihre Grenzen bringt und schlägt vor, Dichotomien zu überwinden: Während der Inszenierung wechseln die Darsteller_innen die Hautfarbe. Die Absage an Schwarz-weiß-Malerei mag analog dazu ein zaghaft anklingender Lösungsversuch sein.



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 Veröffentlicht am 27. Februar 2013
 Bild von Reimar de la Chevallerie mit freundlicher Genehmigung vom boat people projekt
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