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Nackte Haut, nacktes Herz

Wenn man liebt, macht man sich verletzlich, man macht sich nackt. Die etwaigen Mauern, die man aufgebaut hat, werden eingerissen. Man lässt so viel Nähe zu, dass es wehtun kann und brennt. Doch Liebe kann auch Glück bedeuten, Freude und dieses selige Taumeln, während man an den geliebten Menschen denkt. Liebe hat viele Gesichter.

Von Denise Wullfen

Von der Liebe handelt auch der Roman Nacktschnecken von Rebecca Martin, mit dem die Autorin ihr mittlerweile drittes Werk veröffentlicht. Ihr Debüt war der Jugendroman Frühling und so, welches sie als Siebzehnjährige publizierte. Dieser handelte von der jungen Raquel, deren Alltag durch Höhen und Tiefen geprägt war, wobei Männer eine wesentliche Rolle spielten. Auch in Nacktschnecken schreibt die Autorin über den Alltag aus der Sicht einer Protagonistin, allerdings in einer anderen Form: Nora und Paul, beide in den Zwanzigern, führen eine monogame Beziehung. Nach der verliebten Anfangsphase wird sich die Liebe zwar noch gegenseitig beteuert, jedoch werden in den Gedanken der Protagonistin Fragen und Zweifel laut. Sich selbst zu finden inmitten des Gefühlschaos´, scheint für Nora die eigentliche Herausforderung zu sein. Genauso wie das Wiederzueinanderfinden, wenn es denn funktioniert. Die Thematik des Buches ist an sich weder neu noch bahnbrechend, bleibt aber spannend.

Es ist so leicht, sich zu verpassen – selbst dann, wenn dir der andere gegenübersteht

Nora ist die Protagonistin des Romans und spielt erfolgreich in einer Fernsehserie mit. Die 22-Jährige wohnt zusammen mit ihrer Kollegin und Freundin Emily in einer WG, die eine Schwäche für ältere Männer und schmerzende Romanzen hat. Nora hingegen ist eigentlich glücklich in ihrer Beziehung mit Paul. Wären da nicht die Hindernisse, die das Leben und der Alltag so mit sich bringen. Sei es Pauls essgestörte Ex-Freundin, der er ihrer Meinung nach viel zu viel Aufmerksamkeit schenkt. Nora ist gespalten zwischen dem Wunsch, eine gute Freundin zu sein und ihrem Bedürfnis, ein Alleinstellungsmerkmal bei Paul zu haben. Und dann ist da noch der Sex, der mehr Problem als Erfüllung zu sein scheint. Wie gut muss der sein? Muss immer alles funktionieren? Wie wichtig ist er wirklich? So summieren sich Noras Zweifel, an der Beziehung und an sich selbst.

Sag nicht so oft »Ich liebe dich«, du weißt doch, dass man das nicht soll, das nimmt den Worten die Kraft, wenn du sie so inflationär gebrauchst

Man fragt sich, ob Nora repräsentativ für die Generation stehen soll, zu der auch ihre Schöpferin Rebecca Martin gehört. Denn Nora wirkt unzufrieden und scheint vor allem dann leidenschaftlich zu sein, wenn es um das gedankliche Ausbreiten ihrer Gefühle und die daraus resultierenden Probleme und Herausforderungen geht. Doch die Autorin schafft dennoch eine junge Frau, die ein hohes Identifikationspotential für die Leserin birgt. Zweifel, Ängste und Ungewissheit sind jedem bekannt.

Das Infrage stellen des Konzeptes von Monogamie ist interessant, aber nicht neu. Noras Beziehung gerät im Laufe des Romans immer mehr ins Wanken. Man stellt sich die Frage: Wäre Nora glücklicher, wenn sie ihre Kraft in etwas investieren würde, das unabhängig von Paul ist? Zerstört die emotionale Abhängigkeit vom Partner die Beziehung? Ab wann ist es zu spät, um noch etwas zu retten?

Ich weiß, alle sagen, es ist normal, dass diese Innigkeit oder Ausschließlichkeit, oder wie auch immer man das definieren mag, irgendwann verloren geht. Aber ich vermisse es.

Der Roman besteht aus vielen Dialogen, aus vielen »Paul/Nora sagt«-Repliken. Interessant ist aber eher das Unausgesprochene, das was getan und gedacht wird. Wenn Nora um eine Auszeit bittet und Paul trotzdem den Kontakt nicht einstellt, wohin führt das? Was passiert, wenn sich einer der beiden einer anderen Person annähert? Es ist interessant zu beobachten, wie Paul und Nora auf ganz verschiedene Art und Weise mit dem Alltag und Problemen ihrer Beziehung umgehen. Das führt unweigerlich dazu, dass man sich fragt: Wie würde ich die Situation angehen?

Jeder, der schon einmal in einer langjährigen Beziehung, Affäre oder einer sonstigen emotionalen Verbundenheit gesteckt hat, wird sich in Nora wiederfinden können. Man spürt ihre Trauer, weil sie vermutet, dass ihre Beziehung sich dem Ende zuneigt. Man merkt die Hoffnung in den guten Phasen, wenn sie wirklich davon überzeugt ist, das mit Paul halte für immer. Die Liebe packt Nora und rüttelt sie, manchmal wird man dabei auch ein bisschen mitgerüttelt. Der Roman handelt von einer Beziehung, die nicht perfekt ist und es im Laufe der Geschichte auch nicht wird. Ebenso zeigt er die Angst, die gerade heutzutage präsent ist. Die Angst vor dem allein sein. Oft wird allein sein als Scheitern interpretiert, als ein Eingeständnis, nicht »gut genug« zu sein. Doch alleine sein ist viel mehr als das, denn man ist immer noch mit dem wichtigsten Menschen der eigenen Welt zusammen: sich selbst. Man hat Zeit, sich selbst kennen zu lernen und sich auf alles zu konzentrieren, was für das persönliche Glück wichtig ist. Das ist auch im Roman zu beobachten. Nach und nach wird deutlich, wie Nora sich außerhalb ihrer Beziehung als Individuum zu begreifen scheint. Doch wie viel „Ich“ braucht die Liebe?

Der Roman ist sympathisch und lesenswert, die Gedankengänge der Protagonistin spannend. Egal, ob verliebt oder alleine, unglücklich oder glücklich – dieses Buch ist für alle, die der Liebe ins ungeschönte Gesicht blicken wollen, empfehlenswert.



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 Veröffentlicht am 8. Juli 2016
 Kategorie: Belletristik
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