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Natur, Gesellschaft, Dichtung

In Michael Spyras Gedichten begegnet man modernen Halbgöttern und blickt auf soziale und literarische Ordnungen. Man trifft auf einen Autor, der formgewandt die Gegenwart durchwandert. Sein Debüt Auf die Äpfel hatte der Herbst geboxt wurde 2015 im Mitteldeutschen Verlag veröffentlicht.

Von Alena Diedrich

Keine ›Alterslyrik‹ verbirgt sich hinter der Herbstmetaphorik des Bandtitels, sondern der Blick eines jungen Autors auf Menschen, Natur und Gesellschaft. Mit Beiträge zur Beziehungskunde, Ergänzungen zur Naturkunde und Anmerkungen zur Sozialkunde betitelt Michael Spyra die drei Abschnitte seines lyrischen Erstlingswerkes. Der 2015 erschienene Gedichtband enthält neben den Texten auch Schwarz-Weiß-Fotographien des Absolventen des Literaturinstituts in Leipzig, der zudem Facherzieher für Sprachförderung und Sprachentwicklung ist.

Beziehungsraum

Mit der Liebe fängt es an. Oder auch wieder nicht. Spyras Beziehungsgedichte berichten von Körperlichem und entlarven romantische Idyllen als literarische Utopie. Circe erteilt Odysseus einen Korb – »Ich hab’ den Sex mit dir unendlich satt!« – und die Goethe’sche Schilderung der körperlichen Erfahrung von Dichtung in den Römischen Elegien wird zum gewaltvollen Akt:

[…] Ich nehme,
ein Abbild derer, die du fürchtest, dich
von hinten. Meine Hand, ein Fächer in
der Rückenkuhle, hält den Takt und weiß:
auch du würdest mich jetzt zerfleischen,
wenn mir die Leine oder Geißel sinkt.

Da Begegnungen – jedweder Art – immer nur vorübergehend sind, unterliegt man der Anstrengung, aber auch der Möglichkeit, sich immer neu zu begegnen. So wird die Wiederneuerkennung zur Beziehungsmechanik. Ein routinierter Zauber entsteht, der die Schwere außer Kraft setzt, wie beim automatischen Ablauf in einem Kugelschrittschaltwerk:

Diese unregelmäßigen Treffen, das Innere, alte,
Bekannte nach außen gekehrt. […]
[…] Kann nicht aus
dem Nichts, nicht im Nichts verschwinden, die
Schwerezentren zweier Objekte, in der gleichen
Zeit die gleichen Flächen überstrichen zweier
Ellipsen, die dritte Potenz der großen Halbachsen.
Sind nicht du oder ich im Quadrat, sind Überuns.

Spyras zwischenmenschliche Begegnungen werden durch Zentrifugalkraft zusammengehalten. Geistig-intellektuelle und körperliche Nähe wird dort empfunden, wo man am Ende durch große und letzte Dinge getrennt bleibt: »nur Götter, Gräber und Gelehrte zwischen uns«. Beim gemeinsamen Zähneputzen ist jeder in seinem Mundraum allein und schließlich bringt der Galgenstrick – bildlich gesprochen – die Dinge ins Lot.

Naturraum

Eher selten sind die Glücksmomente und zaghaft die Gewissheiten, in denen »du das kleine Stück an mich heranrückst / dass wir uns hier und da berühren, dann weiß ich, / dass ich dranbleiben will.« In den meisten Fällen bleibt dort, wo man sich wirklich begegnet, ein zögerndes »vielleicht«. Als Beiträge, Ergänzungen und Anmerkungen nur zu den großen Fragen betitelt Spyra die Kapitel seines Gedichtbandes – die Gedichte hingegen schlagen einen bestimmteren Ton an und nehmen durch ihre sichere Metrik dort Fahrt auf, wo sie Naturerfahrungen schildern, wie etwa in Wir wandern:

Brot und Wein in den Säcken, Wurst und Käse auf jeden
Eine Flasche Schnaps: macht drei. Die andren zwei sind:
Werth, mit einem Lied auf den Lippen, und ich mit der Schachtel
Feinster Kräuter. Förster schießt Fotos, Wolf zieht der ersten
Ente den Korken, und Bräuer flockt großzügig Gras in den Tabak.

Mit Lessing, Goethe, Hölderlin sowie der Sächsischen Dichterschule der 1970er Jahre geht der in Aschersleben geborene Autor auf lyrische Wanderschaft. Alkäische Oden, elegische Distichen, Alexandriner und Hexameter, Blankverse und Sonette sind die antiken und barocken Formen, vor deren traditionsreicher Folie Spyra den Blick auf die Gegenwart – und die Möglichkeit ihres Dichtens – lenkt.

[…] Jetzt brechen die ersten
Äste ins Dunkel. Schnell ein Toast auf den Sturm, darf ich bitten.
Auch dein Stoßgebet ist willkommen, Freund Luther. Schon rasen
Über uns Wolken, das Fell eines mächtigen Untiers, gebürstet,
gegen den Strich, durch gebogene Wipfel, Woge um Woge.
Weiter, denn jetzt sind wir Treiber und jagen taub durch die Wälder,
weil uns das Tosen des Sturms in den Ohren, ein Meer in den Muscheln
kreist, und als es den ersten ins Wolkenfell reist, halten wir ihn,
auf den Boden gezwungen, zurück. Ein heiteres Spiel, denn
vor den Orkanböen hatte der Unwetterdienst uns gewarnt.

Buch


Michael Spyra
Auf die Äpfel hatte der Herbst geboxt
Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale), 2015
80 Seiten, 9,95€

 
 
Spielerisch und stürmisch, als ein jagendes Treiben wird die Produktion von Lyrik beschrieben – schön geordnet in trivial-generischer Ordnung stehen die Bücher dann hingegen (im Gedicht Thalia) zum Verkauf. Und auch in Schwäneversenken im See wird mit dem literarischen Markt und seinen Implikationen abgerechnet. Wechselgeld und Brötchen wirft der lyrische Sprecher dem Symboltier des Dichters, dem Schwan, »vor den Schlund«, dieser »schnattert […] und schlingt die Scheiße, / bis er zu schwer wird, dann geht er unter.«

Gesellschaftsraum

In der Natur und mit Naturbildern werden Sprache und Schweigen verhandelt. Auf der freien Fläche kann und muss man sich Grenzen nähern, seine eigenen ausloten, kann Ordnungen schaffen und die Metren – rhythmische Berge und Täler – durchwandern.

Auf so einem Berg,
das ist schon eine gute Sache,
da kommen nur Leute hin,
die auch wieder runter wollen.

Du guckst so runter und denkst:
›Das geht mich alles gar nichts an
Auf so einem Berg.‹

Doch wo man der Welt romantisch entrückt ist, will man post-romantisch wieder hinein in das Gewimmel von Kohlenmännern, Hausmeistern, Kneipenhängenbleibern, Obdachlosen, Eremiten, Flaschensammlern, Junkieboys, Dealergirls und Dichtern. Außenseiterfiguren – wenn man sie denn so nennen will, denn bei Spyra stehen sie im Zentrum der Gesellschaft – gibt es in diesen Gedichten viele. Erst sie ermöglichen einen unverstellten Blick auf die aktuelle Zeitgeschichte, den Gesellschaftszustand:

Wenn du schon nicht teilen willst, heiße den Gast,
der es zu dir geschafft, doch willkommen, egal
ob er es ist, von dem du das,
genommen, was du hast.

Die sechs im Gedichtband mit abgedruckten Schwarz-Weiß-Fotographien spiegeln die in den Gedichten entworfenen Themen um Natur- und Gesellschaftsräume visuell. Sie zeigen den ›Außenseiterblick‹ auf verschlossene Strandkörbe in der Sonne, blicken auf urbane Anhäufungen von alltäglichen Gegenständen auf Flohmärkten und an Straßenrändern – gruppierte Schreibtischlampen, gleichgeschaltete Stuhlreihen, ausgediente Schlitten – doch sie zeigen auch stille und einsame Naturbilder, eine Flussgabelung mit Insel und Fischerhaus, eine Grenze aus Licht und Schatten am Waldrand. Hier im Zwischenraum von Natur und Gesellschaft gibt es Grenzen, die auszuloten, die zu verändern sind, und durch deren Verschieben neue Räume für die Dichtung entstehen.



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 Veröffentlicht am 20. April 2015
 Kategorie: Belletristik
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