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Pop! Pop! Pop!
Pop IX – Hybride Identitäten

In Lateinamerika befindet das Duo Jesse & Joy sich auf dem aufsteigenden Ast in die Popularität. Die aalglatte Inszenierung als typisch mexikanisches Geschwisterpärchen ist dabei nahezu verdächtig, sodass sich ein genauerer Blick auf die Selbstdarstellung der beiden lohnen mag: In zahlreichen Interviews ballen sich Aussagen zu den familiären Hintergründen, zur binationalen Herkunft der Geschwister sowie zu deren Anspruch, dieser auch durch die Musik gerecht zu werden. In diesem Essay diskutiert Antje Dreyer, was sich hinter pseudo-authentischer Homogenität und hybrider Identität bei Jesse & Joy verbirgt.

Von Antje Dreyer

Eine junge Erfolgsgeschichte

Jung und erfolgreich, das sind Jesse & Joy. Das aus zwei Geschwistern bestehende mexikanische Pop- und Rock-Duo wurde offiziell im Jahre 2005 gegründet, jedoch schreiben die beiden bereits seit 2001 eigene Songs, wie zum Beispiel Llegaste tú. Ihr Debütalbum mit dem Titel Esta Es Mi Vida – Dies ist mein Leben – erschien 2006 bei Warner Music Mexico. Im Jahr 2005 waren sie die Vorband auf Konzerten des mexikanisch-argentinischen Duos Sin Bandera oder von James Blunt und konnten mit ihrer ersten Single Espacio Sideral ein Jahr später große Erfolge verzeichnen, bis hin zu Nominierungen für die Grammys 2007. Ihr drittes Album Con quién se queda el perro? aus dem Jahr 2011 erhielt insgesamt vier Latin Grammy Awards und fünf Nominierungen. Außerdem absolvierten die Geschwister zahlreiche internationale Konzertreisen in die Vereinigten Staaten, verschiedene Länder Lateinamerikas und Spanien.

In offiziellen Biographien (bspw. Sociedad de Autores y Compositores de México1) liegt der Fokus vor allem auf der fehlenden musikalischen Vorbildung der Geschwister in Kombination mit einem mythisierenden Narrativ davon, wie natürlich sich ihre Musik doch entwickelt habe und wie ihnen der Weg in das Musikbusiness fast schon »magisch« eröffnet worden sei. Diese Darstellung des »Wundersamen« in den Biographien ist selbstverständlich als Teil einer Inszenierungsstrategie zu bewerten. Außen vor lassen die Darstellungen häufig aber die Bedeutung der Binationalität für das Duo, die sich in vielen Interviews des Duos gerade in Zusammenhang mit der familiären Bindung in auffälliger Weise äußert. Die Interviews rücken im Folgenden daher in das Zentrum meiner Aufmerksamkeit.

Interviews und Authentizität

Jesse & Joy im Interview mit dem Kanal Blastro 2 vor ihrem Auftritt bei ACL TV (2013).

Interviews haben laut Gröbel, Hoffmann und Kaiser folgende Eigenschaften: Sie sind a) ein Instrument der Aufmerksamkeitsökonomie und Werkpolitik, das b) als paratextuelle Gattung zum künstlerischen Schaffen c) primär öffentlichkeitsbezogen ist und dem Künstler d) eine bewusste Selbstdarstellung ermöglicht, sodass davon auszugehen ist, dass Interviews spezifische Bilder eines Künstlers produzieren und reproduzieren.2 Dabei ist jedoch immer fraglich, ob die Interviewten aufgrund des reziproken Macht-Ohnmachtsverhältnisses zum Interviewer in eine bestimmte Rolle gedrängt werden und ob das diskursiv erzeugte Bild ihnen dienlich ist.3 Wie glaubhaft die (Selbst-)Darstellung schließlich ist, bleibt ebenfalls offen.

Pop Pop Pop!

Pop als Feld permanenter Aushandlungsprozesse braucht Authentizität. Der Verweis auf realness und fake, street credibility und wahre Identität dient in der populären Musik dazu, sich nach außen und innen zu vergewissern. Gleichzeitig ist Authentizität immer dann vorbei, wenn man sie als solche begrifflich zu fassen beginnt. Nach der Ringvorlesung des Wintersemesters 2014/15 an der Universität Göttingen hat sich im September 2015 auch ein komparatistischer Workshop in intensiven Diskussionen dem Thema populärer Musik gewidmet und dabei Phänomene der Authentizität und Artifizialität in den Fokus gerückt. In der Reihe Pop! Pop! Pop! präsentieren die VeranstalterInnen Julia Benner, Anna Bers und Niels Penke auf Litlog die einzelnen Beiträge des Workshops.

 
 
Um Spannungen zwischen selbst- und fremdzugeschriebenen Bildern zu umgehen, wird an dieser Stelle zunächst ein subjektzentrierter Authentizitätsbegriff verwendet. Das Subjekt kann immer dann als authentisch bezeichnet werden, wenn die Selbstdarstellung in den Medien etwa mit biographischen, psychologischen oder physischen Eigenschaften des Subjekts einhergeht.4 Der performative Rahmen einer solchen Selbstdarstellung darf jedoch nicht vernachlässigt werden, da sich Künstler wie Jesse & Joy aller Wahrscheinlichkeit nach bewusst in Szene setzen.5 Daher steht jegliche Selbstzuschreibung von Authentizität in einem Spannungsverhältnis mit der Inszenierung derselben: Die Authentizität wird so schon im Akt ihrer Behauptung unterlaufen. Die Interviews des Duos untersuche ich im Folgenden exemplarisch auf Überschneidungen zwischen der Herkunft der Künstler und ihrer Darstellung und wie aufgrund dieses In-Beziehung-Setzens möglicherweise ein pseudo-authentisches Bild von Identität abzulesen ist.

Die Interviews

Die Herkunft und das Verhältnis der Geschwister zueinander sind zwei in den Interviews stetig wiederholte Aspekte, wodurch ein dichtes und homogenes Bild von Jesse & Joy umrissen wird. Etwa 35 Interviews bilden das Untersuchungskorpus für diesen Essay. Sie wurden vor allem von spanischen und US-amerikanischen Radio- und Fernsehsendern zwischen 2009 und 2014 produziert und sind über Youtube, auch über die Seite von Jesse & Joy, abzurufen. Ihre Inhalte habe ich qualitativ ausgewertet. In den meisten der untersuchten Interviews steht an erster Stelle die Frage nach der Verantwortlichkeit der beiden gegenüber ihrer doppelten Nationalität: Der Vater der Geschwister ist Mexikaner, die Mutter stammt jedoch aus den USA. Auffällig ist diesbezüglich der bisherige Fokus auf die mexikanische Seite, da das Duo nur auf Spanisch schreibt und singt. Jesse & Joy bestätigen, dass innerfamiliär von Seiten der Mutter wiederkehrend gefordert würde, dass sie auf Englisch singen sollten, um ebenso dieser Seite ihrer kulturellen Identität Ausdruck zu verleihen. Schließlich hätten sie nicht nur eine bilinguale Erziehung, sondern auch maßgeblichen musikalischen Einfluss von der US-amerikanischen Seite während ihrer Kindheit erhalten, hörten sie früher zu Hause Johnny Cash oder Aretha Franklin. Der Lebensmittelpunkt liegt jedoch seit jeher in Mexiko. Ebenfalls ist das Verhältnis der beiden Geschwister zueinander ein vielmals angeführter Diskussionsgegenstand, auf dem sowohl die Interviewer beharren, auf welchen jedoch auch Jesse & Joy selbst immer anspielen und diesen en détail erläutern. Das Duo, das besonders während der Tournee aufeinander angewiesen ist, präsentiert dabei ein rundum harmonisches Bild von Geschwistern.

Hinsichtlich der Frage nach der Authentizität von Jesse & Joy gleiche ich die mediale Selbstdarstellung und Kommunikation der Geschwister mit einer ihrem Alter entsprechenden mexikanischen Durchschnittsbiographie ab, um zu zeigen, dass das von ihnen präsentierte Image das eines »normalen« Geschwisterpaars von nebenan ist. Eine soziologische Erhebung im zeitgenössischen Mexiko aus dem Jahr 2009 bietet dazu weitergehende Einblicke in die familiären Strukturen des Landes.6 Da die untersuchten Interviews aus dem Zeitraum von 2009 bis 2014 stammen, sind die in der Studie erhobenen Daten eine durchaus vergleichbare Referenzgröße.

Ein authentisches Bild des mexikanischen Familienlebens?

In der Erhebung werden familiäre Beziehungen unter anderem mit Hinblick auf ihre emotionale Zugehörigkeit sowie die geographische Entfernung zwischen Familienmitgliedern untersucht. Größtenteils zeichnen sie sich durch ein Verhältnis der Nähe aus.7 Bei den 18- bis 35-Jährigen werden als Personen, zu denen die intensivste emotionale Verbindung besteht, an erster Stelle Geschwister, darauffolgend die Mutter genannt.8 Die Frequenz des Kontaktes mit Familienmitgliedern, zu denen eine innige emotionale Bindung besteht, ist bei 91,6% dieser Altersklasse mehrfach wöchentlich bis täglich.9 Außerdem wird eine Kausalität zwischen der Bindung zu den Eltern und der zu den Geschwistern hergestellt: Besteht nämlich eine enge Bindung zu den Eltern, so ist auch die zu den Geschwistern in der Regel innig. Dies ist vor allem davon abhängig, wie das Familienleben wahrgenommen wird, d.h. wie die Qualität des Zusammenlebens und der Interaktion ist, wie Konflikte und Harmonie koexistieren und wie Macht ausgetragen wird.10

Auf der Basis dieser in der Studie kurz angedeuteten familiären Beziehungen in Mexiko, die als Referenzpunkt für das hier untersuchte spezifische Geschwisterpaar aus Mexiko mit U.S.-amerikanischer Mutter herangezogen wird, ist zu schlussfolgern: Ebenso wie gut 90% der 18- bis 35-Jährigen beteuern Jesse & Joy in den Interviews, dass sie einen innigen Kontakt zu den Familienmitgliedern, die ihnen nahe stehen, haben, auch unabhängig von der Distanz. Denn auch wenn sie sich auf Tournee befinden, besteht zwar keine direkte räumliche Nähe zu den Eltern, jedoch geht aus den Interviews hervor, dass der Lebensmittelpunkt weiterhin Mexico City ist, wo ebenfalls ihre Eltern wohnen. Die Geschwister definieren als engste Bezugsperson allerdings nicht die Eltern, sondern jeweils einander: Dies kann sowohl auf die ständige Nähe der beiden zueinander als auch auf eine in den Interviews häufig aufgegriffene harmonische und weitgehend hierarchielose Beziehung zwischen ihnen zurückgeführt werden.

Es ist auch auf das Alter der beiden Musiker zurückzuführen, dass den familiären Verhältnissen in den Interviews ein hoher Stellenwert eingeräumt wird: Jesse ist momentan 33 Jahre alt, Joy 29. Die Geschwister scheinen sich in einem Prozess des allmählichen Ablösens von ihrem Elternhaus zu befinden. Besonders Joy definiert sich nach wie vor stark über das Familienleben, das ihr auf Tournee in großen Teilen – bis auf ihren Bruder – genommen wird. Schließlich macht die gleichmäßige Erwähnung beider Elternteile und der jeweiligen Nationalitäten zudem auf die Identifizierung mit diesen und vor allem auf die emotionale Bindung an sie aufmerksam, wenn auch bislang in der Musik der väterliche, mexikanische Teil stärker zum Ausdruck kommt.

Hybridität und Konstrukt

Die mediale Selbstdarstellung des Duos in den Interviews ist gut auf die aus der Studie abgeleiteten Charakteristika des mexikanischen Familienlebens zu beziehen, da doch zahlreiche Eigenschaften ihrer Generation, ihrer Altersgenossen »erfüllt« werden und die Darstellung damit für den Rezipienten wie ein glaubhaftes Bild eines mexikanischen Geschwisterpaars erscheint. Ist das Bild aber dadurch authentisch? Gibt es Lücken oder Brüche im Narrativ? Welche Bedeutung hat das Konstrukt für das Duo? Und was hat es mit der hybriden Identität auf sich?

Der Eindruck eines harmonischen Geschwisterduos, das sich in außergewöhnlichem Maße auf seine nationalen Wurzeln beruft, ist das einer nicht immer offensichtlichen Hybridität. Es spiegelt zwar die Daten der soziodemographischen Erhebung gut, ist aber im Hinblick auf diese als eine Einschreibung in ein soziales Konstrukt von nationaler Homogenität zu bewerten. Dennoch geben die Selbstdarstellungen im Vergleich mit den nationalen Konstruktionen der Studie einen Hinweis auf die Gründe für mögliche individuelle Identitätskonstrukte, da diese sich maßgeblich durch Prozesse von Macht und Zugehörigkeit beeinflusst sehen.11

Jesse & Joy befinden sich aufgrund ihres familiären Hintergrunds, ihrer Musik und damit zusammenhängenden Tourneen in einer transkulturellen Kontaktzone, sind ständig neuen Einflüssen von anderen Kulturen ausgesetzt. Trotzdem suchen sie eine Konstante, die sie auch in ihren Interviews stark machen: die Familie. Vor allem Homi Bhabha prägte den Begriff der Hybridität, mit dem er die kulturelle Eindimensionalität, die Kohärenz von Identität inmitten kultureller Entortung als unhaltbar erklärt. Dabei ist es nicht die kulturelle Diversität, sondern die Hybridität der verschiedenen Kulturen, die produktiv zur Schaffung von fluider Identität in einem sogenannte Third Space, einem dritten Raum, beiträgt. In diesem dritten Raum finden sich Spuren der Kontakträume, von denen strategisch und selektiv Bedeutungen angeeignet werden, sodass ein unabhängiger Handlungsraum geschaffen wird.12

Gründe für die strategische Selbstdarstellung

Jesse & Joy kann in diesem Sinne als ein hybrides Duo bezeichnet werden, da es sich zwischen mindestens zwei Räumen bewegt: Einerseits verlockt es, zu behaupten, dass sie das typisch mexikanische Geschwisterpärchen sind, das die Merkmale des harmonischen Familienlebens in dieser Nation in all ihren Facetten spiegelt. Dies ist jedoch durch ihre Beharrlichkeit in den Interviews bezüglich ihrer Binationalität und dem Wunsch, beiden Elternteilen gerecht zu werden, in Frage gestellt. Aufgrund der starken Rekurrenz auf diese Eigenheit in ihrer Identität und den in den Interviews ausgedrückten Wunsch, auch der englischsprachigen Seite in ihrer Familie gerecht zu werden, verorten die beiden sich nicht mehr allein in dem Raum des »typisch Mexikanischen«. Daher kann keine essentialistische Zuschreibung von Kultur und damit zusammenhängend von Identität vorgenommen werden, denn das Duo befindet sich in einem hybriden, dritten, nicht klar abgrenzbaren Raum zwischen dem Mexikanischen und einer doppelten Nationalität, der vielleicht durch die fehlende Konstanz auf Tournee versinnbildlicht werden kann. Die beiden aufgerufenen Räume greifen ineinander, da Jesse & Joy ihre mexikanische Identität etwa über ihr homogenes Selbstbild oder die Wertschätzung gegenüber den Eltern zeigen, was zugleich aber auch auf die Binationalität als weitere Determinante und damit auf die Hybridität der Identität verweist. In dem daraus entstehenden dritten Raum überschneiden, wandeln, konstruieren sich ihre Identitäten.

Natürlich können offensichtliche Selbstzuschreibungen von Jesse & Joy strategisch im Rahmen einer symbolischen Fiktion eingesetzt werden, um durch aufgeworfene kulturelle (v.a. sprachliche) Differenzen und bestimmte Zuschreibungen eine eigene Identität nach außen zu tragen, um sich in einer spezifischen Gemeinschaft, in Mexiko, zu verorten. Diese sinnstiftenden, sich nicht wandelnden Selbstzuschreibungen verleiten gerade dazu, das Bild der Künstler als authentisch zu deklarieren. Gleichzeitig wird aber dadurch kultureller Wandel und identitäre Entwicklung, wie er auch in dem Duo durch seine bewusst nach außen getragene familiäre Hybridität verkörpert ist, in Frage gestellt bzw. als nichtig erklärt, wird eine bestimmte Verortung als einzig wahre festgelegt.

Das so in den Interviews hergestellte Bild von scheinbarer Homogenität könnte in Mexiko und auch im Rest Lateinamerikas durchaus für Popularität sorgen, sind Jesse & Joy doch dem »typisch« mexikanischen Leben durch ihr Konstrukt scheinbar nahe. Daher kann es sein, dass das Duo bewusst das Bild eines harmonischen Geschwisterduos mit starken familiären Bindungen konstruiert, um eine dominante Position mit ökonomischen Vorteilen einzunehmen. Auch in den USA kann dieses Bild für Popularität sorgen, da es mit der sogenannten neuen Latino-Generation assoziiert werden kann, die vorrangig Englisch spricht, sich aber der so bezeichneten Gruppe zugehörig fühlt. In der Musik wird dieses Gefühl über die verwendete Sprache – Spanisch – vermittelt.13 In Zeiten des internationalen Austausches auf dem globalen Musikmarkt, der besonders zwischen Lateinamerika und den USA aufgrund der starken Migrationsbewegung fruchtbar ist, spricht man der »anderen«, sogenannten Latin Music schließlich einen eigenen Reiz zu, der von den Plattenfirmen als Kaufargument angesehen wird. Die in den Interviews verdeckte und durch ihr Agieren immer wieder entdeckte Hybridität von Jesse & Joy ist dabei eventuell ein Erfolgsfaktor, da sie im Gegensatz zu anderen Latino-Künstlern sogar eine über Nationalität und Ethnizität kommunizierte emotionale Bindung an den weiten, englischsprachigen US-Markt haben. Dass das Duo dennoch auf Spanisch singt – sie erklären tatsächlich nie richtig, warum sie bislang noch kein Album auf Englisch herausgebracht haben – kann auch marktstrategisch begründet sein: Latin Music sollte in den USA auf Spanisch sein, um weiterhin das Bild des Anderen aufrecht zu erhalten. In einem der letzten Interviews im Untersuchungskorpus behaupten die beiden jedoch, bald ein hybrides Album herausbringen zu wollen, um der U.S.-amerikanischen Seite der Familie gegenüber gerecht zu werden.14 Ist diese familienbezogene Argumentation tatsächlich der Grund, Songs auf Englisch zu schreiben? Oder ist es auch eine Strategie, um nach der initialen Bekanntheit auf verschiedenen Märkten weitere Nischen zu besetzen…?

Jesse & Joy, konstruiert und identitätsstiftend

Die Authentizität der Selbstaussagen zu einer homogenen mexikanischen Identität ist angesichts der gelebten Hybridität in Frage zu stellen. Vordergründig versuchen Jesse & Joy, sich ein Bild homogener Identität zu schaffen, das vor allem das »typisch« mexikanische Leben in seiner Treue zur Familie spiegelt. Die Hybridität tritt zwar zugunsten dieser Inszenierung von Durchschnittlichkeit der Band in den Hintergrund, aber Machtfaktoren, z. B. ökonomischer Art, verleiten sie zum Aufgreifen anderer Narrative wie dem der Binationalität, wodurch sie das scheinbar lückenlose Bild der harmonischen Geschwisterliebe und der Wertschätzung gegenüber beiden Elternteilen niederreißen und ein Konstrukt offenlegen, das gerade erst die Hybridität ihrer Identität zeigt.

  1. SACM: „Jesse“, in: Sociedad de Autores y Compositores de México, URL: http://www.sacm.org.mx/biografias/biografias-interior.asp?txtSocio=29631 (letzter Zugriff: 04.02.2016); SACM: „Joy“, in: Sociedad de Autores y Compositores de México, URL: http://www.sacm.org.mx/biografias/biografias-interior.asp?txtSocio=29630 (letzter Zugriff: 04.02.2016).
  2. Vgl. dazu Ute Cathrin Gröbel: „»The interview was not a happy invention« (Mark Twain). Überlegungen zu Phänomenologie, Geschichte und Kritik des Interviews“, in: Torsten Hoffmann/ Gerhard Kaiser (Hg.): Echt inszeniert. Interviews ins Literatur und Literaturbetrieb. Paderborn 2014, S. 29-44; Torsten Hoffmann/Gerhard Kaiser: Echt inszeniert. Schriftstellerinterviews als Forschungsgegenstand. In dies. (Hg.): Echt inszeniert. Interviews ins Literatur und Literaturbetrieb. Paderborn 2014, S. 9-25.
  3. Siehe dazu: Peltzer, Anja: „›Gute Frage!‹ Populäre Inszenierungen von Frage-Antwort-Strategien auf Pressekonferenzen im Bereich der Popmusik“, in: Dietrich Helms/Thomas Phleps, (Hg.): Ware Inszenierungen. Performance, Vermarktung und Authentizität in der populären Musik. Bielefeld 2013, S. 119-136.
  4. Vgl. Susanne Knaller: Ein Wort aus der Fremde. Geschichte und Theorie des Begriffs Authentizität. Heidelberg 2007, S. 22; Charles Lindholm: Culture and Authenticity. Oxford 2008, S. 2.
  5. Vgl. Knaller 2007; Kalisch, Eleonore: „Aspekte einer Begriffs- und Problemgeschichte von Authentizität und Darstellung“, in: Erika Fischer Lichte/ Isabel Pflug, (Hg.): Inszenierung von Authentizität. Tübingen 2000, S. 31-46.
  6. Marie-Laure Coubès: „Los vínculos familiares fuera de la corresidencia: geografía de residencia, intensidad de los contactos y lazos afectivos en la parentela”, in: Cecilia Rabell Romero (Hg.): Tramas familiares en el México contemporáneo. México D.F. 2009, S. 97-140.
  7. Vgl. Coubes 2009, S. 97
  8. Vgl. Coubes 2009, S.105-106
  9. Vgl. Coubes 2009, S. 115
  10. Vgl. Coubes 2009, S. 126
  11. Vgl. Bill Ashcroft/ Garth Griffiths/ Helen Tiffin (Hg.): Post-Colonial Studies. The Key Concepts. London 2000.
  12. Vgl. , Homi K. Bhabha: Die Verortung der Kultur. Mit einem Vorwort von Elisabeth Bronfen. Tübingen 2011.
  13. Vgl. Deborah Pacini Hernandez: Oye como va! Hybridity and Identity in Latino Popular Music. Philadelphia 2010.
  14. Dies ist mit ihrem neuesten Album, das im Dezember 2015 erschienen ist, jedoch noch nicht der Fall.


Metaebene
 Autor:
 Veröffentlicht am 22. August 2016
 Kategorie: Wissenschaft
 Artikelbild: Collage aus Pop Pop Pop von Julia Benner und Jesse & Joy Palenque Feria Ganadera de Querétaro 2013 von gerk00 via Wikimedia.
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