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Praktischer Helfer

In der alten Universitätsbibliothek wird an einer von zwei Arbeitsstellen seit dem Jahr 2000 das neue Mittelhochdeutsche Wörterbuch erarbeitet. Wie so ein Wörterbuchartikel genau entsteht, weiß Michelle Rodzis – als Praktikantin war sie bei der Arbeit an diesem praktischen Helfer ganz nah dran.

Von Michelle Rodzis

Zum Verständnis fremdsprachiger Lektüren sind Wörterbücher ein essentielles Hilfsmittel. Die germanistische Mediävistik, die mit dem Mittelhochdeutschen de facto eine deutsche Sprachstufe behandelt, die Studenten der Germanistik allerdings wie eine Fremdsprache anmutet, bildet hierbei keine Ausnahme und bietet verschiedene Ausführungen von Wörterbüchern: Es gibt schmalbändige Taschenwörterbücher neben Versionen mit mehreren Bänden. Sie alle sollen uns die Lektüre mittelhochdeutscher Texte erleichtern – aber wie entstehen diese praktischen Helfer? In der alten Universitätsbibliothek Göttingens kann man eine Antwort auf diese Frage finden, denn hier wird an einer von zwei Arbeitsstellen das neue Mittelhochdeutsche Wörterbuch erarbeitet.

Doch bevor das Mittelhochdeutsche Wörterbuch und dessen Arbeitsweise vorgestellt werden, sollte kurz erläutert werden, welchen historischen Hintergrund das Wörterbuch hat und warum ein neues Nachschlagewerk in diesem Bereich notwendig ist. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden die drei mittelhochdeutschen Wörterbücher, die auch heute noch größtenteils benutzt werden: Das Mittelhochdeutsche Wörterbuch von Georg Friedrich Benecke, Wilhelm Müller und Friedrich Zarncke (kurz: BMZ) sowie das Mittelhochdeutsche Handwörterbuch und das Mittelhochdeutsche Taschenwörterbuch von Matthias von Lexer (letzteres ist vielen Germanisten unter dem Namen »Taschen-Lexer« bekannt).

Die Autorin

Michelle Rodzis absolvierte vom 01. September 2010 bis zum 15. Oktober 2010 ein Praktikum bei der Arbeitsstelle Mittelhochdeutsches Wörterbuch Göttingen und erhielt so genaue Einblicke in die Entstehungsprozesse des Mittelhochdeutschen Wörterbuches.

 
 
Seitdem sind zahlreiche neue Editionen von bekannten mittelhochdeutschen Werken hinzugekommen, die auf aktuelleren philologischen Kenntnissen beruhen, und weitere Texte, die den Wörterbuchmachern des 19. Jahrhunderts nicht zur Verfügung standen, wurden entdeckt und ediert. Des Weiteren genügen die alten Wörterbücher mit ihrem Fokus auf literarische »Klassiker« und ihrem unzeitgemäßen sprachlichen Ausdruck nicht mehr den aktuellen wissenschaftlichen Ansprüchen an ein Wörterbuch: Einem Urkundentext sollte bei der Erstellung eines Wörterbucheintrages nun ein genauso hoher Stellenwert beigemessen werden wie dem Nibelungenlied. Aus diesem Grund rief man das Projekt eines neuen mittelhochdeutschen Wörterbuchs ins Leben. Nach einer sechsjährigen Phase der Vorarbeit, in der passende Projektsoftware entwickelt und Texte elektronisch in die zugrunde liegende Datenbank eingespeist wurde, lief die Erstellung im Jahr 2000 an zwei Arbeitsstellen in Trier und Göttingen an und soll 2025 mit der letzten Lieferung beendet werden.

Statt sich lediglich auf die reine Bedeutungsangabe für die wichtigsten Lemmata des Mittelhochdeutschen zu beschränken, setzte man sich das Ziel, den mittelhochdeutschen Wortbestand von 1050 – ca. 1350 möglichst vollständig zu erfassen, diesen anhand von mehreren einschlägigen Textexzerpten darzustellen und außer der hinter einem Lemma stehenden Semantik auch die Syntax adäquat abzubilden. Grundlage für die Bearbeitung der Lemmata ist ein Korpus von etwa 200 digitalisierten sowie ca. 1000 nicht-digitalisierten Werken, die juristische, literarische, geistliche und andere Textsorten umfassen, sodass ein für die Überlieferung weitestgehend repräsentativer Querschnitt vorliegt. Auf ein Zettelkastensystem wird verzichtet; das Mittelhochdeutsche Wörterbuch arbeitet elektronisch (was den Griff zu einem Buch trotzdem nicht vollständig ersetzen kann). Neben dem elektronischen Textkorpus werden auch Lexer und BMZ sowie Wörterbücher, die sich mit mittelalterlichen Fachwortschätzen beschäftigen, wie bspw. das Wörterbuch der mittelhochdeutschen Urkundensprache (WMU), bei der Erstellung eines Artikels sowie bei der Suche nach Belegmaterial und Bedeutungsangaben herangezogen.

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Abdruck der Wörterbucheinträge mit freundlicher Genehmigung der Arbeitsstelle Mittelhochdeutsches Wörterbuch Göttingen

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Abdruck der Wörterbucheinträge mit freundlicher Genehmigung der Arbeitsstelle Mittelhochdeutsches Wörterbuch Göttingen

Doch wie entsteht nun ein Wörterbuchartikel? Die Antwort ist eine typisch germanistische: Das kommt ganz auf das Lemma an. Ein Fall wie das starke Neutrum (stN.) »gemenge« bereitet aufgrund seiner geringen semantischen Komplexität wenig Probleme und ist daher schnell abgearbeitet: Zunächst sichtet der Bearbeiter des Artikels die im elektronischen System vorhandenen Belege zu »gemenge stN.« und verschafft sich so einen ersten Überblick darüber, welches Bedeutungsspektrum sich grob feststellen lässt. An Beispielen wie »alda/ wart eyn groes gedrenge/ ind eyn michel gemenge,/ do mallich greyff zu syme swerde« (KarlGarlie 12768)1 und »jo sullin die aptekere/ […] machin/ ir salbe in suzen sachin,/ nicht daz ir gemenge/ den siechin si zcu strenge« (PfzdHech 318,35)2 wird deutlich, dass die Verwendung von »gemenge« zwischen »Handgemenge«, also einer Kampfsituation, und einem »Gemisch« von Dingen schwankt. Suggestive Belege wie diese beiden werden ausgewählt, um die entsprechende Bedeutung plastisch darstellen zu können.

Bei Großartikeln werden im Anschluss die sog. »Laufzettel« abgearbeitet; sie wurden im Vorfeld von Hilfskräften und Mitarbeitern erstellt und liefern Informationen darüber, in welchen Wörterbüchern oder Texten weitere Belege enthalten sind, die nicht im elektronischen Belegarchiv auftauchen. Bei kleineren Artikeln erfolgt dieser Arbeitsschritt meist vor der Sichtung der Belege. Mit diesem Verfahren kann der Bearbeiter überprüfen, ob wirklich alle semantischen Nuancen erfasst wurden und ob das elektronische Belegarchiv das Bedeutungsspektrum repräsentativ wiedergibt; stellt man beim Abarbeiten des Laufzettels fest, dass (um ein anderes Beispiel zu wählen) »gemerke stN.« bspw. auch in einem rechtlichen Kontext verwendet wurde, sich dieser Umstand aber nicht in den Belegen des elektronischen Textverzeichnisses nachweisen lässt, können später auch entsprechende Belege manuell in den Artikel eingefügt werden.

Abschließend werden eine hierarchische Gliederung inklusive Bedeutungsangaben für den Artikel herausgearbeitet und die einschlägigen Belege an entsprechender Stelle eingeordnet. Für die Erstellung eines Wörterbucheintrags, die beim Beispiel »gemenge stN.« relativ simpel verläuft, gibt es allerdings kein Patentrezept, denn jedes einzelne Lemma erfordert einen individuellen Ansatz. Um bei »gemenge stN.» zu bleiben: Aufgrund der beiden Bedeutungen »(Kampf-)Getümmel« und »Mischung« werden diese beiden als Hauptbedeutungspositionen angesetzt. Weil »gemenge stN.« auch im Zusammenhang der göttlichen Empfängnis der Jungfrau Maria in Erscheinung tritt, diese Verwendung aber nicht sehr prominent ist, wird für diese Bedeutung keine neue Bedeutungsposition angesetzt – vielmehr wird es der Bedeutung »Gemenge, Mischung« untergeordnet, denn bei der Empfängnis liegt (auf einer übertragenen Ebene) auch eine Vermischungsprozess vor.

Bei anderen Lemmata (v.a. Verben) bietet sich eine Gliederung der Belege nach der jeweiligen syntaktischen Konstruktion an, bei Substantiven stehen eher die unterschiedlichen semantischen Nuancen im Vordergrund, die wiederum bspw. nach ihrer Häufigkeit oder der logischen Kohärenz geordnet werden können. Für die Erfassung der Semantik eines Lemmas sind zudem oftmals noch weitere Recherchen in Fachlexika und -literatur notwendig, da ansonsten der Kontext und somit die Bedeutung des Wortes unklar blieben. Was zunächst ein schnell erfassbares Lemma zu sein scheint, kann sich schnell zu einem komplexen Artikel entwickeln, dessen Ausarbeitung einem detektivischen Puzzlespiel gleichkommt und viel Präzision und Ausdauer erfordert. So kann ein Lemma wie »gemelich Adj.«, das Lexer und BMZ mit der Bedeutung »lustig, spaßhaft« angeben, schnell zu einem Problemfall werden, wenn sich die eigentlich positive Konnotation in einigen wenigen Belegen in eine negative wandelt und Bedeutungspostionen wie »ausgelassen« oder »wahnsinnig« hinzukommen, die nicht so recht in das Bild passen wollen, das der Großteil der Belege zeichnet.

Jedes Lemma erfordert viel Aufmerksamkeit, und so geht die intensive Beschäftigung mit einem Wort damit einher, dass man dessen historische Semantik kennen lernt. Germanistische Mediävistik erschöpft sich nicht nur im Übersetzen von mittelhochdeutschen Klassikern wie dem Parzival oder dem Nibelungenlied. Sie ist auch die Auseinandersetzung mit der Frage, warum mittelhochdeutsche Wörter so sind, wie sie sind – und was sie mit unserer heutigen Sprache zu tun haben. Bei der Beschäftigung mit historischer Semantik kann man Vieles lernen: Vor allem gewinnt man einen neuen Blick nicht nur auf die mittelhochdeutsche, sondern auch auf unsere neuhochdeutsche Sprache, die ohne das Mittelalter nicht das wäre, was sie heute ist.

  1. Karl und Galie. Karlmeinet, Teil I. Abdruck der Handschrift A (2290) der hessischen Landes- und Hochschulbibliothek Darmstadt und der 8 Fragmente. Hg. und erläutert von Dagmar Helm (DTM 74), Berlin 1986. Weiter Siglen können unter http://www.mhdwb-online.de/quellenverzeichnis.php?buchstabe=A nachgeschlagen werden.
  2. (Pfarrer zu dem Hechte), Mitteldeutsches Schachbuch. Hg. von Eduard Sievers, in: ZfdA 17 (1874), S. 161-389.


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 Veröffentlicht am 27. Januar 2011
 Kategorie: Wissenschaft
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