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Shteyngart, »that crazy kid«

Die meisten Autobiographien von Schriftstellern tragen schillernde Titel: Johann Wolfgang von Goethe vermischte in seiner Lebensgeschichte Dichtung und Wahrheit, Karl May berichtete von seinem Leben und Streben, James Joyce zeichnete von sich ein Porträt des Künstlers als junger Mann. Der New Yorker Schriftsteller und Journalist Gary Shteyngart verweigert sich dieser Regel – und hat seine Lebensgeschichte mit den Worten Kleiner Versager überschrieben. Am 30. September 2015 präsentierte er sein neues Buch im Literarischen Zentrum.

Von Julian Ingelmann

Die Situation ist bekannt: Ein Autor und ein Moderator sitzen nebeneinander auf der Bühne, vor ihnen stehen Getränke auf dem Tisch, beide halten ein Buch in der Hand. Die ZuschauerInnen glauben zu wissen, was sie erwartet. Doch was Gary Shteyngart Ende September im Literarischen Zentrum Göttingen präsentiert, hat mit der klassischen Wasserglaslesung nicht mehr viel zu tun. Shteyngarts Hände klammern sich nicht an die Buchseiten, seine Blicke kleben nicht am Manuskript. Vielmehr rezitiert er mit funkelnden Augen und ausladenden Gesten aus seinem neuen Buch Little Failure, das im Februar 2014 erschien und seit Juli diesen Jahres auch auf Deutsch erhältlich ist. Den ausgedruckten Text braucht er für seinen Vortrag eigentlich nicht, als professioneller Entertainer kennt er ihn ohnehin auswendig. Zur Not könnte er die Geschichte aber auch aus dem Stegreif erzählen, es ist nämlich seine eigene. Kleiner Versager ist Shteyngarts Autobiografie.

Schriftstellerisches Erweckungserlebnis

Nicht jeder Mensch hat im Alter von vierzig Jahren schon genug erlebt, um damit ein 500 Seiten starkes Buch zu füllen. Gary Shteyngart dürfte diese Aufgabe jedoch mit Leichtigkeit bewältigt haben. Im Jahr 1979, Shteyngart

Buch


Gary Shteyngart
Kleiner Versager
Rowohlt Verlag, Reinbek 2015
480 Seiten, 22,95€
E-Book: 19,99€

 
 
ist gerade sieben Jahre alt, emigrieren seine Eltern aus der Sowjetunion in die USA. Der kleine Junge wechselt also von einer Supermacht in die andere. Damit ändert sich nicht nur das Heimatland des patriotischen Kindes, sondern auch dessen Weltanschauung. Beim spielerischen Wettrennen zweier Modellflugzeuge, so erklärt es Shteyngarts Vater, muss ab jetzt die Boeing gewinnen; die russische Tupolew hat den Kürzeren zu ziehen. Schnell muss Shteyngart feststellen, dass in den USA der Schein regiert. Ein Brief, der den Gewinn von zehn Millionen Dollar verkündet, entpuppt sich als Werbung. Shteyngart ist desillusioniert:

In Russia the government was constantly telling us lies – wheat harvest is up, Uzbek baby goats give milk at an all-time high, Soviet crickets learn to sing the ›Internationale‹ in honour of Brezhnev’s visit to local hayfield – but we cannot imagine that they would lie to our faces like that here in America, the Land of the This and the Home of the That.

Shteyngart entscheidet sich dazu, selbst zur US-amerikanischen Scheinwelt beizutragen – und beginnt zu schreiben. Seine ersten literarischen Gehversuche siedelt er im Science-Fiction-Genre an, sie tragen kreative Titel wie The Chalenge oder Invasion from Outer Space. Eine Lehrerin begeistert sich trotzdem für das Hobby ihres Schülers und lädt ihn dazu ein, in der Klasse einen Auszug aus seinem Roman zu präsentieren. Was als einmaliges Experiment beginnt, etabliert sich als Ritual. Shteyngarts Lesungen werden zum Highlight der Englischstunden. Der Autor erarbeitet sich den Respekt seiner Mitschüler: Er ist jetzt nicht mehr »the Russian«, sondern »that crazy kid«, was in seinen Augen einen deutlichen Aufstieg darstellt.

Multiple Außenseiterschaft

Wer Gary Shteyngart im Literarischen Zentrum erlebt, kann sich gut vorstellen, warum seine MitschülerInnen begeistert waren. Sein Vortrag wirkt lebendig, seine Texte starren vor bissiger Selbstironie. Auf die kundigen Fragen des Moderators Andrew Gross, Professor für Amerikanistik an der Georg-August-Universität Göttingen, antwortet er pointenreich und anekdotenseelig. Dabei präsentiert er sich mal als amerikanischer Autor, mal als russischer Immigrant, er spricht abwechselnd als Jude und als Universitätsdozent, er changiert nahtlos zwischen den Perspektiven des »straight white male« und des Star-Wars-Fans mit Hang zur Nerdkultur. Shteyngart ist immer das, was der nächste Witz verlangt. Er kokettiert mit seiner Rolle als multipler Außenseiter und spielt sich damit in die Herzen seiner Zuschauer. Dabei gelingt ihm das Kunststück, aus den verschiedenen Facetten seiner Identität ein sympathisches Gesamtbild zu konstruieren.

»Wie läuft das beim Masters of Fine Arts and Creative Writing, Herr Shteyngart?« »You get drunk…«

Nach und nach mischen sich aber auch ernste Töne in seine Ausführungen. So hadert Shteyngart etwa öffentlich mit dem Konservatismus seiner Eltern. Diese hätten nämlich in einem Anflug von übermotivierter Integration eine ungesunde Vorliebe für die republikanische Partei und die FOX-News entwickelt. Shteyngart lästert aber auch über Donald Trump und die amerikanische Gesellschaft: »Immigrants do all the work. Americans are busy tweeting.« Ausführlich äußert er sich auch zur Gegenwartsliteratur seiner Zeit. LeserInnen gäbe es in den USA kaum noch, die meisten Menschen schrieben lieber selbst. Die zahlreichen Creative-Writing-Kurse, die Schriftstellerei zum Ausbildungsberuf machten, sorgten für eine Industrialisierung der Kreativität. Wenn Shteyngart die gildenähnliche Funktion des »Masters of Fine Arts and Creative Writing« anprangert, spricht er jedoch nicht als Kulturpessimist, sondern als Systemkritiker von Innen: An der Columbia University in New York unterrichtet er kreatives Schreiben. Die kritische Nachfrage aus dem Publikum, wie genau man sich das vorzustellen habe, beantwortet Shteyngart nur knapp: »You get drunk…« Der Rest des Satzes wird vom Lachen des Publikums übertönt.

Für einige Lacher sorgt auch Madita Oeming, die an ihrem letzten Abend als Volontärin die beiden Protagonisten im Literarischen Zentrum begrüßt. Nonchalant erklärt sie dem eingeladenen Autor, wie ausführlich sie ihn in den letzten Wochen und Monaten gestalkt habe und erzählt dann, dass Moderator Gross demnächst ihre Masterarbeit korrigieren werde – und bezeichnet ihn anschließend als den zweifellos grandiosesten Anglistikdozenten aller Zeiten. Gross beweist an diesem Abend nicht nur Moderationstalent und den Mut zur literaturwissenschaftlichen Textanalyse im Beisein des Schriftstellers, sondern auch die Fähigkeit zum konsensfähigen Fazit: »We all have a lot to think about. And we all have a lot to read.«



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 Veröffentlicht am 27. Oktober 2015
 Mit freundlicher Genehmigung des Literarischen Zentrum Göttingen
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