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Wage es, weise zu sein

Religiöse Intoleranz und ihre Folgen sind von erschreckender Präsenz – im 18. wie im 21. Jahrhundert. Insofern ist Gotthold Ephraim Lessings aufklärerisches Stück Nathan der Weise über einen weisen Kosmopoliten von bemerkenswerter Aktualität und Langlebigkeit, wie Laura Lamping feststellt.

Von Laura Lamping

Publikationsverbot für das Gebiet der Religion? Was ein wahrer Aufklärer ist, der hält sich nicht daran, sondern bringt seine Überzeugung in literarischer Form zum Ausdruck: so auch Gotthold Ephraim Lessing 1779, als er auf diese Restriktion sowie die Aberkennung der Zensurfreiheit seiner »Beiträge aus den Schätzen der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel« mit einem dramatischen Gedicht in fünf Aufzügen reagierte: Nathan der Weise ist End- und Höhepunkt des religionsphilosophischen ›Fragmentenstreits‹ zwischen dem Aufklärer Lessing und dem Vertreter der orthodoxen protestantischen Theologie, dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze.

Anti-dogmatisch, doch keineswegs anti-religiös ist das aufklärerische Ideendrama humanistisches Gleichheitspostulat und damit Plädoyer für religiöse Toleranz, allgemeine Menschlichkeit und kritischen Dialog. Angesichts aktueller politisch-kultureller Konflikte, einer Stärkung fundamentalistischen Gedankenguts und einer gleichzeitigen fadenscheinigen Toleranz in der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft ist das Junge Theate Göttingen weise, Nathan wieder auf die Bühne zu holen und ihn seine märchenhaften Wahrheiten vortragen zu lassen.

Das Stück

Inszenierung: Tobias Sosinka
Musik: Fred Kerkmann
Ausstattung: Axel Theune
Dramaturgie: Christine Hofer a. G.
Mit Ali Berber, Linda Elsner, Agnes Giese, Jan Reinartz, Eva Schröer, Karsten Zinser, Götz Lautenbach
Premiere:
2. Mai 2015
Weitere Vorstellungen:
8./ 10./ 11. Juli 2015

 

Junges Theater

Junge Theater Göttingen entstand 1957 als innovatives und alternatives Zimmertheater. Der Schauspieler Bruno Ganz läutete hier seine Karriere ein, auch Benjamin von Stuckrad-Barre und Christian Kracht verwirklichten sich im Jungen Theater. Heute bietet das Haus rund 200 Zuschauern Platz. Seit September 2014 zeichnen Intendant Nico Dietrich und Tobias Sosinka als Künstlerischer Leiter für die Qualität des Angebots verantwortlich.

 
 
Und so stolpert Nathan 2015 unter Donnerhallen und von Rauchschwaden umhüllt mit kugelsicherer Weste unter baumwollenem Hemd auf die Bühne. Wir befinden uns nicht mehr nur zur Zeit des Dritten Kreuzzugs in Jerusalem, was die betont zeitlosen Requisiten und Kostüme unterstreichen. Anstelle von kostbaren Gütern aus aller Welt, holt der jüdische Kaufmann sieben handballgroße Steine hervor, die er der Reihe nach am vorderen Bühnenrand wie Grabsteine für die Opfer von Religionskriegen niederlegt. Dass Nathan selbst seine sieben Söhne, getötet von Christen, zu Grabe trug, wird der Zuschauer im weiteren Verlauf erfahren. Doch nicht nur der Tod wird dergestalt auf der Bühne präsent, vielmehr macht das Junge Theater den natürlichen und unvergänglichen Stein zum Sinnbild von Nathans religiös-philosophischer Weltanschauung, mit der er Grenzmauern wie diese auf der Bühne abträgt.

»Was sind wir Menschen?«

Dass es sich dabei vor allem um Mauern in den Köpfen handelt, wird in den ersten Szenen deutlich. Dajas Beharren auf Glaubenswahrheiten, Wundern und Offenbarungen (»Was schadets […] von einem Engel […] sich gerettet denken?«) macht sie zur komischen Vertreterin der orthodoxen christlichen Doktrin. Ihre Schwärmereien und ihr stereotypes Beurteilen von Menschen nach Zugehörigkeiten werden von Nathan mit einer gewissen Ironie (»Ja, Daja; Gott sei Dank!«) als eigennütziger Aberglaube entlarvt. So ist ihre hartnäckige Kuppelei nur in ihrem eigenen Wunsch begründet, durch eine Vermählung des Ritters mit Recha wieder in ›ihr christliches Europa‹ zurückzukehren. Ein Tempelritter als rettender Engel, das hält Nathan für naturwidrigen Unsinn und Gotteslästerung – die göttliche Kreation sei schließlich perfekt.

Jan Reinartz als Nathan der Weise zwischen sieben symbolischen Steinen

Das göttliche Wunder zeigt sich für Nathan hingegen im Menschen selbst. Gestützt durch sein Alltagswissen, »daß alle Länder gute Menschen tragen«, beurteilt er die Menschen nicht nach ihrer Religion oder ethnischen Herkunft, denn »was heißt denn Volk? Sind Christ und Jude eher Christ und Jude, Als Mensch?«, sondern nach ihren menschlichen Taten. Vom guten »Kern« des Ritters ist Nathan daher überzeugt und begegnet ihm mit einer Offenheit, die den jungen Christen aus seinen stereotypen Konzepten von geizigen Juden und den Ordensregeln, »wie Tempelherren denken sollten«, wirft. Dajas Kleidung (roter Rock, gelbes Jäckchen, schwarze Stola) ist da wohl als ironischer Gegenentwurf der Requisite zu lesen, der es schafft, das tatsächliche Wesen solcher Kategorisierungen als eine nur äußere Hülle zum Ausdruck zu bringen.

Zur konkreten, theatralischen Darlegung kommt Nathans deistischer Humanismus, der zwangsläufig zur Toleranz führt, wenn der Sultan Saladin Nathan mit der strategischen Frage nach der wahren Religion in seine Gunst bringen möchte. Das Junge Theater hat eine ausdrucksstarke Antwort gefunden: Nathan holt, von Saladin mit Bedenkzeit allein gelassen, die sieben Steine auf eine quadratische Bühne, legt sie auf die Eck- und Mittelpunkte und schiebt sie, einem Mühle-Spiel gleich, hin und her. Diese praktische Form der Wahrheitssuche deutet nicht nur eindrucksvoll auf die folgende Ringparabel hin, indem eine »Wahrheit, so blank als ob sie bare Münze wäre« durch das Aufbrechen der linearen Grenze hin zum spannungsvollen Durcheinander negiert wird und die Wahrheit in der komplexen Zusammenschau des Ganzen gesucht wird; der Zuschauer ist eingeladen, sich an der Lösung des Dilemmas zu beteiligen.

Diese Wirkung wird durch eine gelungen gesetzte Aufführungspause vor der Darlegung der Ringparabel durch Nathan verstärkt: Es ist Raum für eigene Reflexionen bis der Weise plötzlich noch in der Pause gegenüber dem erhellten Zuschauerraum mit dem Versetzen der Steine fortfährt. Mehr noch, die nun durch das Licht reflektierenden Wände des Podests halten dem Publikum den Spiegel vor. So wie Lessing durch die Figur des Nathan macht das Junge Theater durch diese Durchbrechung der vierten Wand die Zuschauenden zum Teil der dramatischen Handlung. Ganz im Sinne des bürgerlichen Trauerspiels ist man eingeladen, mitzulachen, mitzuleiden und mitzudenken.

»Möchte auch doch die ganze Welt uns hören!«

Es liegt auf der Hand, dass Nathan dann als Erzähler, mise en abyme, die lehrhafte Geschichte vom Vater mit seinem kostbaren Ring, dessen Stein ein Opal war, der »die geheime Kraft [hatte], vor Gott und Menschen angenehm zu machen, Wer in dieser Zuversicht ihn trug«, nicht nur an den Sultan richtet. Anhand drei nebeneinander gelegter Steine, pars pro toto drei Ringe selbst, veranschaulicht er allen Anwesenden, was es bedeutet, dass viele Generationen später ein Vater seine drei Söhne gleichermaßen liebte und zu ihrer Gleichbehandlung zwei weitere exakt gleiche Ringe anfertigen ließ. Wie diese drei Steine seien Judentum, Christentum und Islam vielleicht in Gestalt nicht identisch – unterschieden sich nach Traditionen, Religionsbegründern und Offenbarungsgeschichten (»Bis auf die Kleidung; bis auf Speis und Trank«) – doch ihrem Wesen nach gleich: Der Glaube an den Schöpfer des Ringes – den ersten Vater und den endzeitlichen Richter – verbindet sie. Das von Lessing eingeführte Motiv der Vaterliebe wird hier als einendes Element präsentiert.

Nathan ist in seinem eigenen Verhalten ebenso handlungstragend: Indem er das christliche Neugeborene als Geschenk Gottes und als Zeichen des Neuanfangs als sein eigenes Kind annimmt (»denn das Blut allein macht noch nicht den Vater aus«), ist er derjenige, der die durch Kriegswirren zersprengte Familie der drei Religionen wieder zusammenführt. Daher erscheint er im letzten Auftritt wie der Strippenzieher im Hintergrund. Die Familie als Nukleus der Gesellschaft und Rechas Stellung als Bindeglied und Personifizierung von Lessings philosophisch-theologischem Optimismus haben Verweisfunktion – Nathan selbst ist Vorbild.

»Wohlan! Es eifre jeder seiner unbestochnen von Vorurtheilen freyen Liebe nach!«

Demgemäß fordert Nathan, zum Publikum gerichtet, nicht nur als der von Lessing in die Parabel eingeführte Richter von den drei Söhnen, sondern auch als Nathan der Weise von allen Zuhörenden entsprechend der eigentlichen Wirkungsmacht des echten Ringes zu handeln. Wenn ein jeder seinen Ring im Sinne der väterlichen Gleichheitsliebe einsetzte, so müsste der echte Ring einmal wirken und das ursprüngliche Wunder herstellen.

Antiker Religionsstreit im aktuellen Gewand

Hierin zeigt sich Lessings Raffinesse, seinen aufklärerischen Humanismus durch seine Parodie der Ringparabel theologisch zu fundieren. Anstatt einer radikalen Religionskritik erfolgt eine Identifikation der monotheistischen Religionen, die zugleich die dogmatischen Ausrichtungen der Kirchen an den Pranger stellt. Trefflich ist in dieser Hinsicht die Inszenierung des Patriarchen als Repräsentationsfigur eines religiösen Fundamentalismus und einer politischen Instrumentalisierung der Religion durch das Ensemble. Das Auftauchen seiner ihm untergebenen Mönche zu chorisch-rezitativem, sektenartigem, lateinischem Gesang im Dämmerlicht und ihr wiederholtes lautstarkes Rufen »Thut nichts! Der Jude wird verbrannt!« lässt seine Instanz mächtig-fanatisch und bedrohlich, aber auch ästhetisch ironisiert erscheinen.

»Daß doch in der Welt ein jedes Ding so manche Seite hat!«

Der Mensch wie er auf der Bühne erscheint ist nicht gut oder böse, sondern in seinem Handeln intuitiv menschlich, und somit zuhauf in einem inneren Konflikt zwischen vermittelten Wahrheiten und vernunftbasiertem Handeln gefangen. Erst ein absolutes Ignorieren der Vernunft – des Wissens um die Realität der vielfältigen (Glaubens-)Wahrheiten und Meinungen, die Lessing in Dialog treten lässt – führt zu schlechtem Tun; es verlagert den privaten Konflikt nach außen und kann nur zu Krieg, Tod und Leid führen.

Nathan der Weise ist Wahrheitssuche und dialogische Diskussion. Das Drama ist in seinem Streben nach gedanklicher Freiheit sowie im humanistischen Toleranzgedanken nicht nur seiner eigenen Zeit voraus. Der Versuch Lessings, Glaube und Vernunft zu vereinen und im Sinne einer allgemeinen Gleichheit und Brüderlichkeit ein vereinendes Prinzip nach menschlichen Maßstäben zu finden, scheint auch heute noch revolutionär. Dabei könnte die so legendäre Ringparabel, die sich bis ins 11. Jahrhundert zurückverfolgen lässt, kulturelle Brücken bauen; lässt die Ansiedlung sunnitischer Muslime in Südspanien in eben dieser Zeit doch interreligiöse Kontakte und einen gemeinsamen Ursprung dieses eben nicht rein westlichen humanistischen Gedankenguts vermuten, das Lessing so treffend der modernen Zeit wieder zugänglich machte und das das Junge Theater gemäß der universalistischen Ausrichtung gekonnt zeitlos zur rechten Zeit und inszenatorisch gelungen neu auflegt.



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 Veröffentlicht am 3. Juli 2015
 Bilder von Dorothea Heise. Mit freundlicher Genehmigung des JT
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