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digital*litera*
Wo liegt Analogistan?

Wissenschaft mit Literaturbetrieb geknutscht: Am 27. Januar fand die digital*litera* in Berlin statt, ein von dem »Forum Zukunft« des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und dem Göttinger Graduiertenkolleg »Literatur und Literaturvermittlung im Zeitalter der Digitalisierung« organisiertes Vernetzungstreffen für Akademiker und Akteure aus der Wirtschaft, die das Verhältnis von Literatur und Digitalisierung beschäftigt. Kann das gut gehen?

Von Johanna Karch

Rund 50 TeilnehmerInnen fanden im Veranstaltungszentrum URANIA in Berlin Schöneberg zusammen, um zukunftsweisende Fragestellungen, die mit der Digitalisierung des Literaturbetriebs einhergehen zu diskutieren. Welche Publikations- und Vermarktungsmöglichkeiten werden den Buchmarkt bestimmen? Welche Bezahlmodelle sind gerecht? Was ist originell, was Plagiat, Mashup oder postmoderner Zugriff auf Kunst? Um den roten Faden, der das metaphorische Motto des Treffens war, nicht zu verlieren, wurde ein kreatives »Themenmapping« zum Organisationsprinzip erhoben: Eine Karte, die ein U-Bahn-Netz abbildete, deren verschiedene Linien die wichtigsten Schlagworte zum Thema versammelten (beobachten, analysieren, interpretieren, schreiben, verkaufen; edieren & designen und veranstalten) und die zu den wichtigsten Orten des Diskurses führten: Vermittlung, Medien, Buchhandel, Universitäten – und ins Niemandsland.

Dieser vorangestellte kreative Impetus war besonders wichtig, denn die Tagung wurde im Barcamp-Format abgehalten, was man sich als einen in Kleingruppen aufgeteilten Thinktank vorstellen kann, der den Austausch demokratisch und partizipativ gestalten soll. Ein quasi essayistisches Gedankenspiel mit lockerem Regelwerk, dessen Ausgang ergebnisoffen ist und bei dem der Austausch und das Netzwerken im Mittelpunkt stehen; keine vorfrisierten Reden und eingeübte Argumente, sondern ein work-in-progress, bei dem nicht nur das intellektuelle Gedankenspiel, sondern auch die Pflege von Redekultur praktisch eingeübt wurde.

Eine weitere Besonderheit: Bei den TeilnehmerInnen handelte es sich nicht um eine Gruppe von Gleichgesinnten, wenn auch das gemeinsame Interesse an Digitalisierungsprozessen im Literaturbetrieb Verbindung stiftete. Promovierende, die in der Praxis ganz andere Fragen an ihr Forschungsobjekt stellen (etwa »was macht einen Autor zum Autor?«, »wie lässt sich Kunst verstehen?« oder »wer entscheidet über Kanonisierungsprozesse?«) trafen auf Geschäftsleute aus dem Literatur-Business, die sich – verkürzt formuliert – vornehmlich mit der Optimierung von Marktmechanismen und Reichweitenvergrößerung beschäftigten. Dennoch sind dies lange nicht mehr zwei gegenüber stehende Positionen. Die ökonomischen sowie Marketingbedingungen auszuloten ist in den letzten Jahren zu einem immer größeren Forschungsinteresse der Literaturwissenschaft geworden – das Göttinger Graduiertenkolleg und seine Projekte sind ein hinreichendes Beispiel dafür. Es liegt also nahe, die Wissenschaft mit den Akteuren des Marktes näher zusammenzubringen und dabei Rahmenbedingungen zu schaffen, die einen fruchtbaren Austausch ermöglichen. Ein Forum sollte die Tagung sein, die die Kommunikation zwischen Theorie und Praxis nicht nur fördert, sondern überhaupt erst etablieren will. Die digital*litera* stand also von Beginn an unter dem Zeichen des, auch formalen, Ausprobierens und des vorsichtigen Herantastens an ein komplexes Themengebiet aus unterschiedlichsten Positionen.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde, bei der jede/r sein/ihr Interessensgebiet für die Tagung formulierte, fanden sich fünf Gruppen à 10 Personen zusammen. Ihr Ziel: Eine Kartierung von Problemstellen, an der sich ablesen lasse, welche »Stationen« und »Haltestellen« anzufahren sind, welche »Weichen« gestellt werden müssen und wer den metaphorischen Zug ins Zeitalter der Digitalisierung fahren wird und wer Passagier bleibt.

Nachdem die Gruppen sich zusammen gefunden hatten, stieg der Lärmpegel im Saal deutlich. Hörte man zwischendurch in das jeweilige Geschehen hinein, konnte man sich des Eindrucks des stellenweise schieren Chaos´ nicht erwehren. Viel wurde durcheinander geredet, hierarchische Gesprächsstrukturen zeichneten sich ab, Fronten verhärteten sich. Geübte Verkäuferinnen mit Durchsetzungsvermögen trafen auf Techniknerds, Journalistinnen mit Deutungshoheit auf findige Literaturwissenschaftler. Kann das zusammen gehen?

Viel Platz wurde zum Brainstormen bereit gestellt. Eine Twitter-Wall begleitete das Event.

Sieben Stunden und 50 rauchende Köpfe später zeigte sich, dass das durchaus geht: Das Team um Marion Schwehr und Dirk von Gehlen (die die Runde allerdings beide frühzeitig verlassen mussten) beschäftigte sich mit Veranstaltungsformaten. Dass sich das Erleben des Lesers in der digitalen Welt grundlegend von der in der analogen unterscheiden kann, zeige die Rollenverschiebung zwischen Produzent und Konsument. Eine Leserin könne im digitalen Raum kommentierend oder korrigierend einschreiten, mitunter sogar mitschreiben. Dabei ändere sich auch die Rolle des Lesers, der immer mehr zum User werde und nicht mehr bloß durch Textqualität, sondern vielmehr durch ein ansprechendes Interface überzeugt werden müsse. Die Sichtbarkeit des Produktes sei ohnehin eine zentrale Frage. Die Geste des Schenkens, die wir kulturell finanziell oder anhand eines Aufwands bemessen, würde durch das »saloppe« Verschicken eines Links entwertet. Es stelle sich hier also die Frage, ob das Immaterielle in irgendeiner Form materiell ummantelt sein müsse, um damit wertiger zu wirken, man also ebooks haptisch, zum Beispiel in marketingtechnisch Aufsehen erregender Form von Esspapier, verschenken könnte.

Wie funktioniert digitales Erleben? Dirk von Gehlen und Elisabeth Böker in der Diskussion.

In der Präsentation der Gruppe »Beobachten, Analysieren, Interpretieren und Schreiben« wurde eine repräsentative Bahnfahrt vom Einstieg in den Kopfbahnhof (Idee eines Schreibprojektes) bis zum Ankommen in der gesellschaftlichen Lesekultur (Endbahnhof) aus der Vogelperspektive über dem Geschehen analysiert. Die über den Dingen stehende Schwebebahn mit Namen »Universität« verfolge mit akademischen Analysewerkzeugen das Treiben der Wirtschaft. Ein gelungenes Bild um die Positionierung im literarischen Feld deutlich zu machen und gleichzeitig ein Verweis auf die Nützlichkeit der Universität als Institution für den Kulturbetrieb.

Das Team um Journalistin und Protokollantin Kathrin Passig setzte sich vornehmlich mit neuen Finanzierungsmodellen und vor allem dem Damoklesschwert, das über allen Verlagsmodellen schwebt, dem Open Access, auseinander. Kann ein geförderter Fachverlag überhaupt noch den freien Zugang zu seinen Texten verwehren? Haben Publikumsverlage, die historisch gewachsene Wirtschaftsunternehmen sind, mehr Möglichkeiten, Geschäftsmodelle wie Freemium, Free2play oder crowdfunding auszuprobieren? Und wie wichtig werden auch Journalistinnen und Blogger, Einzelkämpfer, die über digitales Microfunding wie bspw. patreon.com bezahlt werden? Entscheidend sei hier die Frage, was staatlich finanziert werden soll und was man einer »netflixartigen Flatratekultur«, die sich in drei Aggregatoren aufteilt, die reich werden, entgegen setzen kann. Die Zeit der digitalen Spielwiese sei vorbei, man müsse endlich anfangen, das Internet und seine Mittel ernst zu nehmen.

Begleitete das Barcamp als Protokollantin: Kathrin Passig (mitte).

Auch in den letzten beiden Vorstellungen zeichnete sich deutlich die Forderung ab, Problemstellen viel konkreter zu benennen und vor allem lösungsorientierter zu denken. Zum Beispiel: Welche Kompetenzen muss ein Verlagsmitarbeiter der Zukunft mitbringen? Wie mit dem Bedarf an Kenntnissen mit Metadaten, content management und Programmierung umgehen? Auslagern oder kundiges Personal einkaufen? Wieso lehrt man den Umgang damit noch nicht an den Universitäten respektive an geisteswissenschaftlichen Fakultäten?

Die Behäbigkeit von Systemen trieb auch die letzte Gruppe um, die sich zunächst – den Anfang des roten Fadens aufnehmend – über die Bedeutungserweiterung der Begriffe »Form« und »Wert« Gedanken machte. Gemeint war hier zum einen die Universität als Institution für Fachkräfte und ganz konkret auch das Programm des Göttinger Graduiertenkollegs, das die Vertreter der Verlage als gut, aber erweiterbar, beispielsweise durch die Implementierung von Kooperationen im Bereich Webdesign oder visual arts bezeichneten. Auch den Verlagen selbst fehle es an Mut zum Experiment, vor allem deswegen, weil kein Budget zum Scheitern bereitgestellt werde. Dies sei genau das, woran nicht nur Verlage in der Bundesrepublik, sondern generell die deutsche Unternehmenskultur kranke: keine Freiräume zum Experimentieren bereitzustellen.

Das Format des Barcamps war durchaus ein Experiment und die OrganisatorInnen der digital*litera*, Friederike Schruhl, Carolin Löher und Matthias Beilein vom GRK in Göttingen und Dorothee Werner vom Forum Zukunft des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels bekamen ein breites Feedback: die strukturgebende Rahmenerzählung des Fahrplans fand nicht zuletzt ob ihrer Originalität und Anschlussfähigkeit großen Anklang. In den Gesprächsgruppen wurde die heterogene Mischung der TeilnehmerInnen und das daraus resultierende breite Themenkonglomerat als gewöhnungsbedürftig und sehr voraussetzungsreich eingestuft. Vielleicht ließe sich dies durch die Schärfung des Einzelthemas oder durch das Setzen bestimmter (fiktiver) Ausgangssituationen oder auch konkreter Beispiele aus der Wirtschaft innerhalb der Diskussionsgruppe verbessern.

Wo es hingeht mit der Digitalisierung des Literaturbetriebs wurde erwartungsgemäß nicht bzw. mit einer Vielzahl an weiteren Fragen beantwortet. Welche Möglichkeiten gibt es, Geld mit etwas zu verdienen, das keine Inhalte sind? Wie lassen sich Angebot und Nachfrage künftig besser koppeln? Was ist ein digitales Experiment? Und wo liegt Analogistan?

Rund 50 TeilnehmerInnen kam im Edison-Saal des Veranstaltungszentrums URANIA zusammen.

Dass Wissenschaft und Wirtschaft auch im Kulturbereich ein Forum des Austauschs dringend nötig haben, zeigte sich am unterschiedlichen Selbstverständnis der jeweiligen Seite. Erste Annäherungsversuche wie die bei der digital*litera* sind vielversprechend – und ausbaufähig. Aber mal ehrlich: man muss ja auch nicht beim ersten Date gleich miteinander in die Kiste springen.



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 Veröffentlicht am 27. Februar 2016
 Kategorie: Misc., Wissenschaft
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