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Die Prosasause geht weiter

Am 15. Oktober war Sven Regener mit seinem neuen Roman Wiener Straße beim Göttinger Literaturherbst zu Gast. Mit Moderator Alexander Solloch (NDR Kultur) sprach er nicht nur über sein neues Werk, welches der NDR-Literaturredakteur als »romantische Vermählung von Kunst und Quatsch« bezeichnet, ebenso trugen viele Anekdoten zu einem kurzweiligen Abend bei.

Von Anika Tasche

»Viel zu lustig für die Longlist«, das stellte Alexander Solloch gleich zu Beginn der Veranstaltung fest. Doch nicht nur Wiener Straße ist mehr als unterhaltsam, auch die Lesung im vollbesetzten Deutschen Theater war für viele Besucher ein wahres Training für die Lachmuskeln.

»Das Handlungsgewitter von Neue Vahr Süd geht weiter, nur noch greller.«

Das neue Werk von Sven Regener spielt wieder an den altbekannten Schauplätzen – wie etwa dem Café Einfall, das den meisten RezipientInnen bereits durch Herr Lehmann bekannt ist, und auch das Personal hat sich nicht großartig verändert, denn es findet sich sowohl in Regeners Debütwerk als auch in Neue Vahr Süd wieder. Liest man nun den Plot der Geschichte, so ist Sollochs Anmerkung berechtigt, dass es sich »inhaltlich um das reduzierteste Buch des Autors« handelt. Letztendlich geht es in dem Roman ›nur‹ darum, ob das Café Einfall ab sofort bereits am Morgen seine Türen öffnet, denn Erwin Kächeles Nichte Chrissi spürt darin ein rentables Geschäft – etwas Kaffee und Kuchen und sie verdient Geld wie Heu, so ihre Illusion. Hinzu kommt ein ganz anderes Problem eines Mitgliedes der »ArschArtGalerie«, das sich damit beschäftigt, wie es zu seinem Spitznamen »Kacki« gekommen ist. Nebenbei wird noch verhandelt, welche Kaffeemaschine die Beste ist und eine kleine, aber recht chaotische Reportage über das besetzte Haus nebenan gedreht. Viel mehr wird dann aber auch schon gar nicht mehr verhandelt. Die Kritik über den recht übersichtlichen Handlungsverlauf lässt der Bestsellerautor jedoch nicht so einfach auf sich sitzen. »Im Weltmaßstab sind das keine großen Dinge, aber wenn man sich mit Chrissi identifizieren kann, ist das durchaus interessant.« Denn es stünde eben kein Atomkrieg bevor. Vielmehr ginge es um die existenziellen Probleme, die jeder von uns haben könne, entgegnet Regener. Dabei entwickelt jede Figur ihre eigene Strategie, mit den Problemen umzugehen. Und dass nun an sein letztes Werk Der kleine Bruder angeknüpft wird, habe sich so ergeben, denn es sei »einfach ein wahnsinnig guter Ausgangspunkt für eine Sitcom.« Gott sei Dank entschied sich Sven Regener nicht für dieses Format, sondern verpackte die Geschichte wieder in einen Roman, aus dem er an diesem Abend gleich zwei längere Passagen zum Besten gibt. Als Regener wild gestikulierend vorliest, wie Kacki ein Interview auf dem Dach des besetzen Hauses gibt, dabei jedoch Informationen verrät, die der Herr des Hauses P. Immel lieber nicht publik machen würde, und der Schwätzer anschließend noch mittels einer wagemutigen Menschenkette aus der schwindelerregenden Höhe gerettet werden muss, bleibt den ZuschauerInnen zwischen den gezielt gesetzten Witzen kaum Zeit zum Luftholen.

Partykiller an Silvester

Doch es ging an diesem Abend nicht nur um die Wiener Straße. Er bot zugleich Einblicke in Sven Regeners allgemeines literarisches Schaffen, aber auch in sein Leben abseits der Kunst. Denn am 1. Januar Geburtstag zu haben, so durften die ZuschauerInnen erfahren, habe mehr Nach- als Vorteile. Eltern sähen es ungern, wenn man sie am Neujahrstag früh wecke, um endlich seine Geschenke auspacken zu können. Und auch auf Silvesterpartys sei man meist eher der Partyschreck, wenn den Gästen erst weit nach Mitternacht einfalle, dass er Geburtstag habe, berichtet der Autor.

Bodenständigkeit vs. Exzentrik

Des Weiteren wurde auch vor Sven Regeners Vornamen bei dieser Lesung kein Halt gemacht. Sven sei ein besserer Vorname als Rudolph, denn davon gäbe es schon genug in seiner Verwandtschaft, meint Regener. Ersterer war allerdings in den 60er-Jahren so unbekannt, dass der Gitarrist von Element of Crime in der Grundschule gerne mal Jens genannt wurde. Doch wer die Werke um Herrn Lehmann kennt, weiß, dass auch die Figuren in den Romanen gerne bodenständige Namen tragen. »Müller, Karl Schmidt – das sind so Namen, so kann man einfach heißen.« Es wird deutlich, dass es Sven Regener darum geht, mit seinen Werken den ›Normalbürger‹ anzusprechen. Als Taufpaten dienen daher oftmals Fußballspieler, denn in dieser Sportart vereinen sich die verschiedensten sozialen Schichten, verriet der Bestsellerautor. Allerdings trifft dies nicht auf alle Figuren zu, denn den Lehmanns und Schmidts steht eine »Namensexzentrik« gegenüber, wirft Solloch ein. »Je extremer die Kunst ist, desto wichtiger ist die Maske, die man sich aufsetzt«, erklärt der Schriftsteller und ergänzt, dass dies wichtig sei, um freier agieren zu können, insbesondere in der Künstlerszene. Zudem sind Namen wie P. Immel als reine Provokation zu sehen.

Der Abend, ein Kunstwerk?

Sven Regener selbst braucht kein Pseudonym, um seine Kreativität frei auszuleben. Nächstes Jahr im Herbst darf man gespannt sein auf ein neues Album seiner Band Element of Crime und »mit etwas Glück geht noch was« in literarischer Hinsicht. Die Figuren des Wahlberliners seien auf jeden Fall eine große Inspiration für ihn. Zum »Ankündigungsweltmeister« wolle er allerdings nicht mutieren.
Schlussendlich beantwortet er Sollochs Frage, ob dieser Abend ein Kunstwerk sei, mit einem klaren Ja, wobei er allerdings dann doch einschränkt, dass mindestens ein/e weiterer/e ZuschauerIn dies ebenso sehen müsse. Durch seine lockere und entspannte Atmosphäre sowie den durchweg trockenen Humor der beiden Gesprächspartner kann dem nur zugestimmt werden. Dabei gelang es an diesem Abend trotz zahlreicher Anekdoten, den Roman nicht aus den Augen zu verlieren. Wiener Straße bietet vielleicht nicht die großen neuen Erkenntnisse, aber für eine unterhaltsame Lektüre nach Feierabend ist es mehr als geeignet. Da stört auch nicht, dass sich weder Personal noch Schauplätze großartig verändert haben. Wer sich davon überzeugen möchte, kann die Aufzeichnung der Lesung am 19. November ab 20 Uhr in der Sendung Sonntagsstudio auf NDR Kultur nachhören.



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 Veröffentlicht am 20. Oktober 2017
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