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Gesellschaftskrimitik

Der US-Amerikaner Derek Miller lebt in Norwegen. Er arbeitet als Spezialist für Sicherheitspolitik, unter anderem für die UNO – und er schreibt Krimis. Dem Erfolg seines ersten Romans schließt er den zweiten Fall der norwegischen Polizistin an: Sigrid Ødegårds Reise nach Amerika.

Von Tom Rösner

Sigrid Ødegård ist Polizistin. Noch nie hat sie einen Menschen erschossen – bis ein junger Geiselnehmer sie im Vorgängerroman Ein seltsamer Ort zum Sterben dazu zwingt. Ein Gutachten spricht sie zwar von jeglicher Schuld frei, dennoch wird Sigrid die Last ihres Handelns nicht los. Von der Frage geplagt, ob sie nicht anders hätte agieren können, nimmt sie sich Urlaub und fährt zu ihrem Vater. Der gibt ihr jedoch ein Flugticket nach Amerika und den Auftrag, ihren dort lebenden Bruder Marcus aufzuspüren, von dem es seit geraumer Zeit kein Lebenszeichen mehr gibt.

In den USA angekommen erfährt Sigrid, dass ihr Bruder des Mordes an seiner Geliebten verdächtigt wird. Die Tote ist Lydia Jones, eine schwarze Professorin, deren zwölfjähriger Neffe nur wenige Wochen zuvor von einem Polizisten erschossen worden war. Um ihren Bruder zu finden, muss sich Sigrid mit der dortigen Polizei um Sheriff Irving »Irv« Wylie arrangieren. Miller verwebt dabei gekonnt die persönlichen Dramen einer norwegischen Familie vom Land mit tief verankerten Problemen der US-amerikanischen Gesellschaft.

Schnell geht es nicht mehr nur darum, Marcus aufzuspüren oder die Ereignisse zu rekonstruieren, die zu Lydias Tod geführt haben. Ihr Tod ist vielmehr ein Katalysator, um Sigrid und die Lesenden mit dem zu konfrontieren, was in den realen USA mehr als einmal passiert ist: Der Mord an einem unschuldigen Schwarzen durch einen Polizisten und die ausbleibende Anklage seines Mörders. Miller beleuchtet die schwelende Wut der Bevölkerung, die Trauer der Familie, den Streit um Waffengesetze und die Politisierung der Polizei.

Rassismus, Polizeigewalt und eine norwegische Polizistin

In wie vielen Nuancen sich Rassismus auch alltäglich äußern kann, zeigt Miller geschickt auf verschiedene Weisen. Subtil ist Miller, wenn er Sigrid zunächst perplex auf ein Foto der schwarzen Geliebten ihres weißen Bruders reagieren lässt. Direkt ist er, als Sigrid auf ein Interview stößt, in dem Lydia über ihre Erfahrungen und Ansichten als Professorin der Politik und als schwarze Frau in den USA spricht. Und unablässig ist er, wenn es immer

Roman


Derek B. Miller
Sigrid Ødegårds Reise nach Amerika
Übersetzt von: Jan Schönherr
rororo: 2018
416 Seiten, 14,99 €

 
 
wieder zu Diskussionen über die zu diesem Zeitpunkt in der Geschichte aktuell stattfindende Präsidentschaftswahl von 2008 kommt, in der Barack Obama gegen John McCain antrat.

Man mag sich fragen, ob eine weiße Polizistin aus Norwegen, geschrieben von einem weißen Autor, wirklich am besten dafür geeignet ist, die komplizierten Dynamiken des Rassismus-Problems in den USA zu untersuchen. Es ist jedoch gerade ihre norwegische Abstammung, die Sigrid zu einer vergleichsweise objektiven Beobachterin macht und die ihr eine Perspektive ermöglicht, die den meisten US-Amerikaner*innen vermutlich verborgen bleibt. Einem europäischen Publikum wiederum erlaubt die norwegische Protagonistin eine Konfrontation der eigenen, außenstehenden Sichtweise mit der US-amerikanischen Realität.

Dabei profitiert der Roman natürlich auch von der Biographie seines Autors. Miller wurde in Boston geboren und ist in den Vereinigten Staaten aufgewachsen. Die Probleme der amerikanischen Gesellschaft sind ihm folglich nicht fremd. Als promovierter Politikwissenschaftler besitzt er außerdem das nötige Feingefühl, um der komplexen Thematik gerecht zu werden. Dass Miller selbst seit längerer Zeit in Norwegen lebt, erlaubt ihm zudem, glaubhaft aus der Perspektive einer norwegischen Polizistin zu schreiben, die sich zum ersten Mal mit der Schnittstelle von Rassismus und Polizeiarbeit auseinandersetzen muss.

»Das klingt aber nich wie das, was die im Fernsehn machen.« »Ist es auch nicht.«

Indem er detailliert die Umgebung und die Tagesabläufe seiner Figuren beschreibt und bekannte Markennamen nennt, schafft Miller es gekonnt, das US-amerikanische Leben nicht nur glaubhaft darzustellen, sondern auch greifbar zu machen. Der krasse Gegensatz zwischen der norwegischen und US-amerikanischen Kultur kommt dem Roman dabei besonders zugute. Nicht nur verdeutlicht er die für Sigrid vorherrschende Atmosphäre von Fremdartigkeit, er sorgt auch für so manchen, dringend benötigten, witzigen Moment, wenn Sigrid beispielsweise versucht, norwegische Sprichwörter auf Englisch zu übersetzen und dabei von auf Waffeln sitzenden Elchen redet.

Doch nicht nur durch dieses Aufeinandertreffen zweier Kulturen will sich Miller von anderen Kriminalromanen abgrenzen. Statt sich klischeehaft auf den Instinkt zu verlassen, soll wahre Polizeiarbeit, samt Indizien und stichhaltigen Beweisen, zur Aufklärung führen. Dennoch fällt Miller häufiger auf Elemente zurück, die für das Genre typisch sind: Seine Ermittler sind unverheiratet oder geschiedenen, mittleren Alters, und mit ihrer unkonventionellen Arbeitsweise geraten sie oft in Konflikt mit ihren Vorgesetzten.

Der Anfang der Geschichte, in dem die Situation für die spontane Reise nach Amerika auf unbestimmte Zeit konstruiert werden muss, erweckt dabei einen künstlichen und unrealistischen Eindruck. Weder diese ersten zu überwindenden Seiten noch die Genreklischees tun dem Lesevergnügen schlussendlich Abbruch. Sigrid Ødegårds Reise nach Amerika gewährt einen tiefen Einblick in die US-amerikanische Gesellschaft und bleibt spannend bis zum Schluss.



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 Veröffentlicht am 14. März 2019
 Kategorie: Belletristik
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