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Misanthropie
Im Abseits

Die Negation der Nächstenliebe und Isolation als Lieblingsort: Die Hauptfigur in Rebekka Kricheldorfs Stück Fräulein Agnes lehnt sich an an Alcest aus Molières Le Misanthrope. Aber was verbindet diese Figuren? Und welche Grenzen des Legitimen überschreiten beide gleichermaßen?

Von Stefan Walfort

Ein Zuschauer des Literarischen Quartetts hatte neulich gewagt, sich in einer roten Hose vor die Fernsehkamera zu bequemen. Um Himmels Willen, wie konnte er nur? Hätte er nicht ahnen können, dass der Literaturcafé-Autor Wolfgang Tischer zum Stier werden und ihm einen veritablen Einmann-Shitstorm bescheren würde? Zu berichten, welche Bücher Weidermann, Dorn und Co. diesmal auf Lager hatten, war Tischer nicht eine Silbe mehr wert. Stattdessen arbeitete er sich durchweg an dem Zuschauer ab, nur um festzuhalten, was er ‒ wenn überhaupt ‒ besser als Randnotiz mit einem Satz hätte abhaken können: »Der Typ mit der kurzen roten Hose in der ersten Reihe, der klamottenmäßig so ausschaut, als käme er aus dem ZDF-Fernsehgarten oder dem Ferienprogramm der 70er-Jahre, der geht gar nicht!«1 Tischers Beitrag kam nicht gut an. Davon zeugen die Einträge in der Kommentarspalte. Doch vom Duktus her hätte er prima auch auf den Kulturblog Fräulein Agnes gepasst ‒ der Name des Blogs ist gleichzeitig der Titel des Stücks, das Rebekka Kricheldorf jüngst im Auftrag des Deutschen Theaters Göttingen verfasst hat.

Allen alles madig zu machen, den »undankbaren Job [zu] übernehmen, die Scheiße eine Scheiße zu nennen« ‒ das ist Agnesʼ Programm. Jeden überzieht sie mit Zynismus. Jeden Pragmatismus prangert sie als Flucht vor der Courage in die Falschheit an. Jeder Sinn für Balance kommt ihr dabei abhanden. Pressekollegen haut sie Nazivergleiche um die Ohren. Sie verreißt sogar das Album der Band, in der ihr Sohn als Leadsänger dilettiert. Und obwohl sie Aufrichtigkeit für ihr höchstes Ideal, sich selbst für »unkorrumpierbar« und für moralisch besonders integer hält, zeichnet sie mit ihrem Fairphone hinterrücks Gespräche ihrer Bekannten auf, um sie mit den Aufnahmen gegeneinander aufzuhetzen. Falls sie ausnahmsweise jemandem Gutes tut, dann nur, um damit Dritten ihre Verdorbenheit vor Augen zu führen. Laut eigener Aussage hasst sie »die ganze Menschheit«. Ihren Lesern scheint das alles andere als zu missfallen. Kein Wunder, denn wenn Agnes schreibt, Orlandos Kapelle »hätte musikalisch einiges zu bieten, würden sich die Texte nicht anhören, als wohne man einem pubertären Gruppen-Masturbieren bei«, zeigt das, wie sie den Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie gehorcht. Publikumsbeschimpfungen dagegen locken 51 Jahre nach der legendären Handke-Inszenierung im Frankfurter Theater am Turm keinen Hund mehr hinterm Ofen hervor. Vielleicht sollte Wolfgang Tischer daher bei Agnes mit der Bitte um Fortbildung anklopfen.

Grenzen des Legitimen

Rezensenten müssen bereit sein, sich in die Nesseln zu setzen, keine Frage. Die eigene Funktion mit der des Werbetexters zu verwechseln, ist eine Untugend. Nur zu langweilen, ist noch inakzeptabler. Aufgabe ist es, Diskussionen in Gang zu bringen und nicht die Leser zum Gähnen. Manchmal bedarf es dafür der Provokation. Namen wie Siegfried Jacobson und Alfred Kerr wären längst vergessen, hätten sie nicht dann und wann kräftig zugebissen ‒ beispielsweise nach einer König Lear-Inszenierung von Max Reinhardt, die Kerr einschläfernd fand,2 oder in einem Regieporträt über Reinhardt, den Jacobson einen »wachsweiche[n]« nannte und dem er vorwarf, er habe lauter unfähige Angestellte um sich versammelt.3

1969 hatte Reich-Ranicki beim Lesen des Grass-Romans Örtlich betäubt den Eindruck, er sei das Produkt »eine[s] nur mäßig begabten Grass-Epigonen«, und der Autor damit »auf einem Tiefpunkt seines Weges angelangt«.4 Das ist völlig in Ordnung, zumal Reich-Ranicki damals noch nichts davon ahnen konnte, dass Grass eines Tages Sätze wie: »von der Waffen-SS [sei] etwas Europäisches aus[gegangen]«5 aufs Papier klecksen würde, geschweige denn von einem Anti-Israel-Gedicht, mit dem er 2012 selbst das bislang unterste Niveau seiner Karriere noch unterbot.

Dieses Jahr durfte Hanno Rauterberg gleich mehrfach in der ZEIT die Kasseler Documenta in Bausch und Bogen verdammen.6 Auch hiergegen ist nichts auszusetzen. Doch die Grenzen des Legitimen sind überschreitbar. Wenn Agnes über ihren Sohn schreibt, weil sie ihm einen Denkzettel verpassen will, ist das mit der Präambel des Pressekodexes nicht zu vereinbaren, wo der Deutsche Presserat festgelegt hat, dass Journalisten ihre publizistische Aufgabe unter anderem »unbeeinflusst von persönlichen Interessen und sachfremden Beweggründen«7 auszuüben haben. Zwar hatte Orlando selbst Agnes zuvor um eine Gefälligkeitsrezension angebettelt. Auch eine solche wäre fragwürdig gewesen. Doch was nun die Öffentlichkeit auf dem Blog Fräulein Agnes zu lesen bekommt, ist obendrein rein zwischenmenschlich eine Katastrophe. Vor aller Welt und insbesondere vor einer jungen Frau, die Orlando mit seiner Musik zu beeindrucken sucht, beschämt sie ihn mit den Worten: »Man mag dem jungen Sangestalent den mütterlich warmen Rat mit auf den Weg geben: Liebe weiter, aber hör auf zu lügen. Singe weiter, aber hör auf zu dichten«. Nicht auszudenken, was sie noch alles geschrieben hätte, wenn Orlando beim Musizieren rote Hosen trüge.

Folgen der Feindseligkeit

Kricheldorf stellt ihre Agnes in die Tradition »zahlreiche[r] Nachahmungen […], die Molières Stück nach sich zog«.8 Dabei überträgt sie nicht nur die mittlerweile arg anachronistisch klingenden Tiraden der Hauptfigur Alcest von Molières Le Misanthrope aus dem 17. Jahrhundert in einen zeitgemäßen Jargon. Indem sie die Folgen der Feindseligkeiten potenziert, liefert sie darüber hinaus einen Beitrag zur aktuellen Debatte über eine Netzkultur, in der sich allerlei Akteure austoben, denen jedes Verantwortungsbewusstsein fehlt: Zwar ähnelt Alcests Kommentar über ein Sonett, dessen Verfasser er für »henkenswert«9 hält, gegenwärtigen Formen von Hatespeech, doch erfährt davon lediglich sein näheres Umfeld. Agnes dagegen verfügt über deutlich mehr Reichweite. Das Resultat überrascht nicht: Während Alcest bis zum Schluss und über das offene Ende hinaus mit der Milde einiger Gutwilliger rechnen darf, isoliert sich Agnes komplett. Ihr gegenüber ehrlich zu sein, wagt schon lange niemand mehr, weil alle fürchten, sie werde es irgendwann gegen sie verwenden. So führt sie ‒ ob bewusst oder unbewusst ‒ die Umstände, die sie zu bekämpfen vorgibt, selber herbei. Langjährige Bekanntschaften zerbrechen daran. Selbst ihr Freund Sascha, den es ihrem misanthropischen Selbstbild nach gar nicht geben dürfte, wirft ihr vor, sie spiele sich als »Inquisition« auf, und trennt sich von ihr. Trotz allem bleibt sie unbelehrbar. »Ich habe diese Feministinnen satt, die ihre verschrumpelten Pflaumen den lieben langen Tag in Talkshows an den Sitzkissen reiben. Ich habe die geschmacksicheren Ikeavermeider satt mit ihren Altbaubuden voll wurmstichiger Antiquitäten. Ich habe diese Hipster satt. Ich habe diese Spießer satt. Ich habe die Linken satt. Ich habe die Rechten satt« ‒ so reiht sie in einem Schlussmonolog aneinander, wen auf der Welt sie alles zum Deibel wünscht und dockt dabei an den Wortschwall ihres Eingangsmonologs, in dem sie bereits Hinz und Kunz sattzuhaben bekundet hat, an.

Das »soziale Abseits« sei ihr »Lieblingsort« ‒ so steht es von Anfang an fest, und so bleibt es. Solcherlei Strategie, einen Mangel an sozialen Kompetenzen zu rechtfertigen, ist von Personen aus dem echten Leben wie Schopenhauer und Rousseau ebenso überliefert wie von etlichen Figuren der Weltliteratur ‒ von Shakespeares Timon, Schillers von Hutten, Molières Alcest und halt nun auch von Agnes. Sie alle hoffen auf eine bessere Zukunft durch Einsiedelei. Einige drängen darauf, dass diejenigen, die sie für ihre Liebsten halten, sie dorthin begleiten. So verfährt Alcest mit Celimene. So verfährt auch Agnes mit Sascha. Doch beide bleiben erfolglos. Der »Umstand des Oszillierens der Hauptgestalt[en] zwischen eigenwilliger Schrulle […] und berechtigtem Aufbegehren« macht sie zwar zu »komische[n] Figur[en]« und »tragische[n] Helden« zugleich,10 aber auch das Zusammenleben mit ihnen schwer erträglich. Unberechenbar wie sie sind, kann jederzeit in Ungnade fallen, wer soeben noch Adressat von Lobeshymnen war. Und wer sich einmal ihren Zorn zuzieht, wird diesen so schnell nicht abschütteln können. Das bleibt niemandem auf Dauer verborgen.

  1. Tischer, Wolfgang: Literarisches Quartett: Wie eine kurze rote Hose ins Fernsehen kam, 13.08. 2017, Url: http://www.literaturcafe.de/literarisches-quartett-wie-eine-kurze-rote-hose-ins-fernsehen-kam/ letzter Aufruf: 16.09.2017.
  2. Vgl. Kerr, Alfred: »Ich sage, was zu sagen ist«. Theaterkritiken 1893‒1919. Hrsg. von Günther Rühle. Frankfurt am Main 1998, S. 335‒339.
  3. Vgl. Jacobson, Siegfried: Theater ‒ und Revolution? Schriften 1915‒1926. Hrsg. von Gunther Nickel und Alexander Weigel. Göttingen 2005, S. 216 (= Siegfried Jacobson. Gesammelte Schriften 1900‒1926, Bd. 3).
  4. Vgl. Reich-Ranicki, Marcel: Lauter Verrisse. 6. Aufl. München 2008, S. 118f.
  5. Grass, Günter: Beim Häuten der Zwiebel, 3. Aufl. München 2015, S. 126.
  6. Vgl. Rauterberg, Hanno: Im Tempel der Selbstgefälligkeit. Warum die Documenta in Kassel krachend scheitert. Und Münster die bessere Kunst zeigt. In: DIE ZEIT. Hamburg, 14.06.2017, S. 49; vgl. auch ders.: Rauterberg, Hanno: Burn-out der Kunstfreunde. Warum die Documenta so viele Besucher nach Kassel lockte. In: DIE ZEIT. Hamburg, 14.09.2017, S. 45.
  7. Der Pressekodex, Url: http://www.presserat.de/pressekodex/pressekodex/#panel-praeambel letzter Aufruf: 16.09.2017.
  8. Wursthorn, Friederike: Der Misanthrop in der Literatur der Aufklärung, phil. Diss. Freiburg im Breisgau/Berlin/Wien 2013 (= Rombach Wissenschaften. Reihe Litterae, Bd. 195), S. 66.
  9. Vgl. Molière: Ausgewählte Werke in drei Bänden. Übers. von Friedrich S. Bierling. Bd.1 Stuttgart 1882, S. 309.
  10. Vgl. Wursthorn, Friederike: wie Anm. 8, S. 63.


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 Veröffentlicht am 22. September 2017
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