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Im Labyrinth des Totalitären

Worte ohne Zusammenhang, fehlender Zusammenhang als Obstruktion, Zwei-Minuten-Hass als Obsession: Einmal in Orwells Universum, verlor sich in der DT-Inszenierung von 1984 die Anbindung an Realitäten; nicht zuletzt durch die Beschaffenheit des Aufführungsortes. Premiere hatte das Stück am 19. August, mit einer Zusatzvorstellung endete es am 10. September.

Von Vera K. Kostial

Die Kopfhörer aufsetzen, die Augenbinde übers Gesicht ziehen. Und nicht vergessen: »Unwissenheit ist Stärke«. Und schon ist man mit Haut und Haar gefangen in einer Theaterinszenierung jenseits des frontalen Blicks auf die Guckkastenbühne. Das Deutsche Theater Göttingen nutzte seine diesjährige Sommerpause, um George Orwells dystopischen Roman 1984 als en suite-Produktion in einer Bearbeitung von Robert Icke und Duncan Macmillan auf die Bühne zu bringen – wobei die Bühne in diesem Fall die Tiefgarage neben dem Hauptgebäude des DT einnahm. Es sollte für die ZuschauerInnen an diesem Abend kein gemeinsames Theatererlebnis geben; es hatten nach Ablauf der etwa 75 Minuten noch nicht einmal alle das Gleiche gesehen. Stattdessen durchlief jede/r einzelne eine eigene Aventüre, die sich immer wieder neu erschloss und gleichzeitig Teil einer großen Choreographie war.

Das Stück beginnt: In Blaumänner gekleidete StatistInnen begegnen den BesucherInnen mit eindringlichem Blick vor dem Eingang der Tiefgarage, hier ist man schon mit allen Sinnen gefordert, denn man hört ihren energischen Einflüsterungen zu, nimmt hektisch einen Zettel mit einer unbekannten Botschaft entgegen, wird anschließend blind gemacht und dann von ihnen in die Tiefgarage geführt. Es geht um einige Ecken, dann Drapierung auf einem Stuhl und nun hat man, obwohl die Augenbinde wieder abgenommen werden darf, komplett die Orientierung verloren und ist ZuschauerIn und AkteurIn gleichzeitig. Das orwellsche Universum zeigt einen Staat der totalen Überwachung, in dem das Leben der Bevölkerung rund um die Uhr kontrolliert und durchstrukturiert und jede Abweichung von der Linie der »Partei« hart sanktioniert wird. Die Arbeiterklasse – Personen verschiedensten Alters, bleich, apathisch, uniform in Overalls gekleidet – hat zu funktionieren, den Anweisungen der Partei und der über allem stehenden Instanz des »Big Brother« strikt Folge zu leisten und vor allem das selbstständige Denken und Reflektieren zu unterlassen. Geführt von wechselndem Personal durchläuft die/der ZuschauerIn verschiedene Räume – die Kantine der Arbeiter, das Büro eines Partei-Mitglieds –, wird mal hier, mal dort erneut mitten in der Szenerie platziert, beobachtet das Geschehen mal direkt im Raum, mal von außen durch eine Glasscheibe. Teilweise läuft man auch an DT-SchauspielerInnen vorbei, die gerade miteinander agieren, und zwar so dicht, dass man sich permanent entschuldigen möchte, den Schauplatz gestört zu haben. Oder es fliegt ein Kissen nah am Ohr vorbei. Oder ein Darsteller reinigt sich überambitioniert die Zahnzwischenräume vor einer durchsichtigen Trennwand zwischen ihm und den ZuschauerInnen, die für ihn selbst als Spiegel fungiert. Telescreens sind an den Wänden installiert, die der Überwachung der Bevölkerung und der Proklamation von Informationen dienen; durch die Räume hallen Durchsagen. Alles ist jederzeit über die Kopfhörer wahrzunehmen, egal in welchem Raum man sich befindet.

Nikolaus Kühn

Die Handlung um den Protagonisten Winston Smith, ein Mitglied der Arbeiterklasse, fängt an sich zu entwickeln. Er beginnt eine Liebesbeziehung mit Julia, die ebenfalls zur unterdrückten Bevölkerung zählt, und sich gegen die Partei aufzulehnen. »Zwei plus zwei ist vier«, hört man Winston wieder und wieder über die Kopfhörer sagen, und es ist diese mantraartige Vergewisserung dessen, was wahr ist, die seinen Widerstand ausmacht. Auf der Manipulation von Fakten basiert die Partei ihre Macht. Historische Ereignisse werden neu geschrieben und die bisherigen Darstellungen gelöscht; Aufzeichnungen über Personen und Geschehnisse werden abgeändert und die neuen ›Wahrheiten‹ so nachdrücklich proklamiert, dass die Bevölkerung sie annimmt. »Die Realität ist nur im Kopf«, heißt es seitens der Partei, es gibt keine äußere, verlässliche Wirklichkeit. Und selbst die Sprache bietet kein valides Mittel zur Weltbeschreibung mehr.

Dabei ist Sprache per se arbiträr. Die Benennung eines Gegenstands durch ein bestimmtes sprachliches Zeichen basiert auf einem Konsens über das Sprachsystem; Verständnis durch Sprache beruht auf dem gemeinsamen Wissen darüber, welches sprachliche Zeichen welchen Gegenstand, welches Konzept, welche Entität bezeichnet. Was geschieht, wenn dieses fragile Sprachsystem aus den Angeln gehoben wird? »Zwei plus zwei ist vier«, das ist mathematisch und sprachlich korrekt. Was aber, wenn nun entschieden würde, dass die Summe aus 2 und 2 nicht mehr durch die sprachliche Äußerung »vier«, sondern eben durch das Wort »fünf« bezeichnet würde? Was, wenn eine politische Macht sich dazu entschlösse, die Arbitrarität der Sprache in ihrer Gesamtheit offensichtlich zu machen und für ihre Zwecke zu nutzen – dafür, nicht nur die Sprache, sondern auch die Fakten arbiträr zu machen? Genau dies geschieht in 1984, und es ist auf erschreckende Weise einfach, die Parallele zu einer gegenwärtigen Politik des Postfaktischen zu ziehen.

Winston Smith scheitert am Ende mit der Revolution. Diese letzte Szene der Inszenierung ist die einzige, während der alle ZuschauerInnen sich in einem Raum befinden und doch weiterhin isoliert voneinander bleiben: Allen wurde eine Pritsche zum Sitzen oder Liegen zugewiesen, die Augen sollen geschlossen sein, und Winstons Folter wird ausschließlich über das Zuhören via Kopfhörer erlebt (wer es trotzdem wagt, die Augen zu öffnen, sieht sich den StatistInnen gegenüber, die in ihren Overalls wie Untote an den Pritschen entlangschlurfen). Gequält, manipuliert und einer Gehirnwäsche unterzogen weicht sein Widerstand einer dumpfen Zustimmung zur Linie der Partei und dem Glauben, nun »geheilt« zu sein.

Am Schluss fällt der Kopfhörer, das Publikum fängt an zu klatschen. Der Applaus ist seltsam gedämpft – es gilt, eine großartige inszenierungspraktische und schauspielerische Leistung zu würdigen, die es angesichts ihrer brutalen Intensität vermag, kalte Schauer über den Rücken zu jagen. Es dauert eine Weile, bis man nach Verlassen der Tiefgarage wieder vollständig in der Realität angekommen ist, und die Botschaft, die man später wieder in seiner Tasche entdeckt, versetzt einen erneut zurück. Der Inhalt der Nachricht? Das sollte nicht verraten werden – »Unwissenheit ist Stärke«.



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 Veröffentlicht am 21. September 2017
 Fotos: © Thomas M. Jauk
Auf dem Bild: Roman Majewski
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