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Kriegserzählkunst

In Bellum Gallicum glänzt Gaius Iulius Caesar nicht nur als großer Feldherr, sondern auch als geschickter Erzähler. Wie Kriegskunst und Erzählkunst miteinander interagieren, zeigt ein exemplarisches close reading von Caes. Gall. 2,25 – 2,27.

Von Michelle Rodzis

Zahllose Generationen von Lateinlernenden stöhnen auf, wenn der Name Gaius Iulius Caesar fällt, dessen Bellum Gallicum als überaus zäh und langweilig gilt, da es scheinbar nur Truppenbewegungen und zweifelhafte Kriegsgründe schildert. Aber bei genauerer Betrachtung erweist sich deren Darstellung als ausgeklügelte Erzählerleistung, die den aufmerksamen Leser eine neue Ebene der Interpretation liefert. Dies soll anhand der Endphase der Nervier-Schlacht in Caes. Gall. 2,25 – 2,27 aufgezeigt werden, denn sie ist eine der Kampfsituationen, deren positiver Ausgang für die Römer alles andere als gewiss ist. Eine derart kritische und verworrene Situation fordert vom Erzähler ein Höchstmaß an Koordinationsvermögen, um dem Leser das Geschehen verständlich zu skizzieren. Daher soll der Erzählperspektive anhand von Caes. Gall. 2,26 und 2,27 exemplarisch untersucht werden, um herauszuarbeiten, wie das Geschehen auf dem Kampfplatz dargestellt wird und welche Schlussfolgerungen sich daraus ziehen lassen. Grundlage hierfür ist die narratologische Theorie der Fokalisierung nach Gérard Genette.1

I.

Betrachten wir zunächst den Ausgangspunkt der letzten Schlachtphase:

Caesar […] ad dextrum cornu profectus, ubi suos urgeri signisque in unum locum conlatis duodecimae legionis confertos milites sibi ipsos ad pugnam esse impedimento vidit, quartae cohortis omnibus centurionibus occisis signiferoque interfecto signo amisso, reliquarum cohortium omnibus fere centurionibus aut vulneratis aut occisis […], reliquos esse tardiores et nonnullos a novissimis desertores proelio excedere ac tela vitare, hostes neque a fronte ex inferiore loco subeuntes intermittere et ab utroque latere instare et rem esse in angusto vidit neque ullum esse subsidium […]: scuto ab novissimis uni militi detracto, quod ipse eo sine scuto venerat, in primam aciem processit centurionibusque nominatim appellatis reliquos cohortatus milites signa inferre et manipulos laxare iussit, quo facilius gladiis uti possent. cuius adventu spe inlata militibus ac redintegrato animo, cum pro se quisque in conspectu imperatoris etiam in extremis suis rebus operam navare cuperet, paulum hostium impetus tardatus est.
[Zur deutschen Übersetzung]
Caesar brach zum rechten Heeresflügel auf, sobald er sah, dass [die römischen Soldaten] bedrängt wurden und die Soldaten der zwölften Legion nach Zusammentragen der Banner an einer Stelle zusammengepfercht sich selbst beim Kampf ein Hindernis waren. [Er bemerkte], dass die übrigen Soldaten in ihrem Kampfeifer stark nachließen, als alle Zenturionen des vierten Kohorte getötet, der Bannerträger abgeschlachtet und das Feldbanner verloren worden war, [und außerdem] fast alle Zenturionen der übrigen Kohorten entweder verletzt oder getötet worden waren, und dass einige von der Nachhut fahnenflüchtig die Schlacht verließen und den Wurfgeschossen auswichen. [Noch dazu] sah er, dass die Feinde, die von der Frontseite von einer niedriger gelegenen Stelle emporkamen, [mit Kämpfen] nicht nachließen und [ihnen] von beiden Seiten her drohten, dass sich die ganze Angelegenheit in einer schwierigen Lage befand und dass es keinerlei Unterstützung gab; Da lief er, nachdem er einem Soldaten aus der Nachhut das Schild weggerissen hatte, weil er selbst ohne eines gekommen war, an vorderste Front und befahl, als er die Zenturionen mit Namen angerufen hatte und die übrigen Soldaten ermuntert hatte, dass [sich die Soldaten in Schlachtformation Rücken an Rücken stellen] und die Manipel auflockern sollten, damit sie ihre Schwerter leichter benutzen konnten. Weil die Soldaten durch Caesars Ankunft neuen Mut schöpften, wurde der Angriff der Feind abgebremst, denn jeder wünschte bei sich im Anblick des Feldherrn sein Allerbestes zu geben.[Zum lateinischen Original]

Die Passage beginnt mit einer externen Fokalisierung, bei der Caesar im Mittelpunkt steht. Darin nimmt der Leser durch dessen Augen wahr, wie schlecht es um die Römer steht. Trotz des Chaos, das auf dem Schlachtfeld herrscht, nimmt der Erzähler das Geschehen distanziert wahr und wählt den Feldherren zum Mittelpunkt seines Fokus. Anhand dieser Fixierung wird deutlich, dass die Entscheidung über Sieg oder Niederlage vom Feldherren abhängt, da sonst keinerlei Hilfe zu erwarten ist. Die chaotischen Kampfumstände werden an dieser Stelle allerdings schon relativiert: Caesar dominiert und kontrolliert den Fokus und somit das Geschehen.2

Über die Verschmelzung von Caesars Wahrnehmung und seinen Überlegungen zu dem, was er sieht, findet ein Wechsel zur internen Fokalisierung statt. Auch als der Bezug der Fokalisierung von Caesar auf die Soldaten, zu denen er gekommen ist, wechselt, bleibt diese intern. Im Augenblick der höchsten Not rückt der Leser so nah wie möglich an den Feldherrn und seine Soldaten heran. Die Ermunterung wird somit zum Schlüsselmoment, in dem die Kämpfer ihre Furcht verdrängen und sich wieder auf ihre virtus (Tugend) besinnen. Obwohl die Kampfhandlungen noch nicht eingestellt sind, wird deutlich, dass die Schlacht jetzt, da Caesar durch die Ermunterung der Soldaten alle seine Pflichten wahrnehmen kann, mit einem Sieg für die Römer enden wird.3

II.

In der weiteren Darstellung verbleibt der Erzähler hauptsächlich in einer externen Fokalisierung. Mit diesem Wechsel wird deutlich, dass die Entscheidung zugunsten der Römer gefallen ist: Nun stehen die Soldaten des militärischen Manövers, das Caesar eingeleitet hat, im Mittelpunkt. Dass sich der Erzähler an dieser Stelle für eine distanziertere Erzählperspektive entscheidet und Caesar nicht mehr erwähnt, deutet an, dass der wichtigste Moment für die Entscheidung der Schlacht bereits geschildert wurde.

In Caes. Gall. 2,25 – 2,27 liegt eine variable Fokalisierung vor, die bisweilen auch innerhalb der Teilsätze variiert. Der entscheidende Moment für den Sieg der Römer ist das Auftauchen Caesars am rechten Heeresflügel und die daraus resultierende Wiederherstellung der Kampfmoral. Dies wird mit der Fokalisierung unterstrichen: Der Erzähler verlässt seine distanzierte Erzählhaltung und führt den Leser nah an das Geschehen heran. Insofern kann man schlussfolgern, dass dieses Vorgehen für wichtige Ereignisse reserviert ist. Im Anschluss benötigt der Erzähler die interne Fokalisierung nicht mehr, was verdeutlicht, dass sich das Blatt für die Römer endgültig zum Guten gewendet hat.

Allerdings lässt sich noch eine weitere Verwendung der internen Fokalisierung feststellen. Betrachten wir hierfür die Reiterei der Römer nach der Ermunterung und die Darstellung der Nervier genauer.

[Trium legionum] adventu tanta rerum commutatio est facta, ut […] equites […], ut turpitudinem fugae virtute delerent, omnibus in locis pugnando se legionariis militibus praeferrent. at hostes etiam in extrema spe salutis tantam virtutem praestiterunt, ut, cum primi eorum cecidissent, proximi iacentibus insisterent atque ex eorum corporibus pugnarent, his deiectis et coacervatis cadaveribus, qui superessent, ut ex tumulo tela in nostros coicerent pilaque intercepta remitterent: ut non nequiquam tantae virtutis homines iudicari deberent ausos esse transire latissimum flumen, ascendere altissimas ripas, subire iniquissimum locum; quae facilia ex difficilimis animi magnitudo redegerat.
[Zur deutschen Übersetzung]
Aufgrund [der] Ankunft [der drei Legionen] wurde ein so großer Umschwung der Umstände erreicht, dass […] sich die Reiter […] allerorts durch ihr Kämpfen noch vor den Legionssoldaten auszeichneten, um die Schmach der [vorherigen] Flucht durch ihre Tapferkeit auszulöschen. Aber die Feinde bewiesen auch in ihrer äußersten Hoffnung auf Rettung eine so große Tapferkeit, dass sich, nachdem die Ersten von ihnen gefällt worden waren, die Nächsten auf die vor ihnen Liegenden stellten und sie von deren Leichen aus kämpften. Und nachdem diese niedergeworfen waren und man ihre Leichname zusammengehäuft hatte, schleuderten die, die überlebt hatten, [von deren Leichen] wie von einem Erdhügel herab Geschosse gegen unsere Soldaten und warfen abgefangene Wurfspieße zurück: So müssen sie nicht ohne Grund als Menschen von derartig großer Tatkraft beurteilt werden, weil sie es gewagt hatten, einen äußerst breiten Fluss zu überqueren, seine sehr steilen Ufer zu erklimmen und einen [zum Kämpfen] äußerst ungünstigen Ort empor zu steigen; Die Größe ihres Mutes hatte aus sehr Schwierigem dies Leichte gemacht.[Zum lateinischen Original]

Der Erzähler berichtet zunächst aus seiner gewohnten distanzierten Haltung heraus. Zwar wählt er bei den equites (Reitern) kurzzeitig eine interne Erzählperspektive, allerdings wird diese Hervorhebung durch die antithetische Gegenüberstellung von virtus und turpitudo (Schmach) abgeschwächt. Indem durch die interne Fokalisierung die Handlungsmotivation der Reiter angegeben wird, wird ihr Verhältnis zur virtus entlarvt: Die Römer verhalten sich zunächst alles andere als römerhaft und sind in einer schwierigen Kampfsituation vollkommen auf ihren Feldherren angewiesen.4 Haben sie erst einmal ihre virtus wiedergewonnen, müssen sie dadurch ihre vorherige Schmach ausgleichen. Die Schlacht endet für sie zwar mit einem Sieg, der aber aufgrund ihres Verhaltens während des Kampfes vom Erzähler nicht als glorreich bewertet wird. Die interne Fokalisierung hat in dieser Passage eine kritisierende Wirkung und stellt das Verhalten nach der Ermunterung durch Caesar kontrastiv dem vorherigen gegenüber.

III.

Als die Nervier danach in den Mittelpunkt rücken, verfährt der Erzähler ähnlich wie auf römischer Seite, indem er kurz einen Einblick in ihre emotionale Lage gibt. Auch hier wird die interne Fokalisierung genutzt, um die vorherrschende virtus zu illustrieren. Allerdings haben sich die Nervier bisher tadellos verhalten und bieten in einer Notlage alle Kräfte auf, um sich zu retten: Im Gegensatz zu den Römern scheinen sie keine Angst zu kennen und das Grauen der Schlacht nicht zu beachten, sondern kämpfen trotz ihrer Verluste und ihres ungünstigen Standpunkts unbeirrt weiter. Die ihnen im Vorfeld zugeschriebenen Eigenschaften bewahrheiten sich an dieser Stelle: Sie weichen nicht von ihrer virtus ab, unabhängig davon, in welcher Situation sie sich befinden.

Abschließend wechselt der Erzähler in die Nullfokalisierung, in der er allgemein über das Verhalten der Nervier reflektiert. Trotz ihrer Niederlage zollt er ihnen seinen Tribut, indem er ihre Taten mithilfe der Superlative besonders herausstellt und nochmals ihre virtus betont. Mit der Nullfokalisierung entfernt sich der Erzähler von der Kampfhandlung und lässt so keinen Raum mehr, um eventuelle Taten, die der virtus der Nervier entgegen stünden, zu schildern. Vergleichbar mit einer Kamera zoomt sein Blick aus der Handlung heraus und lässt die virtus der Nervier in ihrem vollen Glanz erstrahlen, ohne dass sie durch irgendetwas getrübt würde.

Obwohl der Erzähler bei Römern und Nerviern erzähltechnisch ähnlich verfährt, arbeitet er einen starken Kontrast zwischen den beiden Völkern heraus. Bei den Römern kritisiert er deren Verhalten, indem er durch die interne Fokalisierung ihr vorheriges, überhaupt nicht virtus-haftes Handeln aufzeigt und den römischen Sieg abwertet. Bei den Nerviern hingegen hebt der Erzähler trotz ihrer Niederlage ihre virtus hervor, indem er mit einer internen Fokalisierung auch ihren emotionalen Hintergrund illustriert, aber keinerlei Vergleich zu vorher bietet und sich, im Moment der höchsten Tugend der Nervier, über eine Nullfokalisierung aus dem Geschehen entfernt. Der Sieg der Römer wirkt so ambivalent: Erst durch Caesar ist es möglich, das zuvor fehlerhafte Handeln zu korrigieren und somit einer Niederlage gegen einen derart tapferen Feind zu entrinnen.

Insgesamt lässt sich anhand der Passage von 2,25 – 2,27 feststellen, dass die Fokalisierung ein Mittel ist, um den für den Sieg der römischen Armee entscheidenden Moment besonders hervorzuheben. Auch ist der Erzähler in der Lage, dem Leser mit der Fokalisierung ein kritisches Bild über das Verhalten der römischen Soldaten während des Kampfes zu vermitteln, da er sie nicht glorifiziert, sondern ihre Fehler bewusst aufdeckt. Dem Leser wird so zum einen über die virtus-Darstellung der Römer verdeutlicht, dass das römische Heer bisweilen auch fehlerhaft ist und nicht immer optimal bei Feindkontakt reagiert. Zum anderen kann mit der Fokalisierung ein idealisiertes Bild der Gegner gezeichnet werden, das den Respekt vor dem Feind erhöht, zugleich aber auch vorbildlich für das römische Heer wirkt.

  1. Genette unterscheidet bei seiner Theorie der Fokalisierung zwischen drei Modi, in denen sich ein Erzähler bewegen kann. ›Nullfokalisierung‹ bezeichnet den Umstand, dass der Erzähler mehr Wissen hat als die Figuren und keine Figur im Mittelpunkt des Fokus steht. Bei der ›externen Fokalisierung‹ ist eine bestimmte Figur Zentrum des Erzählerblickes, allerdings gibt der Erzähler keine psychischen Vorgänge wieder und weiß also weniger als die Figur, die er betrachtet. Die ›interne Fokalisierung‹ ist ebenso an eine Figur gebunden, gibt aber auch Einsicht in ihre Gefühls- und Gedankenwelt. Der Erzähler sagt das, was die Figur auch weiß. Vgl. Lahn, S. – J. C. Meister. Einführung in die Erzähltextanalyse. Stuttgart u.a. 2009. 104-110.
  2. Vgl. Brown, R. D. »The Caesarian battle-descriptions: A study in contrast.« CJ 94 (1999): 329 – 357. Hier 339.
  3. Vgl. Lendon, J. E. »The Rhetoric of Combat: Greek Military Theory and Roman Culture in Julius Caesar’s Battle Descriptions.« ClAnt 18 (1999): 273 – 329. Hier 289, 317ff.
  4. Vgl. ebd. 318 ff.


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 Veröffentlicht am 3. Januar 2011
 Kategorie: Wissenschaft
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