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Leben im Paradies

Die junge Darling migriert aus einem Armutsviertel in Simbabwe in die USA. Die Autorin NoViolet Bulawayo hat mit Wir brauchen neue Namen einen eingehenden Roman über das Leben in den zwei so unterschiedlichen Ländern geschrieben. Ein Buch, das Kindheitserinnerung und Migrationsroman gekonnt vereint

Von Elisabeth Böker

Darling, Sbho, Chipo und die anderen aus ihrer Gang erleben eine Kindheit, die man sich kaum vorstellen kann. Sie wohnen zwar in »Paradise« – doch ihr Zuhause ist eine Wellblechsiedlung. Die zehn- und elfjährigen Kinder leben in absoluter Armut. Zur Schule gehen sie nicht mehr, weil sich ihre Familien das Schulgeld nicht leisten können. Sie wissen sich aber durchs Leben zu schlagen. So brechen sie beispielsweise zum Guavenklauen nach »Budapest« auf.

Das hier ist nicht wie Paradise, das ist wie in einem ganz anderem Land. Einem schönen Land, wo Leute wie wir nicht leben. Wobei man gar nicht merkt, dass hier überhaupt echte Menschen leben; sogar die Luft ist leer: kein leckeres Essen auf dem Feuer, kein Geruch, kein Geräusch. Einfach nichts. Budapest, das sind große, große Häuser mit Satellitenschüsseln auf den Dächern und hübschen Kieshöfen oder gestutzen Rasen und hohen Zäunen und Fertigmauern und Blumen und großen Bäumen voll mit Obst, das auf uns wartet, weil hier anscheinend keiner weiß, was er damit anfangen soll.

Nur der Busch und eine große Straße trennt die beiden unterschiedlichen Viertel. Arm und Reich leben hier in diesem Land nah beieinander. Doch zwischen dem Leben der Menschen in den Vierteln liegen Welten.

Was es bedeutet in Paradise zu leben, verdeutlicht die titelgebende Szene anschaulich: »Wir brauchen neue Namen, damit wir es richtig machen«, sagt Sbho in dieser. Schließlich haben die Mädchen großes vor: Sie wollen Chipos Bauch wegmachen: »Erstens stört er beim Spielen, und wenn wir es zulassen, dass sie das Baby kriegt, wird sie zweitens einfach sterben.« Daher gehen sie zu einem großen, versteckt stehenden Baum. Dort spielen sie Arzt. Mit einem verbogenem, rostigem Kleiderbügel überlegen sie das Kind aus dem Bauch herausholen. Eines der Mädchen hat gehört, dass man auf diese Weise ein Baby wegmachen kann. Angelehnt an eine amerikanische Arztfernsehsendung geben sie sich für die Aufgabe neue Namen.

Schonungslose Alltagsschilderungen

Die in Simbabwe geborene Autorin NoVioloet Bulawayo führt uns in das Leben in einem simbabwischen Armutsviertel mit ihrem ersten Roman ein. Mit ihrer Protagonistin Darling klauen wir nicht nur Guaven oder versuchen das Baby der besten Freundin loszuwerden (was nicht gelingt), sondern gehen auch an Ostern in die Kirche, erfahren, wie ihr Vater an Aids stirbt, oder spielen mit ihr ausgedachte Spiele und lassen uns von NGOs beschenken. Schonungslos sind die Szenen vielfach. So entdecken die Kinder beim Spielen eine an einem Baum hängende Leiche. Deren neuen Schuhe nehmen sie, um sie gegen Brot einzutauschen. Und der Vater von Chipos Baby ist niemand anderes als ihr eigener Großvater, der seine Enkelin vergewaltigt hat.

Buch


NoViolet Bulawayo
Wir brauchen neue Namen
Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow
Suhrkamp, 264 Seiten, 21,95 €

 
 
Niemals wird allerdings auf die Tränendrüse gedrückt. In sämtlichen Szenen gelingt es der heute in Amerika ansässigen Autorin das Leben von Darling äußerst wirklichkeitsgetreu zu beschreiben. Die dialogreiche Sprache und der kindlich-lockere, niemals aufgesetzt wirkende, teils derbe Ton haben daran großen Anteil. Phrasen wie »Halt doch deinen kaka Mund« oder »Ich brauche keine kaka Schule zum Geldverdienen, du Ziegenzahn«, werfen sich die Kinder beim Spielen zu. Eine weitere Besonderheit ist die Verdoppelung von für die jeweilige Szene zentralen Wörtern, wie »stumm-stumm« oder »Freundin-Freundin«, eine Anlehnung an die einheimischen Sprachen, die auch Eingang ins simbabwische Englisch gefunden hat.

Nach der Hälfte des Romans kommt ein abrupter Wechsel. Darling migriert als Jugendliche zu ihrer Tante nach »Destroyedmichygen«. Der lang ersehnte Traum nach dem Leben in den Staaten, dem Leben im vermeintlich wirklichen Paradies, wo man keinen Hunger leiden muss, geht für Darling tatsächlich in Erfüllung. Doch ist es ein besseres Leben? Ein ganz anderes, so kann man die Frage nur beantworten. Andere Sorgen, andere Probleme muss Darling hier bewältigen.

Entwurzelte Protagonistin

»Das hier ist nicht mein Land«, sagt Darling in der Eröffnungsszene ihres neuen Lebens in Amerika. Heimweh hat Darling, sie würde am liebsten einmal kurz nach Hause, nur um zu sehen, wie es ihrer Mutter, ihren Freunden ergeht, wird sie einmal ihrer Tante sagen. Am Telefon kann sie weder ihrer Mutter noch ihren früheren Freunden sagen, wie viel Sehnsucht sie nach ihnen hat. Sie entfremdet sich von ihrer Heimat. Auch ihr neues Zuhause, wo sie mit den neuen Freunden Pornos schaut oder ohne Führerschein durch die Straßen kurvt, wo ständig der Fernseher läuft und sie zur Schule gehen kann, bleibt ihr fremd. Darling ist entwurzelt. Sie lebt zwischen den Kulturen. Und dennoch hat sie sich für das neue Leben entschieden. Es bietet ihr die besseren Zukunftschancen als ein Land, das von einem Diktator regiert wird und in dem über 80 Prozent Arbeitslosigkeit herrschen.

Gerade durch die Zweiteilung des Buches, also dem Erzählen Darlings Leben in Simbabwe und den USA, gewinnt das Buch zusätzlich an Stärke. Es hebt sich von einem Roman über eine Kindheit im Armenviertel im südlichen Afrika ab und wird zu einem Migrationsroman. Noch dazu zu einem, der sprachlich durch den sehr eigenen Ton absolut überzeugt.

Die 30-jährige Autorin NoViolet Bulawayo, eigentlich Elizabeth Zandile Tshele, ist selber als junge Frau aus Simbabwe nach Amerika migriert. Dennoch ist die Handlung nach ihrer Auskunft nicht autobiografisch. Von Lesern und Kritiker wurde das Buch gefeiert. Als erste simbabwische Schriftstellerin stand NoViolet Bulawayo auf der Shortlist für den Man Booker Prize. Der Roman wurde inzwischen in siebzehn Sprachen übersetzt.



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 Veröffentlicht am 10. März 2015
 Kategorie: Belletristik
 Fassade der Bücherei in Victoria Falls, Aufnahme von Elisabeth Böker
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