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Me, myself & the Deutsche Bahn

Wie nah Poetry Slam am Zeitgeschehen ist, konnte das Göttinger Publikum am 25. Mai im Jungen Theater live erleben: Nachdem die Bahn nach all den Streiks zwar wieder fährt, dies dafür aber nur in ihrem üblichen Rhythmus, konnte die Veranstaltung erst mit fünzehnminütiger Verspätung eröffnet werden.

Von Florian Pahlke und Sukie Brinkmann

Die Aktualität des Zeitgeschehens zeigte sich dann jedoch auch in den präsentierten Texten, die sich alle mehr oder minder in der Thematik des liberalen Individualismus anzusiedeln wussten. Theresa Hahl, die in Göttingen schon auf einigen Slams performte und im vergangenen November zudem ihr Bühnenhörspiel Die Tonbänder des Ignaz Euling im ThOP vorstellte, eröffnete schließlich den Slam. In ihrem ersten Text resümierte sie passenderweise gleich über die Schnelllebigkeit der Großstädte, die sich bis auf den »Pulsschlag der Vorstadt« auszuwirken vermag und das Spannungsverhältnis von Stadt und Land immer weiter zu verengen droht, in dem das Sprecher-Ich seiner selbst verlustig zu gehen scheint. Ganz im Kontrast zu diesem groß angelegten Thema stand ihr zweiter Text. Ein Liebesgedicht, das in seiner Ich-Fokussiertheit die Blickrichtung des Abends einleitete. Nur selten brach einer der weiteren vorgetragenen Texte aus dieser Perspektive aus, die erstaunlich häufig das Thema Selbstverwirklichung in den Mittelpunkt rückte. Mangelnde Kreativität konnte den Slammern dabei dennoch keinesfalls unterstellt werden. Wie unterschiedlich sich die Thematik aufgreifen lässt, erkannte man alleine schon daran, dass die Darstellung aus den unterschiedlichsten Bereichen Beeinflussung erfuhr: Joachim Linn hatte deutlich hörbare Hip-Hop Elemente eingeflochten, Leticia Wahl griff hingegen tief in die Klassiker-Kiste und kleidete mit ihrem »Der Metzgerlehrling« die Probleme eines Veganers in goethesche Gewänder. Hellen Shirley begann ihren Auftritt, um ihrer Nervosität entgegenzuwirken, sogar mit einer Gesangseinlage.

Slam Göttingen

Der Poe­try Slam in Göt­tin­gen findet im Jun­gen Thea­ter statt. Der of­fe­ne Dich­terIn­nen­wett­streit ar­bei­tet mit einem wei­ten Li­te­ra­tur­be­griff: Lyrik, Prosa, Rap, Lim­me­ricks, Kurz­ge­schich­ten, Dia­lo­ge, Wahn­sinn oder was auch immer sonst auf die Bühne kommt, Haupt­sa­che die Texte sind selbst­ge­schrie­ben, pas­sen in sieben Mi­nu­ten und wer­den ohne Hilfs­mit­tel dar­ge­bo­ten. Durch den Abend führen Felix Römer und Chris­to­pher Krauss. Wer sel­bst ein­mal auf­tre­ten will: mind. fünf Plät­ze wer­den per Los an Dich­terIn­nen aus der of­fe­nen Liste ver­ge­ben. Ein­fach abends kom­men, Namen auf einen Zet­tel am Ein­gang schrei­ben und schon ist man dabei. Der Göttinger Poetry Slam ist Kooperationspartner von LitLog. Der nächste Poetry Slam findet am 28.6.2014 im JT statt.

 
 

Nachdenkstoffe

Grund genug für Nervosität hätte auch Max Steinau haben können, der seinen ersten Poetry-Slam bestritt, das Publikum aber mit einem Text zu überzeugen wusste, der ins Bewusstsein rief, dass nicht jeder kleine Auslöser zu globalen Streitigkeiten führen muss. Statt Nervosität winkte nicht nur der Einzug in das Finale der Veranstaltung, sondern letztlich sogar der Sieg über Hinnerk Köhn und somit der gesamten Veranstaltung. Dieser bot den Zuhörern mit zwei gesellschaftskritischen Texten Stoff zum Nachdenken. So durchlebte Hinnerk in der Hauptrunde die Bürokratie-Hölle im wahrsten Sinne des Wortes, indem er ein Zusammentreffen nach seinem (vermeintlichen) Tod im Himmel mit Petrus skizzierte, der darüber zu entscheiden habe, wie mit ihm denn nun zu verfahren sei. Unwillige Antworten oder schlicht Langeweile veranlassten diesen dabei jedoch immer wieder dazu, das Erzähler-Ich mit Elektroschockern zu tasern. Offensichtliche Parallelen zum jüngsten Missbrauchsskandal der Bundespolizei Hannover dürften dem Publikum ähnlich schnell deutlich geworden sein wie Assoziationen zur heuchlerischen Berichterstattung über verschiedenste Katastrophen, die im Finaltext unter die sarkastische Frage subsumiert wurden, wie viele Deutsche dabei eigentlich starben. Denn schließlich laufe ja in unserem eigenen Land schon so viel schief, dass wir die hausgemachten Probleme Europas und der Welt nicht auch noch beachten oder gar lösen könnten. Ähnlich kritisch zeigte sich auch der Text von Ben Mendelsohn, der die historische und kulturelle Entwicklung in Deutschland mit dem Fazit abkanzelte, dass es der Politik nicht darum ginge, dass der Islam zu Deutschland gehöre, sondern vor allem darum, dass die Waffenlieferungen an islamische Staaten weiterhin lukrativ blieben.

So unterschiedlich die Performances waren, so sehr zeigte sich jedoch Einigkeit in der Wahl der Stilmittel. Insbesondere (Selbst)Ironie und Übertreibungen zeichneten eine Vielzahl der Texte aus. Besonders hervortun konnte sich hier Sebastian Butte, der es nicht nur schaffte, pointiert überzeichnete Menschenbilder der Ironie feilzubieten, sondern all das zu guter Letzt in einem völlig übersteigerten Selbstbild des Künstler kumulieren ließ. Im Bewusstsein dieser Hybris scheitert das Künstler-Ich nicht an der Welt, sondern insbesondere an seiner Perspektive auf sich und diese. Wie schwierig es geworden ist, in zwischen Ansprüchen und Wünschen oszillierenden Lebensentwürfen den eigenen (richtigen) auszumachen, konnte nicht nur Astrid Oberländer in ihrem Beitrag zur Debatte stellen, sondern auch Tabea Reindt empfahl, sich manchmal lieber am Rande der Erwartungen zu bewegen, um überhaupt wieder Platz für das eigene Denken zu schaffen. Dominique Macri, die am Vortag auch beim Poetree Lyrikfestival zu hören war, gab der Frage nach Erwartungen und Wünschen einen ganz eigenen Raum, indem sie die Herausforderungen einer jungen Mutter mit dem Wunder der Kindheit und den Wundern für Kinder verband.

Gemeinsame Poesie-Leidenschaft

Auch wenn sich die Texte oftmals thematisch ähnelten, zeichnete sich der Abend durch die individuelle Performancekunst aus; und selbst wenn die Texte teilweise den gleichen Tonus besaßen, hat diesen jeder Slammer auf seine ganz eigene Weise dem Publikum präsentiert und ein Stück der eigenen Persönlichkeit mit einfließen lassen. Obwohl es am Ende natürlich einen offiziellen Gewinner gab, zeigte auch die diesmalige Veranstaltung wieder, dass es beim Poetry Slam um viel mehr geht, als um einen Wettbewerb. Welcher Zuschauer sich dabei mit welchem Künstler am meisten identifizieren konnte, blieb letztlich jedem selbst überlassen und die Wahl des Gewinners über die Stärke des Applauses darf somit auch als Bekräftigung verstanden werden, dass Poetry Slam weiterhin in erster Linie performative Kunst sein darf, bei deren Aufführung es vor allem um die gemeinsam gelebte Leidenschaft zu Poesie geht.



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 Autor:
 Veröffentlicht am 26. Juni 2015
 Bild von Jessica Szturmann
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 2 Kommentare
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2 Kommentare
Kommentare
 Max
 30. Juni 2015, 16:54 Uhr

Zunächst einmal danke für diese grandiose Revue! Präzise Analyse! Nun noch ein Hinweis. Da sich „Max“ kurzfristig angemeldet -und nicht vorgestellt hat, ein kleiner Namensverdreher. Max Steiman ist eigentlich Max Steinau 😉 Ist er aber selber schuld! Vg

 admin
 1. Juli 2015, 10:34 Uhr

Vielen Dank für den Hinweis, wir haben es geändert!

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