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Thomas Mann und Himbeerbrause

Maxim Biller kann man leicht nicht mögen. In Tempo spuckte er in seiner 100 Zeilen Hass-Kolumne gegen alles und alle Gift und Galle. Verhöhnte seine Ex-Freundin in einem daraufhin verbotenen Roman. Inszeniert sich als jüdischer Moralprediger, der mit dem Schwert des Totschlagarguments kämpft.

von Christoph Hoffmann

Alles, was dem bequemen Menschen lieb ist, birgt potentiell faschistisches Gedankengut, deswegen muss drauf eingeschlagen werden. Thomas Mann? Hasst Juden, geht also gar nicht. Hässliche Pullover? Ausdruck des hässlichen Deutschen! Übers Essen reden? Sollte man nicht lieber über die deutsche Vergangenheit reden? Maxim Biller gibt sich als wütender, verletzter, von Deutschen vor den Kopf gestoßener Jude. Aus dieser plakativen Position lässt es sich leicht schimpfen. Widerspruch ist nicht nur zwecklos, sondern auch antisemitisch.

Das Leben im Spagat

Dem gegenüber steht der liebende, feingeistige und glückliche Maxim Biller, der gerne Himbeerbrause trinkt. Seine hingebungsvolle Liebe zu den Frauen ist unkitschig, aufrichtig und schlichtweg schön. Er beschreibt das Trocknen der Schweißtropfen in der Sonne, das Schimmern des Badewassers auf der Haut oder die elegante Art des Schreitens der Frauen. Kurze, knappe Sätze – und man weiß sofort, dass Maxim Biller ehrlich verliebt ist, wenn auch zu seinem Leidwesen fast immer in klassische, germanische Schönheiten, also Frauen, die er, als wütender Jude, nicht lieben dürfen sollte. Er liebt auch die Natur, die Musik, die Literatur, das Leben insgesamt.

Maxim Biller steht damit in einem seltsamen Spagat. Er schreibt als jüdischer Schriftsteller in einem Land, in dem es, wie er es ausdrückt, keine Juden mehr geben sollte, aus der exponierten Position des wütenden, verletzten Juden über die fatale Schönheit der deutschen Frauen, der deutschen Literatur und letztlich auch über das schöne Leben in Deutschland; einem Leben, das er aus seiner Sicht also gar nicht führen dürfte. Über das Leben in diesem Spagat, und damit kommen wir nun endlich zum hier besprochenen Buch, erzählt nun der Mensch Maxim Biller in seinem Selbstportrait Der gebrauchte Jude.

Sex ist wichtiger als Literatur

Maxim Biller beginnt mit seiner Studienzeit und endet in der Gegenwart. Omnipräsent ist dabei sein Judesein, wie er es nennt, und wie Marcel Reich-Ranicki es nicht nennt. Im Sommer liegt Maxim Biller mit schönen Mädchen im Park und schwänzt die Thomas-Mann-Vorlesung, die Mädchen faszinieren ihn und er fasziniert die Mädchen; vielleicht, weil er so schnell spricht, vielleicht, weil er Jude ist. Er schreibt seinen ersten Roman fertig und eines der Mädchen aus dem Park nimmt den Roman für ihren Vater, der zufälligerweise der berühmte Literaturkritiker Joachim Kaiser ist, mit, und Maxim Biller ist bereits mit 17 Jahren Schriftsteller. Vielleicht, weil er Jude ist.

Buch-Info


Maxim Biller
Der gebrauchte Jude
Selbstporträt
Kiepenheuer & Witsch: Köln 2009
176 Seiten, 16,95 €

 
 
Schnell streicht Biller dieses »vielleicht«. Die Mädchen lieben ihn, weil er Jude ist. Er wurde Schriftsteller, weil er Jude ist. Sein Judesein wird schnell absolut und bestimmt voll und ganz seine Persönlichkeit. Schon auf den ersten Seiten heißt es »Ich bin Jude und nichts als Jude«. Das bedeutet für ihn, dass er kein Deutscher, kein Tscheche und kein Russe ist, sondern Jude. Er hat mehr Angst vor einer Erkältung als vor dem Krieg, er findet Sex wichtiger als Literatur und insbesondere fühlt er sich wohl damit, andere mit seinem Judesein irrtieren zu können. Das Judesein scheint ihm mehr Geisteshaltung als religiöse Weltanschauung zu sein. Fortan entwickelt sich Maxim Biller. Er liest mehr jüdische Romane, liebt mehr Frauen und erkennt, dass das Judesein sich immer auch durch einen Gegenpunkt definiert. Ihm wird klar, dass er eine Opposition braucht, etwas, gegen das er stehen kann, etwas, dass nur deutsch sein kann. Maxim Biller benutzt sein Judesein nun nicht mehr nur zur Irritation, sondern als Waffe, beginnt seine Selbstinszenierung als wütender Jude.

Keine Rechtfertigung, keine Entschuldigung

Es fällt ihm leicht, aus seiner Position zu streiten, doch er fühlt sich nicht wohl dabei, wodurch sein Hass auf die Deutschen, erst auf die, die ihm dumme Fragen stellen, dann auf alle, wächst. Maxim Biller gerät in den Spagat und droht zu zerreissen. Er liebt die Frau, ihr Freund ist ein dummer Deutscher, er hasst ihn, und er kann nicht anders als auch die Frau zu hassen, weil er sonst sein Judesein verlieren würde. Zwangsläufig musste er in diese Situation kommen, die ihn, den intelligenten Menschen, dazu bringt, zu hassen. Ein großes Leid, dass doch aber hinter sein Judesein zurücktritt.

Maxim Biller erzählt weiterhin von seinen Freunden und ihren Problemen, gibt Einblicke in den Literaturbetrieb, wobei insbesondere die Schilderung von der Frau von Marcel Reich-Ranicki, die mentholzigarettenrauchend auf dem schwarzen Sofa sitzt und kluge Sachen sagt, beeindruckt. Er erzählt, wie er, statt an Protesten gegen das antijüdische Theaterstück Die Stadt, der Müll und der Tod von Fassbinder teilzunehmen, lieber ins Bordell geht, und er erzählt, dass er die 100 Zeilen Hass-Kolumne nur deswegen schrieb, weil er den Verleger des Tempo-Magazins so gerne hatte. Einzig ein paar Sätze zu dem Roman, in dem er seine Ex-Freundin so beleidigte, fehlen, wodurch das Selbstportrait Maxim Billers etwas fleckenloser erscheint als es vielleicht ausfallen müsste.

Dennoch ergibt sich aus diesem Roman ein neuer Blick auf die Person Maxim Biller. Vieles über diesen wütenden Juden wird deutlich, wobei Maxim Biller im Rückblick auf sein bisheriges Leben glücklicherweise nie ins Rechtfertigen oder gar ins Entschuldigen verfällt und seine Autorenstimme dadurch nicht verstellt. Der gebrauchte Jude ist ein ehrliches und sehr interessantes Buch, das weit mehr ist als nur das Portrait eines außergewöhnlichen Künstlers. Es ist ein Buch, aus dem sich, aus den Ansichten dieses einen Menschen, viel über die Befindlichkeit der Juden in Nachkriegsdeutschland erfahren lässt.



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 Veröffentlicht am 5. Juli 2010
 Kategorie: Belletristik
 Foto von karin_b1966 via flickr
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 Ein Kommentar
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Ein Kommentar
Kommentare
 Lorenz von Gottberg
 12. Dezember 2015, 11:27 Uhr

Wer bin ich, der deutsche Goy, der sich einem überheblichen Biller, mit Wut über sich selbst im Bauch, beleidigende Ausbrüche gesetzt formulierende, der selbst so genannte Russe, Tscheche und Jude entgegenstellt. Ist er nicht eigentlich nur ein schamloser Nassauer in Deutschen Landen, wohlfeil lebend, vielleicht sich an der Scham unschuldiger Nachkommen der Nazis labende, überhebliche Intellektuelle?
Ich biete diesem Kotzbrocken die Stirn. Der bin ich. Verhält sich doch dieser Biller bei uns wie eine hochbegabter Fußballer, der seine Begabung nur dort spielt, wo minderbegabte Spieler gezwungen sind, seine überheblich vorgetragene angeborene Leistung leidend ertragen müssen; denn sie tragen die Last einer Vergangenheit, die viel zu schwer ist, als dass sie zu Gegenwehr befähigt, zugelassen wären.
Diesen Rache-Gesellen ertrage ich in einem Literaten-Forum, in dem er wieder nur beleidigend gegenüber Mitstreitern agiert?
Wer gibt diesem Mann dieses Forum?
Reich-Ranitcki war dagegen ein Vergnügen, ein wohl Wissender, toleranter Wegweiser in der Literatur mit liebenswerten Ecken und Kanten.
Dieser Biller ist unerträglich!
Kein Glanzlicht seiner Rasse, auf die er vorgibt so stolz zu sein; eher ein Förderer von Antisemitismus! Vielleicht sollte er seine scharfe Zunge im Seym gegen Netanyahu wetzen. Dort hätte er einen Gegner gleichen Schlages, der „sein“ Israel vergiftet.
Dort wäre seine Wut richtig aufgehoben.

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