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Augenblick, verweile

Einen Roman hat er bisher noch nicht geschrieben. Roger Willemsen: Publizist, Moderator und Gastprofessor an der Humboldt-Universität Berlin. Auch dieses Mal nicht. In Momentum zerlegt er ein ganzes Leben in Mosaike und setzt die Vielzahl der Augenblicke wieder zur Ode an die Vergegenwärtigung zusammen.

Von Silke Fuhrmann

Mit Die Enden der Welt nahm er den Leser mit auf die Reise, mit zu exotischen Expeditionen, unberührten Stränden und mit zum Sonnenaufgang von Chabarowsk. Jetzt lässt Roger Willemsen – Publizist, Moderator und Gastprofessor an der Humboldt-Universität Berlin – uns an einem Spaziergang durch seinen Kopf teilhaben. Es werden Momente, Beobachtungen und Assoziationsketten beschrieben, die dem Autor nachhaltig in Erinnerung geblieben sind und ihn geprägt haben. Augenblicke von besonders atmosphärischer Intensität treffen hier auf schwierige Entscheidungssituationen, Komik trifft stille Kunst- und Naturbetrachtungen und Kindheitsmomente stehen neben Augenblicken der Liebe. Zwischen den vielen autobiographischen Passagen finden sich aber auch fiktive Momente.

Auch wenn das Werk mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet, sind die einzelnen Augenblicke weder chronologisch geordnet noch stehen sie in einem Zusammenhang. Eine Handlung gibt es nicht, nur einzelne Momente, die sich zum Textmosaik verdichten. Vereint durch die Prägnanz, bleiben sie im Gedächtnis erhalten. Machen diese Momente das Glück aus?

Die einzelnen Anekdoten erstrecken sich manchmal nur über drei bis vier Zeilen. Manchmal auch über zwei Seiten und zwischendurch entstehen dann doch an einigen auffälligen Stellen Bezüge zu anderen Passagen. Es beginnt mit frühkindlichen Erinnerungen, die sich den hochrutschenden Hosenbeinen des Schlafanzugs oder eigenen Theorien über Fremdsprachen zuwenden. Der größte Teil des Buches widmet sich jedoch den zeit- und alterslosen Augenblicken. Im Fokus stehen Beobachtungen auf Reisen und natürlich die Liebe: längst vorbeigegangene Beziehungen oder Erinnerungen an Dialoge, die nur Verliebte führen können.

Buch-Info


Roger Willemsen
Momentum
Roman
S. Fischer: Frankfurt am Main 2012
320 Seiten, 21,99 €

 
 
Und Sehnsucht. Die Sehnsucht nach Nähe, nach Zuwendung, nach Alterslosigkeit oder die Sehnsucht nach Individualität schwingen bei den Figuren mit. So zum Beispiel in einem kleinen Restaurant auf einer namentlich nicht genannten Insel. Die zwei Aufeinandertreffenden kennen sich nicht, finden im Gespräch schnell ihre Gemeinsamkeit: Beide vermissen das Gefühl der Verliebtheit und des Angekommen seins. Sie sprechen über ihr bisheriges Leben, Gründe für den Aufenthalt auf der Insel und das Glück. Ihre Wege trennen sich ebenso schnell wie sie sich kreuzten. Danach ist zumindest eines zurück, das Gefühl der Verliebtheit ist zum Erzähler zurückgekehrt und auch seine Gesprächspartnerin spürt wieder ihr Glück und ist sich bewusst, warum sie alles hinter sich gelassen hat, um auf der Insel ein neues Zuhause zu finden.

Zum Ende des Buches schließt sich der Kreis und das Altern nimmt einen größer werdenden Platz ein. Aus dem Nachtportier eines Hotels wird ein »aussortierter Lebemann« und auch die Jahreszeiten werden in die detaillierten Beobachtungen mit aufgenommen, wie in einer Szene aus einem Gastraum, in der ein alter Mann das hübsche Gesicht einer hereinkommenden jungen Frau erspäht. Alle Anwesenden drehen sich zu ihr um, lächeln. »Selbst der bittere Alte lächelt herbstlich. Klar, seine ausgeleierten Lippen dürsten nach Frühling.«

Auch wenn viele der Erinnerungen autobiographische Züge enthalten, seien erzählendes Ich und Autor-Ich nicht gleichzusetzen, gibt Willemsen im Interview mit NDR Info an:

Es gibt ein Ich, bei dem ich hoffe, dass die Leserschaft sich das zusammensetzt und im besten Fall sogar sagen kann, warum bin das nicht auch ich. Also wenn jemand nach der Lektüre sagt, ich habe jetzt mehr Hunger auf das Leben, dann denke ich: das ist schön. Denn man merkt, dass dieses Prinzip der Vergegenwärtigung für alle gelten kann. Wir alle haben es in unserer Macht das Leben zu verdichten. Und diese Form der Verdichtung passiert nur, wenn wir uns darüber bewusst sind, wo wir gerade sind, was wir sind, was um uns geschieht.

Bei Willemsen geht es um Vergegenwärtigung: Das Eintauchen in den Moment. Wie im Rausch soll er mit allen Sinnen wahrgenommen werden, sich einprägen, »sodass wir ihn nie wieder verlieren«.

Verpackt wird dieser Aufruf zu einer bewussteren Wahrnehmung in Satzkonstrukten, die ebenso poetisch wie auch beschreibend sind. Auch in ihnen schwingt immer ein Hauch von Sehnsucht, aber auch von Melancholie mit, der sich durch viele der erzählten Momente zieht. Nach einem Orgelkonzertbesuch in Fiesole gehen der Erzähler und sein Freund spazieren, sie sprechen nicht miteinander:

Endlich riecht der Weg auch nach Blättern und verborgenen Blüten, und erst als die Straßen breiter werden, reden wir auch wieder, aber abwesend und unreif wie junge Dichter, die immer gleich mit dem Spätwerk beginnen wollen.

Momentum ist kein Roman, kein Reportageband, kein Reisebuch und es lässt sich nicht gänzlich ins Fiktive einordnen. Eine Gattungsbezeichnung für dieses Sammelsurium von realen und fiktiv ergänzten Erinnerungen auszumachen fällt schwer. Es ist ein Buch für zwischendurch, für Wartezeiten, die Zeit in Bus oder Bahn oder direkt vorm Schlafengehen, da es in kleinen Portionen genossen werden muss, ein literarischer Nachtisch.

Die Frage, ob es die kleinen, unscheinbaren Momente des Alltags sind, die das Glück ausmachen, beantwortet Willemsen nicht. Diese Augenblicke, die bei bewussterer Wahrnehmung doch etwas Zauberhaftes in sich tragen, gilt es sich sich viel häufiger zu vergegenwärtigen. Roger Willemsen hat ein wundervolles Buch über die Momente im Leben geschrieben, die man nicht vergisst, ganz gleich wie trivial oder aufregend sie gewesen sein mögen.

Das Buch endet mit der Passage in der eine »Freundin« beschrieben wird. Sie liegt im Bett, wird sterben. Der Erzähler soll kommen, erzählen, »das Leben einlassen«. Er erzählt, stoppt, als er glaubte, sie schliefe. »Weiter« flüstern ihre Lippen unmissverständlich. Dies war ihr letztes Wort, welches sie über die Lippen brachte. Der Wunsch nach dem »Weiter« des Erzählens kommt nicht nur bei der sterbenden Freundin auf.



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 Veröffentlicht am 25. Februar 2013
 Kategorie: Belletristik
 Bild von carygrant via morguefile.
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