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Der Preis der Kunst

Was ist einem das Leben als Künstler wert? Welche Rolle spielt das Geld in der Kunst und wie weit darf die Macht der Mäzene reichen? Wie kann man mit dem Ruhm umgehen? Diese Fragen stellt Klaus Modick in seinem neuen Roman Konzert ohne Dichter.

Von Niels Unverhau

»Wann entpuppt sich die Romantik ländlicher Künstlerkolonien wie Barbizon oder Worpswede als arrangierte Künstlichkeit, als lukrativer Mummenschanz fürs zahlungskräftige Publikum?« Diese Frage muss sich der Künstler Heinrich Vogeler stellen, als er 1905 kurz vor der Abreise zu einer Ausstellung steht, auf der ihm für sein Bild Das Konzert die Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft verliehen werden soll. Das Gemälde, das glücklicherweise vorne und hinten im Buchdeckel abgedruckt ist, zeigt eine Szene in der niedersächsischen Künstlerkolonie Worpswede – nur einer fehlt darauf: Rainer Maria Rilke. Die Freundschaft zwischen ihm und Vogeler ist zerbrochen, in der Ehe Vogelers kriselt es und in seiner Rolle als Künstler findet er sich nicht mehr zurecht. All dieser Dinge wird sich Vogeler in den drei Juni-Tagen vor der Preisverleihung bewusst, die Zeit, in der die eigentliche Handlung des Romans stattfindet.

Eine Künstlerkolonie und ihre Stars

Einen weitaus größeren Teil des Romans nehmen jedoch Rückblenden in die Jahre zuvor ein. Trotz oder vielleicht auch durch die geschickt angelegten Übergänge zwischen Vogelers Gegenwart und seiner Vergangenheit wird dabei aber leider nicht immer deutlich, wann genau die Ereignisse gerade stattfinden. Hier wären an den richtigen Stellen einige Jahreszahlen sicher hilfreich gewesen.

Buch


Klaus Modick
Konzert ohne Dichter
Kiwi, Köln, 2015
240 Seiten, 17,99€

 
 
In den Rückblenden erfährt der Leser vom Erzähler zunächst, wie Heinrich Vogeler nach Worpswede kommt, wie er seine Frau Martha kennenlernt, wie er den Barkenhoff (Plattdeutsch für ‚Birkenhof‘) in Worpswede nach und nach ausbaut. Dieses Anwesen wird bald zum Mittelpunkt der Worpsweder Künstlerbewegung.

Als Vogeler bei einer Reise nach Florenz Rainer Maria Rilke kennenlernt, scheinen sich – wie er selbst sagt – zwei Seelenverwandte gefunden zu haben. In der Folge macht sich auch der »Dichter mit den […] chronisch leeren Taschen« nach Worpswede auf und lebt dort aufgrund des Geldmangels meist bei Vogeler. Zur Künstlerkolonie gehören unter anderem auch die KünstlerInnen Otto Modersohn, Paula Modersohn-Becker und Clara Rilke-Westhoff. Von der zwischen den beiden Damen und Rilke entstehenden Dreiecksbeziehung, dem »Geturtel des Taubentrios Paula – Rilke – Clara«, wird in der Folge ebenso erzählt wie von der Selbstbezogenheit Rilkes, der bei Gesprächen stets alle in Beschlag nimmt und fast nur von sich selbst und seinen Werken berichtet. Dies trägt auch dazu bei, dass Vogelers Verhältnis zu Rilke, der insgesamt als ein Mensch gezeichnet wird, der seiner Kunst alles rigoros unterordnet, schließlich zerrüttet ist. Wie sich das Verhältnis der verschiedenen Protagonisten verschiebt, wird besonders deutlich daran, dass Vogeler immer wieder die Skizzen für sein Bild Das Konzert ändert, Personen näher zusammen oder voneinander abrückt und Rilke am Ende ganz entfernt.

Kunst um der Kunst willen?

Schon früh spielen Mäzene in Vogelers Leben eine große Rolle. Nur über diese reichen Geldgeber gelingt es ihm, sein Leben als Künstler zu finanzieren – ganz im Gegensatz zu Rilke. Angesichts der Macht, welche die Mäzene über ihn ausüben, fragt der Erzähler stellvertretend für Vogeler: »Will er das eigentlich noch? Welchen seelischen Preis zahlt er für seine Honorare? Was kostet ihn denn der Erfolg?« Fragen dieser Art werden im Roman zahlreich gestellt und stets ist es nicht nur Vogeler, der hier über sein Tun nachdenkt, sondern der Leser wird gezielt angeregt, Sinn und Zweck von Kunst und Kunstbetrieb zu hinterfragen.

Hinterfragt wird die Kunst auch von der Bevölkerung Worpswedes. Über einen von Rilke gedichteten Haussegen fragt ein Dorfbewohner Vogeler nur »Wat hett de Spröök egens to seggen, Heini?« Dass Vogeler dies versteht – er kann Plattdeutsch – und Rilke nicht, zeigt deutlich, wie verschieden beide letztendlich sind.

Das Leben in Worpswede entpuppt sich zunehmend als Märchen und der »Märchenprinz« Vogeler wird sich selbst mit wachsendem Erfolg und Ruhm immer fremder. Sein preisgekröntes Bild wird völlig missverstanden: »Wie, fragt sich Vogeler, kann man ein Bild nur so gründlich missverstehen? Statt Traurigkeit sehen alle nur die Idylle, die heile Welt, nicht deren Verlust.« Doch zurückkaufen kann er es von seinem Mäzen nicht, da dieser ihn wie sein Eigentum sieht und behandelt. Am Schluss kommt der Künstler zu der Einsicht, dass er alles bisherige hinter sich lassen muss…

Ein Meisterstück

Zwischen dem realen Leben Heinrich Vogelers und den anderen Figuren, zwischen realen Orten und Ereignissen und einer fiktiven Handlung seinen Plot anzusiedeln, ist eine Gratwanderung. Doch diese gelingt Klaus Modick. Kenntnisreich zieht er den Leser in den Bann, macht ihn auf »die Wahrheit Worpswedes« aufmerksam und fordert ihn so auf, über die Kunst, den Erfolg und das Geld der Mäzene nachzudenken. Heute sind es zwar weniger die Mäzene, die auf den Kunstbetrieb einwirken, dafür tragen aber Stiftungen, Wettbewerbe und nicht zuletzt die Medien zu einer Eventisierung von Kunst und Literaturbetrieb bei, deren Regeln sich die Anwärter fügen müssen.

Neben dieser Stärke des Buches ist es die sprachliche Souveränität, die besticht. Kleine Stolpersteine, die nicht recht in die Sprache der Zeit passen wollen (»Ihm kam das Kotzen« oder »Rilke schoss den Vogel ab«), können dabei das Gesamtbild nicht trüben. Besonders gekonnt setzt Modick die Sprachbeiträge der Bevölkerung Worpswedes in Szene, indem er sie durchgängig Plattdeutsch reden und Vogeler zuweilen auch auf Platt antworten lässt. Diese für Romane nicht alltägliche Form, dem Leser Norm und Varianz der deutschen Sprache näher zu bringen, ist nicht nur Quelle interessanter sprachlicher Wendungen, sondern trägt auch ihren Teil zur Qualität und zum Lebensweltbezug des Romans bei. Darüber hinaus wählt Modick wunderbare Vergleiche (»Die Aventüre war freilich schal wie abgestandener Champagner.«) und schafft es durch detaillierte Beschreibungen gekonnt, die Bilder der Künstler und besonders Das Konzert Heinrich Vogelers zu versprachlichen.

Als Klaus Modicks Meisterstück hat Denis Scheck Konzert ohne Dichter bezeichnet – und das trifft es. Eine spannende Geschichte, eine tolle Sprache und Wahrheiten über die Kunst und das Leben – all das macht den Roman absolut lesenswert.



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 Autor*in:
 Veröffentlicht am 10. Juli 2015
 Kategorie: Belletristik
 Hermann Allmers mit Worpsweder Malern von Amber Case via Wikimedia.
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