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Do the evolution

Das Literarische Zentrum lädt heute Abend zum frivolen Auftakt der Herbstsaison in den Partheonsaal: Zwischen Nackten in Gips treten Ina Hartwig und Rainer Moritz zum Stellensuchen-Duell an. Was sie suchen? Den schlechtesten Sex der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Ein Abend zum Fremdschämen, Totlachen, Mitbangen verspricht das Team um Anja Johansen und Gesa Husemann. Was das Herbstprogramm 2015/2016 darüber hinaus bereithält, wollen wir Euch nicht vorenthalten.

Von Johanna Karch

Das Literarische Zentrum ist seit kurzem Mitglied bei literaturhaus.net, wo es bislang nicht aufgenommen wurde, da es dem Namen nach eben kein erhabenes »Haus«, sondern nur ein »Zentrum« gewesen sei. Nachdem der Verbund nun seine Statuten geändert hat, konnte das Göttinger Haus zusammen mit dem LCB zu den Platzhirschen der Kulturvermittlung aufsteigen und ist das 14. Mitglied. Nicht nur netzwerkpolitisch, sondern für die Weiterentwicklung der Veranstaltungsformate kann man sich, vor allem durch die Medienpartnerschaft mit ARTE, von der Aufnahme einiges versprechen – allerdings erst in ein bis zwei Jahren. Dieser Ritterschlag ist mehr als verdient, was nicht zuletzt das fein zusammengestellte Veranstaltungsrepertoir des Herbstprogramms 2015/2016 beweist.

Angesichts der mehr als wohlwollenden jüngsten Besprechungen des Feuilletons (so schrieb Ina Hartwig in der ZEIT, Im Frühling sterben läute die Nach-Grass-Ära ein) ist es gut möglich, dass schon an diesem Mittwoch der nächste gegenwartsliterarische Superstar im Zentrum gastiert. Ralf Rothmanns Roman ist ein generationenübergreifendes Verarbeitungsprojekt, in dem der Autor die Kriegsvergangenheit seines Vaters beleuchtet, was er im Gespräch mit Claudia Stockinger genauer darlegen wird.

Zeitlich noch viel weiter zurück begeben sich die Schauspieler Frank Arnold und Wolfram Koch, wenn sie am 16. September mithilfe der Tagebücher von James Cook, Charles Darwin und Marco Polo auf Entdeckungsreise in unbekannte Welten vordringen.

In den Blick fallen neben den großen deutschen Namen wie Ulrich Peltzer, Dietmar Dath und Gerhard Henschel auch vielversprechende Betriebsyoungster wie Katharina Hartwell.

Gleich mehrere Perlen internationalen Formats konnte man für die kommenden Monate gewinnen. Wir empfehlen ganz dringend, sich den Spaß zu geben und das enfant terrible der russischen Gegenwartsliteratur am 22. Oktober zu empfangen. Vladimir Sorokin, der Meister des Verschrobenen, stellt sein neuestes sogenanntes »retrofuturistisches« Werk Telluria vor, das sage und schreibe acht Übersetzer auf den Plan rief, um es einigermaßen verständlich ins Deutsche zu übertragen.

Ein großer Coup ist den Programmverantwortlichen mit dem Besuch der US-amerikanischen Allrounderin Miranda July gelungen. Ihre Bekanntheit verdankt sie seit den 90er Jahren ihren Aufsehen erregenden Arbeiten als Videokünstlerin, Regisseurin, Feministin, Kunstförderin, Schriftstellerin oder performance artist. Mit dem im KiWi Verlag erschienenen Der erste fiese Typ setzt sie ihrem Oeuvre ein narratives Krönchen auf.

Aus dem Süden des amerikanischen Kontinents verzaubert der Argentinier Jorge Bucay am 18. September die Zuhörer mit parabelhaften Märchen, Sagen und philosophischen Anekdoten. Die Veranstaltung des Bestseller-Autors richtet sich vorwiegend an Schülerinnen und Schüler und findet auf Spanisch statt.

Jewish humor at its best!

Ein Hauch von Woody Allen weht durch Göttingen, wenn der Wahl New Yorker Gary Shteyngart am 30. September mit seinen Memoiren mit dem selbstbewussten Titel Little failure aufwartet. Jüdischer Humor at its best, möchte man sagen, das verrät nicht zuletzt der hochkarätig besetzte Trailer von Randomhouse:

Genüsslich verspricht auch der 4. November zu werden, wenn die Wir sind Helden-Sängerin Judith Holofernes nach Göttingen kommt und ihr Tiergedicht-Debüt Du bellst vor dem falschen Baum vorstellt. Ein neuformatiger Liederabend endlich mal mit einer lebenden Künstlerin, bewaffnet mit Gedichtband und Klampfe, moderiert von Dirk von Petersdorff.

Poetisches Engagement als politischer Aktivismus

Mit einem Gespräch über Islamismus und Terrorismus zwischen Volontärin Anna-Marie Humbert und der renommierten Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin Lamya Kaddor wird ein Thema aufgegriffen, das den tagespolitischen Diskurs in Deutschland zunehmend mitbestimmt: In ihrem Buch Zum Töten bereit – warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen zeichnet sie die Entwicklung von radikalem Salafismus und Dschihadismus in Deutschland nach und formuliert klare Appelle, die eine fruchtbare Diskussion versprechen.

Schon seit langem brisant, aber dieser Tage so akut, wie wahrscheinlich seit den Vertriebenen der Nachweltkriegszeit nicht mehr: Die Frage der Willkommenskultur und Integration, die die nach Deutschland Geflüchteten betrifft, ruft spätestens seit diesem Sommer bei vielen, vielleicht den meisten, irgendeine Form des Handelns auf den Plan (auf die Initiative #BloggerfürFlüchtlinge sei hier verwiesen). Dass Engagement auch literarisch sein darf, nein sein muss, will das Trio um die Lyrikerin Jenny Erpenbeck sowie Lydia Ziemke und Bino Byansi Byakuleka aufzeigen. Letztere haben 2015 im Mikrotext-Verlag einen Doppelessay über Fluchterfahrungen publiziert, erstere sinniert auf kluge Weise darüber, wie das eigene künstlerische Arbeiten mit Flüchtlingen funktionieren kann und wo das Helfen Hürden bereit hält. Durch den politisch-lyrischen Abend führt Anne-Bitt Gerecke.

Wer sagt eigentlich, dass sich Politik und Ästhetik ausschließen und nicht Hand in Hand gehen können? Vielleicht haben sich diese Frage auch die Volontärinnen Anna-Marie Humbert, Madita Oeming, Jana Hemer und Sheherazade Becker sowie die Leiterinnen des Hauses Anja Johannsen und Gesa Husemann bei der Konzipierung des aktuellen Programms auch gestellt.

Das zeigt nicht zuletzt das junge Programm: Nachdem am 22. September Tom Leeven die Geschichte der 16-jährigen Tori, die ihren Mitschüler über Facebook in den Tod gemobbt haben soll, erzählt, zeichnet Barbara Yelin am 16. Oktober ihrer Geschichte Irmina (Reprodukt 2014) im wahrsten Sinne die Farben von Selbstverleugnung und Opportunismus ein. Die Künstlerin spricht im Hainberggymnasium über die Biografie ihrer Großmutter, die sie zu der Graphic novel über eine verlorene Liebe in der Nazizeit inspiriert hat.

Am 14. Oktober erzählt dann die Göttinger Theatermacherin Luise Rist von den Hintergründen ihres ersten Romans Rosenwinkel (ctb 2015). Dieser erzählt von der Freundschaft zwischen der deutschen Abiturientin Frida und der jungen Roma Anita, angesiedelt im Göttinger Blümchenviertel und in der bosnischen Diaspora. Soziale Gegensätze, Diskriminierung und die Tücken des Asylsystems werden hier ebenso sichtbar gemacht wie der Mut eines jungen Mädchens, sich über (Klassen)Grenzen hinwegzusetzen. Nicht nur für Göttinger ist diese Buchpräsentation ein Muss.

Mit einem leicht politisierten Anstrich wird auch im Januar die Lichtenberg-Poetikvorlesung fortgesetzt. Erstmals soll es hier nicht mehr um darum gehen, dezidiert literarische Strategien zu dekonstruieren, sondern um das journalistische Arbeiten. Die viel prämierte Kriegsberichterstatterin Carolin Emcke fragt am 20. Und 21.Januar, wie man entgrenzte Gewalt darstellen kann, ohne ihre Wirkungsmacht noch zu erhöhen. Wen beschützen die eigenen Texte, wen liefern sie aus? Welche ästhetischen Strategien des Widerstands gegen Gewalt kann es geben? Und wie literarisch darf das Genre des Dokumentarischen überhaupt sein? Dies sind Fragen, die ihre Texte aus den Krisenherden der Erde vorbestimmen und die eine ganz eigene Produktionsästhetik voraussetzen. Uns daran teilhaben zu lassen wird sicherlich eines der Highlights der kommenden Saison.

Es wird politischer und bleibt ästhetisch im Literarischen Zentrum und es zeichnet sich ab, dass Experimente und programmatische Evolution zur Handlungsmaxime des Hauses erhoben wurden.



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 Veröffentlicht am 7. September 2015
 Miranda July von bagley-wright via Flickr
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