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Fetisch wechsle dich

Welche negativen Folgen die mühelose und anonyme Kommunikation im Internet haben kann, zeigt Erich Sidlers Inszenierung von Paco Bezerras Grooming und entführt die Besucher des DT Göttingen in ein packendes wie beklemmendes Verwirrspiel.

Von Rashid Ben Dhiab

Das englische Verb »to groom« kann viele Bedeutungen haben. Auf den hygienischen Bereich angewendet, umschreibt es alle Aktivitäten menschlicher und tierischer Körperpflege, also »putzen«, »striegeln« oder »zurechtmachen«. In der substantivierten Form ist der »groom« nicht nur ein Ehemann, sondern mitunter auch ein Stallbursche.

Das Stück

Von Paco Bezerra
Regie: Erich Sidler
Dramaturgie: Philip Hagmann
Premiere: 16. Mai 2015
Nächste Aufführungen:
6. + 11. Juli 2015

 

DT

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Das Deutsche Theater in Göttingen zeigt als größtes Theater der Stadt ein umfangreiches Repertoire auf drei Bühnen. Bereits seit den 1950er Jahren errang das DT unter Leitung des Theaterregisseurs Heinz Hilpert den Ruf einer hervorragenden Bühne. Seit der Spielzeit 2014/15 ist der Schweizer Erich Sidler die künstlerische Leitung des Hauses.
 
 
Die Harmlosigkeit dieser Bedeutungen verliert sich jedoch in der Zeit des Internets, in der Menschen aller Altersklassen durch soziale Netzwerke, E-Mails und Webcams miteinander in Kontakt treten und an einem Informationsaustausch teilnehmen. Die Technik erlaubt es zuweilen sogar, völlig anonym zu bleiben und technisch Versierte bewegen sich als digitale Schatten durch die Datenströme, greifen auf fremde Nutzerkonten zu, erpressen andere Menschen mit den daraus enthaltenen Informationen und zwingen ihnen den eigenen Willen auf. Die globale Vernetzung hat gänzlich neue Arten von Kriminalität hervorgebracht. Eines von ihnen ist das Cyber-Grooming, die sexuelle Annäherung an Kinder und Jugendliche über das Internet. Leicht wie nie zuvor ist es für Pädophile, sich mittels eines Fake-Profils als gleichaltrig auszugeben und ihre Opfer durch Täuschung zu einem Treffen zu überreden oder zu erpressen. Seit dem 16. Mai 2015 hat das Grooming auch im Deutschen Theater in Göttingen Einzug gehalten. Intendant Erich Sidler inszeniert das gleichnamige Stück von Paco Bezerra im kleinen Rahmen als packendes Katz-und-Maus-Spiel mit intelligent wie originell eingesetzten Stilmitteln.

A walk in the park

Zwei Leinwände, auf denen sich projizierte Baumkronen im Wind wiegen. In ihrer Mitte eine Parkbank. Darauf ein Mädchen mit unsicherer, verängstigter Miene. Ein deutlich älterer Mann streift in einiger Entfernung durch den Park, die Sitzende dabei nicht aus den Augen lassend. Momente später lässt er sich neben ihr nieder, spricht über die cineastische Julio-Iglesias-Biografie Das Leben geht weiter – mehr zu sich selbst als zu dem Mädchen. Die Szene wirkt zunächst harmlos und doch ist sie im Zuschauer bereits unterschwellig vorhanden: die bedrohliche Ahnung, dass sich vor seinen Augen in Kürze etwas Furchtbares abspielen wird.

Oszillieren zwischen Täter- und Opfermodus: Andreas Jessing als sadistischer Groomer und Vanessa Czapla als gnadenlose Domina

Es entspinnt sich ein Dialog, aus dem rasch ersichtlich wird, dass Mann und Mädchen sich zwar zum ersten Mal persönlich begegnen, jedoch bereits zuvor Kontakt hatten. Es wird von Vereinbarungen gesprochen, der Mann wird zunehmend herrischer, befiehlt seinem Gegenüber, ihm den Schuh zu binden. Zunächst widerwillig, gehorcht das Mädchen schließlich und wird kurz darauf zum Oralverkehr gezwungen. Die Brutalität und Erbarmungslosigkeit des Aktes ist beklemmend, der Zuschauer wird zum Voyeur eines Verbrechens. Es erscheint daher wie blanker Hohn, als der Vergewaltiger im Anschluss seinem Opfer anbietet, es nach Hause zu fahren, damit es nicht auf den Bus warten muss. Er will mehr über das Mädchen erfahren, doch dieses Verhör sei so nicht abgesprochen worden am Tag zuvor – im Chat.

»Bitte, nimm an.«

Die Bäume des Parks lösen sich in Pixel auf, verwandeln sich zu einem schwarzen Nichts, in dem Sekunden später die Textfetzen eines Dialogs aufflammen. Mann und Mädchen begegnen sich zum ersten Mal im Internet. Er behauptet, sie zu kennen, gibt sich als Sechzehnjähriger aus. Ihr Versuch, das Gespräch abzuwiegeln, scheitert, als der Unbekannte ihr offenbart, Zugriff auf ihre sämtlichen Accounts und Kontaktlisten zu haben. Ein Skype-Anruf. Vom beharrlichen »Bitte, nimm an« des anonymen Schreibers lässt sich das Mädchen schließlich dazu verleiten, über Webcam mit ihm in Kontakt zu treten und sich im darauffolgenden Gespräch zu entblößen. Sofort erhält die Jugendliche ein Video ihres Striptease in Endlosschleife zusammen mit der Drohung, ihr Vater werde es sehen, sollte sie sich nicht am nächsten Tag mit dem Unbekannten im Park treffen. Aus Spaß wird Ernst, die Falle schnappt zu.

Jäger und Gejagte

Doch für wen? Wieder in die Gegenwart des Parks zurückgesprungen, zeigt das vermeintliche Mädchen eine neue Seite an sich und präsentiert seinem Peiniger detaillierte Informationen über dessen wahre Identität, seine Familie, seinen Arbeitsplatz. In Sekundenschnelle wechseln beide Figuren den Status, nun ist das Mädchen dominant, unterwirft sein Gegenüber. Es behauptet, eine lediglich kindlich aussehende Ermittlerin der Polizei zu sein, die als Lockvogel für Cyber-Groomer arbeitet. Als die junge Frau dem Pädophilen jedoch eröffnet, allein gekommen und nicht im Dienst zu sein, erfährt das Stück eine weitere, düstere Wendung: sie will die Beweislast gegen den Mann verwenden, um ihn zum Sklaven ihrer eigenen Gelüste zu machen.

Beide Protagonisten entpuppen sich als gequälte Seelen. Nicht gequält voneinander, nicht gequält von einem Dritten. Ihre Peiniger sind sie selbst, ihre eigene Sexualität, diese »Scheiße«, die jeden Morgen wieder auf sie wartet und nie wirklich abgewaschen werden kann, egal wie oft und wie stark geschrubbt wurde. Sie leiden unter ihren Paraphilien, ihren von der Norm abweichenden Fetischen, die sie nie offen ausleben können und stets vor dem Auge der Öffentlichkeit verbergen müssen. Grooming zeigt, dass Täter auch ihre eigenen Opfer sein können.

Minimalistisch eindrucksvoll

Das Bühnenbild von Grooming besteht ausschließlich aus den eingangs beschriebenen Leinwänden mit wechselnden Motiven und der Parkbank. Die minimalistische Einfachheit dieser Szenerie erlaubt die völlige Konzentration auf die beiden Darsteller, die Mann und Mädchen Leben einhauchen. Andreas Jessing sorgt als schmieriger und sadistischer »Groomer« nicht nur bei seinem Gegenüber mehr als einmal für Unbehagen, sondern überzeugt auch nach dem Statuswechsel als Spielball zwischen seinen eigenen Trieben und dem Mädchen, das ihn in der Hand hat. Dieses wird grandios von Vanessa Czapla verkörpert, die die anfängliche pubertäre Naivität und Unschuld im Verlauf des Stücks gekonnt in gnadenlose Dominanz umwandelt. Bemitleidet man sie zu Beginn noch und bangt um ihre Sicherheit, so fürchtet man sie am Ende noch stärker als ihren männlichen Gegenspieler.

Kokettiert mit der Webcam: Vanessa Czapla als unschuldige Internet-Akteurin

Optisch beeindruckend ist die Chat-Szene, in der beide Darsteller mit verzerrten Stimmen den Gesprächsverlauf wiedergeben und Czapla in Großaufnahme auf die Leinwände projiziert und von dem Groomer lüstern begafft wird. Die abschließende Aufzählung samt Erklärung diverser Paraphilien, gefolgt von einem verstörenden Stop-Motion-Kurzfilm mit Figuren aus Lewis Carrolls Alice im Wunderland heben die morbide Atmosphäre noch einmal deutlich an, bevor das Stück ein etwas zu abruptes Ende findet und den Zuschauer mit einigen unbeantworteten Fragen zurücklässt. War das Mädchen wirklich eine polizeiliche Ermittlerin? Was genau war es, was sie von dem Mann verlangte? Hat er ihrem Willen letztlich entsprochen?

Grooming macht zunächst sprachlos. Momente unterschwelligen Unbehagens wechseln sich ab mit Szenen, die ob ihrer angedeuteten Gewalt den Blick abwenden lassen wollen. Sie erzeugen im Zuschauer ein Gefühl der Schuld und Hilflosigkeit, nicht eingreifen zu können. Doch genau diese Momente und Szenen sind es, die Grooming noch für Tage ins Gedächtnis brennen und dessen bizarre Faszination ausmachen.



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 Veröffentlicht am 23. Juni 2015
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