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Früher war alles besser?

Woran beweisen sich die Vergänglichkeit und der Lauf der Zeit? Genau, am Blick zurück. Gespickt mit kleinen Geschichten aus ihrem Leben erfahren die Protagonisten aus Camenischs Roman, wie sich die Welt verändert. Warten auf Godot im Skianzug.

Von Sebastian Becker

»Hörst du, wie schön das unter den Schuhen knirscht, sagt der Paul, das ist wie das Lied aus unserer Kindheit.«

Fern erinnern sich die beiden Figuren aus Arno Camenischs neuem Werk Der letzte Schnee an den Schnee, der einst in Massen die Berge und Straßen ihrer Kindheit bedeckte, doch auch nur fern, denn immer häufiger bleibt der große Schnee aus. So sitzen Paul und Georg in der Hütte neben dem Skilift und warten jeden Tag auf den großen Schnee und den Ansturm an Gästen, die sich auf den Berg hinaufziehen lassen wollen, um den Abhang runter zu sausen.

»Sie sitzen auf dem Bänkli vor dem Hüttli. Im Hintergrund surrt der Skilift gleichmäßig. Ein paar Wolken ziehen durch den Himmel und verdecken die Sonne.«

Beide haben den Auftrag, sich um den alten Schlepplift zu kümmern und machen dies schon seit Jahren, doch immer weniger Gäste kommen – was bei fehlendem Schnee verständlich scheint. So verbringen Paul und Georg manchmal Tage alleine auf der Hütte, reparieren ab und an den Lift, spähen mit dem Fernglas hinunter ins Tal oder erzählen sich Geschichten aus der Jugend. Denn damals schneite es noch im Winter, die Welt war in Ordnung. Das können sie von der heutigen Zeit nicht behaupten:

»…am Samstagabend in der Mess wurden die Ski gesegnet, der Pfarrer stellte vorne vor dem Altar einen Kessel mit Weihwasser auf, und dort konnte man die Ski eintauchen und ein paar Gebete aufsagen, ich sage dir, das machte grad was aus, das ist denn ein Unterschied, ob du gesegnete Bretter hattest oder heidnische Latten.«

So dient der Lift weniger den TouristInnen als Fortbewegungsmittel oder als Zentrum des Skirennens, sondern ist vielmehr eine Metapher für den Lauf der Welt, der stets unabdingbare Veränderungen mit sich bringt.

Buch


Arno Camenisch
Der letzte Schnee
Engeler Verlag 2018
100 Seiten, 19,00€

 
 

Ein alpines Warten auf Godot

Nach einer Weile fragt man sich dann: Worauf warten die beiden Liftwärter denn eigentlich? Ist es tatsächlich nur der Schnee, sind es die TouristInnen, die sonst Jahr für Jahr den Lift belagerten? Ja, es ist eine Art alpines Warten auf Godot. Der Bezug hätte im Text nicht explizit erwähnt werden müssen, denn die verdichteten Dialoge und die karge Handlung sind für erfahrene LeserInnen schon genug Hinweis auf das Theaterstück Becketts, doch es rundet den kurzen Roman auf schöne Weise ab. »Jetzt kommen sie denn bald, sagt der Georg und schaut zum Dorf hinunter…« Sie werden nicht kommen, ebenso wenig wie Godot, das stellt Georg später fest.
Die Dialoge der Protagonisten schaffen ein Bild im Bild, das vom Verschwinden erzählt. Nicht nur der Schnee verschwindet, nein, auch der Postbus, der früher jeden Tag ins Dorf kam, der Kiosk ebenfalls. Und nicht einmal die Liebe scheint von den Veränderungen verschont zu bleiben.

»Ja, das mit der Liebe ist eine komplizierte Sache, kannst doch nicht jedes Mal einfach davo säckla, sagt der Paul, irgendwann musst du dich entscheiden, aber der Sohnemann hält es nicht so mit der Vernunft, und jedes Mal, wenn er wieder eine Frau mit nach Hause nimmt, denken Claire und ich, dieses Mal ist es aber die richtige, und zwei Wochen später ist die Amore wieder in Scherben.«

Sympathische und authentische Figuren

Camenischs Figuren wirken liebevoll konzipiert, ihre Sprache als besonderes Mittel schafft Authentizität. Durch den großen Dialoganteil im Text ist der Leser den Figuren auch immer sehr nah. Besonders interessant ist die Mischung aus Hochdeutsch, Schweizerdeutsch, dem Rätoromanischen und dem Italienischen. Zudem macht die amüsante verschrobene Art der beiden Liftwarte sie sympathisch, so zum Beispiel der regelmäßige Sicherheitscheck der Funkgeräte, der durch das Ausbleiben der Skifahrer eigentlich hinfällig wäre:

»Hallo, hallo, sagt der Paul in den Funk hinein und hält den Funk ans Ohr. Was hast du gesagt, fragt der Georg und schaut hinter dem Hüttli hervor. Du musst denk hinter dem Hüttli stehen, sagt der Paul und macht eine Handbewegung auf die Seite, ich darf dich nicht sehen.«

Und dann stellt man ihnen den Strom ab. Der Lift fährt nicht mehr, das Radio schweigt und langsam zieht Nebel vom Tal herauf. Hat man sie etwa vergessen? Verschwinden jetzt auch Paul und Georg?



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 Veröffentlicht am 26. Juli 2018
 Kategorie: Belletristik
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