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Gewaltig bis zum bitteren Ende

Clemens Meyer erzählt in einem literarischen Tagebuch von den Gewalten des Jahres 2009 – und zeigt sich als äußerst genauer Beobachter.

Von Ronald Weber

»Vor wenigen Minuten stürmten die Gelben die Böschung hinunter, ergoss sich ihr Strom auf das Grün dieser großen Wiese […]. Wir sind die Grünen, Grün-Weiß, Chemie Leipzig, zweifacher DDR-Meister, 1951, 1964, jetzt Sachsen Leipzig, und die Gelben, Lokomotive Leipzig, Lok, Klo, Blau-Gelb, stürmten urplötzlich in diese Phalanx, Verwirrung stiften, pöbelnd, um sich schlagend. Da liegen welche, da springen welche, da rennen sie hin und her, grüne Schals, blau-gelbe Schals, T-Shirts, Trikots. Viele neutral gekleidet, wer gehört zu wem? Berittene Polizei kommt erst im Trab, dann im Galopp vom Sammelpunkt an der Straße hinzu, reitet mitten unter die Angreifer, reitet mitten unter die Angegriffenen, die Leiber der Pferde lang und dunkel… «

Clemens Meyer ist wieder da. Pünktlich zur Frühjahrsbuchmesse stellte der Leipziger Autor, der 2006 mit seinem Debütroman Als wir träumten schlagartig bekannt wurde, sein neues Buch vor: Gewalten. Ein Tagebuch. Manche handeln den 1977 in Halle geborenen Schriftsteller schon als Shootingstar einer neuen realistischen Literatur, der jeder utopische Fluchtpunkt abhanden gekommen ist und die sich nicht damit begnügt, die Langeweile Mittelstandsdeutschlands als Pop auszubuchstabieren. Diese Einschätzung mag übertrieben sein. Eines ist aber sicher: mit Gewalten zeigt Clemens Meyer, dass er mehr kann als einen Leipziger Milieu-Roman.

In elf Geschichten berichtet Meyer aus dem Alltag des Jahres 2009: über Magdeburg, Westberlin und Leipzig, über Reisen in die westdeutsche Provinz nach Bielefeld und Hannover, die Lust am Spielen (Pferderennen wie Roulette), den Alkohol als ständigen Begleiter und die Suche nach Sicherheit und Geborgenheit bei Prostituierten. Erzählt wird zugleich über Folter in Guantánamo, den Amoklauf von Winnenden und den Sexualmord an der kleinen Michele, der in Leipzig ein halbes Jahr die Schlagzeilen bestimmte, u.a. weil lokale Neonazis das Thema für sich ausschlachteten.

Grenzen werden dabei bewusst überschritten. Liest man noch fasziniert wie dem Ich-Erzähler das Verfassen eines Drehbuchs über Murat Kurnaz’ Haft in Guantánamo selbst zur Folter gerät, weil die Membran zwischen Fiktion und Realität immer durchlässiger wird (Im Bernstein), so folgt man der genussvollen Schilderung seines persönlichen Schulmassakers, das sich am Ende als Computeranimation entpuppt (German Amok), bereits einigermaßen unwillig; das fiktive Zwiegespräch mit dem Mörder und Vergewaltiger Micheles (Der Fall M), gepaart mit der Darlegung pubertärer Onanieproblemchen wird dann vollends zur Qual für den Leser.

Zum Glück funktionieren nicht alle Geschichten, die geschickt durch die Gewalt-Metapher zusammengehalten werden und durch zahlreiche Motive und Themen in Vor- und Rückgriffen miteinander verknüpft sind, wie die vorgenannten. Zumeist ist der Erzähler einfach nur unterwegs oder berichtet über Menschen, die er kennt: über Trinker-Thilo, der auf die Malediven auswandern will, aber nicht mal einen Führerschein hat (»verloren vor ein paar Monaten, volltrunken, einen der Bullen hat er noch voll erwischt, mit der Faust«).

Und über Little Boy und dessen Bruder Big Boy, den alten Freund, berühmt im Leipziger Osten, der von den ‚Gewalten’ Drogen und Alkohol gezeichnet in einem Krankenhaus stirbt (»Du zahlst für deine Sünden nicht auf der Straße, sondern mit deinem Körper«). Voller Vorwürfe, sich in den letzten Tagen seines Lebens aufgrund der beginnenden Schriftstellerkarriere nicht ausreichend um den Freund gekümmert zu haben, und vom »Chorus der Verdammten« getrieben, setzt Meyer diesem Big Boy ein literarisches Denkmal, das in seiner Einfachheit und Ehrlichkeit anrührend ist: »Was bleibt dir manchmal mehr als Pathos? « (Auf der Suche nach dem sächsischen Bergland).

Buch-Info


Clemens Meyer
Gewalten. Ein Tagebuch

S. Fischer Verlag: Frankfurt/M. 2010.
224 Seiten, 16,95 €

 
 
Während manche Texte deutlich an Als wir träumten erinnern, pendeln andere im stetigen Wechsel von Beschleunigung und Verlangsamung zwischen Realität und Wahnsinn. Oft weiß man als Leser nicht mehr, ob man sich mit dem Ich-Erzähler in einer Leipziger Bar oder womöglich in einem Zwischenraum von Leben und Tod befindet. Kein Wunder, wenn da eine Kanupartie über die Leipziger Gewässer zur Hadesfahrt wird, an deren Ende Heiner Müllers Engel der Geschichte durch die Fluten watet (In den Strömen).

Konstant durch alle Geschichten bleibt der Ich-Erzähler, den Meyer nutzt, um ein munteres Verwechslungsspiel mit dem Leser zu treiben. Denn der Erzähler ist in vielen der Geschichten nicht nur Schriftsteller und reflektiert unter Verweis auf andere Autoren (Walter Kempowski, Wolfgang Hilbig, Jurek Becker, Jörg Fauser, Ernest Hemingway, Stefan Zweig und den schon erwähnten Heiner Müller) immer wieder über Probleme des Schreibens, sondern gibt sich mitunter auch ganz explizit als Clemens Meyer aus. So wird eine Nähe erzeugt, die dem Genre Tagebuch angemessen erscheint, auch wenn Gewalten natürlich kein Tagebuch ist.

Wichtig zu erwähnen ist, dass Gewalten eine Auftragsarbeit für das Projekt TAGEWERK-Reihe der Guntram und Irene Rinke-Stiftung ist, für die Meyer ein Jahr Zeit hatte. Angesichts eines solch kurzen Zeitraums muss man die Komposition des Textes als gelungen bezeichnen, zumal Meyer überzeugend zeigt, dass er in seiner Produktion nicht am Leipziger Boden von Als wir träumten kleben bleibt. Die kurze Produktionszeit mag auch erklären, dass manche der Geschichten zum Ende des Buches hin an Form verlieren, was Meyer durch extreme Beschleunigung zu kompensieren versucht.

Fragt man nach der Einordnung von Gewalten in die deutsche Gegenwartsliteratur, so fällt einem ein anderer ostdeutscher Schriftsteller ein: Ingo Schulze. Zwar unterscheidet sich Schulze durch Plot und Charakter von Meyer. Seine ebenfalls sehr persönlich gehaltenen und aus der Ich-Perspektive erzählten Geschichten aus dem Band Handy erinnern in ihrer persönlichen Tönung dennoch an Meyers Gewalten.

Besonders die Geschichte Draußen vor der Tür, die den Band abschließt und das zuvor aufgebaute Tempo verlangsamt, besticht in ihrer Schilderung über die letzten Stunden des eigenen Hundes. Der Ich-Erzähler hat sich mit seinem gebrechlichen Hund nachts aus der eigenen Wohnung ausgeschlossen. Während das Tier auf dem Fußabtreter dahinsiecht, versucht der Erzähler in seine eigene Wohnung einzubrechen – und erzählt ganz nebenbei über die anderen Mieter seines Hauses; warum er sie nachts nicht wegen eines Schraubenziehers aus dem Bett klingeln will. Am Ende ist der Hund tot, vom Alter ausgezehrt. Der Ich-Erzähler lässt ihn einschläfern und auf dem Hof »direkt neben dem alten Kirschbaum« beisetzen. Wie einen geliebten alten Menschen hat er ihn zuvor beim Sterben begleitet, die ultimative letzte Gewalt, der sich niemand entziehen kann:

»Und dann saß ich noch eine Weile neben ihm, die Hundedecken hatte ich frisch gewaschen, damit er sauber und weich stirbt, der Arzt fragte, und ich bejahte, und dann nahm er eine andere Spritze, mit langer, dünner Nadel, befühlte seine Rippen, suchte das Herz, und injizierte direkt dort hinein. Ich lege meine Hand auf seine Schnauze, damit er mich riechen kann. Kurz bäumt er sich auf, öffnet den Mund, ich lege meine Hand hinein, will, dass er mich wittert in seinen letzten Sekunden. Und er wird ruhig, ich kann den Moment spüren, seine Zähne berühren meine Haut. Er ist weg.«

Der letzte Satz der Auftaktgeschichte, die dem ganzen Band seinen Namen gibt, lautet: »Ich bin noch da, ihr Schweine!« Mit Gewalten stellt Clemens Meyer dies fulminant unter Beweis.



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 Veröffentlicht am 23. September 2010
 Kategorie: Belletristik
 Foto von fixpunkt via flickr
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