Tobias Rott bringt am Stadttheater Bremerhaven einen mehr als 100 Jahre alten Text auf die Bühne, der nicht nur modern, sondern zeitlos ist: Seine Inszenierung von Henrik Ibsens Ein Volksfeind glänzt durch Regenwände und Nebelschwaden vor viel zu wenig Zuschauern.
Von Swaantje Wilcken
Auf der Bühne ein großer Rahmen, sandfarben, das Mittelstück wie runtergeklappt, darauf ein Sofa in der gleichen Farbe. An der Wand ein Bild der beiden Söhne – Eilif und Morton – aus dem Text gestrichen sind sie so als die neue Generation trotzdem präsent. Auf der Hinterbühne der Chor, der versucht, »Froh zu sein bedarf es wenig« zu singen und doch immer wieder abbricht, die Figuren tauchen aus dem Dunkel auf wie aus dem Nichts – die Gesichter gespenstisch geschminkt. Tobias Rotts Inszenierung von Henrik Ibsens Ein Volksfeind am Stadttheater Bremerhaven glänzt durch Regenwände und Nebelschwaden vor viel zu wenig Zuschauern.
Tomas Stockmann, Arzt in einem kleinen norwegischen Kurort, entdeckt, dass das Wasser des Bades durch Abwässer verseucht ist. Für ihn gibt es nur eine Möglichkeit: Das Abwassersystem muss erneuert werden, damit die Badegäste nicht krank werden. Zunächst stehen die Bürger des Ortes hinter ihm, vor allem Hovstad und Billing von der Presse sowie Aslaksen vom Verein der Hausbesitzer schlagen sich schnell auf Tomas Seite. Nicht zuletzt in der Hoffnung, dem Stadtvorsteher Peter Stockmann eins auszuwischen. Doch der findet die Ideen seines Bruders keineswegs so genial wie die anderen und schreitet ein. Schneller als gedacht wendet sich das Blatt. Als Hovstad, Billing und Aslaksen klar wird, dass der Umbau mit hohen Kosten verbunden ist, wechseln sie die Seite und auch die Bürger der Stadt sind mit Tomas‘ Vorschlägen keineswegs einverstanden – so steht dieser am Ende allein da, lediglich seine Tochter Petra hält noch zu ihm.
Vor dem Hintergrund von Nora oder ein Puppenheim interpretiert Tobias Rott das Ende auf seine Weise: Während aus dem ursprünglichen Text keineswegs klar hervorgeht, dass Katrine ihren Mann verlässt, packt sie hier ihren Koffer und ihre Söhne und geht. Nicht der einzige noch heute aktuelle Gedanke in dem Ibsen-Stück, das problemlos auch 2013 spielen könnte. Der Machthunger der einzelnen Akteure, keineswegs an der Sache selbst interessiert, sondern immer nur auf den eigenen Vorteil aus, wird besonders betont – gerade gegen Ende, wenn Billing und Hovstad die zweite Kehrtwende machen und sich auf einmal wieder Tomas zur Verfügung stellen, weil sie sich daraus finanzielle Vorteile erhoffen oder der Schwiegervater Morton Kiil, der sich am Stadtvorsteher rächen will und, gespielt von Kay Krause, das wohl hämischste Lachen des Abends liefert.
Zusätzlich werden die Schauspieler noch durch einen Chor begleitet, der mal »Die Gedanken sind frei« -singend auf einem Floß vorbeifährt, mal im Halbdunkel zwischen Nebelschwaden auf der Hinterbühne steht, dann zum Volk bei der großen Versammlung wird und schließlich so laut singt, dass der einzelne – Tomas – gar nicht mehr zu verstehen ist – ein schönes Bild dafür, dass die Mehrheit ihren Willen durchsetzt, obwohl es doch der Einzelne ist, der die richtigen Ideale vertritt.
Ibsen schrieb Ein Volksfeind als Reaktion auf die Empörungen, die sein zuvor uraufgeführtes Stück Die Gespenster ausgelöst hatte, da darin eine Liebesbeziehung zwischen Geschwistern thematisiert wurde. Der Gedanke, wie die Verhältnisse zwischen den Ideen eines Einzelnen und den Interessen der Gesellschaft sind, kommt auch bei Rotts Inszenierung deutlich zur Geltung. Er bringt einen über 100 Jahre alten Text auf die Bühne und macht daraus eine Inszenierung, die nicht nur modern, sondern zeitlos ist.