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Dichters Beschreibung

Eliot Weinberger ist der spät-, nicht postmoderne Avantgardist des literarischen Essays. Am 6. Mai war er zu Gast im Literarischen Zentrum, las aus seinem aktuellen Werk Das Wesentliche und sprach mit Frank Kelleter über Exotismus, Provinzialismus und das Nobelpreiskomitee.

Von Steffen Klävers

Eliot Weinberger beschreibt sich als… nun, als Denker der (Spät)moderne. Zur Moderne fällt mir Jürgen Habermas ein, der anlässlich der Verleihung des Adorno-Preises der Stadt Frankfurt im Jahre 1980 folgendes aussprach:

Kennzeichnen lässt [die ästhetische Moderne] sich durch Einstellungen, die sich um den Fokus eines veränderten Zeitbewusstseins bilden. Dieses spricht sich aus in der räumlichen Metapher der Vorhut, einer Avantgarde also, die als Kundschafter in unbekanntes Gebiet vorstößt, die sich den Risiken plötzlicher, schockierender Begegnungen aussetzt, die eine noch nicht besetzte Zukunft erobert, die sich orientieren, also eine Richtung finden muß in einem noch nicht vermessenen Gelände.1

Vermessen ist es meiner Meinung nach auch nicht zu behaupten, diese Vorhuts-Metapher beschreibe Weinbergers Schaffen ganz gut – wenngleich er vielleicht gar nicht unbedingt möchte, dass ihm jemand folgt. Ungeachtet dessen veranschaulicht die Metapher das, was man vielleicht das Weinberger-Projekt nennen könnte: Man stelle sich ihn als herumirrenden Fährtenleser vor, der längst aus den Augen verloren hat, was er ursprünglich einmal hat finden wollen und nun durch Wald und Wiesengrund irrt, dabei jedoch auf verborgene, verschüttete, vergessen geglaubte Dinge am vermuteten Wegesrand stößt. So beschreibt er seine Tätigkeit selbst. Eliot Weinberger ist Jäger und Sammler, Nomade, Einsiedler unter vielen, jenseits vom Diesseits, schief im Leben, mittendrin und nicht so richtig dabei – oder außen vor? Eindrücke wie diese drängen sich dem Zuschauer jedenfalls geradezu auf, wenn Weinberger sich an diesem Abend im Literarischen Zentrum ins Scheinwerferlicht zu einem Gespräch mit dem Amerikanisten Frank Kelleter wagt.

»Jeder Satz ein Buch«

Eliot Weinbergers Gattung ist der literarische Essay. Seine eigenen mäandern hin und her zwischen Langgedicht und experimenteller Lyrik ebenso wie zwischen Kunstprosa und wissenschaftlicher Studie. Auf diese Weise bilden sie eine kunstvolle, dichte Synthese der Schreibeweisen, eine Gattungshybride, lyrische Prosa, prosaische Lyrik. Überhaupt ist »dicht« ein Adjektiv, das zur Beschreibung Weinbergers Schreiben recht häufig verwendet wird, sei es in den emphatischen Reaktionen der LeserInnen seiner Texte oder der internationalen Feuilleton-Gemeinde. Er trage, so Michael Schmitt in der NZZ, »Informationen und Aussagen über die Dinge zusammen, listet sie scheinbar nur auf, verknappt, verdichtet und sortiert sie dabei aber so, dass sie sich gegenseitig kommentieren« und damit doch letztendlich vor allem eines bilden, nämlich Kohärenz, Ergänzung und Verwebung zu einem großen Ganzen – auch ein sehr modernistisches Thema, der große ›Master-Narrative‹. Und David Hugendick bemerkt in der ZEIT: Weinbergers »dokumentarische Kunst entwickelt eine erstaunliche Eleganz. Poetisches, verdichtetes Wissen, jeder Satz ein Buch«.

So geschwollen es auch klingt, der Vergleich von Satz und Buch ist treffend gewählt. Denn tatsächlich verbringt Weinberger nach eigenen Angaben den Großteil seiner Lebenszeit in den Bibliotheken der Welt, reist viel herum – vor allem Südamerika und der indische Subkontinent gehören zu seinen bevorzugten Zielgebieten – und liest unzählige Bücher, die er zu wenigen Sätzen komprimiert. Mythen, Erzählungen, Legenden, Sagen, Märchen: die kulturellen Selbstbeschreibungen verschiedenster Populationen der Welt. Über Nashörner, Eidechsen, Nacktmulle, die Lakandon-Indianer, den Sarasvati, den Traum von Indien, die Geschichte Kambodschas und die Verwendung des Tigermotivs unter anderem bei H.D., William Blake, Borges und dem Maharadscha von Rewa. Weinberger verwebt, verknüpft, übersetzt, kombiniert, variiert und verdichtet das Wissen diverser kultureller Speicher zu einer heutzutage sicherlich einzigartigen Art von Essay, die neben aller kulturellen Grenzüberschreitung, Verschrobenheit, Unordnung, A-Chronologie und Entrücktheit eben tatsächlich vor allem eines ist: dicht.

»A very mysterious book«

Frank Kelleter nennt sie eingangs »really remarkable«, Weinbergers Essays, ihn selbst einen »innovator«, einen »translator, building bridges into other worlds, cultures«: dessen Werk »a warning against the dangers of cultural self-sufficiency« und »against provincialism« sei. Man möchte sie fast als ethnologische, enzyklopädisch ausgerichtete Berichte lesen.

Manchmal wirken sie etwas arg konstruiert, teilweise gar etwas new-age-esoterisch anmutend, wie in »Die Sterne«, wo es beispielsweise heißt:

Was sind die Sterne? Sie sind Eisbrocken, die die Sonne widerspiegeln; sie sind Lichter auf den Wassern der durchsichtigen Kuppel; sie sind an den Himmel genagelte Nägel; sie sind Löcher in dem großen Vorhang zwischen uns und dem Lichtmeer […] wir stehen im Mittelpunkt des materiellen Universums, aber am Rande des spirituellen Universums, dazu verdammt, das Schauspiel des himmlischen Reigens aus der Ferne zu betrachten; […] dort oben ist die Krippe, der Nebel, die Kleine Wolke, der Bienenstock; schau: der Turm zu Babel und die Glückseligkeit der Zelte; […] da ist Rohini, die rote Hirschkuh, die so schön ist, daß der Mond, trotz seiner siebenundzwanzig Frauen, nur sie allein liebte […] da: schau: da oben: die Sterne. 2

Manchmal klingen sie absurd, komisch, unvorhersehbar und verworren, wie in Weinbergers mehrere Jahrtausende umfassender Darstellung verschiedener chinesischer Menschen mit dem Namen ›Chang‹ (»Changs«), oder in der Auflistung von Traumbedeutungen der »Lakandon-Indianer«: »Wenn Du von einer Termite träumst, wirst Du einen Jaguar sehen. Wenn Du von einem Jaguar träumst, kommen Menschen. Wenn der Jaguar dich beißt, sind es keine Menschen«. 3

Manchmal klingen sie allerdings auch sehr weise, erhaben und seltsam archaisch. Weinberger scheint bei genauerer Überlegung doch nicht der ziellos umherirrende Sammler; er sucht sich seine Themen vielmehr sehr bedacht, sehr reflektiert, sehr kohärent aus. Geeint werden alle seine Geschichten, Topoi, Bilder und Mythen durch ein kaum sichtbares Band – so jedenfalls hat es den Eindruck. Weinberger selbst scheint sich dessen ebenfalls bewusst zu sein, sagt aber nicht, was diesen Zusammenhang ausmacht – versucht es auch gar nicht erst, weiß wohl auch selbst nicht so recht, was er hier sagen könnte.

Irrungen, Wirrungen

Überhaupt ist Weinbergers Selbstinszenierung an diesem Abend, gemessen an seinen Texten, seltsam inkohärent und widersprüchlich. Einerseits gibt er sich als schelmischen, witzigen, gar zynischen Weltbürger, Ethnologen, Kulturanthropologen und Literaten, der sich im eigenen Land, in der eigenen Literatur nicht zu Hause fühlt (»I’m sort of an exoticist. I don’t want to know about someone getting divorced in… Connecticut«). So erzählt er mit leicht abfälligem Ton von der Überflutung des amerikanischen Literaturmarktes durch Absolventen von Creative-Writing-Programmen, denen er prinzipiell narzisstische, um sich selbst drehende Weltabgewandheit vorwirft. (Eine kluge Publikumsfrage will später von Weinberger wissen, wie er selbst denn diese Weltabgewandtheit überwindet – die Antwort fällt sichtlich schwer.)

Andererseits gelingt es Weinberger – der immer wieder betont, nicht an die Postmoderne zu glauben – nicht, zu beschreiben, was sein Schreiben motiviert, was ihn fasziniert, wofür er sich begeistert, weshalb genau dieser und nicht jener von den unzähligen Mythen, Stoffen, Träumen der Weltgeschichte den Aufnahmetest des Weinberger-Projekts besteht, kurzum: Warum er schreibt, was er schreibt. Was ist es, dieses grundlegende »elemantal thing«, das die Essays durchzieht, in Weinbergers vorherigem Werk Kaskaden (Frankfurt a.M. 2003) noch deutlicher als in Das Wesentliche? Frank Kelleters Frage, was denn diesen »sense of unity« in Weinbergers Essays ausmache, dieses »reading déjà vu«, wird von Weinberger kaum beantwortet. Um eine Antwort scheint er sich zu winden.

Die Thematik seiner Essays sei zufällig, arbiträr, nicht bewusst konstruiert, hört man wiederholt. Das allerdings wäre und ist eine ziemlich postmoderne Strategie – und außerdem passt das einfach nicht zusammen. Nein, so richtig und vollständig glaubwürdig ist es nicht, was man von Weinberger kennenlernt an diesem Abend. Es ist kein kohärentes Selbst, das sich da gibt: Weinberger ist vielleicht der Proteus des Essays. Er grenzt sich bewusst ab, kann aber selbst nicht sagen, wie und auf welche Weise, verändert immer wieder die Form, bleibt unkenntlich, ist aber doch immer derselbe. Sieht sich prinzipiell in keiner Tradition – außer vielleicht der des Essays. Aber auch hiermit geht er auf Nummer sicher, weil die Essaytradition in Amerika eben keine Tradition hat. Und Weinbergers Flirt mit der Moderne? Von dem bleibt streng genommen nur L’art pour L’Art – immerhin ein Konzept, das für Weinberger wenigstens ansatzweise zutreffend erscheint.

Kaskadeneffekt, sehnsüchtig

Was bleibt von Weinberger? Die Erkenntnis, dass er zwar nicht unbedingt den Nobelpreis gewinnen möchte, sehr wohl aber Mitglied des Nobelpreiskomitees sein würde, weil er deren angehobenen Lebensstil irgendwie anziehend findet? Es gibt Menschen, die behaupten, Zynismus und Ironie seien rhetorische und im weitesten Sinne psychologische Strategien, um sich vor zu großer Selbstoffenbarung zu bewahren – und ab diesem Punkt sollten wir die Küchenpsychologie auch hinter uns lassen. Was aber, wenn Weinberger sich selbst nicht offenbar und gewahr wird und ist? Das würde erklären, weswegen es eben diese Idee von Einheitlichkeit in seinen Essays gibt, die er allerdings selbst nicht erklären kann, und sich stattdessen als ironisches enfant terrible des amerikanischen Literaturmarktes inszeniert.

Eine letzte Anmerkung: Weinbergers Band Kaskaden geht eine Einleitung von Paul Auster voraus – dem Menschen, der Kurzgeschichten als 400-Seiten Romane tarnt. Irgendwie besteht für mich seit der Lektüre von Weinbergers Essays eine Verbindung zwischen diesen beiden Autoren, die wohl etwas damit zu tun hat, dass beide dieser Autoren eben recht dicht schreiben, zugleich aber auch nicht so recht zu wissen scheinen, was und wozu eigentlich; nur dass bei Weinberger noch etwas mehr Hintergrundsummen da ist, das dann doch Kohärenz suggeriert.

Aber wahrscheinlich ist auch das nur eine weinbergerianische Interpretation der Moderne, diese Suggestion von Kohärenz und Substanz. So beschreibt es jedenfalls auch Octavio Paz, den Weinberger ausgiebig ins Englische übersetzt hat: »Sehnsucht nach der wahren Präsenz ist das geheime Thema der besten modernistischen Dichter«.4 Und sehnsüchtig klingen tatsächlich alle Weinberger’schen Essays. Sehnsucht impliziert allerdings auch Abwesenheit, und auch das passt wieder zu Weinberger. Denn was seine Essays dann doch vereint, ist vielleicht einfach die romantische Sehnsucht nach etwas, von dem man selbst gar nicht weiß, was es eigentlich ist – Schreiben um des Schreibens, Sehnen um des Sehnens willen.

  1. Jürgen Habermas: Die Moderne. Ein unvollendetes Projekt. In: Ders.: Die Moderne – ein unvollendetes Projekt. Philosophisch-politische Aufsätze 1977-1992. Leipzig, 2. erweiterte Auflage 1992, S. 35
  2. Eliot Weinberger: Das Wesentliche. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Berlin, 2. Auflage 2009, S. 187-192.
  3. Weinberger: Das Wesentliche, S. 42.
  4. Octavio Paz: Essays. Bd. 2. Frankfurt: 1980, S. 159.


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 Veröffentlicht am 5. Juni 2010
 Foto mit freundlicher Genehmigung des Literarischen Zentrums
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