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In der Lachfabrik

Leichte Unterhaltung, vorhersehbare Auftritte, viel Klamauk. Und dann doch wohlberechnetes Sprach-Kalkül und mitreißende Metrik: Darauf konnten sich die Besucher am letzten Poetry Slam vor der Sommerpause 2016 im Göttinger Jungen Theater wie immer verlassen.

Von Daniel Nagelstutz

Da Deutschland an diesem Abend des 26. Juni 2016 im Achtelfinale der Fußballeuropameisterschaft steht, sind die Voraussetzungen Zuschauer zu ködern ungünstig. Das überwiegend studentische Publikum bleibt den Moderatoren Christopher Krauß und Felix Römer aber wie gewohnt treu. Der Dichterwettbewerb hat sich längst zum festen monatlichen Bestandteil im Göttinger Abendprogramm etabliert.

Der NightWash Talent Award Gewinner Tino Bomelino macht das Publikum warm. Mit einer Reihe von »kennt ihr das, wenn…« Witzen, die haarscharf am »kennste, kennste, kennste?«-Humor eines Mario Barth vorbei schrammen, hat der Featured Poet die Lacher des Publikums auf seiner Seite. Die Veranstalter machen mit dem Anheizer und Pausenclown Bomelino eine klare Ansage, was sie unter Poetry Slam verstehen. Die antretenden Dichter sollen im besten Fall wie Lachfabrikarbeiter Pointen wie am Fließband produzieren. Sollte das misslingen, steht ja immer noch Stand-Up-Comedian Tino bereit.

Nicht nur seichter Humor

Doch nicht alle der sechs Bühnenpoeten setzen auf seichten Humor ohne poetischen Tiefgang. Die Zuschauer würdigen Nhi-Les feministischen Text über Alltagssexismus mit tosendem Applaus. Ins Finale schafft sie es trotzdem nicht. Die schüchterne Anna Anders, die als Neuling im Poetry-Slam-Business vereinzelt über Verse stolpert, versucht es mit einem lyrischen Appell, sich bei Entscheidungen auf ihr Bauchgefühl zu verlassen. Auch sie scheitert in der Vorrunde. Julia Szymek brilliert mit einer herzzerreißenden Liebeserklärung an ein lyrisches Du, dem besten Freund des lyrischen Ichs. Mit leisem Zittern in der Stimme erinnert sie im Finalbeitrag an einen Freund, der sich das Leben genommen hat. Die sichtlich verschüchterten Zuschauer applaudieren zurückhaltend. Zu wenig gelacht. Wo bleibt Tino, wenn man ihn braucht?

Junges Theater

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Das Junge Theater Göttingen entstand 1957 als innovatives und alternatives Zimmertheater. Der Schauspieler Bruno Ganz läutete hier seine Karriere ein, auch Benjamin von Stuckrad-Barre und Christian Kracht verwirklichten sich im Jungen Theater. Heute bietet das Haus rund 200 Zuschauern Platz. Unter Intendanz von Andreas Döring setzt das JT auf zeitgemäße Themen auch in klassischen Stoffen.

 
 

Die Publikumslieblinge an diesem Abend heißen Max Gebhard und Fabian Navarro. Beide routinierte Slamer, die vormachen, wie man die Gunst der Zuschauer gewinnt. Zuerst gehen sie auf Tuchfühlung mit dem Publikum: »Habt ihr Bock?« und »Gut seht ihr aus!«. Satzanfänge, die die Zuhörerschaft begeistern. In ihren Texten versetzen sie sich in die Rolle des lyrischen Ichs beziehungsweise in die des Ich Erzählers. Poetry Slam kann nämlich auch prosaisch und ganz ohne Poetry. In ironisch-fiktiven-autobiographischen Stories führen sie Gesellschaftskritik und Klamauk gefühlvoll zusammen, ehe sie wieder getrennte Wege gehen dürfen. Ihre Darbietungen beruhen auf wohlberechnetem Sprach-Kalkül, das sie von Anfängern unterscheidet.

Metrik, die mitreißt

Max Gebhards Gesellschaftskritik in Prosa aber ist zu lau, sein Humor einen Tick zu flach und seine Rolle als Ich-Erzähler nicht authentisch genug. In seiner Darbietung liest er eine fingierte E-Mail seines noch ungeborenen Sohnes aus dem Jahre 2060. Ein humoristischer Rückblick auf gesellschaftspolitische Ereignisse zwischen 2016 und 2060. Fabian Navarro hingegen glänzt mit einer lyrischen Performance als grandioser Wortjongleur, erzeugt in tadelloser Metrik einen mitreißenden Sprech-Flow und findet die richtige Balance zwischen Ernst und Humor. Es darf gelacht, aber auch andächtig zugehört werden. Sein Finalbeitrag »Die Chroniken von Naja« handelt von der persönlichen Herausforderung, mit Unsicherheiten in der Öffentlichkeit umzugehen. Er gesteht, dass er sich als frisch immatrikulierter Erstsemester an seiner Universität wie »der uncoolste Rapper in der Hood« fühlte. Im Gegensatz zu seinem Konkurrenten Max liest er nicht ab. Insgesamt hat er die Erwartungen des Publikums am präzisesten eingeschätzt, es klatscht Fabian Navarro zum Sieger.

Poetry Slam ist wider das gängige Klischee kein ausschließliches Fest der leichten Texte. Aber die Veranstaltung im Jungen Theater hat einmal mehr gezeigt, dass das Publikum von den Slamern insgeheim doch erwartet, zum Lachen gebracht zu werden. Die erste Vorstellung nach der Sommerpause findet am 25. September um 20 Uhr an gewohnter Spielstätte im Jungen Theater statt.



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 Veröffentlicht am 31. August 2016
 Bild: Public Domain CC0
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