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Kunst am Fundstück

Eine knallrote Clownsnase prangt mitten im edlen Porträt, Reißzwecken zieren das Fußbett goldener Highheels – Hans-Peter Feldmann findet Kunst überall und provoziert mit winzigen Eingriffen einen neuen Blick auf seine Objekte. Der unkonventionelle Künstler zeigt in seiner »Kunstausstellung« in den Deichtorhallen in Hamburg vom 1. März bis zum 2. Juni 2013 über 120 Bilder, Skulpturen und Installationen.

Von Astrid Schwaner

Der kolossale »David« Michelangelos mit quietschrosa Teint und gelbem Schamhaar vor dem Ausstellungsgebäude verkündet schon vor dem Betreten der Kunstschau: Hier herrscht kein Unterschied zwischen hoher Kunst und den schönen Dingen, die wir täglich ansehen. Zu den Fundstücken des Künstlers, der sich selbst kategorisch nicht als solchen bezeichnet, gehören profane Alltagsgegenstände genauso wie kanonische Kunstwerke. »Kunst ist da – wie das Wetter, wie Sex«, sagt Feldmann. »Wieviele Leute rennen rum mit tollen Frisuren – das ist Kunst!«

Mit seinen witzigen Kreationen hinterfragt er die abendländische Ästhetik, die stillschweigend das Schöne in einen Kanon presst, obwohl es doch so vielfältig ist. Feldmann legt das Urheberrecht großzügig aus, er zitiert, plagiiert, reproduziert Kunst. Seit einem halben Jahrhundert weigert er sich beständig, seine Werke zu signieren. Das tat er nicht einmal für seine Ausstellung auf der documenta 5 und 6. Und die 100.000 Dollar, die er in New York im Rahmen des Hugo Boss Prize 2010 erhielt, nagelte er kurzer Hand als neues Werk an die Wände des Guggenheim Museums.

Info

Hans-Peter Feldmanns »Kunstausstellung« ist noch bis zum 1. Juni 2013 in der Halle für aktuelle Kunst in den Deichtorhallen Hamburg zu sehen

 
 
Dass Feldmann sich selbst nicht als Künstler begreift und die Autorschaft ablehnt, macht sein Werk so sympathisch. Raunt anderswo mancher Museumsbesucher despektierlich: »Das könnte ich auch!«, ist diese Erkenntnis das pädagogische Ziel der Hamburger Ausstellung. Befreit von der Distanz zum auratischen Kunstwerk, ist in Feldmanns Schau das Lachen erlaubt, ja unumgänglich. Beim Gang durch die Ausstellung schmunzelt sich der Zuschauer von einem Kunstwerk zum nächsten. Die Anatomie des weiblichen Körpers wird unverkrampft anhand eines neckischen Aktgemäldes erklärt, Gummitiere versammeln sich auf einem Orientteppich und Briefmarken, Brotscheiben und Erdbeeren werden zu Kunstwerken geadelt, weil sie in der Institution Museum ausgestellt werden. Der Witz und die erfindungsreiche Leichtigkeit der Exponate sprechen auch Kinder an. Die seien laut Feldmann sowieso die eigentlichen, unverstellten Künstler. Deswegen hat er auch extra eine Malecke für sie eingerichtet.

Feldmann hat die Ausstellung selbst konzipiert – als ein Gesamtkunstwerk. Sie versammelt über 120 Werke aus mehr als vier Jahrzehnten seines Schaffens. Neben den humorvollen Einfällen tragen einige Objekte auch melancholische oder ernste Züge: So zeigt ein Séparée 100 Titelseiten internationaler Zeitungen am Tag nach dem Anschlag auf das World Trade Center. Auch die Zusammenstellung von 100 Porträts von Menschen im Alter von 1 bis 100 Jahren stimmt nachdenklich: So schnell zieht das Leben vorbei. Welche Gedanken, welche Sehnsüchte haben die abgebildeten Menschen in ihren unterschiedlichen Lebensphasen? Wo stehe ich in dieser Reihe?

Träume und Sehnsüchte ziehen sich als roter Faden durch die Ausstellung. Ein zwei Meter langes Papierschiffchen rückt den Kindheitswunsch, ins selbst gefaltete Miniaturboot zu steigen, zum Greifen nahe. Collagen von Fotoschnipseln aus Trivialmedien verraten viel über den, der sie zusammenstellte. Das schönste Kunstwerk der Schau, eine ätherisch-traumhafte Installation aus tanzenden Schattenbildern, lehnt sich an Platons Ideenlehre an. Gleichzeitig scheint es die Sehnsüchte des Künstlers und des Betrachters widerzuspiegeln: Im abgedunkelten Raum beleuchten Scheinwerfer in langer Reihe rotierenden Nippes. Nicht der bunte Kram, sondern sein sich wandelnder Schattenreigen an der Wand zieht den Blick an und trägt die Gedanken fort.

Es gibt in dieser »Kunstausstellung« keine Erklärungstafeln, denn die Objekte sprechen aus sich selbst heraus. Jeder Betrachter darf sich ein eigenes Bild machen, sich identifizieren oder verweigern – und sich inspirieren lassen. Feldmanns Ausstellung ruft dazu auf, im eigenen Alltag das Schöne zu erkennen, selbst Kunst zu machen und zu sammeln. Am Ende der Vernissage hat der Rausch gewirkt: Die Erwachsenen kritzeln an den Maltischen der Kinder.



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 Autor*in:
 Veröffentlicht am 12. März 2013
 Kategorie: Misc.
 Auf Wunsch des Künstlers werden weder Werktitel noch Entstehungsjahr genannt. COPYRIGHT: VG BILD-KUNST, Bonn. Courtesy Hans-Peter Feldmann
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