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Kunst des Opossums

Unter dem Titel »Rüssel an Schwanz« trafen sich Dirk von Petersdorff und Judith Holofernes zu einem abwechslungsreichen Interviewabend. Die Frontfrau von Wir sind Helden hat 2015 ihr lyrisches Debüt veröffentlicht. Alena Diedrich über Gedichte, die Kunst des Opossums und die Resonanz im Alten Rathaus.

Von Alena Diedrich

Sich den Ansinnen der Welt zu entziehen und aus dem ,Nichtstun‘ Kunst zu machen, dafür hat Judith Holofernes die im Jahr 2012 verkündete Bandpause der Helden bisher genutzt. Ein Lyrikband mit 34 Gedichten ist aus der schöpferischen Pause hervorgegangen: Du bellst vor dem falschen Baum ist im Herbst 2015 im Tropen Verlag erschienen und besteht neben den Gedichten auch aus Zeichnungen und Collagen der Künstlerin Vanessa Karré. Dieser Gedichtband stand im November im Alten Rathaus Göttingen im Zentrum eines informativen und unterhaltsamen Interviewabends. Neben der Autorin auf dem Podium saß der Literaturwissenschaftler und Lyriker Dirk von Petersdorff, der den Vortrag der Gedichte moderierte und mit Fragen zur Entstehung und zum autobiographischen Gehalt einzelner Texte, zum Verhältnis der Gedichte zum Popsong, zur Bedeutung des Reimes, zu ihrer Komik und zu literarischen Vorbildern ergänzte.

Buch-Info


Judith Holofernes
Du bellst vor dem falschen Baum
Gebunden, 2 Ausklapptafeln, durchgängig vierfarbig illustriert von Vanessa Karré
Tropen Verlag, Stuttgart 2015
104 Seiten, 17,95 €
E-Book: 13,99 €

 

Lit. Zentrum


Das Literarische Zentrum Göttingen e.V. ist eine überregionale Einrichtung, die sich als »Begehbares Feuilleton« versteht und Literatur in Nähe zu Film, Musik, Wissenschaft, Schauspiel und Popkultur diskutiert. Sie wurde im April 2000 unter dem Vorsitz von Heinz Ludwig Arnold, Thedel von Wallmoden und Hilmar Beck gegründet und war für zwei Jahre im Lichtenberghaus untergebracht. Seit 2002 hat das Literarische Zentrum seinen Sitz in der Düsteren Straße. Geschäftsführerin ist Dr. Anja Johannsen, das Jugend-/Kinderprogramm »Literatur macht Schule« wird von Gesa Husemann verantwortet.

 
 
Faszination Tier

Autorin und Interviewpartner gingen gemeinsam auf Spurensuche in Holofernes’ lyrischen Texten und dort geht es vor allem um eines: Tiere. Über diese dichtet sie mal spöttisch, mal liebevoll, mal mimetisch oder onomatopoetisch – dabei immer lakonisch und mit viel Humor. Sie betont das Rätselhafte und ,Unmenschliche‘ an der äußeren Erscheinung sowie am animalischen Verhalten: Die Hässlichkeit des Marabus oder die der Tiefseefische, die Eitelkeit des Vogels Sekretär, die vermeintliche Unentspanntheit des huhnähnlichen Tuberkelhokkos oder die Kunst des Opossums, sich nicht nur tot zu stellen, sondern auch einen bestialischen Aas-Geruch von sich zu geben, um sich der Bedrängnis durch den Feind zu entziehen. Die Faszination am Tier liegt nicht nur in seiner Abweichung vom Menschen, sondern auch in seiner Funktion als Projektionsfläche menschlicher und vermenschlichender Interpretation. Der ,Tanz‘ der Lemuren oder ihr stundenlanges ,Meditieren‘ im Lotussitz dient keinem für den Menschen erkennbaren Nutzen – und erfährt vielleicht gerade deshalb menschliche Bewunderung:

Ob seine Pirouetten
in Darwins Sinn Sinn hätten?
Das kann man sich wohl fragen
und müsste dann ertragen

dass dieses Affens Anmut
zeigt, dass er, was er kann, tut
ganz ohne Sinngebäude
allein im Dienst der Freude.

Im Gespräch mit Dirk von Petersdorff, der in Jena Professor für Neuere Deutsche Literatur mit den Schwerpunkten Romantik, Ironie und Moderne – und nicht zuletzt auch Autor von sechs Lyrikbänden ist – erfuhren die ZuhörerInnen Interessantes über den Prozess des Schreibens. Angefangen als einzelne Blogeinträge ergab sich im Wechselspiel mit den LeserInnen, die Holofernes Zusendungen mit Wunsch-Tieren für weitere Gedichte oder auch selbstverfasste Tier-Gedichte schickten, ein ganzer lyrischer Gedicht-Zoo, der weit über das hinausgeht, was in ihrem Debütband Platz gefunden hat. Mehr Spiel und Freude als Arbeit zu sein, sich von Zwecken und Zwängen zu befreien, Müßiggang und daraus resultierende Inspiration sind die Grundpfeiler der reflektierten, lebendigen und äußerst ,performbaren‘ Lyrik von Judith Holofernes. So werden die Texte, die sie im Literarischen Zentrum mit unverwechselbarer Stimme vorträgt, nicht nur mit einer Bildpräsentation der Collagen von Karré auf Leinwand begleitet, sondern von der Autorin zum Teil mit ,Saitenspiel‘, nämlich singend zur Ukulele, vorgetragen.

Als Gedicht erlaubt

Holofernes’ Herkunft ist die Musik. Wo die Gedichte nicht mit Liedern identisch sind (einige Helden-Lieder sind in Ausschnitten in dem Gedichtband vertreten), sind musikalische Einflüsse zu spüren. Linke Liedermacher, Rio Reiser, The Ramones, Bob Dylan, Paul Simon und viele andere, die in der als Kind entdeckten heimischen Plattensammlung zu finden waren, sowie die »Unterweisungen« der Liedtexterschule Sago um den im September 2015 verstorbenen Liedermacher und Kabarettisten Christoph Stählin fließen in Holofernes’ Texte ein. Auch musikalische Übersetzungen spielen eine Rolle: Da sie, wie sie berichtet, an Übertragungen ihrer englisch- bzw. anderssprachigen Lieblingslieder ins Deutsche arbeitet, trägt sie an diesem Abend ihre deutschsprachige Interpretation von Lyle Lovetts If I had a Pony vor, das imaginierte Möglichkeitsräume spielerisch und kindlich-phantasievoll erweitert.

Poetologisch-musikalischer Schlagabtausch: Judith Holofernes und Dirk von Petersdorff.

Doch die Gedichte sind nicht nur musikalisch inspiriert, auch die Tradition komischer Gedichte schreibt sie in ihre Tiertexte ein. Die lyrische Form ermögliche ihr eine freiere Gestaltung, so Holofernes im Gespräch mit Dirk von Petersdorff. Eine Melodie müsse nicht mitgedacht werden, andere Reimschemata und Längen – etwa kurze Vierzeiler oder andererseits Gedichte mit zwölf Strophen – seien als Song nicht realisierbar, aber als Gedicht erlaubt. Vor allem der Rhythmus und der Reim seien Elemente, die Song und Gedicht – falls überhaupt getrennte Sphären – verbinden. Der Reim erzeuge eine wortneu- und sinnschöpferische Kraft, spreche Wahrheit dort aus, wo eigentlich Disparates durch den harmonischen Klang zusammengefügt werde. Das Universum erzähle Witze durch den Reim, sagt Holofernes. Und mit der Reimerwartung zu brechen, habe etwas Befreiendes und Komisch-Lakonisches, das helfe, die Dinge leicht zu nehmen – wie etwa eine permanent klingelnde Kuhglocke vor dem Fenster eines Meditationsseminars im Allgäu:

Die Kuh macht baling
Der Mann denkt: Entspannt!
Atme ein, atme aus
Baleng

Atme ein, atme aus
still, still
Der Mann atmet nicht
Er denkt

[…]

Atme bing, atme bong
Die Glocke erklingt
Der Mann denkt:
Was ein Scheiß

Die Kuh vor dem Fenster
Baling Baleng
Die Kuh denkt nicht
Sie weiß

Den Charme und Witz ihrer Person und den Gehalt ihrer Gedichte muss Holofernes nicht erst durch ihre Performance beweisen. Die Kapitalismuskritik in Nichtsnutz, das Verweigern von gesellschaftlichen Festlegungen bereits im Denkmal-Song, die im Kakadu-Gedicht mitschwingende Absage an die Werbeanfrage der BILD-Zeitung, die 2011 für Aufsehen sorgte, sind unaufdringlich, aber gegenwärtig. Holofernes ist nicht im Selbstverständnis politisch, doch gesellschaftsphilosophisch und – so zeigen es ihre Gedichte und Lieder – am Menschen als Einzelgänger oder Herdentier interessiert. Auch Autobiographisches gibt sie uneitel preis. So ist die Stimmung der beiden Interviewpartner harmonisch und offen; Auch das Publikum wird in die Auswahl der vorzulesenden Gedichte einbezogen.

Lyrischer Formenreichtum

Im Dialog der Interviewpartner traten Aspekte zutage, die dem Gedankenaustausch zweier Gedichteschreiber mit teils ähnlichen Vorstellungen von Lyrik entspringen. Denn die Leidenschaft für die Form des Liedes, die durch das Zusammenspiel von Inhalt und Reim entstehende Freiheit, die Leichtigkeit des Witzes bei gleichzeitiger Ernsthaftigkeit und Authentizität des Gesagten und die Ablehnung von Fixierungen teilt die Song- und Gedichtschreiberin mit ihrem Interviewpartner Petersdorff, der in seinen Gedichtbänden lyrischen Formenreichtum sowie die Verbindung von Alltäglichem mit ernsten Themen vor dem Hintergrund einer ironischen Poetik erprobt.

Petersdorffs Affinität zum Popsong belegen nicht nur seine Gedichte, sondern auch seine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Gattung ,Lied‘, deren Entstehung und Veränderung er vom Wunderhorn bis zu den Fantastischen Vier nachverfolgt. Bereits im Wintersemester 2014/2015 war er im Rahmen der Ringvorlesung 13 Lieder. Lektüren und Analysen populärer Songs am Zentrum für komparatistische Studien in Göttingen zu Gast und trug über den Song Denkmal von Wir sind Helden vor. Seine Interpretationsansätze standen nun noch einmal am Ende eines gleichermaßen informativen wie unterhaltsamen Abends. Der Helden-Song aus dem Jahr 2003 wurde eingespielt und so die Halle des alten Rathauses gleich hinter dem traditionsreichen Gänseliesel-Denkmal zum Resonanzkörper für Holofernes’ lebendige, oft überraschende und von herkömmlichem Sinn und zugeschriebenen Genre-Erwartungen befreite Liedkunst, in der das Publikum im wahrsten Wortsinne mitschwingen konnte. Kein starres Denkmal. Ein Klang, eine Stimmung, ein Gedicht.



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 Veröffentlicht am 10. Dezember 2015
 Mit freundlicher Genehmigung vom Literarischen Zentrum
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