Impressum Disclaimer Über Litlog Links
Mit schmutzigen Händen

Muttermord, Kindermord, Kerkerhaft ‒ zum sechzigjährigen Jubiläum lässt das JT Göttingen in der Inszenierung des Urfaust ein sprachgewaltiges Gretchen auftreten, das mit Inbrunst unter der Hauptlast einer zweifelhaften Schuld leidet.

Von Stefan Walfort

Gretchens Zuhause ist eine Müllhalde. Mit braunen Schlieren verdreckte Kanister gammeln vor sich hin. Daneben trotzen prall gefüllte, blaue Säcke jedweder Witterung. Auf einer notdürftig zusammengezimmerten Pritsche verbringt sie ihre Nächte. Vor Regen schützt sie ein Sonnenschirm, den sie mit einer Plastikplane ummantelt hat. »Nicht jedes Mädchen hält so rein« ‒ so bemerkt Mephistopheles, als er mit Faust, ihrem Geliebten in spe, den Schmuck, mit dem sie bezirzt werden soll, bei ihr versteckt. So frei von Ironie wirkt das überaus ulkig. Für ein bisschen heimische Atmosphäre sorgen Topfpflanzen und Efeu. Mittendrin reckt sich ein weißes Kreuz zum Himmel empor. Stets verneigt sich das junge Mädchen davor und bekreuzt sich und macht deutlich, dass es für sie im Leben vor allem auf die Reinheit des Herzens ankommt. Über dem Balken des Kreuzes lässt ein brauner Müllsack in Übergröße den Kopf hängen. Wie sich erst später aufklären wird – dann, wenn auch von der Reinheit in Gretchens Herzen nicht mehr viel übrig ist ‒, dient er dazu, die Leiche von Gretchens Bruder Valentin zu entsorgen.

Bekanntlich nimmt die Hauptfigur der »Gelehrtentragödie« (Karsten Zinser) ein Unheil nach dem anderen in Kauf, um ihre »Sehnsucht nach Entgrenzung, erst im Erkennen, dann im Lieben«1, zu stillen. Doch Schuld lädt nicht allein der immer mehr von der Rolle des Verführten in die des Befehlshabers stolpernde Faust auf seine Schultern, auch sein teuflischer Verführer Mephistopheles nicht. Mit schmutzigen Händen stehen hinterher alle da – auch das ach so gottesfürchtige Gretchen; so scheint es. War es nicht sie, die sich von Faust das mörderische Schlafmittel für ihre Mutter hat aufschwatzen lassen? War es nicht sie, die das gemeinsame Kind ertränkt hat? Doch wie gerecht ist es, dass sie am Ende der Kummer am härtesten trifft? Wie gerecht ist es, dass sie im Kerker verzweifelt, während Mephisto als einziger gut lachen hat? Von Peter Christoph Grünberg als lüsterner Lude dargestellt, oben ohne, in Lederhose mit blinkender Gürtelschnalle, Tattoos am Arm und am Hals und mit protzigen Klunkern an den Fingern ‒ so gehören Mephistos Auftritte neben denen der jüngst von der Schauspielschule Kassel in das JT-Ensemble aufgenommenen Katharina Brehl als Gretchen zu den Knüllern des Abends.

Die Hölle sind nicht immer nur die anderen: Katharina Brehl als Gretchen

Immer wenn Mephisto sich blicken lässt, sind Gewittergrollen und dunkle Bassgitarrenklänge zu hören. Wenn er nicht gerade seine Nase in Gretchens Unterwäsche gräbt, Leipziger Burschenschaftern Fusel einflößt oder Gretchens Nachbarin Marthe (Franziska Lather) Lügengeschichten über den angeblichen Tod ihres Mannes auftischt, würgt er und röchelt aus Ekel vor Symbolen der Kirche und vor religiösem Geschwätz oder spuckt Qualm wie ein Märchendrache. Brehl hingegen glänzt vor allem durch Sprachgewalt. Schnippisch lässt sie den Verehrer zunächst abblitzen, als sie sich erstmalig begegnen. »Bin weder Fräulein weder schön / Kann ohn Geleit nach Hause gehen« ‒ so verbittet sie sich sämtliche seiner Offerten. Doch das daheim entdeckte Geschmeide verfehlt die gewünschte Wirkung nicht, vor allem, weil Marthe als Kupplerin nach Kräften mithilft, Gretchens zunächst zurückhaltende Neugier auf den doch »recht wacker« wirkenden Herrn anzuheizen.

Und so steuert die Handlung unweigerlich auf die Katastrophe zu. War Gretchen eben noch mit aufrechtem Blick in einem an Krankenhauspersonal erinnernden, weißen Dress mit Baumwollsocken und Stiefeln über die Bühne stolziert, so windet sie sich nun vom Wahn gezeichnet auf dem Boden. Eine Eisenkette zerrt an einem ihrer nackten Füße. Der nur noch in ein ärmelloses, labberiges Oberteil gekleidete Leib ist schutzlos der Kälte ausgeliefert, ihr zuvor noch langes, zu einem Dutt gebundenes Haar zu einer wüsten Kurzhaarfrisur entstellt. Als Faust sich trotz allem weiter mit Mephistopheles verbrüdert, packt sie schieres Entsetzen: »Der! Der! Laß ihn! Schick ihn fort! Der will mich!« Vor allem hier beeindruckt, mit welcher Inbrunst sich Brehl in ihre Rolle hineinsteigert. Die Entscheidung, sie ans JT zu holen, wird so bald sicher niemand bereuen.

Fast sechzig Jahre beanspruchte die immense Arbeit Goethes am frühneuzeitlichen Faust-Stoff.2 Passend dazu bringt das JT die als Sturm-und-Drang-Version geltende Vorstufe sechzig Jahre, nachdem mit ihr die allererste Spielzeit des Hauses eröffnet wurde, erneut auf die Bühne. Der Intendant Nico Dietrich als Regisseur und Christian Vilmar als Dramaturg belassen es bei einer größtenteils werktreuen Umsetzung. Was zu streichen war, kompensieren sie durch ein episches Moment: Im Bademantel und mit angegrautem Haar lassen sie Agnes Giese als Faust’scher Famulus Wagner vor das Publikum treten, um das Geschehen zusammenzufassen und zwischen den Szenen überzuleiten. Modernisierungen erfolgen weitgehend behutsam. Dass niemand auf Biegen und Brechen versucht, einen expliziten Gegenwartsbezug zu konstruieren, ist durchaus als Stärke des Abends zu werten, auch wenn Fragen nach der Funktion der gewählten Symbolik offen bleiben, insbesondere im Hinblick auf den Müll, der sich auf der Bühne sammelt. Einzige ‒ verstörende und zuweilen schwer erträgliche ‒ Ausnahme ist die eigentlich in Auerbachs Keller zu Leipzig beheimatete Szene, die diesmal am Ballermann spielt. Statt Wein aus Krügen strömt Sangria aus Eimern in die Kehlen der »lustige[n] Gesellen«, und Ole Pampuch, ebenfalls neu am JT, schmettert mit kurzer Hose, kariertem Hemd und Burschenschafts-Brustband in schmerzhaft schiefer Tonlage das Rattenlied. Ansonsten handelt es sich um ein Erlebnis, dessen Genuss sich dank großartiger schauspielerischer Leistungen nur nachdrücklich empfehlen lässt.

  1. Goethe, Johann Wolfgang: Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil. Urfaust, hrsg. und kommentiert von Erich Trunz. München 1986, S. 748.
  2. Vgl. ebd., S. 477- 481.


Metaebene
 Veröffentlicht am 14. Dezember 2017
 Bilder: ©Dorothea Heise
Auf dem Titelbild: Peter Christoph Grünberg
 Teilen via Facebook und Twitter
 Artikel als druckbares PDF laden
 RSS oder Atom abonnieren
 Keine Kommentare
Ähnliche Artikel
Keine Kommentare
Kommentar schreiben

Worum geht es?
Über Litlog
Mitmachen?