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Wallstein-Jubiläum
Sensationen über Sensationen

Mit Drei Sensationen und zwei Katastrophen legen Herausgeber Helmut Peschina und Rainer-Joachim Siegel eine Sammlung aller bekannten Feuilletontexte zum Thema Kino von Joseph Roth vor – und damit ein einmaliges zeit- und kulturgeschichtliches Dokument des deutsch-österreichischen Films.

Von Julia Elena Leitherer

»Mehr als 200 Seiten lang Zeitung lesen… oh Mann!« Wer diesen Sammelband das erste Mal aufschlägt, dem könnten solche oder ähnliche besorgte Gedanken durchaus erst einmal durch den Kopf schießen. Und ein bisschen fühlt es sich auch so an, wenn man anfängt, in einem scheinbar nicht enden wollenden Feuilletonteil zu blättern und allmählich in eine Welt des Kinos und des Films einzutauchen. Und zwar in eine ganz besondere: in eine Welt vor fast einhundert Jahren, durch die ironisch-subjektive Brille Joseph Roths.

Buch-Info


Joseph Roth (Hrsg.: Helmut Peschina und Rainer-Joachim Siegel)
Drei Sensationen und zwei Katastrophen.
Feuilletons zur Welt des Kinos

Wallstein Verlag, Göttingen, 2014
400 Seiten, 29,90€
E-Book 23,99€

 

Autor

Der österreichische Journalist und Schriftsteller Joseph Roth (1894-1939) schrieb für die wichtigsten deutschen Zeitungen und widmete sich zeitweise neben seinen Reportagen, Buch- und Theaterkritiken auch der Welt des Kinos. In seinen frühen Jahren tat er dies noch mit größerem Enthusiasmus, später, infolge seiner Vertreibung aus Deutschland und damit verbundener finanzieller Sorgen ist davon immer weniger zu spüren. Trotzdem bleibt seine gewitzte Filmkritik ein hochinteressantes Relikt aus der Frühzeit des Mediums Film.
 

Jubiläum

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2015 feiert das von Thorsten Ahrend verantwortete Literaturprogramm des Wallstein Verlags sein 10-jähriges Jubiläum. Das belletristische Programm steht für anspruchsvolle und preisgekrönte Literatur aus den Bereichen Prosa, Lyrik, Dramatik und Essayistik. Ständig wird es durch zeitgenössische Autorinnen und Autoren erweitert: Bücher von Lukas Bärfuss, Daniela Danz, Ralph Dutli, Dorothea Grünzweig, Maja Haderlap, Harald Hartung, Dea Loher, Sabine Peters, Teresa Präauer, Patrick Roth, Hendrik Rost, Gregor Sander, Ron Segal, Kai Weyand und Matthias Zschokke u.v.m. setzen deutliche Akzente auf die Gegenwartsliteratur. Im August und September gratuliert Litlog, indem es seinen Fokus auf aufgewählte Bücher des Literaturprogramms legt.

 
 
Die Artikel sind wie kleine Fenster in diese Welt aus einer anderen Zeit. Dabei handelt es sich nicht ausschließlich um Filmbesprechungen; Roth kommentiert so ziemlich alles, was in und um die Filmbranche herum geschieht – und bietet damit auch in einer so konzentrierten Menge von Rezensionen viel Abwechslung. So beschreibt er oftmals nicht nur den Film, den er im Kino angesehen hat. Er integriert auch auf geschickte Weise das Publikum im Kinosaal in seine Besprechung, sodass man sehr genau lesen muss, um Film und Publikum überhaupt zu unterscheiden. Das ist insofern reizvoll, als man sich teilweise richtig gut vorstellen kann, wie es wohl gewesen wäre, selbst im Publikum gesessen zu haben.

Kino: »Die Bretter, die die Welt bedeuten«

Roth kontextualisiert noch viel weiter: ob sarkastische Bemerkungen über die Zensur von Filmplakaten (»…der Überflüssigkeit verdächtig?«), spöttische Vergleiche zur amerikanischen Filmindustrie (»über [die Menschen] war Amerika hereingebrochen, wie eine plötzliche Katastrophe, bei der die Notausgänge nicht funktionierten«), Plädoyers für den Film als eigenständige Kunstform in Abgrenzung zum Theater, das Verhalten der weiblichen Filmstars in Zeitschriften und vieles mehr: eine Kollage aus zahlreichen filmrelevanten Schnipseln, die auch jemandem, der keinen einzigen der besprochenen Filme von damals kennt, ein anschauliches, vor allem aber amüsantes Bild vermittelt.

Eine Welt der Schatten kann ganz schön bunt sein

Ein Wort, das man sehr oft liest: Schatten. Das sind für Roth diese seltsam ungreifbaren Figuren auf der Leinwand, die keine Menschen sind, aber auf irgendeine Art für ein paar Momente doch real. In einer Kritik an Hollywood bezeichnet er auch die Schauspieler, die ihre ‚Schatten‘ an das Kino verkaufen, selbst als Schattengestalten. Hier klingt unter anderem die Kritik Roths an der Filmszene insgesamt an: die Oberflächlichkeit von Regisseuren und Drehbüchern, die Dummheit der Menschen, wenn sie versuchen, ihrem Lieblingsschauspieler nachzueifern (Probleme, die ja auch heute noch sehr aktuell sein können) und viele weitere. Aber dieser oft angeschlagene belehrende Tonfall gibt den Berichten die nötige Farbe und lässt den Blick auf die aus heutiger Sicht gute alte Zeit nicht allzu leicht verklären. Roths scharfe Zunge bringt auch gerne mal zum Lachen.

Hinter der Ironie oft sozialkritisch

Die Artikel sind in der Reihenfolge der Erscheinung abgedruckt, insgesamt über den Zeitraum von 1919 bis 1935. Innerhalb dieses großen Zeitraumes lassen sich viele Nuancen in der Entwicklung sowohl des Filmes im zeitlichen Kontext als auch Roths selbst nachzeichnen. Mal hinter Ironie und banalen Filmkommentaren versteckt, mal offensichtlicher bezieht Roth –meist deutlich sozialistisch eingestellt – Stellung zur Gesellschaft und dem jeweiligen politischen System.

In den früheren Jahren lässt sich noch ein größerer Optimismus bezüglich der Branche feststellen; der Film wird oft noch als Kunstform mit großem Potential zur subtilen Moralisierung des Zuschauers beschrieben. Später sieht das teils sehr viel düsterer aus, es werden so wenige positive Aspekte des Films thematisiert, dass die sich abzeichnende Abneigung Roths gegen die Entwicklungen des Films auffälliger wird.

Wie war das früher eigentlich alles?

Eine Frage, die man sich während des Lesens immer mehr beantworten kann. Randinformationen wie das Vorprogramm im Kinosaal vor der eigentlichen Vorstellung (Roth beschreibt z.B. einmal den Auftritt einer Hellseherin) sowie die Tatsache, dass sich der Tonfilm zu dieser Zeit erst entwickelte (und dem Roth übrigens keinen Erfolg prophezeite), erinnern daran, dass man sich hier in einer ganz anderen Kinowelt als der heutigen befindet. Fast wünscht man sich, auch bei der Premiere von Chaplins Filmen dabei gewesen zu sein – als das noch das Neueste vom Neuesten war.

Die wenigsten Filme oder Schauspielernamen sind Lesern von heute wohl noch geläufig – das stört den Lesefluss aber fast gar nicht, da die eigentliche Aussage der Feuilletons meist auf andere Aspekte wie zum Beispiel die Kritik am Starkult oder den Hergang einer Filmpremiere abzielt. Genauere Informationen zu den Besprechungsgegenständen, die zu einem besseren zeithistorischen Verständnis beitragen, finden sich zu jedem einzelnen Artikel in den Anmerkungen der Herausgeber; sehr aufschlussreich, um den zeitlichen Verlauf von Roths Leben und Schreiben nachzuvollziehen ist außerdem das gut ausgearbeitete Nachwort.

Joseph Roth als Filmautor

Nach dem ‚Feuilletonteil‘ findet sich eine Rubrik mit drei Filmentwürfen Roths abgedruckt, die aber, soweit bekannt, nie wirklich verfilmt wurden. Dabei handelt es sich durchweg um politisch motivierte Texte, in denen der Haupthandlungsstrang meist an eine Liebesgeschichte geknüpft ist. Auch diese Manuskripte sind sehr interessant; nicht nur wegen der natürlichen Neugier auf Unveröffentlichtes, sondern weil sie sich zwar einerseits wie Erzählungen lesen, andererseits aber bestimmte sprachliche Strukturen aufweisen, die die geplante Umsetzung im Film deutlich machen.

Insgesamt ist diese wunderbar vielschichtige Materialsammlung früher Kinowelt-Dokumente ein großer Genuss, für den man sich Zeit nehmen sollte. Es macht großen Spaß, sich in den Details zu verlieren, die Roth hier in Hülle und Fülle bietet und sich in eine Zeit entführen zu lassen, in der »die Grenzenlosigkeit unserer technischen Möglichkeiten und die unserer steten unaufhörlichen Täuschungen« ihren Anfang nahm. Dafür liest man auch gerne mal 200 Seiten lang Zeitung.



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 Veröffentlicht am 3. September 2015
 Kategorie: Belletristik
 Film decay von David Tames via Flickr
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