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Kreuz und querbeet

Was hat es mit dem »erfundenen Begriff des Mittelalters« auf sich? Welchen Einfluss hatte die Mafia auf die italienische Literatur? Welche Werke jüdischer Autoren sind prägend für die deutsche Nachkriegsliteratur? Das Kompendium Querbeet von Roland Wiegenstein führt eindrucksvoll durch deutsch-italienische Kunst, Literatur und Kulturkritik der letzten Jahrzehnte.

Von Christina Zierk

Diese Sammlung aus dem Wallstein Verlag gewährt einen authentischen Einblick in unsere kulturelle Vergangenheit. Der Titel Querbeet. Kritische Gänge durch Literatur und Kunst verrät es schon: 60 Essays, Artikel, Rezensionen und Kommentare von Roland H. Wiegenstein führen durch die literarische und künstlerische Geschichte Europas, wobei verschiedenste Bereich der damaligen Zeit beleuchtet werden. Dabei konzentriert sich der Autor auf Italien und Deutschland und versammelt seine Feuilletons aus den letzten Jahrzehnten zu einem schöngeistigen Konvolut. Zusammen mit Herausgeberin Claudia Schmölders wählt Wiegenstein selbst die Texte sorgfältig aus und sortiert sie thematisch, nicht chronologisch. Dabei soll sein eigener, vielgestaltige Kommentar zur Ästhetik von Literatur und Kunst wiedergegeben werden, gleichsam wollen aber auch die Geschehnisse von Politik und Geschichte mit reflektiert werden.

Mittelalter neu gedacht

Angefangen mit einer Kommentarsammlung zur eigenen Neuinterpretation der Geschichte Europas, richtet der Autor den Blick später auch auf Darstellungen und Interpretationen seiner Kollegen. So wird anhand eines

Jubiläum

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2015 feiert das von Thorsten Ahrend verantwortete Literaturprogramm des Wallstein Verlags sein 10-jähriges Jubiläum. Das belletristische Programm steht für anspruchsvolle und preisgekrönte Literatur aus den Bereichen Prosa, Lyrik, Dramatik und Essayistik. Ständig wird es durch zeitgenössische Autorinnen und Autoren erweitert: Bücher von Lukas Bärfuss, Daniela Danz, Ralph Dutli, Dorothea Grünzweig, Maja Haderlap, Harald Hartung, Dea Loher, Sabine Peters, Teresa Präauer, Patrick Roth, Hendrik Rost, Gregor Sander, Ron Segal, Kai Weyand und Matthias Zschokke u.v.m. setzen deutliche Akzente auf die Gegenwartsliteratur. Im August und September gratuliert Litlog, indem es seinen Fokus auf aufgewählte Bücher des Literaturprogramms legt.

 
 
Werkes von Peter Blickle erläutert, wie sich Europa aus Macht und Gewalt formte und dass es sich beim »in der Bibel nicht belegte[n] Fegefeuer« um eine Erfindung halten muss. Viel Tribut zollt der Autor dem Historiker Johannes Fried, der den »erfundenen Begriff des ‚Mittelalters‘ für ein Konstrukt« hält und dessen Reflexionen man unbedingt mehr Aufmerksamkeit zuteil werden lassen müsse. Vorurteile gegenüber dem »finsteren Mittelalter« werden in diesem Band geprüft und nachvollziehbar dargelegt, dass sich hinter dieser scheinbar undurchdringbaren Epoche Mittelalter unterschiedlichste und auch widersprüchliche Entwicklungen und Ereignisse verbergen, die natürlich zu dem heutigen Europa geführt haben.

Italien und die Mafia – auch in der Literatur untrennbar

Das Land, wo die Zitronen blühen, hat es Wiegenstein in Europa am meisten angetan, besonders Siziliens wirkmächtigste Autoren Gesualdo Bufalino und Andrea Camilleri nimmt der Journalist und Kulturkorrespondent unter die Lupe. Gleich drei Essays über Bufalino, Autor von Das Pesthaus und Klare Verhältnisse, folgen hintereinander. So lesenswert diese auch sein mögen, inhaltlich wiederholen sie sich an einigen Stellen, was die Leselust wesentlich mindert. Eine geschickter gewählte Reihenfolge der Essays scheint an dieser Stelle angemessener.

Nicht nur die literarische Geschichte des Landes geht aus Wiegensteins Arbeiten hervor, sondern ebenfalls die politische, wobei speziell die Entwicklung der Mafia ausführlicher betrachtet wird. Sowohl geschichtliche Fakten als auch persönliche Eindrücke und Erfahrungen des Autors werden dabei verarbeitet. Hervorgehoben wird, dass die italienischen Verbrecherorganisationen nicht nur politischen Einfluss hat(te)n, sondern ebenfalls die Literatur prägte. So ist das Motiv der Mafia in vielen von Camilleris Werken wiederzufinden.

Wiegenstein liefert eine interessante, aber zuweilen auch etwas zu ausführliche Geschichte der Mafia, die stellenweise unübersichtlich wird. Zwar merkt er selbst in den abgedruckten Arbeiten mehrmals an, dass bei den deutschen Übersetzungen und Ausgaben der italienischen Originale eine Zeittafel und ein Personenregister angemessen wären, um eine geschichtliche Hilfestellung zu geben. In seinem eigenen Band versäumt der Verlag es dann aber genauso, wodurch schnell der Überblick über die Personen, die Italiens Geschichte und Literatur prägten, verloren gehen kann. Die noch so interessanten Erkenntnisse über Italien und die Mafia bleiben zwar im Kopf, die beteiligten Personen verschmelzen jedoch zu einer großen unbekannten Menge.

Altes neu entdeckt

Italien bildet trotz seiner großen Autoren nicht den Hauptteil des Werkes. Arbeiten über die Nachkriegsliteratur Deutschlands und über Literatur, die sich mit der Nachkriegsliteratur auseinander setzt, werden von Wiegenstein fokussiert. Mit Kommentaren zu den Notizen und Tagebüchern der jüdischen Deutsch-US-Amerikanerin Hannah Arendt und den Gedankenspielen Ernst Blochs wird das Interesse an alten Klassikern geweckt, fernab von der Schul-Pflichtlektüre wie Brecht und Grass. Besonders die philosophischen Ideen und historischen Ansichten Blochs, aber auch Adornos und Walter Benjamins, geben zwar keinen neuen, dafür einen tiefgehenden und umfassenden Blick auf das Nachkriegsdeutschland. Texte, Autoren und Kunstaustellungen aus West- und aus Ostdeutschland werden nicht nur vorgestellt, sondern zugleich interpretiert und in einen historischen Kontext gesetzt.

In dem Kapitel Deutsche »Befindlichkeiten« finden sich schon einige Texte über jüdische Autoren, Journalisten und Historiker, aber mit dem Kapitel »Jüdisches Leben«, wird diese Literatur ausführlicher betrachtet. Die Werke jüdischer Autoren beschäftigen sich damit, wie es zu Nazideutschland kommen konnte und vor allem, wie Deutschland auch noch Jahrzehnte nach Kriegsende von Journalisten und Politikern geprägt wurde, die nichts mehr wissen wollten von dem, was sie während der NS-Zeit schrieben oder propagierten.

Ausführlich legt Wiegenstein den biografischen Werdegang der Personen dar, die den Mittelpunkt seiner jeweiligen Texte bilden, und gibt somit weit mehr als einen kommentierten Rundgang durch literarische und künstlerische Werke. So nimmt er auch poetologische Strategien einiger Autoren in den Blick. Das Schaffen des jüdisch-polnischen Künstlers Bruno Schulz beispielsweise wird ausführlicher dargestellt und während sich Zeitgenossen kritisch über die Zuordnung des Künstlers zu einem bestimmten Genre oder Format streiteten, fasziniert Wiegenstein vielmehr die Unzuordenbarkeit seiner Werke. Stil und Inhalt lieferten ein völlig neues, radikal konträres Kunstkonzept, das eigentlich eine eigene Genrebezeichnung verdient hätte.

Weit mehr als Kommentierung der literarischen Landschaft

Wer einen authentischen Blick auf die Kulturgeschichte Deutschlands und Italiens bekommen möchte, wird mit diesem Buch mehr als zufrieden sein. Die Mischung aus Essays, Berichten und Kommentaren verschmelzen zu einer kleinen historischen Lektüre, die nicht nur einen tiefen Einblick in das literarische Geschehen Deutschlands und Italiens gibt, sondern auch in das historische und politische Geschehen dieser beiden Länder. Das Spektrum an Autoren, Künstlern, Philosophen und Historikern, mit denen sich der Band befasst, ist von Umberto Ecco über Philipp Blom bis zu Heiner Müller, Bruno Schulz und Paul Celan, sehr breit gefächert. So vielfältig und wirkmächtig die Ideen dieser Persönlichkeiten waren, so erhellend und umfangreich ist auch diese Feuilletonsammlung.

Zwar hakt an einigen Stellen die Reihenfolge der Texte und manche Wiederholungen wären vermeidbar gewesen, das trübt den Gesamteindruck des Werkes aber nur wenig. Eine aufschlussreiche, originelle, empfehlenswerte Darstellung der letzten Jahrzehnte literarischen und künstlerischen Geschehens Deutschlands und Italiens.



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 Veröffentlicht am 6. Oktober 2015
 Kategorie: Belletristik
 Novecento. Arte e vita in Italia tra le due guerre von Il fatto Quotidiano via Flickr
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