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Stadt – Land – Vorurteil?

Regionale Unterschiede im Profil des ephoralen Leitungshandelns auf der mittleren Ebene

Von Janina-Kristin Müller

Das Leitungsamt auf der mittleren kirchlichen Leitungsebene (ephorales Amt, Superintendent*in, Dekan*in, Pröpst*in, o. Ä.) kann in absehbarer Zeit auf eine fünfhundertjährige Geschichte zurückblicken. In den praktisch-theologischen, kirchenrechtlichen und landeskirchlichen Texten wird das ephorale Amt allerdings weitaus seltener als die ohnehin wenig beachtete mittlere kirchliche Leitungsebene (Kirchenkreis, Dekanat, Propstei, o. Ä.) thematisiert.

Den wenigen Texten zum ephoralen Amt ist zu entnehmen, dass das Amt in den letzten Jahrhunderten »immer wieder neuen […] Gestaltungsimpulsen ausgesetzt« 1 gewesen ist. Mit dem Wandel der gesellschaftlichen Herausforderungen, der politischen Rahmenbedingungen, der ökonomischen Gesamtsituation und der theologischen Motive haben sich die Aufgaben und das Profil dieses Amtes stark gewandelt.

Amtsträger*innen waren seit den Anfängen des ephoralen Amtes im 16. Jahrhundert für die Aufsicht über die Lehre verantwortlich. Zur Zeit des landesherrlichen Absolutismus sind ihnen Aufgaben im administrativen Bereich zugewachsen, die die »geistliche Seite« des ephoralen Amtes überlagerten. In den 1970er und 1980er Jahren haben sie Züge des leitenden geistlichen Amtes angenommen. Mit dem Rückgang der Ressourcen, mit der Dezentralisierung landeskirchlicher Leitung und der damit verbundenen Übernahme zentraler Steuerungsaufgaben in den 1990er Jahren ist das Aufgabenprofil der Ephor*innen erneut vielfältiger geworden. Zum aktuellen Profil des ephoralen Leitungshandelns liegen allerdings keine belastbaren Informationen vor.

Ohne empirisch gesicherte Ergebnisse zum Profil des ephoralen Leitungshandelns ist es kaum möglich, den in der Literatur zum ephoralen Amt geäußerten Wünschen nachzukommen, der mit dem Aufgabenzuwachs einhergehenden Überlastung der Amtsträger*innen zu begegnen und die Professionalisierung des kirchlichen Leitungshandelns auf der mittleren Ebene voranzutreiben.

Da die Bedingungen für das ephorale Leitungshandeln vor allem in sehr ländlichen, armen und durch Konfessionslosigkeit geprägten Diasporaregionen als schwierig und im evangelischen Kernland als vergleichsweise unproblematisch gelten, möchte ich in meinem Beitrag das Profil und die Herausforderungen der Amtsträger*innen in unterschiedlichen geografischen Räumen herausarbeiten.

Reihe

Die Vortragsreihe der Graduiertenschule für Geisteswissenschaften Göttingen (GSGG) Um die Ecke gedacht – Perspektiven geisteswissenschaftlicher Nachwuchsforschung bot im Sommersemester 2018 wieder Einblicke in diverse Forschungsfelder der Geisteswissenschaften. Die Essays dreier Vortragender werden an dieser Stelle veröffentlicht. Sie ermöglichen einen Ausblick auf Themenbereiche, für die »um die Ecke gedacht« werden muss.
Ein weiterer Beitrag folgt am 08. November. Der erste Beitrag ist hier nachzulesen.
 
 

Die Studie »Erfahrung – Entscheidung – Verantwortung«

Zur Beantwortung der Frage nach dem Profil und den Herausforderungen für die Amtsträger*innen unterschiedlicher geografischer Kontexte greife ich auf die Studie »Erfahrung – Entscheidung – Verantwortung. Befragung der mittleren Leitungsebene der Evangelischen Kirche in Deutschland« 2 aus dem Jahr 2015 zurück.

Der zwölfseitige Fragebogen der Studie wurde von Jan Hermelink, Professor für Praktische Theologie an der Georg-August-Universität Göttingen, Michael Häder, Professor für Methoden der empirischen Sozialforschung an der TU Dresden sowie Armin Felten und Dr. Susanne Schatz von der Gemeindeakademie Rummelsberg entworfen. Er fragt nach unterschiedlichen Aspekten des ephoralen Leitungshandelns, z. B. nach den zur Aufgabenerledigung benötigten Arbeitszeit und -kraft, den Leitvorstellungen der Amtsträger*innen, den zur Erledigung der Aufgaben benötigten Kompetenzen sowie u.a. der nach der Region des Amtsbezirks, in denen die Amtsträger*innen tätig sind.

Der Fragebogen wurde in drei Wellen an alle 1058 Ephor*innen und Stellvertreter*innen auf dem Gebiet der Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland verschickt. Am 1. Januar 2016 lagen 746 von 1058 beantwortete Fragebögen vor (Rücklaufquote: 72,5%).3

Die Amtsräger*innen beschreiben die Region ihres Amtsbezirks als christliches Kernland, als (groß-)städtische Regionen und als Diasporaregion

Betrachtet man die Antworten einzelner Amtsträger*innen auf die Frage nach der Wirtschaftskraft, dem Bekenntnis und der Frömmigkeit der Bevölkerung sowie nach der Pfarrer*innen- und Gemeindezahl ihres Amtsbezirks, könnte man zu dem Eindruck gelangen, dass kein Amtsbezirk dem anderen gleicht.

Weist man alle Amtsträger*innen einer Gruppe zu, die die Fragen zur Wirtschaftskraft, zum Bekenntnis und zur Frömmigkeit der Bevölkerung sowie zur Pfarrer*innen- und Gemeindezahl ähnlich beantwortet haben (sog. Clusteranalyse), lassen sich drei inner-homogene und inter-heterogene Gruppen von Amtsträger*innen identifizieren.

Die meisten Amtsträger*innen (68%) beschreiben die Region ihres Amtsbezirks überdurchschnittlich häufig als arm bis durchschnittlich wirtschaftsstark und das Verhältnis von Pfarrer*innen und Gemeinden als ausgeglichen. Im Durchschnitt sind die Amtsträger*innen für 21 Gemeinden und 22 Pfarrer*innen verantwortlich, was an das geläufige Bild vom Landpfarramt (1 Pfarrer*in – 1 Gemeinde) erinnert. Neben diesem vergleichsweise kleinen Verantwortungsbereich ist für die Amtsträger*innen die Einschätzung der Bewohner*innen ihres Amtsbezirks als protestantisch oder konfessionell gemischt charakteristisch. Die Amtsträger*innen sind demnach in christlich geprägten, ländlichen Regionen mit ausgeglichener Pfarrer*innen- und Gemeindezahl (kurz: christliches Kernland) tätig. Entsprechende Amtsbezirke finden sich häufig in Westdeutschland, z. B. in den Landeskirchen Bayern, Baden, Hannover, Braunschweig, Oldenburg oder in der reformierten Kirche.

27% und damit etwa jede*r vierte Amtsträger*in geben an, für 52 Pfarrer*innen und 30 Gemeinden, d.h. für mehr Pfarrer*innen als Gemeinden verantwortlich zu sein (Verhältnis: ca. 2 zu 1). Dieses Verhältnis deutet einen (groß-)städtischen Kontext an. Gleiches gilt für die Wirtschaftskraft und die Bevölkerungsstruktur ihres Amtsbezirks. Diesen Amtsträger*innen zufolge ist die Region ihres Amtsbezirks prosperierend und die Bevölkerung katholisch, religiös vielfältig und/oder konfessionell gemischt. Es handelt sich bei dieser Gruppe demnach um Amtsträger*innen in religiös vielfältigen, prosperierenden (Groß-)Stadtregionen mit mehr Pfarrer*innen als Gemeinden (kurz: (Groß-)Stadtregion). So verstehen sich vor allem Amtsträger*innen in Westfalen und im Rheinland.

Nur 5% und damit die kleinste Gruppe von Amtsträger*innen trägt eigenen Aussagen zufolge für wesentlich mehr Gemeinden als Pfarrer*innen Verantwortung. Im Durchschnitt sind es 106 Gemeinden und 27 Pfarrer*innen (das Verhältnis beträgt ca. 4 zu 1). Die Gruppe empfindet die Region ihres Amtsbezirks häufig als arm oder durchschnittlich wirtschaftsstark. Die Bevölkerung erscheint ihnen als überwiegend konfessionslos; der Amtsbezirk ist nicht durch eine besondere Frömmigkeit in der Region geprägt. Die Amtsträger*innen verstehen sich demnach als in armen, ländlichen Diasporaregionen mit mehr Gemeinden als Pfarrer*innen (kurz: Diasporaregionen) tätige Amtsträger*innen. Entsprechende Regionen verorten sie in Ostdeutschland, auf dem Gebiet der Landeskirchen Mitteldeutschland, Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und Sachsen.

Es lassen sich regionale Unterschiede im ephoralen Leitungshandeln identifizieren

Für jede der herausgearbeiteten drei Gruppen werden nun die spezifischen Herausforderungen des ephoralen Leitungshandelns ermittelt, um empirisch gesicherte Aussagen über dessen Profil in unterschiedlichen geografischen Kontexten zu erhalten. Ich beginne mit der Erörterung des Leitungsprofils der Amtsträger*innen in christlich geprägten ländlichen Regionen:

Amtsträger*innen, die im christlichen Kernland tätig sind, wenden für Gottesdienste überdurchschnittlich viel Arbeitszeit und -kraft auf. Auch der Bereich Verwaltung scheint diese Amtsträger*innen stark zu beanspruchen. Entsprechend groß ist der Wunsch nach einer Reduktion der Verwaltungsaufgaben. Die Tatsache, dass auch Pastor*innen häufig mit Verwaltungsaufgaben und Gottesdiensten befasst sind, könnte vermuten lassen, dass das Profil des ephoralen Leitungshandelns dem Profil des pastoralen Leitungshandelns in Ortsgemeinden ähnelt. Diese Vermutung liegt auch deshalb nahe, weil die Ephor*innen und Stellvertreter*innen des christlichen Kernlands nur wenig Energie für Einführungs- und Verabschiedungsgottesdienste auf Kirchenkreisebene, für eigene kirchliche Handlungsfelder auf der mittleren Ebene (z. B. Diakonie und Ökumene), für die Repräsentation des Kirchenkreises nach außen, für die Personalentwicklung und für die Förderung der Zusammenarbeit der einzelnen Akteur*innen innerhalb des Kirchenkreises (u. a. Strukturprozesse) aufwenden und der Auffassung sind, weniger spezifischen Kompetenzen für die Ausübung des ephoralen Leitungsamtes zu benötigten. Das kirchliche Angebot der Ortsgemeinden wird demnach nur selten durch eigene kirchliche Angebote auf der mittleren Ebene ergänzt. Dies birgt die Gefahr, dass der Begriff ›Kirche‹ auf Ortsgemeinden begrenzt bleibt und die Sicht auf übergemeindliche Formen von Kirche verloren geht. Diese Befürchtung ist nicht ganz unbegründet. Denn nach Überzeugung der Amtsträger*innen stellt der Kirchenkreis vergleichsweise selten eigene Gestalt von Kirche dar.

Die Amtsträger*innen des christlichen Kernlands wenden vermutlich keine Energie für eigene kirchliche Verkündigungs- und Vergemeinschaftungsformen auf der mittleren Ebene auf, weil sie durch Gottesdienste und Verwaltungsaufgaben bereits so stark gefordert sind, dass ihnen keine Zeit mehr für andere Aufgabenfelder bleibt. Die hohe Anzahl der krankheitsbedingten Fehltage lässt sich als Ausdruck der hohen Belastung der Amtsträger*innen verstehen, die nicht nur zwischen geistlichen und administrativen Tätigkeiten, sondern auch zwischen Aufgaben auf Ortsgemeinde- und Kirchenkreisebene eingespannt sind (wobei die Aufgaben auf Kirchenkreisebene zurückstehen).

Die Amtsträger*innen der (groß-)städtischen Regionen konzentrieren sich überdurchschnittlich stark auf die Kontaktpflege, die Entwicklung von und die Schwerpunktbildung in Ortsgemeinden. Sodann fördern sie die Zusammenarbeit der einzelnen Ortsgemeinden im Amtsbezirk. Die Förderung und Vernetzung der einzelnen Akteur*innen des Amtsbezirks (binnenkirchliche Netzwerkarbeit) erfolgt vermutlich mit dem Ziel, die Zusammenarbeit der Ortsgemeinden zu stärken. Die gute Unterstützung der Ortsgemeinden untereinander könnte ein Grund dafür sein, weshalb die Amtsträger*innen dieser Gruppe nur vergleichsweise wenig Energie für ortsgemeindliche Aufgaben wie z. B. Gottesdienste aufwenden müssen.

Den Amtsträger*innen steht daher vergleichsweise viel Zeit, Kraft und Aufmerksamkeit für die Arbeit auf der eigenen kirchlichen Leitungsebene zur Verfügung. Sie widmen sich beispielsweise der Repräsentation ihres Amtsbezirks nach außen und schenken Einführungs- und Verabschiedungsgottesdiensten auf regionaler Ebene sowie eigenen kirchlichen Angeboten auf der mittleren Ebene überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit. Auf diese Weise schaffen sie vielfältige Formen und Formate der Verkündigung und Vergemeinschaftung auf der mittleren kirchlichen Leitungsebene. Die eigenen Angebotsformate der mittleren Ebene ergänzen die ortsgemeindliche Arbeit und stellen insofern einen die ortsgemeindliche Arbeit bereichernden Beitrag zum innerkirchlichen Netzwerk des Amtsbezirks dar. Dabei ergänzen die Amtsträger*innen das Netzwerk vor allem um solche Aspekte, die einzelne Ortsgemeinden nicht (mehr) leisten können oder wollen. Dieser Beitrag zum innerkirchlichen Netzwerk ist einer der Gründe, weshalb die Amtsträger*innen der (groß-) städtischen Regionen ihren Amtsbezirk als eine eigene Gestalt von Kirche betrachten.

Insgesamt ist diese Gruppe von Amtsträger*innen vergleichsweise stark auf (geistliche) Tätigkeiten auf der mittleren Ebene fokussiert. Mit dieser Fokussierung des ephoralen Leitungshandelns geht eine deutliche Reduktion der ephoralen Doppelbelastung (Administration – Theologie; Ortsgemeinde – Kirchenkreis) einher. Sie ist vermutlich für die wenigen krankheitsbedingten Fehltage der (groß-)städtischen Amtsträger*innen (mit)verantwortlich.

Die Amtsträger*innen der Diasporaregionen sind ausgesprochen stark durch die Verwaltung beansprucht und meinen überdurchschnittlich oft, außergemeindliche Berufserfahrungen für ihr Leitungshandeln zu benötigen. Darüber hinaus engagieren sie sich in der Begleitung der einzelnen Gemeinden innerhalb ihres Amtsbezirks: Sie pflegen intensive Kontakte zu den Gemeinden, nehmen die spezifischen Chancen und Herausforderungen vor Ort wahr und unterstützten die Gemeinden bei der Ausbildung individueller Arbeitsschwerpunkte und übergemeindlicher Angebotsformate. Sie fördern auch die Zusammenarbeit der Gemeinden des Amtsbezirks und tragen auf diese Weise dazu bei, dass sich Gemeinden, die nicht mehr in der Lage sind, ein kirchliches Vollangebot bereitzuhalten, gegenseitig durch Kooperation ergänzen können.

Die Amtsträger*innen auf der mittleren Ebene ergänzen das durch die Ortsgemeinden generierte kirchliche Angebot nicht durch eigene Formate auf der mittleren Ebene. Sie wenden weder für Gottesdienste in Ortsgemeinden oder für das gottesdienstliche Handeln auf der eigenen, regionalen Ebene (z. B. Einführungs- und Verabschiedungsgottesdienste) viel Energie auf noch für die Bereiche Diakonie, Ökumene oder die Kontaktpflege zu außerkirchlichen Institutionen. Die Amtsträger*innen scheinen nur vergleichsweise selten mit gottesdienstlich-verkündigenden Aufgaben betraut zu sein und diesen Bereich eher den Gemeinden zu überlassen.

Es fällt auf, dass sich die Amtsträger*innen weitgehend aus den Angelegenheiten der einzelnen Gemeinden des Amtsbezirks heraushalten (möchten): sie wollen weder für alle Gemeinden verbindliche Entscheidungen treffen noch diejenigen sein, die die Gemeinden profilieren. Stattdessen wenden sie viel Energie für die Entwicklung, Begleitung und Vernetzung der Gemeinden auf. Sie stärken die einzelnen »Knoten« innerhalb des Netzes, fördern die Zusammenarbeit der im Amtsbezirk vernetzen Gemeinden und helfen den Gemeinden so, sich selbst zu helfen und sich untereinander zur Seite zu stehen.

Dennoch wird der Amtsbezirk von den Amtsträger*innen kaum als eine eigene Gestalt von Kirche wahrgenommen. Vielleicht liegt dies daran, dass die Amtsträger*innen selbst nicht primär als Netzwerkakteur*innen agieren (z. B. durch die Entwicklung eigener kirchlicher Angebotsformate), sondern eher verwaltend, unterstützend und koordinierend tätig sind. Sie reagieren auf die spezifischen Herausforderungen, Gaben und Arbeitsschwerpunkte der Ortsgemeinden und sorgen für Rahmenbedingungen, die es den Ortsgemeinden ermöglichen, autonom und handlungsfähig zu bleiben.

Das ephorale Leitungshandeln bezieht sich insofern auf einen klar abgegrenzten Bereich: die Verwaltung und das Netzwerkmanagement. Die Amtsträger*innen konzentrieren sich vergleichsweise stark auf administrativ-vernetzende Tätigkeiten auf Kirchenkreisebene und überlassen ortsgemeindliche und geistige Tätigkeiten eher den Ortsgemeinden. Die spannungsvolle Doppelrolle (theologische und administrative Aufgaben; Aufgaben auf Kirchenkreis- und Ortsgemeindeebene) hat dadurch einen großen Teil ihres Spannungspotentials verloren. Dies zeigt sich u. a. auch darin, dass die Amtsträger*innen der Diasporaregionen nur vergleichsweise wenige krankheitsbedingte Fehltage aufweisen, obwohl sie für die meisten Ortsgemeinden verantwortlich sind.

Diskussion und Fazit

Die Ergebnisse zeigen, dass Amtsträger*innen, die in ländlichen Regionen tätig sind (72%), ihren Amtsbezirk sehr unterschiedlich beschreiben. Land ist demnach nicht gleich Land – zumindest nicht aus Sicht der Amtsträger*innen. Es würde die Diskussionen über das ephorale Leitungshandeln in ländlichen Regionen bereichern, wenn dieser Aspekt in Zukunft stärker berücksichtigt und der Begriff ›ländliche Region‹ stärker differenziert werden würde als es gegenwärtig der Fall ist.

Ferner zeigen die von mir herausgearbeiteten Ergebnisse, dass die Amtsträger*innen der Diasporaregionen und die Amtsträger*innen der (groß-)städtischen Regionen wenig belastet sind (gemessen an den krankheitsbedingten Fehltagen), während die Amtsträger*innen des christlichen Kernlands unter besonders hohen Belastungen leiden.

Anders als in der Forschungsliteratur vermutet, wird damit ein gegenteiliger Effekt sichtbar: Diejenigen Amtsträger*innen, die ihren Amtsbezirk als Diasporaregion oder als (groß-)städtische Region verstehen, sind vergleichsweise selten krank, während die Amtsträger*innen des christlichen Kernlands ausgesprochen viele krankheitsbedingte Fehltage aufweisen.4

Die vergleichsweise wenig belasteten Amtsträger*innen sind primär für administrativ-vernetzende (vgl. Diasporaregion) oder geistliche Aufgaben auf der mittleren Ebene (vgl. (groß-)städtische Region) verantwortlich. Die stärker belasteten Amtsträger*innen des christlichen Kernlands sind dagegen weniger spezialisiert und üben sowohl administrativ-vernetzende als auch geistliche Aufgaben aus und sind sowohl mit Aufgaben auf Kirchenkreisebene als auch auf Ortsgemeindeebene betraut. Ihr Leitungshandeln ist folglich – anders als das Leitungshandeln der Amtsträger*innen in den Diasporaregionen und in den (groß-)städtischen Regionen – durch die zwei großen Spannungsfelder geprägt (Administration – Theologie; Kirchenkreis – Ortsgemeinde), die sich anscheinend nur schwer in Einklang bringen lassen.

Die Ergebnisse zum Profil des ephoralen Leitungshandeln in unterschiedlichen regionalen Kontexten können helfen, die Amtsträger*innen bei ihren spezifischen Herausforderungen adäquat zu unterstützen, der mit dem Aufgabenzuwachs einhergehenden Überlastung der Amtsträger*innen zu begegnen und die Professionalisierung des kirchlichen Leitungshandelns auf der mittleren Ebene voranzutreiben.

  1. Jan Hermelink, »Region« als Konfliktfeld und Konfliktlösung. Praktisch-theologische und kirchengeschichtliche Beobachtungen, in: Regional ist 1. Wahl. Region als Gestaltungsraum für Kirche, Dokumentation der Tagung des EKD-Zentrums für Mission in der Region (Ev.-Akademie Hofgeismar, 19.-20. Oktober 2011), epd-Dokumentation 8/2012, S. 13-27, hier: S. 22.
  2. Vgl. der Fragebogen »Erfahrung – Entscheidung – Verantwortung. Befragung der mittleren Leitungsebene der Evangelischen Kirche in Deutschland« aus dem Jahr 2015 kann unter folgendem Link abgerufen werden: https://www.gemeindeakademie-rummelsberg.de/system/files/dateien/fragebogen_0.pdf (01.10.2018).
  3. Erste Auswertungen der Studie sind veröffentlich worden in: https://www.gemeindeakademie-rummelsberg.de/system/files/dateien/auswertungsbroschuere_umfrage_mittlere_ebene.pdf (01.10.2018) sowie in Pastoraltheologie 106 (2017) zum Thema »Empirische Theologie des ephoralen Amtes«.
  4. Es sei jedoch in diesem Zusammenhang noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen, dass nur 5% der Amtsträger*innen die Region ihres Amtsbezirks als Diasporaregion beschrieben haben.


Metaebene
 Veröffentlicht am 11. Oktober 2018
 Kategorie: Wissenschaft
 Ausschnitt aus dem offiziellen Plakatentwurf zur Vortragsreihe »Um die Ecke gedacht - Perspektiven geisteswissenschaftlicher Nachwuchsforschung« Öffentlichkeitsarbeitsabteilung der Universität Göttingen im Auftrag der GSGG
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