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»Make America Great Again!«

Donald Trump gewann für viele überraschend die vergangene Wahl zum US-Präsidenten. Auf der Suche nach einer Antwort nach dem Warum tun sich viele in den USA wie dem Rest der Welt immer noch schwer. Kai Matuszkiewicz versucht deshalb, einen mythentheoretischen Erklärungsansatz zu liefern.

Von Kai Matuszkiewicz

Einleitung

Es gibt wohl kaum einen Politiker, der weltweit aktuell so kontrovers diskutiert wird wie der amtierende US-amerikanische Präsident Donald Trump. Dabei kommen verschiedene Aspekte zur Sprache, die von seiner politischen Unerfahrenheit im besten bis zu seiner geringen Toleranz gegenüber Diversität und abweichenden Meinungen im schlimmsten Falle reichen. Gemein ist den meisten medialen Auseinandersetzungen mit der Person Donald Trump und deren Handeln, dass beides zumeist negativ konnotiert ist. Diskursiv betrachtet erscheint Trump als – überspitzt gesagt – politisch unerfahrener, charakterlich unerträglicher und moralisch untragbarer Präsident. Dies muss unweigerlich zu der Frage führen, wie jemand, der offensichtlich so ungeeignet für dieses Amt erscheint, dennoch sowohl die parteiinternen wie -externen Kontrahierenden in demokratischen Wahlen ausstechen konnte. Der folgende Essay möchte hierzu einen möglichen Erklärungsansatz bieten, indem er sich auf die Wahlkampfstrategie Trumps konzentriert und hierbei analysiert, wie Trump und dessen Wahlkampfteam sich eines mythologischen Narrativs bedienen, das sich bereits in Trumps Wahlkampfslogan »Make America Great Again« manifestiert.

Mythentheorie – ein alter Ansatz für neue Themen?

Konzeptionell orientieren sich die folgenden Ausführungen an Christopher Voglers Modell der »Heldenreise«, wie er es in seiner Odyssee des Drehbuchschreibers darlegt.1 Voglers Modell ist zwar nur eine Modifikation des Entwurfs, den Joseph Campbell in seiner für die Mythentheorie des 20. Jahrhunderts wegweisenden Studie Der Heros in tausend Gestalten expliziert,2 es ist aber durch Voglers Eingriffe und Kürzungen besser als Campbells Konzept an die gegenwärtigen kulturellen Rahmenbedingungen angepasst. Dementsprechend erscheint es als adäquater methodischer Zugriff für das vorliegende Vorhaben. Flankiert werden Voglers Überlegungen dabei von jenen Theorien, die sich primär auf die Funktionen von Mythen im Zusammenhang mit deren narrativen Elementen beziehen. Dabei spielen politische Mythentheorien wie die von Ernst Cassirer oder Christopher Flood eine eher periphere Rolle, was im ersten Moment kontraintuitiv erscheinen mag. Cassirers Vom Mythus des Staates beschreibt – vor dem Hintergrund der Erfahrungen, die Cassirer mit dem NS gemacht hatte – eine Mythisierung der Politik, die v.a. in sozialen und kulturellen Krisenzeiten zu beobachten sei, wenn Menschen verstärkt auf Mythen rekurrieren, was zu Lasten der Ratio gehe.3 Von der hierdurch hervorgerufenen »Renaissance des Mythischen« profitieren insbesondere jene mythischen »Welterklärer«, die Ursachen für die jeweils vorliegende Krise benennen und hierdurch zugleich die vermeintlichen Schuldigen als solche markieren. Flood betrachtet in seinem Werk Political Myth Mythen nicht im selben Maße wie Cassirer als Problem und Gefahr für die Gesellschaft. In seiner bekannten Arbeitsdefinition bezeichnet er den politischen Mythos als ein »ideologically marked narrative which purports to give a true account of a set of past, present, or predicted political events and which is accepted as valid in its essentials by a social group«.4 Damit haben Cassirer und Flood zwei Aspekte benannt, die im Folgenden von Bedeutung sein werden, auch wenn beide Forscher nicht mehr explizit genannt werden. So kann man mit Cassirer den Aufstieg Trumps als Politiker und die von ihm betriebene Mythisierung der US-amerikanischen Politik als Reaktion auf die soziokulturelle Krise der USA betrachten, die die Nachfrage nach mythischen Welterklärern mit einfachen Deutungen bestärkt. Und mit Flood kann man die Wirkung dieser politischen Mythen auf eine soziale Gruppe beobachten, ebenso wie sie die Deutungshoheit über die Wahrheit mitbestimmen, wie sich anhand der »Fake News«-Diskussionen mitverfolgen lässt.

Methodisch ist noch zu erwähnen, dass im Rahmen der Analyse nicht dezidiert, im Sinne eines »close readings«, Reden Trumps hinzugezogen werden, sondern (etwas abstrakt) das Narrativ, das Trumps Wahlkampagne zugrunde liegt. Dieses lässt sich nur im Zuge einer diskursiven Betrachtung offenlegen, die dem Verlauf seines Wahlkampfes und dessen Strategie folgt. Argumentativ ist der Essay dabei in zwei Teile gegliedert. In einem ersten Schritt wird es um die Beschreibung und Analyse des Narrativs gehen, das Trump aufgreift und welches sich mit Voglers Modell fassen lässt. In einem zweiten und abschließenden Schritt werden die Funktionen, Folgen und Herausforderungen dieses mythologischen Narrativs reflektiert und diskutiert, um Optionen zu eruieren, wie man politischen Mythen unter den aktuellen sozialen, kulturellen und ökonomischen Rahmenbedingungen begegnen kann.

Mythen als Narrative

Dass Mythen vornehmlich Erzählungen sind, darauf haben neben Campbell, Vogler oder Flood bereits viele andere renommierte Mythenforschende hingewiesen. So bemerkte etwa der Philosoph Hans Blumenberg: »Mythen sind Geschichten von hochgradiger Beständigkeit ihres narrativen Kerns und ebenso ausgeprägter marginaler Variationsfähigkeit.«5 Und der Ethnologe Claude Lévi-Strauss stellte gar fest:

In einem Mythos kann alles vorkommen; es scheint, daß die Reihenfolge der Ereignisse keiner Regel der Logik oder der Kontinuität unterworfen ist. Jedes Subjekt kann ein beliebiges Prädikat haben, jede denkbare Beziehung ist möglich. Dennoch entstehen diese anscheinend so willkürlichen Mythen mit denselben Charakterzügen und oft denselben Einzelheiten in den verschiedensten Regionen der Welt. Daher stellt sich das Problem: wenn der Inhalt eines Mythos ganz zufällig ist, wie läßt sich dann verstehen, daß die Mythen von einem Ende der Welt zum anderen einander so sehr ähneln?6

Hieraus leitet Lévi-Strauss letztlich ein »Strukturalgesetz des betreffenden Mythos« ab.7 Dieses Strukturalgesetz, das anthropologische Konstanten oder archetypische Vorstellungen der Menschen zu tangieren scheint, haben bisher Campbell und Vogler am eindrücklichsten beschrieben. Gegenwärtig ist die Popularität jenes Narrativs, das sich in der Heldenreise ausdrückt, aber nicht bloß mit anthropologischen Konstanten zu erklären oder mit Bezug auf eine »mythophil[e]« Zeit, wie Aleida und Jan Assmann keineswegs unberechtigt konstatieren.8 Vielmehr sollte man den Einfluss des Vogler’schen Werks auf den aktuellen Kulturbetrieb nicht unterschätzen. Seit vielen Jahren zählt Voglers ›Praktische Einleitung‹, also jener kurze Teil seiner umfangreichen Odyssee, in dem er Campbells Modell modifiziert und expliziert, zu den Standardwerken der Drehbuchschreiberausbildung für Film, Fernsehen oder auch digitale Spiele. Ebenso haben Kulturschaffende wie George Lucas, ein bekennender Anhänger Campbells, immer wieder auf dessen Einfluss auf ihr Werk und somit auch auf Millionen von Rezipierenden hingewiesen. Die Heldenreise, der Monomythos, ist dementsprechend ein Narrativ, das aus verschiedenen Gründen eine immense immersive und persuasive Wirkmacht entwickeln kann. Da jenes Narrativ derart bekannt ist, wenn auch nicht durch die Lektüre von Campbell oder Vogler, wird es im Folgenden nur kurz skizziert, damit der Analyse der ihr angemessene Platz eingeräumt werden kann.

Das Modell der Heldenreise

Zu Handlungsbeginn wird der Held, noch als gewöhnliche Figur, in seiner gewohnten Welt gezeigt, deren Gleichgewicht aber von eindringenden bösen Kräften gestört wird. Folglich wird der Held von der Figur des Herolds zum Abenteuer aufgerufen, indem ihm die Aufgabe der Weltenrettung aufgetragen wird. In einer ersten Reaktion weigert sich der Held, diese Aufgabe anzunehmen, wird aber letztlich vom Mentoren, einer Lehrerfigur, dazu überredet, die Welt dennoch zu retten und beginnt daraufhin seine eigentliche Reise. Während dieser Reise muss der Held nun viele Hindernisse überwinden, viele Gegner besiegen, Verbündete finden und neue Fähigkeiten erlernen, ehe er sich in einem finalen Showdown der Personifikation des Bösen entgegenstellen kann. Durch den Sieg über den Antagonisten ringt der Held das Böse nieder, die Störung des Gleichgewichts und rettet die Welt. Abgeschlossen wird die Heldenreise durch die Heimkehr des Helden in die gewohnte Welt, wodurch die Wiederherstellung des ursprünglichen und idealisierten Ursprungszustandes symbolisiert wird.9

Die Heldenreise des Donald Trump

Überträgt man dieses Modell auf die Wahlkampfstrategie Donald Trumps, so fällt sogleich auf, dass die gewohnte Welt bereits nicht mehr existent, das Gleichgewicht dementsprechend bereits gestört ist. Stattdessen wird der potenzielle Wähler Trumps mit einem Wahlkampfslogan adressiert, der als Ruf des Abenteuers zu verstehen ist: »Make America Great Again!« Dieser suggeriert, dass es einst einen idealen Ausgangszustand der USA, eine gewohnte Welt, gegeben habe, eine Zeit, in der die USA eine großartige Nation gewesen seien, die aber mittlerweile vom rechten Weg abgekommen sei und nun auf diesen zurückgeführt werden müsse. In dieser Konstellation übernimmt Donald Trump die Aufgabe des Herolds, der dem Helden, in diesem Fall dem US-amerikanischen Volk, den Ruf des Abenteuers übermittelt. Im Sinne eines Bescheidenheitstopos macht sich Trump hiermit zu einer Dienerfigur, die dem ›wahren‹ Heros nur assistiere, um ihm bei der Erfüllung seiner heiligen Pflicht zur Seite zu stehen. Hierdurch gelingt es nicht nur, den Wähler durch diese für ihn wohl schmeichelhafte Zuschreibung gekonnt zu umwerben, zugleich drückt sich hierin auch ein urdemokratischer Gedanke aus. Der Heros des Mythos ist eine Figur mit unglaublicher Handlungsmacht, ein Weltenretter und Schicksalsgestalter, eine Gestalt, die dem Volk als Souverän in enormer Tragweite entspricht. Der Ruf des Abenteuers suggeriert dergestalt aber, und korrespondiert hierbei mit dem Wunsch vieler nach einfachen Erklärungen komplexer Zusammenhänge in einer von Globalisierung und Digitalisierung angetriebenen Welt, dass es, man denke an Flood, eine Wahrheit, eine simple Lösung gebe.
Und diese ist auch notwendig, so zumindest die Unterstellung von Trumps Narrativ, da das Volk, der Held, zaghaft zu sein scheint. Es hat den Ruf des Abenteuers erhalten, weiß somit, was auf dem Spiel steht (das Schicksal der USA), zögert aber, die Herausforderung anzunehmen und muss nun vom Mentor überzeugt werden. Diese Rolle kommt erneut Donald Trump zu. Dies ist ein zentraler Aspekt in Trumps Wahlkampf, da es nach der Etablierung des Rufes des Abenteuers (»Make America Great Again«) nun daran geht, tatsächlich Wählerstimmen zu gewinnen. Durch das mythologische Narrativ, auf dem die Erzählung von Trumps Wahlkampf beruht, wird die Wahl nicht nur zu einer Wahl zwischen zwei politischen Bewerbern um das Präsidentenamt, es wird zu einem Kampf um Gut und Böse in den USA. Die Personifikation des Bösen, die für den Monomythos konstitutiv ist, kommt dabei nicht, wie die rechtspopulistischen Stoßrichtungen von Trumps Wahlkampf vermuten lassen, Einwanderern oder Andersgläubigen und Andersdenkenden zu, sondern den Eliten. Dass eine derartige Strategie erfolgsversprechend erscheint, zeigt beispielsweise auch der Wahlkampf von Bernie Sanders, der ein ähnlich ausgerichtetes Narrativ verwendete, der aber nicht wie Trump bewusst denunzierte. Durch diese Konstruktion wird Donald Trump zur Gallionsfigur des Guten und Hillary Clinton wird als das personifizierte Böse dämonisiert, was auch erklärt, warum sich Trump immer wieder auf wirkliche oder inszenierte Verfehlungen Clintons bezieht.10 Die Wahl Trumps wird somit zur Wahl für das Gute und die Wahl Clintons zur Wahl für das Böse.

Die erste Schwelle wird im Anschluss daran in zweierlei Hinsicht überschritten. Einerseits vom ursprünglichen Helden, dem Volk, das die ›Bedrohung‹ der USA durch die sinisteren Eliten anerkennt und dementsprechend in Donald Trump den Retter erkennt (oder aber auch nicht). Andererseits wird spätestens hier Donald Trump neben Herold und Mentor auch (zumindest partiell) zum Helden des Monomythos. Und als solcher nimmt er dieses ›Amt‹ als Heros an und den Kampf gegen die Eliten auf. Ab diesem Zeitpunkt, dem Hauptabschnitt des Monomythos mit seinen Bewährungsproben und Prüfungen, fungiert primär Trump als Held und Lenker des Volkes. Er muss sich in Konflikten gegen das personifizierte Böse behaupten, Verbündete finden (wie Mike Pence etc.) und seine (parteiexternen wie -internen) Feinde überwinden. In diesem Abschnitt erscheinen vor allem die politischen Verfehlungen der Gegenseite von Interesse zu sein, da sie doch zum Zerfall der einst großartigen Nation geführt haben, ergo ihre Überwindung auch die Rückführung der USA zum Idealzustand ist. Und diese Verfehlungen bekommen Namen, die auch in anderen westlichen Gesellschaften aktuell von hoher Relevanz sind wie innere Sicherheit, wirtschaftliche Entwicklung oder gesellschaftliches Leitbild.11

Um diesen Kampf aber endgültig zu gewinnen, muss der Held in die tiefste Höhle, den bösesten Ort, den Sitz des Antagonisten vordringen. Diese tiefe, dunkle und gefahrvolle Stätte hat in Trumps mythologischer Erzählung einen Namen: Washington. Dies ist der Ort, an dem sich das personifizierte Böse eingenistet hat und von wo es die USA vermeintlich gegen den ›Volkswillen‹ kontrolliert. Diese parasitären Zuschreibungen an den politischen Gegner gehen mit dem Gedanken einher, das Land zurückerobern zu müssen.12 Das Böse, und Hillary Clinton steht hierfür Patin, muss aus dem Zentrum, das es okkupiert hat, vertrieben werden.13 Dies kann der Held aber nur mithilfe des Volks vollbringen, dem in diesem Abschnitt die Rolle eines Verbündeten zukommt. All dies läuft auf die entscheidende Prüfung hinaus: die Wahl. Mit dieser kann der vom Bösen entwendete Schatz, die USA, zurückerobert werden, woraufhin der Held, Trump und das US-amerikanische Volk, gemeinsam als großartige Nation wiederauferstehen. Somit kehrt die amerikanische Bevölkerung zu ihrem Idealzustand zurück und die Heldenreise endet damit, wie wir alle wissen, dass Trump als Präsident und Entscheider des Volkes Anerkennung findet.

Mythen im globalen und digitalen Zeitalter

Es soll damit, das sei ausdrücklich gesagt, nicht unterstellt werden, dass Trump und sein Wahlkampfteam die eben beschriebene Inszenierung bewusst gewählt haben, vielmehr lässt sich aber damit aufzeigen, wie (populistische) Wahlkampfführung aktuell funktionieren kann und bietet somit Erklärungen für Wahlentscheidungen, die viele von uns im Glauben an rationale Handlungen oder andere vernunftbasierte Handlungstheorien für nahezu ausgeschlossen halten.14 Mythen dienen Menschen seit jeher dazu, komplexe Zusammenhänge einfacher zu verstehen und werden insbesondere dann populär, wenn die Komplexität bedrohliche Ausmaße annimmt. Und welche Komplexität könnte größer, könnte unvorhersehbarer, könnte angsteinflößender sein als jene, die Globalisierung und die Digitalisierung gemeinsam hervorrufen? Zumal in Anbetracht dessen, dass niemand von uns heute die Auswirkungen dieser beiden Wandlungsprozesse gesichert abschätzen kann. Wir befinden uns in Zeiten, in denen unsere etablierten Erklärungsansätze (bspw. »rational choice«) an ihre Grenzen zu stoßen scheinen. Deshalb müssen wir künftig, wollen wir an der Gestaltung einer globalen und gerechten Zivilgesellschaft teilhaben und nicht nur passiv zusehen, uns stärker neuen und vielleicht unkonventionellen Erklärungsansätzen zuwenden. Diese können dann auch eine reflexartige Reaktion auf soziokulturelle Entwicklungen sein. So ist der Aufschwung, den Mythentheorien aktuell erleben, sicherlich auch eine Resonanz auf eine Mythophilie der Menschen, die zum Teil auch aus Unsicherheit und Ungewissheit resultiert. Da sich dies aber freilich nicht abschließend behandeln lässt, erfolgt nun ein kurzer Ausblick anhand der obigen Analyse.

Funktionen, Folgen und Herausforderungen

Funktional dient eine Instrumentalisierung mythologischer Erzählmuster, wie am Beispiel von Donald Trumps Wahlkampf vorgestellt wurde, primär dazu, Wähler zu mobilisieren. Dabei scheint eine Mobilisierung von Nicht- und Protestwählern sehr vielversprechend, da diese häufig jenen Gruppen zuzurechnen sind, die zu den viel beschworenen Verlierern oder ›gefühlten‹ Verlierern unserer Gesellschaft gehören und deshalb für Narrative mit einer Gut-Böse-Dichotomie wie das Modell der Heldenreise vielleicht besonders zugänglich sind, das die Schuld anderen zuweist. In diesem Zusammenhang nimmt auch die Rollenzuschreibung eine besondere Bedeutung ein, da sie besagte Dichotomie nutzt, um den politischen Gegner zu denunzieren und zu dämonisieren und sich selbst (und die potenziellen Wähler) zugleich ideologisch zu überhöhen. Daneben fällt aber auf, dass Donald Trump hierbei mehrere Figurentypen (Herold, Mentor, Held) auf sich vereint. Hierdurch wird Trump als Person überlebensgroß dargestellt, da er nicht nur das Individuum ist, das die Welt rettet (Held), er ist auch die Person, die das Ungleichgewicht und somit die Notlage erkennt (Herold) und er ist auch derjenige, der den Weg aufzeigen kann, der aus dieser Bedrohung führt (Mentor). Dergestalt wird Trump zur personifizierten Rettung und System- und Establishment-Kritik gleichermaßen, da nur er die USA aus den vermeintlichen Klauen des Bösen befreien kann.15
Die wohl bedeutendste Folge einer derartigen Funktionalisierung von mythologischen Narrativen ist die Emotionalisierung des politischen Diskurses. Sie hat zwar den positiven Nebeneffekt, dass sie die politische Partizipationskultur belebt, was in demokratischen Gesellschaften stets wünschenswert ist, sie verändert aber sogleich die politische und gesellschaftliche Diskurskultur und kann gar zu deren Erosion beitragen. Politische Emotionalisierung bringt nämlich nicht selten das Entstehen von ›Wir-gegen-die-Mentalitäten‹ mit sich, die letztlich dazu führen, dass das eigene Wohl zur ultimativen Handlungsmaxime erhoben wird. Somit verschwindet der Wille zur gemeinsamen Konsensfindung hinter dem Wunsch zur Durchsetzung der eigenen Ziele, an die Stelle des Austauschs von Argumenten tritt der Austausch von Ansichten, aus dem Recht auf die Artikulation der eigenen Ansichten wird das Recht auf Durchsetzung der selbigen.

Hieraus ergeben sich dann auch die Herausforderungen, die Fragen, die wir gemeinsam beantworten müssen, wollen wir nicht Gefahr laufen, einer Veränderung der politischen Kultur nur beigewohnt zu haben. Wir müssen klären, wie man dichotomischen Denkmustern im politischen Diskurs entgehen kann, da sie oft Antagonismen mit sich bringen, wir müssen überlegen, wie man der Dämonisierung politischer Gegner vorbeugen kann, um eine weitere ›Verrohung‹ des politischen Diskurses zu verhindern und wir müssen darüber nachdenken, wie man Argumentationsweisen bzw. Behauptungen aushebeln kann, die faktisch nicht falsifizierbar sind. Hierin liegt ein Ansatzpunkt, der auch für die deutsche Gesellschaft und politische Landschaft von Interesse ist. Das Problem gerade bei rechtspopulistisch-ausgerichteten oder national-orientierten Parteien besteht meines Erachtens darin, dass sie nicht argumentieren, sondern erzählen. Sie produzieren Erzählungen und Geschichten, d.h. fiktionale Produkte, die sich nicht oder nur unzureichend durch die Hinzuziehung faktualer Wissensbestände entkräften lassen. Deshalb mag es auch fraglich sein, inwiefern es ratsam ist, derartige Positionen bzw. die damit verbundenen Thesen und Behauptungen falsifizieren zu wollen.16 Vielmehr scheint es ein gangbarer Weg, die mythologischen Erzählungen diverser politischer Akteure durch andere Erzählungen zu ersetzen. Welche dies sein können oder werden, das sollte dann aber vielleicht im gemeinsamen Diskurs geklärt werden.

  1. Vgl. Christopher VOGLER (2010): Die Odyssee des Drehbuchschreibers. Über die mythologischen Grundmuster des amerikanischen Erfolgskinos. Frankfurt am Main: Zweitausendeins.
  2. Vgl. Joseph CAMPBELL (2011): Der Heros in tausend Gestalten. Berlin: Insel Verlag.
  3. Vgl. Ernst CASSIRER (2002): Vom Mythus des Staates. Hamburg: Meiner.
  4. Christopher FLOOD (2002): Political Myth. A Theoretical Introduction. New York, NY: Routledge, S. 44. Vgl. dazu auch Henry TUDOR (1972): Political Myth. London u.a.: Praeger.
  5. Hans BLUMENBERG (2006): Arbeit am Mythos. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 40.
  6. Claude LÉVI-STRAUSS (1972): Die Struktur der Mythen. In: Ders.: Strukturale Anthropologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 226-254, hier S. 228.
  7. Ebd., S. 240.
  8. Aleida ASSMANN und Jan ASSMANN (1998): Mythos. In: Hubert Cancik; Burkhard Gladigow und Karl-Heinz Kohl (Hg.): Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe. Band IV: Kultbild – Rolle. Stuttgart: Kohlhammer, S. 179-200, hier S. 197.
  9. Für eine detailliertere Darstellung des Modells der Heldenreise vgl. Vogler Odyssee, S. 49-77.
  10. Ein ähnliches Muster kann man in Deutschland erkennen, wenn man sich jenen Stimmen in der AfD zuwendet, die im vergangenen Bundestagswahlkampf lautstark den »Untersuchungsausschuss Merkel« gefordert haben.
  11. Hier tauchen dann auch mexikanische Einwanderer oder radikal islamistische Terroristen als bösartige Figuren auf, die aber vielmehr Folgeerscheinungen des ›bösen‹ Handelns des politischen Gegners sind und somit in der mythologischen Erzählung die Rolle der Schergen des Antagonisten übernehmen.
  12. Ähnlich argumentiert häufig die AfD, die ebenfalls weitere martialische Termini wie »jagen« in den politischen Diskurs eingeführt hat.
  13. An dieser Stelle spielen dann auch Unterschiede zwischen Zentrum und Peripherie eine entscheidende Rolle, weshalb es vielleicht nicht zufällig ist, dass Trump (traditionell republikanisch) eher in den rural und kleinstädtisch geprägten ›Peripherien‹ punkten konnte, wohingegen Clinton in den größeren (demokratisch geprägten) Städten erfolgreich war.
  14. So lässt sich dann auch verstehen, wie in Großbritannien das Votum positiv für den Brexit ausfallen konnte, obwohl dies, aller volkswirtschaftlichen Wahrscheinlichkeit nach und mittlerweile, glaubt man Umfragen, auch zum Missfallen einer Mehrheit der Briten, eine irrationale Entscheidung war. Interessant ist dabei auch, dass hier ebenfalls zum Teil der Unterschied zwischen ländlichen und städtischen Regionen sehr groß war.
  15. Diese Erkenntnisse lassen sich mythentheoretisch primär funktionalistisch und nicht mehr substantialistisch gewinnen. Zugegebenermaßen sind die mythologischen Stoffe, Themen und Motive eine der bedeutendsten Quellen der europäischen Kultur, sie verlieren in Zeiten, in denen diese aber nicht mehr bloß adaptiert, sondern zu neuen Inhalten amalgamiert werden, einen Großteil ihrer eigentlichen Strahlkraft. Wichtiger werden stattdessen Fragen danach, wie Funktionen des Mythos in interaktiv-performativen Umgebungen eingesetzt werden können, um Handlungen zu steuern oder wenigstens zu beeinflussen. Auf die auch gesellschaftlich nicht unproblematischen Implikationen von Funktionen von Mythen hat bereits Roland Barthes verwiesen. Vgl. dazu Roland BARTHES (2010): Mythen des Alltags. Berlin: Suhrkamp.
  16. Bereits Philosophen wie Cassirer haben darauf hingewiesen, dass sich Mythen nicht mit rationalen Argumenten entkräften lassen, da sie nicht empirisch überprüfbar sind. »Mythos« bleibt eben auch im Zeitalter der Digitalisierung das Gegenteil des »Logos«. Nicht zuletzt aufgrund dieser Tatsache sind Mythen vielleicht gegenwärtig in der Politik wieder so beliebt, da sie eine regelrechte Immunisierung gegen die Argumente der Gegenseite versprechen.


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 Veröffentlicht am 18. Dezember 2017
 Kategorie: Misc., Wissenschaft
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