Impressum Disclaimer Über Litlog Links
Literarisches Istanbul
Tatort Istanbul

Im dritten und letzten Teil der Reihe »Literarisches Istanbul« ermittelt die lokale Elite des Unterhaltungsgenres Krimi, treibt Nachforschungen nahe den Sehenswürdigkeiten und zeigt dem Leser die literarischen Tatorte Istanbuls.

Von Mareike Hengelage

Wenn die Sonne über dem Bosporus untergeht und es in den Straßen dämmert, trauen sich Diebe, Schläger, Drogenhändler und Mörder aus ihren Verstecken und bevölkern wie in jeder Großstadt die Bars und dunklen Ecken der Millionenstadt. Doch auch im Tageslicht der viel befahrenen Boulevards, Einkaufszentren und touristischen Sehenswürdigkeit geschieht das ein oder andere Verbrechen und macht manchen Ort zum TAT-ort. Auch ohne Anhaltspunkte auf die Täter können zumindest die Autoren der lokalen Kriminalgeschichten auf Unterhaltungsabsichten angeklagt und schuldig gesprochen werden. Aber damit wäre der Fall nicht gelöst, der Tatort noch ungesäubert, der Tatbestand weiterhin unklar.

Im Fokus der literarischen Ermittlungen stehen ein Kriminalkomissar, ein Privatdetektiv und ein Transvestit, die in den Istanbuler Kriminalromanen bekannter Schriftsteller die Hauptrollen spielen. Die Krimifigur der deutsch-türkischen Moderatorin und Autorin Hülya Özakin kam bereits in drei Fällen (Mord am Bosporus, Istanbul sehen und sterben, In deiner Hand) zum Einsatz. Ihr Protagonist ist Kriminalkomissar, liebender Ehemann und begeisterter Koch zugleich und löst resolut jedes rätselhafte Verbrechen.

Zum Projekt

Die Reihe »Literarisches Istanbul« zeigt Ausschnitte der eigentümlichen Stadt- und Literaturgeschichte Istanbuls und legt in drei Artikel den Fokus auf türkische Schriftsteller aus Vergangenheit und Gegenwart.

 

Tipp

Zum Thema sind die Autorenporträts von Hülya Özkan, Celil Oker und Mehmet Murat Somer sowie Orhan Pamuks Rot ist mein Name (Benım Adım Kırmızı 2000) zu empfehlen.

 
 
Seinem Instinkt beim Aufklären von Fällen kann auch der freiberufliche Privatdetektiv und Akido-Fanatiker Remzi Ünal vertrauen. Bereits viermal engagiert weichen seine Ermittlungen meist durch den unerwarteten Fund einer Leiche von seinen ursprünglichen Aufträgen ab. Der Antiheld, der meist am Rande der Illegalität arbeitet, stammt aus der Feder des türkischen Journalisten Celil Oker, der mit seinem Debüt den 1. Platz in einem Krimiwettbewerb gewann.

Amateurhafter und mit dem gewissen Etwas gestalten sich die detektivischen Nachforschungen der Hauptfigur in Mehmet Murat Somers Krimireihe Hop-Çiki-Yaya, eine türkische Wendung für Homo- und Transsexualität. Seine Kreation eines transvestitischen, femininen Hobby-Detektivs konnte bisher in drei Fällen (Die Propheten-Morde, Der Kuss-Mord, The Gigolo-Murder) sein Spürsinn unter Beweis stellen.

Die investigative Arbeit der drei Ermittler führt sie nicht nur in unbekanntere Ecken und dunkle Bars, sondern auch an öffentliche Plätze und zu kulturellen Wahrzeichen der Stadt. Dabei nehmen sie den leidenschaftlichen Krimileser mit auf eine Tour durch Istanbul.

Blick auf den Bosporus

In Begleitung des Polizeikomissars Mehmet Özakin genießt man in Hülya Özkans zweitem Fall Istanbul sehen und sterben den Blick auf den Hafen Kabataş, von wo aus Fähren zu den Prinzeninseln, einer Inselgruppe im Marmarameer, ablegen. Während Özakin sich von einem alten Bekannten über die beobachtete Abwesenheit einer Nachbarin berichten lässt, betrachtet er das türkisblau schimmernde Wasser. Er kann von der Terrasse im Reichenviertel Cihangir sogar den Mädchenturm, einen über 200 Jahre alten Leuchtturm, der auf einer Insel in der Meerenge liegt, sehen.

Verfolgung im Getümmel Taksims

Ganz in der Nähe befindet sich der Taksim-Platz in Beyoğlu, einem der zentralsten und belebtesten Stadtteile Istanbuls. Dieses kulturelle Zentrum beherbergt neben Einkaufsmöglichkeiten, Cafés, Galerien und Touristen einen großen Basar. Nachdem man sich hier in den Trubel geworfen hat, folgt man dem Privatdetektiv Remzi Ünal, der sich auf den Weg in ein Tonstudio an der vom Taksim-Platz abgehenden Siraselviler-Straße macht. Im Krimidebüt Schnee am Bosporus des Autors und Wahlistanbulers Celil Oker ist Ünal auf der Suche nach einem Geschäftspartner seines Auftraggebers und findet ihn auch dort vor – nackt und erschossen. Lieber schnell aus dem Staub machen!

Istanbuler Wall Streets

In Levent, dem Finanzviertel Beşiktaş, hofft Remzi Ünal eine vermisste Person anzutreffen, die in den Mord verwickelt zu sein scheint. Leider hat er kein Glück und trifft auf die zwielichtigen Handlanger eines Drogenrings. Da schaut man sich doch lieber das städtische, westlich-geprägte Wirtschaftszentrum an und verweilt einen Moment zwischen den höchsten Wolkenkratzern Istanbuls.

Über den Dächern von Istanbul

Währendessen versucht in Mehmet Murat Somers Hop-Çiki-Yaya-Thrillern ein Tansvestit die mysteriösen Propheten-Morde an ihren Milieu-Kolleginnen aufzuklären und man trifft sie bei ihren eigenständigen Nachforschungen in Beşiktaş und Gayrettepe an. Mit Eleganz und Stil kommt die Geschäftsführerin eines Nachtclubs dem perfiden Mörder auf die Spur. Bevor sie es aber zum Showdown kommen lässt, gönnt sie sich ein Essen auf der Restaurantterasse des Hotels La Maison, um abermals den Blick über den Bosporus schweifen zu lassen.

Geständnisse an der Burg

Remzi Ünal konnte den Vermissten inzwischen aufspüren. Bei einem abschließenden Abendessen nördlich vom Stadtzentrum im Restaurant an der Rumeli Hisar, einer osmanischen Festungsanlage von 1452, gelingt es ihm, den Mord aufzuklären und die Freundin des Vermissten als Mörderin zu entlarven. So schließt sich sein erster Fall an einem Wahrzeichen Istanbuls und er macht sich auf den Weg zu seiner Wohnung nahe des größten und modernsten Einkaufszentrums, der Akmerkez-Shopping Mall.

Mord in der Altstadt

Weiter südlich wird Komissar Özakin zu einem Tatort gerufen und eilt in die Istanbuler Altstadt am südlichsten Zipfel des Bosporus. Hier befindet sich neben vielen byzantinischen und osmanischen Bauwerken das wohl bekannteste unter ihnen: die Hagia Sophia. Seit dem 7. Jahrhundert die Krönungskirche der byzantinischen Kaiser wurde sie nach der Eroberung Konstantinopels durch das Osmanische Reich zur Moschee und besticht bis heute durch ihre herausragende Architektur. Nicht weit von dieser Sehenswürdigkeit Istanbuls befinden sich die einstigen Zisternen einer Basilika, die Yerebatan Sarayı, in denen man eine Wasserleiche entdeckt hat. In diesem Wahrzeichen Istanbuls, auch als Versunkener Palast bezeichnet, wurde anscheinend eine Frau ermodert und Özakins Ermittlungen beginnen…


Literarisches Istanbul auf einer größeren Karte anzeigen

Die Spur wird nun zu heiß. Weitere Ermittlungen scheinen sehr riskant und ein Weiterlesen kann nur auf eigene Gefahr erfolgen! Die türkischen Autoren haften nicht für die krimisüchtigen Leser und wie die Istanbuler Morde gelöst und die Täter gestellt werden, können diese nur auf eigene Faust aufdecken – ob vor Ort in Istanbul oder im heimischen Gartenstuhl.

Mit ein paar Leichen und überführten Tätern, einem Meister der türkischen Erzählkunst und seinen Idolen schließt die Reihe »Literarisches Istanbul«.



Metaebene
 Veröffentlicht am 21. Juni 2012
 Kategorie: Misc.
 Bild von noutsias via morguefile.
 Teilen via Facebook und Twitter
 Artikel als druckbares PDF laden
 RSS oder Atom abonnieren
 Ein Kommentar
Ähnliche Artikel
  • Istanbuls ZöglingeIstanbuls Zöglinge Istanbul und ihre Schriftsteller - eine historische Spurensuche.
  • Pamuks MikrokosmosPamuks Mikrokosmos Istanbul poetisiert Orhan Pamuk. Von Mareike Hengelage.
  • Pamuk goes LiteraturherbstPamuk goes Literaturherbst Orhan Pamuk plaudert über zwei Istanbul-Bücher. Allzu spannend war das nicht.
  • Über Doku-Kunst zur DiskussionÜber Doku-Kunst zur Diskussion In Göttingen bilden Kunst und Wissenschaft schon lange kein Gegensatzpaar mehr, sondern vielmehr spannende Zwischenräume, die zum diskutieren einladen. Das Queerstanbul-Kollektiv liefert […]
  • SpurensuchenSpurensuchen Christian von Ditfurth erkundet in seinen Kriminalromanen die deutsche Vergangenheit.
Archiv
Ein Kommentar
Kommentare
 Hanna
 21. Juni 2012, 10:25 Uhr

Eine tolle, informative, schön geschriebene Reihe, vielen Dank an die Autorin!

Kommentar schreiben

Worum geht es?
Über Litlog
Mitmachen?