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Wissenschaftliche Rezension
Und nach dem Studium?

Stefan Neuhaus legte mit dem 2009 erschienenen UTB-Band Literaturvermittlung einen ersten Versuch einer systematischen Darstellung darüber vor, was Literaturvermittlung ist und sein kann. Ein gutes Beispiel, dem gefolgt werden darf.

Von Christian Dinger

Literaturvermittlung ist eines dieser Schlüsselwörter an der deutschen Universität, verheißt es schließlich Praxisbezug in einem theorielastigen und oft leider praxisfernen Studiengang. Doch wie das bei Schlüsselwörtern so ist, der Begriff Literaturvermittlung ist nicht klar umrissen. Er weckt Assoziationen, scheint aber in den meisten Gebrauchskontexten einer definitorischen Klarheit zu entbehren. Stefan Neuhaus, Professor für Angewandte Literaturwissenschaft und Leiter des Innsbrucker Zeitungsarchivs, nahm sich dieses Problems an: in seiner 2009 bei UTB erschienenen Einführung Literaturvermittlung. Erstmals liegt somit ein Lehrbuch über das künftige Arbeitsfeld vieler Germanistikstudenten vor.

Typisch für neu erschlossene Themengebiete werden auf den ersten Seiten eine thematische Eingrenzung und Begriffsdefinition von Literaturvermittlung diskutiert. Neuhaus verweist dabei immer wieder auf die Schwierigkeit, die vielen praktischen Tätigkeiten und theoretischen Ansätze, die mit dem Begriff Literaturvermittlung in Verbindung stehen, zu systematisieren und in eine allgemeine Explikation einfließen zu lassen. Neuhaus zieht für seinen Einführungsband die Konsequenz, eine recht weite Definition von Literaturvermittlung anzusetzen, welche den gesamten Tätigkeitsbereich des professionellen Lesers umfasst.1 Das Buch behandelt vorwiegend die populären Berufsfelder des Verlagswesens und der Literaturkritik sowie die Vermittlung von Literatur in Medien und Bildungsinstitutionen.

Neben der anschaulichen Darstellung der Berufspraxis in Branchen, in denen eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Literatur erfolgt, wird ebenfalls ein Akzent auf wissenschaftlich/theoretische Themen gelegt, welche direkt oder indirekt mit Vermittlungspraktiken in Verbindung stehen. So wird unter anderem die Frage nach der Wertung und Kanonisierbarkeit von Literatur gestellt. Zudem unternimmt Neuhaus einen Exkurs in das weite Feld der Literaturtheorien und umreißt in einer Einheit anschaulich und prägnant Luhmanns Systemtheorie, Bourdieus Feldtheorie und die Diskursanalyse nach Foucault.

Buch-Info


Stefan Neuhaus
Literaturvermittlung
Konstanz: UTB/UVK 2009
316 Seiten, 19,90 €

 
 
Nach diesem Einblick in allgemeine Fragestellungen zum Umgang mit Literatur widmet sich Neuhaus den Tätigkeitsfeldern der professionellen Leser. Das Buch geht ins Detail, beschränkt sich nicht auf eine bloße Darstellung von Berufsprofilen, sondern beschreibt zum Beispiel – für eine Einführung sogar ausführlich – Umgangsformen mit Massenmedien oder Urheberrechten. Die Ausführlichkeit der Schilderungen erzeugt beim Lesen den Eindruck eines realitätsnahen Abbilds Literatur vermittelnder Praktiken. Diese Authentizität wird durch Erfahrungsberichte aus der Praxis noch gesteigert.

Im letzten Kapitel schildern Lektoren, Verlagsleiter und Literaturkritiker ihren Arbeitsalltag und gewähren somit der interessierten Zielgruppe des Buches einen möglichst unmittelbaren Einblick in das jeweilige Berufsfeld. Der Nutzen dieser Erfahrungsberichte für den Leser ist allerdings stark von den Autoren und ihrer Darstellungsweise abhängig. Einige geben sachorientierte, aber recht nüchterne Auskunft über ihr Tätigkeitsfeld – somit Dinge, die man auch bei Wikipedia nachlesen könnte. Oliver Vogel vom S. Fischer Verlag hingegen schildert in zwei unterhaltsamen Tagebucheinträgen von einer Lesereise mit Roger Willemsen; sicherlich nicht exemplarisch für den Arbeitsalltag eines Lektors im Wissenschaftsverlag, aber allemal ein interessanter Einblick.

Stefan Neuhaus ist mit diesem Lehrbuch ein Rundumschlag gelungen. Übersichtlich und verständlich gibt er dem Leser einen Einblick in die theoretischen und praktischen Bereiche der angewandten Literaturwissenschaft. Leider werden Themenbereiche sowie interessante Fragestellungen, die über seinen Darstellungsgegenstand hinausgehen, nur angerissen. Die einzelnen Kapitel stehen zwar in einem logischen und plausiblen Zusammenhang zueinander, eine allgemeingültige Systematisierung des Aufbaus von Neuhaus’ Band wird jedoch nicht ersichtlich. Die Reflexion der eigenen Vermittlungstätigkeit wird also nicht transparent gemacht.

Um mehr als einen Einblick kann es bei der Vielzahl an Themenfeldern und Hintergrundinformationen naturgemäß auch nicht gehen, doch ist durch einen anschaulich dargestellten Überblick, wie er hier vorliegt, schon viel gewonnen. Es wäre zu begrüßen, wenn weitere Autoren Neuhaus darin folgten, den Begriff Literaturvermittlung zu präzisieren. Auf diese Weise könnte eine sinnvolle und nötige Systematisierung des Begriffs vorangetrieben werden, die in diesem Band nur einen vagen und provisorischen Status annehmen kann. Allein schon weil sich Stefan Neuhaus auf nur wenige Vorarbeiten beziehen konnte.2

Von diesen Kritikpunkten abgesehen bietet dieser UTB-Band nützliche Informationen für Studenten, die ihre berufliche Zukunft nach dem Studium in den behandelten Branchen sehen. Stefan Neuhaus’ Literaturvermittlung bietet gute Hilfestellungen, sich eine Vorstellung davon zu machen, wie man als Universitätsabsolvent auch außerhalb der Wissenschaft (aber nicht zwingend ohne diese zu bemühen) mit Literatur arbeiten kann.

  1. Unter dem Begriff professioneller Leser versteht Neuhaus alle Akteure, die sich aus beruflichen Gründen mit Literatur beschäftigen. Vgl. Neuhaus 2009, S. 15.
  2. Neuhaus nennt einige Projekte, die sich diesem Thema widmen, u.a. das Göttinger Promotionskolleg »Wertung und Kanon«. Vgl. Neuhaus 2009, S. 14.


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 Veröffentlicht am 12. November 2010
 Kategorie: Wissenschaft
 Bild von Nasos3 via flickr
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