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Brüderwerk

So sollten Biographien geschrieben sein: Steffen Martus’ großartige Studie über die Brüder Grimm ist Wissenschaftsgeschichte,  Historienroman und Hommage zugleich. Faktenreichtum und Lesbarkeit bilden dabei keinen Gegensatz. Über ein nicht nur lehrreiches, sondern auch unterhaltsames Standardwerk.

Von Christoph Heymel

Als die Brüder Grimm 1830 nach Göttingen kommen, haben sie bereits mehrere Auflagen der Kinder- und Hausmärchen, Jacob die Deutsche Grammatik veröffentlicht. »Sie hatten sich einen Namen gemacht mit großartigen Studien und mit bedeutenden Editionen auf allen möglichen Fachgebieten von der Literatur- bis zur Rechtswissenschaft, von der Märchen- bis zur Sagenkunde, von der Sprachgeschichte bis zur Geschichte der Schrift.« In Göttingen wurde Jacob Professor und Bibliothekar, Wilhelm Unterbibliothekar und später ebenfalls Professor.

Der Germanist Steffen Martus hat eine Biographie verfasst, die nicht nur den erstaunlichen Karriereweg, sondern das gesamte Leben der Brüder Grimm so detailreich und lebhaft schildert, dass man annehmen könnte, dies sei zu Lasten wissenschaftlicher Genauigkeit gegangen, doch der Drahtseilakt gelingt. Akribisch belegt Martus die Vorkommnisse in Hanau, Kassel, Göttingen, Berlin und während diverser Forschungsexkursionen der Brüder. Dass Martus’ Buch trotz seiner sachhaltigen Genauigkeit durchaus auch zur unterhaltsamen Abendlektüre taugt, ist dem Umstand zu verdanken, dass nichts alleine stehen bleibt, sondern alles in einen großen Zusammenhang eingebettet ist. Der Autor versteht es, die Ereignisse in den Geist der Zeit und die politischen Zusammenhänge einzuflechten. Obwohl viele Episoden, besonders Anekdoten und Zwischenmenschliches aus all den Begegnungen mit Goethe, Arnim, Brentano und vielen anderen anschaulich und zitatreich geschildert werden, verliert Martus nie den roten Faden.

Buch-Info


Steffen Martus
Die Brüder Grimm.
Eine Biographie

RowohltBerlin: Berlin 2007
608 Seiten, 26,90 €
 
 

Das Leben beider Philologen in einer Doppelbiographie zu porträtieren, ist eine gewaltige Herausforderung. Die Leistungen beider Brüder sind derart umfangreich, dass jeder für sich eine eigene Darstellung verdient hätte. Der Entschluss der Grimms zur Brüderlichkeit ist es aber gerade, der diese Geschichte selbst so märchenhaft macht: die Kindheit und nicht immer einfache Studienzeit, die philologischen Anfänge, an denen die Grimms die Literatur des Mittelalters für sich entdeckten, die Edition der Kinder- und Hausmärchen, die im Buch nicht größer aufgebläht wurde, als sie die Brüder tatsächlich beschäftigte. Die Entzauberung, wenn man erfährt, wie wenig die Volksmärchen im eigentlichen Sinne gesammelt und überdies sprachlich geschliffen wurden, tut der Bewunderung der philologischen Leistungen der Brüder dabei keinen Abbruch.

Man erfährt, mit welcher Neugier an der Entwicklung germanischer Sprachen sich Jacob Grimm an die Arbeit an der Deutschen Grammatik machte, wie die ersten Teile des Deutschen Wörterbuchs entstanden, das noch heute ein wichtiges Nachschlagewerk für Germanisten und Historiker ist, und wie sich die Brüder mit den politischen Wirren ihrer Zeit auseinandersetzten. Während der Göttinger Zeit wird ein Bild vom Universitätsbetrieb des 19. Jahrhunderts gezeichnet, in dem die Brüder die Germanistik begründeten. So breitet die Biographie ein interessantes Stück deutscher Geschichte vor uns aus und bewegt sich dabei  stilistisch fast in der Nähe eines historischen Romans. Wie die Göttinger Sieben, zu denen auch die Grimms gehörten, wegen ihrer öffentlichen Kritik am König ihrer Ämter enthoben und verbannt wurden, liest sich bei Martus anschaulicher als irgendwo sonst:

Am 14. Dezember nahmen die Professoren zwischen vierzehn und fünfzehn Uhr ihre Entlassungsurkunden entgegen. Zwei Stunden später »wogte die Weenderstraße von Studierenden«, wie der Polizeibericht festhält. […] Lärmposten wurden bis nach Weende hin aufgestellt, »Gardes du Corps« von Nordheim her beordert. Gegen neunzehn Uhr beruhigte sich die Lage. Die Tore blieben aber vorerst geschlossen. Das Universitätsgefängnis war überfüllt, einige verhaftete Studenten sperrte man kurzerhand in die Aula.

Steffen Martus’ Biographie ist eine bewegende Hommage an die Brüder Grimm, die bei all den unterhaltsamen, aber zugleich historisch bedeutsamen Ereignissen äußerst lehrreich ist. Sie ist auch ein lebendiges Abbild des politischen Geschehens und des wissenschaftlichen Betriebs des 19. Jahrhunderts, vor allem der sich langsam formierenden Germanistik. So sollten Biographien geschrieben werden: Lesbar und zugleich bis ins kleinste Detail sorgfältig recherchiert. Ein Grimm-Kenner hat ein neues Standardwerk geschaffen.



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 Veröffentlicht am 24. Mai 2010
 Kategorie: Belletristik
 Wohlfahrtsmarken 1959 via Wikimedia Commons
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 24. Mai 2010, 17:40 Uhr

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