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Der große Mixer

Theater hat gefälligst »machtfeindlich« zu sein. So zumindest fordert es Claus Peymann. Am 8. April las das »Genie« im Göttinger JT aus Thomas Bernhards Roman Holzfällen. Eine Erregung und nutzte ein von Nico Dietrich angestoßenes Gespräch, um kapitalismuskritischen Quark anzurühren.

Von Stefan Walfort

Keine Frage, dem kürzlich, nach 18 Jahre langer Leitung des Berliner Ensembles, in Rente geschickten Claus Peymann hat das deutschsprachige Theater viel zu verdanken: Erinnert sei an die vielfach gerühmte Publikumsbeschimpfung in Frankfurt, bei der Peymann die Regie führte, oder daran, wie er in Bochum die Hermannsschlacht auf links krempelte. Bekannt ist er vor allem als Förderer Handkes, Jelineks und insbesondere Bernhards, nicht zuletzt aber auch für meinungsstarkes Gepolter. Ob gegen Politik oder Journalismus – Peymann versteht es, zu polarisieren. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen setzt ein Begeisterungssturm ein, als er ganz in Schwarz gekleidet die Bühne des JT betritt. Auf einem vom Schnürboden herabgespannten weißen Tuch prangen in geschwungenen Lettern die Worte Voltaires, die Thomas Bernhard seinem Roman Holzfällen vorangestellt hat: »Da ich nun einmal nicht imstande war, die Menschen vernünftiger zu machen, war ich lieber fern von ihnen glücklich«. Davor wartet ein bordeauxroter Sessel darauf, dass sich Peymann in der Rolle des Ich-Erzählers aus Holzfällen hineinfläzt. Eigens sei das Möbelstück aus dem Wiener Burgtheater hergebracht worden, wie der JT-Intendant Nico Dietrich später verraten wird.

Bevor Peymann Platz nimmt, tritt er ans Publikum heran. Kurz und bündig trägt er das Wichtigste zur Rezeptionsgeschichte des Romans vor: Kurz nachdem man ihn, Peymann, 1984 für den Posten des künftigen Burgtheater-Direktors ins Spiel gebracht habe, sei Holzfällen publiziert und unmittelbar verboten worden. Ein Mitarbeiter »der fürchterlichen Wiener Zeitung Die Presse« habe den Komponisten Gerhard Lampersberg auf Parallelen zwischen ihm und der Roman-Figur Auersberger aufmerksam gemacht und zur Anzeige aufgestachelt. Ein infolgedessen verhängtes Verbot hatte nicht lange Bestand, Lampersberg zog seine Anzeige zurück, obwohl dieser Auersberger alles andere als ein Sympathieträger ist.

Im Roman wird er als seit Jahren schwer alkoholkrank beschrieben; für Peinlichkeiten sei er berüchtigt. Trotz vielerlei Bedenken überwindet sich der Ich-Erzähler zur Teilnahme an einem »künstlerischen Abendessen«, zu dem die Eheleute Auersberger geladen hatten. Auf über 300 Seiten schildert er aus der Perspektive eines still im Sessel ausharrenden und Champagner nippenden Beobachters, wie sich der Gastgeber besäuft, wie er zunehmend die Sau rauslässt, seine Gattin beschimpft, ihr sogar »mit dem Umbringen« droht.

Wider die Heuchelei des »Kunstgesindels«

Irgendwann brüskiert Auersberger auch noch den Stargast des Abends, einen Schauspieler des Burgtheaters, dessen Erscheinen alle Eingeladenen sehnsuchtsvoll erwartet hatten und dem gegenüber sich die meisten wie Speichellecker aufführen. Für den Erzähler reiht sich all das in eine ganze Serie von Idiotien ein, die beweisen, dass es von Anfang an ein Fehler war, sich mit dem eigentlich durch und durch verhassten »Kunstgesindel« abzugeben. Den ganzen Abend lang regt er sich auf über die ach so Gebildeten, deren Dummheit sich im Gespräch mit dem Schauspieler unweigerlich Bahn bricht, über eine Möchtegern-Avantgarde, die ständig revolutionäre Systemkritik vortäusche, während sie sich heimlich von üppigen Staatssubventionen verhätscheln lasse. Doch noch mehr als die Heuchelei solcher Gestalten bringt ihn das eigene Unvermögen, sich von ihnen fernzuhalten, zur Weißglut.

Während ihn stundenlang Grübeleien im Griff halten, geschildert im Tonfall der für Bernhard so typischen Litaneien, verkommen in den Augen des Erzählers Österreicher insgesamt zu verdammenswerten Wesen. Bernhard handelte sich damit den »bis dahin größten Skandal seiner Karriere«1 ein. Freilich blieb es nicht der letzte, bis Bernhard 1989 einer Herzmuskelschwäche erlag. Noch kurz vor seinem Tod nahm er mit dem Drama Heldenplatz einen nach 1945 noch immer vitalen Antisemitismus der Österreicher ins Visier. Daraufhin wurde er regelmäßig »auf der Straße angepöbelt und wütend als Nestbeschmutzer beschimpft«2. Peymann jedoch hielt ihm über all die Jahre hinweg die Stange; insgesamt 13 Uraufführungen aus Bernhards Oeuvre gehen auf sein Konto.3

Im – vorerst noch – rappelvollen JT liest Peymann insgesamt zirka eine Stunde lang, die viel zu schnell vergeht. Mal rudert er dabei wild mit den Händen herum, mal fährt er sich nervös durch die Haare. Mal unterstreicht er den Zorn des Erzählers, indem er den Zeigefinger hoch in die Luft bohrt, mal streckt er lässig die Beine aus. Wenn es gilt, sich vor der »Ehehölle« der Auersbergers zu ekeln, rutscht er unruhig umher und windet sich. Wenn Spezifika der Klärung bedürfen, unterbricht er kurz den Lesefluss, um beispielsweise zu verraten, dass es sich bei einem Fogosch, den die Auersbergers servieren lassen, um einen Zander handelt oder bei der Steinhof-Klinik, in die Auersberger regelmäßig zur Ausnüchterung einkehrt, um die einst »schönste Nervenheilanstalt Wiens«. Eindringlich weiß Peymann die Bernhard’sche Rhythmik zu intonieren. Mal gibt es längere Sprechpausen, mal stakkatoartiges Hämmern. Doch je energischer er sich in die Sicht des Erzählers hineinfühlt, desto mehr gerät er ins Zischen, teilweise gar ins Wispern. Weil sich deshalb aus dem Publikum heraus Unmut regt, jemand anmahnt, doch bitte lauter zu sprechen, wird sich Peymann später entschuldigen; ihm selbst sei so etwas überaus unangenehm.

»Ein deutsches Genie«

Besonders auffällig ist an der Holzfällen-Fassung von Angelika Hager, die Peymann als Grundlage nimmt, welch großzügige Eingriffe Bernhards unvergleichlicher, an Wiederholungen reicher Pirouetten-Stil erlaubt. Natürlich sind nicht nur Redundanzen, sondern auch einige der lustigsten Eskapaden dem Rotstift zum Opfer gefallen – beispielsweise die Stelle, an der Auersberger »sein Unterkiefergebiß aus dem Mund [holt] und dem Burgschauspieler wie eine Trophäe vor das Gesicht [hält] mit der Bemerkung, das Leben sei kurz, der Mensch hinfällig«. Auch die über weite Strecken dominierende Wut des Erzählers auf die Schriftstellerin Jeannie Billroth, eine »Sozialheuchlerin scheußlichster Prägung«, gerät in den Hintergrund. Doch dafür darf sich das Publikum köstlich amüsieren über die von Bernhard einmontierten Gerüchte darüber, »[d]aß einer der besten Theaterleute in das Burgtheater einziehen werde, ein deutsches Genie, ein deutsches Theatergenie ersten, ja allerersten Ranges«. Peymann selbst lässt trotz Stirnrunzeln und Augenrollen keinen Zweifel daran aufkommen, wie sehr solche Anspielungen sein Ego kitzeln. Schelmisch grinsend lässt er die rechte Hand in der Tasche seines Sakkos verschwinden, um sich sogleich mit einer den Stolz kaum kaschierenden Selbstironie eine Handvoll Konfetti aufs Haupt zu werfen.

Nach einer Pause, in der Peymann Bücher signiert und etwa die Hälfte der ZuschauerInnen beschließt, dem zweiten Teil nicht weiter beizuwohnen, kommt Dietrich im Dialog mit dem Gast auf dessen Zeit in Göttingen zu sprechen. Anfang der 60er Jahre hatte Peymann am JT zwei Stücke von Slawomir Mrozek auf die Bühne gebracht. Präsent seien ihm selbst jedoch nur noch Erinnerungen an einen »tollen Bühnenbildner und an tolle Schauspieler«, mit denen er oft nach den Proben zum Schwimmen gegangen sei. Mehr könne er zu den damaligen Verhältnissen nicht sagen. Die gegenwärtigen jedoch halte er für fragwürdig. Als er erfahren habe, wie gering heutige RegisseurInnen des JT entlohnt würden, sei er bloß »bleich geworden«. Der Staat solle ruhig tiefer in die Fördertöpfe greifen, zumal das JT doch glänzende Auslastungszahlen zu präsentieren habe. Im Handumdrehen lenkt Peymann alle Aufmerksamkeit auf sein Lieblingsthema: das Verhältnis von Theater und Politik. Noch immer sei er von der Idee überzeugt, Theater könne die Menschen erziehen. Noch immer glaube er daran, dass Theater ein »Sprachrohr für die Unterdrückten« sei. Als Beispiel für ein besonders »machtfeindliches« Moment nennt er Fritz Kortners Don Carlos-Inszenierung am Berliner Gendarmenmarkt von 1937 und den besonders frenetisch beklatschten Imperativ des Marquis von Posa: »Sire, geben Sie Gedankenfreiheit«.

»Die paar Schüsse«

Leider herrsche laut Peymann derzeit im Theaterbetrieb eine fürchterliche Duckmäuserei. Er selbst und seine MitstreiterInnen hätten um 1968 herum wie in der Publikumsbeschimpfung »alles beschimpft«, was auf »total verknöcherte« Strukturen hinwies. Man habe »eine Gesamtatmosphäre des Aufbruchs« befeuert, und er sehe nicht ein, warum er sich heutzutage zurückhalten solle, auch wenn er als unverbesserlicher Anachronist gelte. Nach wie vor halte doch so viel Ungerechtigkeit die Welt im Schwitzkasten. Von nun an gibt es kein Halten mehr; Peymann schmeißt den großen Mixer an und rührt so lange Ressentiments durcheinander, bis nur noch eine trübe Plattitüden-Plörre übrigbleibt. Von BürgermeisterInnen, die er samt und sonders »auf den Gemüsehaufen« wünscht, bis hin zu »erbärmlichen« JournalistInnen, die bei der letzten Bundestagswahl die Popularität Martin Schulzʼ »rauf- und runtergeschrieben« hätten – alle haben scheinbar verdient, in einem Atemzug abgekanzelt zu werden. Differenzieren? Nuancieren? Für den »Populisten«, wie er sich selbst nennt, ist alles entbehrlich, was auf Komplexität hindeutet.

Schlimmer geht’s nimmer, so scheint es bereits, als es im Themen-Hopping weitergeht über die Waffengesetze der USA zu den Aufrüstungsetats der EU. En passant lässt sich Peymann auch noch dazu hinreißen, die Opfer der Todesschüsse an der innerdeutschen Grenze zu verhöhnen. Im Vergleich mit den vielen Mittelmeertoten von heute seien »die paar Schüsse« von damals kaum der Rede wert, so lautet die würdeloseste seiner munter durcheinandergedroschenen Phrasen. Der Höhepunkt des Spektakels ist damit endlich erreicht und Peymann seinem Ruf wieder einmal mehr als gerecht geworden. Mit Inbrunst behauptet er noch, dass »Marx längst nicht tot« sei. Erfreulicherweise spendet nur ein Einzelner Beifall. Per se ist gegen Kapitalismuskritik ja nichts einzuwenden, sofern sie einigermaßen fundiert daherkommt, sich also nicht in Floskeln erschöpft. Dergleichen ist bei Peymann scheinbar zu viel verlangt.

Keine Frage, das deutschsprachige Theater wäre ohne ihn um einige Innovationen ärmer. Bedauerlicherweise erlebte das Publikum des JT aber nur den Sinkflug eines mit Vorschusslorbeeren ausgestatteten »Genies« hinab auf das Niveau eines Egozentrikers, der vom gemütlichen Polster aus die Welt anklagt. Statt zum Beispiel über Bernhard zu diskutieren, wie es zu erwarten wäre, verwandelt sich Peymann selbst in eine Bernhard-Figur; vom Holzfällen-Erzähler ist er kaum noch zu unterscheiden. Der Schlussapplaus fällt dementsprechend verhaltener aus als der Eingangsapplaus. Wer nach dem ersten Teil statt des zweiten lieber die Sonne genießen ging, hat im Grunde nichts Gewinnbringendes verpasst.

  1. Mittermeyer, Manfred: Thomas Bernhard. Frankfurt am Main 2006, S. 69.
  2. Ebd., S. 72.
  3. Vgl. Ferbers, Jutta u.a. (Hgg.): Claus Peymann. Mord und Totschlag. Theater ׀ Leben. 2. Aufl. Berlin 2017, S. 153.


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 Veröffentlicht am 30. April 2018
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