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Wiener Episoden
Staatskasperl

Thomas Bernhard war einst ein Skandalautor, der mit seiner rigorosen Österreich-Kritik Gesellschaft und Politik aufrüttelte und mittelschwere Staatskrisen auslöste. Die Rezeption war zu seinen Lebzeiten ambivalent, von den einen wurde er verehrt, von den anderen verachtet. Heute ist Bernhard zu einem massenkompatiblen Übertreibungskünstler avanciert. Christian Dinger über einen kantenabschleifenden Kanonisierungsprozess in seinem ersten Artikel als Litlogs Wien-Korrespondent.

Von Christian Dinger aus Wien

»In Wien mußt’ erst sterben, damit sie dich hochleben lassen. Aber dann lebst’ lang.« So lautet ein Zitat des österreichischen Schauspielers Helmut Qualtinger, das oft fälschlicherweise Falco zugeschrieben wird. Dass die späte Ehrung von Autoren und ihren Texten ein häufig vorkommendes Phänomen des Kanonisierungsprozesses ist, mag mittlerweile ein geläufiger Allgemeinplatz sein. Von Kafka, dessen Texte zu Lebzeiten nur einem kleinen, avantgardistischen Kreis bekannt waren und dessen Konterfei heute Tassen und Poster schmückt, bis zu Brecht, der seiner Zeit Bürgerschreck und politisch unmöglich war und dessen Gesamtausgabe heute in bildungsbürgerlichen Regalen neben der Goethes und Schillers steht – es gibt genügend Beispiele in der Literaturgeschichte. Im barocken Wien scheint diese post-mortem-Kanonisierung jedoch beachtliche Züge anzunehmen. Besonders, wenn es sich um Thomas Bernhard handelt.

Eine rücksichtslos-rigorose Österreichkritik zieht sich durch das gesamte Werk Thomas Bernhards. Angefangen mit seinem Romandebüt Frost, in dem Bernhard von »Brutalität und Schwachsinn« des österreichischen Volkes schreibt, über seine zahlreichen Leserbriefe (»Scheinheiligkeit und Dummheit halten sich die Waage«) bis hin zu seinem letzten Theaterstück Heldenplatz:

[…] die Österreicher insgesamt als Masse / sind heute ein brutales und dummes Volk […] Österreich selbst ist nichts als eine Bühne / auf der alles verlottert und vermodert und verkommen ist / eine in sich selbst verhaßte Statisterie / von sechseinhalb Millionen Alleingelassenen / sechseinhalb Millionen Debile und Tobsüchtige / die ununterbrochen aus vollem Hals nach einem Regisseur schreien […]

Bei der Uraufführung 1988 kam es zu einem Skandal, wie so oft, wenn etwas von Bernhard inszeniert oder veröffentlicht wurde: In der Presse erschienen unerlaubte Vorabdrucke des Stücks, hochrangige Politiker forderten die Absetzung, die Aufführungen fanden unter Polizeischutz statt und endeten in einem lautstarken Gemisch aus tosendem Beifall und Buhrufen. Wie man es auch sehen mag, damals war das Theaterleben jedenfalls noch aufregend.

Von der mittleren Staatskrise zur netten Abendunterhaltung

Wie ist es heute in Wien um die Aufregung bestellt? Auf dem Spielplan des Burgtheaters finden sich meist gleich mehrere Inszenierungen von Bernhard-Stücken, auch wenn Bernhards Lieblingsregisseur Claus Peymann hier längst nicht mehr Intendant ist. Dafür gibt sein Berliner Ensemble hier ein Gastspiel. Und zwar das dreiteilige Dramolett Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen von Thomas Bernhard. In der Hauptrolle: Claus Peymann als Claus Peymann. Im dritten Teil außerdem: der ehemalige Dramaturg im Burgtheater Hermann Beil als Hermann Beil. Und das alles im Akademietheater. Mehr Wien geht nicht. Und viele Besucher wollen sich diesen selbstironischen Knüller nicht entgehen lassen. Doch so richtig lustig ist dieser Einfall eigentlich nur auf dem Spielplan. Denn für den Zuschauer ist der Mann da oben auf der Bühne für die Zeit der Aufführung sowieso Claus Peymann. Ob er es danach immer noch ist, wenn er in sein Hotel geht und sich ins Bett legt, interessiert im Theatersaal herzlich wenig. Zumindest ist es recht mühselig sich im Zuschauerraum ständig der Tatsache bewusst zu bleiben, dass der Claus Peymann da oben auf der Bühne auch der wirkliche, echte Claus Peymann ist.

Wiener Episoden

Vienna is calling – Wien-Korrespondent Christian Dinger erkundet für Litlog das Wiener Theaterleben. Zum Auftakt der »Wiener Episoden« gibt es einen Einblick in die Thomas Bernhard-Rezeption heute.

 
 
Die Darsteller, die wohlgemerkt eine gute Figur in ihrer eigenen Haut machen und einen unterhaltsamen Theaterabend hinlegen, müssen so naturgemäß mit ihrer Selbstironie hinter derjenigen Bernhards zurückbleiben. Denn dieser, der ebenfalls in seinem Stück auftritt (natürlich nicht von ihm selbst, sondern ebenfalls von Hermann Beil gespielt), hat es mit zahlreichen Motiven aus seinem Gesamtwerk gespickt – darunter fällt natürlich auch die Österreichkritik.

Und wie reagiert das Publikum über 20 Jahre nach dem Tod des Skandalautors? Die klassischen Wiener Theaterbesucher scheinen zum größten Teil aus Bernhard-Fans zu bestehen, die während der ganzen Aufführung geradezu darauf warten, dass die Österreich-Beschimpfungen einsetzen. Wenn der fiktive Bernhard auf der Bühne sagt, dass ganz Österreich aus schlechten Komödianten bestehe und man das Burgtheater in ein Irrenhaus umwandeln solle, bricht das Publikum in Gelächter aus. Eine fein gekleidete Dame schüttelt in gespielter Empörung den Kopf und kichert in sich hinein, wenn führende Politiker auf der Bühne wahlweise mit dem Zusatz »ein alter Nazi« oder »ein Vollidiot« vorgestellt werden. Was vor 20 Jahren noch das Ausmaß einer mittleren Staatskrise annehmen konnte, ist heute gerade gut genug für eine nette Abendunterhaltung.

Massenkompatibler Übertreibungskünstler

Szenenwechsel zur Wissenschaft. An der Universität ist Thomas Bernhard hoch im Kurs. Anfang Jänner lädt der Verein Neugermanistik Wien zu einem Vortrag ein: Von den »Hasskasperliaden« des »Übertreibungskünstlers« oder Thomas Bernhards Österreichkritik aus heutiger Sicht. Prof. Dr. Georg Thuswaldner vom Gordon College (Massachusetts) stellt sein Buch »Morbus Austriacus«. Thomas Bernhards Österreichkritik (Braumüller Verlag 2011) vor. Er spricht davon, dass bereits seit Jahren die Österreichschelte bestimmter Autoren nur mehr als traditionsgebundener Reflex wahrgenommen werde. Man spreche bereits von einem Genre der Anti-Heimat-Literatur. Thomas Bernhard werde heute gemeinhin nur noch als Übertreibungskünstler gesehen – ein Begriff, der auf den Autor selbst zurückgehe, der aber nun als Schablone für die gesamte Bernhard-Rezeption herhalten müsse. Thuswaldner sieht durch diese einseitige Rezeption die vielen anderen Aspekte des Bernhardschen Werks vernachlässigt. Was ist mit dem philosophischen Bernhard? Was ist mit dem spezifischen Sound seiner Erzählungen?

»Thomas Bernhard ist zum Staatskünstler avanciert. Österreich hat ihn wieder.«, schrieb Oliver Jahraus einmal zu diesem Thema. Und es scheint ein allgemeines Gesetz zu sein, dass Werke, wenn sie ihren verstaubten Ehrenplatz in den Regalen der Literaturgeschichte zugewiesen bekommen, auf das heruntergebrochen werden, was an ihnen konsensfähig ist. Auch Bernhards selbsternannte Nachlassverwalter, unter ihnen auch Claus Peymann und der Suhrkamp Verlag, sind eifrig dabei ein Bild zu entwerfen, das ihren Schützling für die Nachwelt massenkompatibel macht. Auch wenn es sich dabei um das Bild eines ulkigen Übertreibungskünstlers handelt, der verbittert auf einer Bank sitzt und immer wieder die gleichen Beschimpfungen von sich gibt.

Und so sieht es dann aus in Wien: Die Theater spielen Bernhard, die Universität forscht über Bernhard, es wird Bernhard gelesen und gehört und bewundert, man ist stolz auf seinen Bernhard. Doch während am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz die europäische Rechte in der Wiener Hofburg einen umstrittenen Ball feiert, während die rechtspopulistische FPÖ für immer neue Skandale sorgt, während immer noch die Rolle des Antisemitismus und der versäumten Auseinandersetzung mit der NS-Zeit in Österreich diskutiert wird, gibt es keinen gesellschaftskritischen Autor Thomas Bernhard, an den man sich erinnert, sondern nur einen schimpfenden Kasper in diesem Theater, das den Namen Wien trägt.



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 Veröffentlicht am 20. Februar 2012
 Bild von kahanaboy via morguefile.
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