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Die Farben einer Geschichte

Philip Pullmans geliebter und viel gelesener Romanauftakt Der Goldene Kompass erhält von dem französischen Künstler Clément Oubrerie einen neuen Anstrich. Seine Graphic Novel interpretiert den Roman visuell auf ganz eigene Weise und bleibt dem Original doch treu.

Von Emily Linnéa Lüter

Zwei schwarze Linien formen sich zu zornigen Brauen, weiße Striche ergeben ein zotteliges Bärenfell, rote Tupfer tränken den Schnee mit Blut. Und so wird, ganz buchstäblich, die Geschichte der jungen Lyra Belacqua nachgezeichnet. Der französische Künstler Clément Oubrerie interpretiert den ersten Teil von Philip Pullmans Romantrilogie His Dark Materials in Form einer Graphic Novel neu und haucht der seit 25 Jahren gelesenen und geschätzten Geschichte farbenstarkes Leben ein.

In einem Oxford, das dem unseren sehr ähnlich scheint und es doch nicht ist, wächst die Waise Lyra Belacqua zwischen den steifen Roben der Theologen auf, die in der gelehrten Atomsphäre wenig Platz für einen so abenteuerlustigen Geist zulassen. Ihre extern materialisierte Seele, ihr Dæmon Pantalaimon, begleitet sie in Tiergestalt auf kleinen Abenteuern mit dem Küchenjungen Roger, beide bringen sie häufig in Schwierigkeiten. Als eines Tages ihr Onkel Lord Asriel von einer Erkundung im hohen Norden mit merkwürdigen Befunden zu der mysteriösen Substanz Staub zurückkehrt, ahnt sie nicht, in welcher Weise ihr Schicksal mit dem seinen zusammenhängt. Noch beschäftigt sie ein anderes Problem: Während sie behütet in den Mauern des Jordan College spielt, werden immer mehr Kinder von den Gobblern entführt, über die haarsträubende Gerüchte kursieren. Als letztlich auch Roger verschwindet, schließt sich Lyra der eleganten und doch düsteren Mrs Coulter an und begibt sich auf eine Reise, die alle Welten verändern wird.

Das Farbenspiel der Bedeutung

Im Jahr 1997 war in einer Rezension von Siggi Seuß in ›Die Zeit‹ zu Der Goldene Kompass zu lesen: »Man kann die Geschichte zwar als Fantasy für junge Leute betrachten, gleichzeitig aber […] ist sie ein Werk für Erwachsene«. Was Seuß so nüchtern auf den Punkt bringt, ist das Spannung generierende Element des Romans: Spannung zwischen einer rasanten Abenteuergeschichte für Jugendliche und den komplexen theologisch-philosophischen Überlegungen, die dabei entfaltet werden. Die als

Buch


Philip Pullman, Stéphane Melchior-Durand, Clément Oubrerie
Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock
Der goldene Kompass
Carlsen: Hamburg 2019
224 Seiten, 24,00 €

 
 
Jugendbuch vermarktete Geschichte entzieht sich einer einfachen Einteilung in Alterskategorien. An der Oberfläche liest sie sich wie ein großes Abenteuer, ein stark aufgebauter Coming-of-Age-Roman. Kratzt man an dieser Oberfläche, so offenbaren sich neue Bedeutungsebenen, die Der Goldene Kompass so fruchtbar für reifere Lektüre machen.

Genau diese Spannung übersetzt Oubrerie in ein visuelles Medium. Er scheut sich nicht vor den blutigen Szenen, in denen er eine sonst dominant braun-blaue Landschaft mit roten Farbakzenten durchzieht. Während sich Lyra aus dem sicheren Oxford wegbewegt, werden die tröstenden, warmen Brauntöne zu blau-grünen Schattierungen. Die Gefahren, die in der Eiswelt des Nordens lauern und die damit verbundenen Angstgefühle werden so farblich vermittelt. Sowohl physische als auch psychische Gewalt werden schonungslos dargestellt. Den Charakteren, die sich in dieser erbarmungslosen Welt bewegen, verleiht Oubrerie durch schwarze Linien und Kanten eine ausdrucksreiche Mimik. In Lyras hart gezeichnetem Gesicht spiegelt sich nicht selten ein wilder Schmerz, eine ungebändigte Wut wider. Ihre dunklen Augenbrauen ziehen sich zusammen und lassen ihren starken Charakter sichtbar werden.

Oubreries Zeichenstil lässt sich nicht als schön im klassischen Sinne bezeichnen. Vielmehr zeigen die schwarzen Umrisse, in denen sich die Farbe sammelt, eine ehrliche Sichtweise auf die Geschichte ‒ eine Geschichte eben, die nicht immer angenehm zu rezipieren ist: Einsamkeit, Zurückweisung und Bedrohung beherrschen sowohl Lyras Welt als auch Ouberies Bilder. Pullman selbst lobt: »Ich bin völlig begeistert und alles in allem denke ich, dass dies die beste aller möglichen Adaptionen des Romans ist«. Oubrerie hat den Roman dem Original getreu und gleichzeitig mit eigenen Untertönen gezeichnet, die Lyras emotionale Reise farblich hervorheben.

© Philip Pullman/Stéphane Melchior-Durand Carlsen Verlag
Die Grenzen einer Graphic Novel

Der selbsterklärte Atheist Pullman führt in seinem Werk die alttestamentarische Genesis 3 ‒der Sündenfall von Adam und Eva ‒ in eine fantastische Welt über, in der die mysteriöse Substanz Staub als materialisierte Sünde auftritt. Inspiriert wurde diese Idee durch die Bibelstelle: »Denn du bist von Staub, und zu Staub sollst du werden«. Als Eva in den Apfel des Wissens biss und aus dem Paradies verwiesen wurde, haftete sich der Staub an ihren Körper als Zeichen ihrer Sünde. Eben jenen Staub, der sich beim Übergang von Kindheit zum Erwachsensein an den Dæmonen manifestiert, verfolgt das »Magisterium« zu vernichten. So soll die Ursünde von der Erde getilgt und den Fall der Menschheit rückgängig gemacht werden. Die christlich organisierte Institution scheut dabei vor keiner Grausamkeit, um das vermeintlich Böse zu vernichten. Lyra nimmt nicht nur den Kampf gegen die Kirche auf, sondern auch gegen ihre eigenen Zweifel und Verlustängste. In seiner Verneinung christlich-klerikaler Strukturen schreibt Pullman bewusst gegen christliche Kinderwerke wie Die Chroniken von Narnia an.

Ob dieser Komplexität des Romans kommt das Format der Graphic Novel an ihre Grenzen. Während die Psychologie der Charaktere deutlich zum Ausdruck kommt, bleiben manche inhaltlichen Elemente unbeleuchtet. Gerade an den großen Begriffen wie »Barnard-Stokes Phänomen«, »Magisterium« und »Erbsünde« scheitert die Graphic Novel. Sprechblasen erlauben wenig physischen Raum für Erklärungen und so werden aufgrund der Konzentration auf den visuellen Effekt textlastige Ausführungen vernachlässigt. Diese sind jedoch für das Verständnis aller Handlungsstränge unablässig. Ohne die Lektüre des Romans mag es Leser*innen der Adaption schwerfallen, allen Andeutungen und Figurenkonstellationen zu folgen. Als Begleitwerk bereichert sie die Leseerfahrung, indem sie einen neuen Blick auf die Geschichte wirft. Als eigenständige Graphic Novel jedoch reicht sie nicht heran an die Finesse und Vielschichtigkeit von Pullmans Der Goldene Kompass – und noch weniger an die Bilder, die sich in den Köpfen der Leser*innen bei der Lektüre selbst bilden.



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